KR-2 DE 30

30. Der Bund im Rahmen der Bewegung

Das konkrete Liebesbündnis vom 18. Oktober 1914 ruht auf dem Weltgrundgesetz der Liebe auf. Insofern ist es allgemein gültig im Sinne der universellen Heilsgeschichte. Es ist gleichzeitig ein dynamischer Lebensaufbruch, und deshalb hat es eine immanente Tendenz, sich in Strukturen und Formen zu konkretisieren.
Der vorliegende Text aus dem Jahr 1928 ist ein frühes Zeugnis dieses Vorganges. Die Bewegung, die aus dem Bund mit der Gottesmutter entstand und die sich während und nach dem Ersten Weltkrieg ausbreitete, musste sich auch organisieren. Die erste „Verfassung“ war das Statut des Bundes von Hörde im August 1919. Ein Jahr danach erhielt die Liga ihr Statut. Auf dieser organisatorischen Grundlage arbeitete Pater Kentenich in den zwanziger Jahren und ließ die Bewegung wachsen in die Weite und in die Tiefe, bis sich im Jahre 1926 die Marienschwestern als erster Verband bildeten; was ihre Struktur und Formgebung angeht, sind sie Muster für die weiteren Verbände. Es mag für das Jahr 1928 bezeichnend sein, dass in dem vorliegenden Text der Verband als Strukturelement der Bewegung noch gar nicht vorkommt.
Bei dieser Ausformung der Bewegung in Liga, Bund und Verband spielt der Bund im Denken Pater Kentenichs eine besondere Rolle, er nimmt eine besondere Stellung ein. Diese Aussage bezieht sich nicht nur auf den Priesterbund, von dem im Text vor allem die Rede ist, sondern von allen Bünden der Schönstattwerks. Für Pater Kentenich ist der Bund die klassische Lebensform des Schönstatt-Menschen: Heiligkeit, Standesvollkommenheit ohne pflichtmäßige Bindungen, ganz aus Hochherzigkeit. P.Kentenich ist Realist genug, zu erkennen, dass diese Lebensform auf die Dauer nur bestehen kann, wenn sie in Spannung gebracht wird zu einem Vorfeld – die Liga – und zu Gemeinschaften mit größeren rechtlichen Sicherungen, den Verbänden.
Im vorliegenden Text verdient deshalb besondere Beachtung, wie sehr Pater Kentenich einerseits sieht, dass der Geist sich in Form ausdrücken muss, wie sehr er aber andererseits eifersüchtig darauf bedacht ist, dass die Form den Geist nicht auffrisst. In diese Spannung hinein fällt die Definition des Bundes und ihrer Ausfaltung im Text; ein Erbe für alle nachfolgenden Generationen.

Der Text ist veröffentlicht in Allgemeine Prinzipienlehre der Apostolischen Bewegung von Schönstatt (bearbeitet von Herta Schlosser), Vallendar-Schönstatt 1999, S. 42-60.


Struktur des Bundes

A. Gliederung der Bewegung nach dem Grad der Formalursache

Und nun die causa formalis. Als solche nannte ich an Hand der Geschichte den marianisch-apostolischen Gemeinschaftsgeist. Je nachdem die causa formalis in höherem und geringerem Grad in dieser oder jener Form vorhanden ist, lassen sich verschiedene Formen für die Möglichkeit der Organisation denken. (69)

1. Mitarbeiter der Liga

Der unterste Grad des marianisch-apostolischen Geistes wird von uns verlangt von den Mitarbeitern der Liga. (70) Bei denen setzen wir, von uns aus gesehen, den geringsten Grad der Formalursache des marianisch-apostolischen Gemeinschaftsgeistes voraus. Gemeinschaftsgeist wird von diesen nur so viel verlangt, als man von jedem mit seinem Katholizismus in Verbindung stehenden katholischen Menschen erwartet; denn zu einem katholischen Menschen gehört auch etwas Gemeinschaftsgeist und apostolischer Geist, in dem man hie und da etwas mit der Gottesmutter verbunden ist. Das ist der unterste Grad.

2. Mitglieder der Liga

Ein zweiter Grad: Wir setzen voraus, dass Menschen, die diesem zweiten Stockwerk der Bewegung angehören, einen viel stärkeren apostolischen und marianischen Geist haben. Wir werden sehen, dass in ihnen der apostolische Geist so weit entwickelt ist, dass er sie veranlasst, in ihren Berufsgruppen dauernd apostolisch zu arbeiten. Darum müssen wir erwarten, dass ihr Gemeinschaftsbewusstsein größer ist, denn sonst würden sie sich zu dieser gesteigerten und dauernden apostolischen Tätigkeit nicht entschließen können. Je mehr nun das katholische Bewusstsein in ihnen gewachsen ist, desto stärker wird mit diesem Bewusstsein auch das Bewusstsein des marianischen Menschen in ihnen erstarkt sein. Hier haben wir Menschen, in denen die Formalursache in höherem Grade vorhanden ist.

3. Mitglieder des Apostolischen Bundes

Im dritten Stockwerk haben wir Menschen, die die Formalursache in ganz spezifischer Weise in sich ausgeprägt haben: ausgesprochener Gemeinschaftsgeist, ausgesprochener apostolischer Geist, tiefer marianischer Geist.

Bleiben wir einen Augenblick bei dieser Einteilung stehen. Es sind das alles nur Tastversuche, die langsam tiefer einführen wollen in das Verständnis der Bewegung. Die im dritten Stock nennen wir die Mitglieder des Apostolischen Bundes. Die im zweiten Stock nennen wir die Mitglieder der Liga, und die im ersten Stockwerk Mitarbeiter der Apostolischen Liga.

B. Der Apostolische Bund

Für uns hat besonderen Reiz und Wert der Apostolische Bund. Welchen Sinn hat der Bund für uns als Priester? Haben wir heute Morgen nicht so ausführlich von Laienapostolat und Laienapostolatsbewegung gesprochen? Was wollen dann noch wir als Priester im Bunde? Doch vergessen Sie bitte nicht: Was von Pius XI. definiert wird von der Katholischen Aktion, das bedeutet eine Teilnahme am hierarchischen Apostolat. Das katholische Volk soll teilnehmen am Apostolat der Kirche. Im Mittelpunkt des ganzen Apostolates muss immer der Priester stehen. Heute ist die Frage des Laienapostolates weniger eine organisatorische als eine pastorale Frage. Wer daher das Laienapostolat organisieren will, der muss zunächst den Klerus haben.

Ich gehe noch weiter und sage: Alle Strömungen in der Kirche, die mit einer langen Dauer rechnen wollen, müssen auf den Schultern des Weltklerus aufgebaut sein. Das liegt in der Stellung des Weltklerus in der hierarchischen Ordnung begründet. Das finden sie besonders in Holland bestätigt. Dort gehen die Exerzitien- und die liturgische Bewegung besser voran als bei uns, weil sie dort auf den Klerus aufgebaut sind. Darum zunächst Erfassung des Klerus!

Wir haben also auch ein Existenzrecht innerhalb der Apostolischen Bewegung, ja, wir sind die Träger der Bewegung. In der Apostolischen Bewegung ist alles auf die eine Karte gesetzt: auf den Weltklerus. Wenn der versagt, dann ist Schluss. Wiederum ein neuer Antrieb für uns, dass wir, die wir von unten auf in die Bewegung hineingewachsen sind, unsere Aufgabe innerhalb der Bewegung recht tief erfassen.

Was will also unser Apostolischer Priesterbund? Ich will Ihnen zwei Definitionen geben, die beide unsere Aufgabe von verschiedener Seite beleuchten.

1. Gemeinschaftsgeist

Erstens: Wir wollen und dürfen nicht Priester erster Gattung sein, und die anderen sind Priester zweiter Gattung.
Zweitens: Wir haben ein Ziel, das nicht über das Ziel der anderen Priester hinausgeht. Was wir wollen, ist die Standesvollkommenheit. Und jeder Priester muss wohl die Standesvollkommenheit anstreben.

Wozu schließen wir uns denn zu einer Gemeinschaft zusammen? Wenn ich gefragt werde, was wir Priester im Bunde wollen, dann kann ich sagen: Was jeder einzelne Priester für sich soll, das wollen wir in möglichst enger, inniger Gemeinschaft mit anderen erreichen. Also haben wir kein Ziel, das über das Ziel der anderen Weltpriester hinausgeht. Muss nicht jeder Priester nach Standesvollkommenheit streben und den Universalismus des Apostolates wenigstens dem Geiste nach haben? Zweifellos! Muss nicht jeder marianischen Geist haben? Zweifellos!

Aber die Gemeinschaft – das ist das Unterscheidungsmerkmal – liegt nicht jedem. Es kann einer noch so heilig sein und noch so praktisch und erfolgreich in seiner Seelsorge sein; er passt aber nicht für uns, weil er nicht den Grad von Gemeinschaftsgeist hat, den wir verlangen.

2. Führergemeinschaft

Eine zweite Definition: Die ist nun allgemein gültig. Sie stellt den Bund in die modernen Strömungen hinein und hebt seine Eigenart stärker hervor. Sie passt nicht nur für uns Priester, sondern für alle, die dem Bund angehören. Ich möchte so definieren:

Aufgabe des Bundes ist die Bereitstellung einer neuartigen, schlagfertigen Führergemeinschaft in der Welt, mit ausgesprochenem Ordensgeist und starker marianischer Färbung, die im engen Anschluss an die Kirche und an Schönstatt sich verzehrt für die sittlich-religiöse Erneuerung der Welt in Christus.

Ich darf vielleicht zu den einzelnen Worten noch das eine oder andere sagen.

2.1 Im Mittelpunkt steht das Wort Führergemeinschaft.

Es ist nicht notwendig, dass die Mitglieder des Bundes äußerlich einen Führerposten haben. Wenn einer die Forderungen des Bundes erfüllt, wenn einer sich bemüht, zu streben nach der höchstmöglichen Standesvollkommenheit, der ist ein Führer, wenn er auch keinen Führerposten hat; er wirkt unbedingt führend in seiner Umgebung. Nun will der Bund diese Führer zusammenschließen. Wenn Sie die Richtlinien ansehen, werden Sie dies gleich erkennen.

Der Bund ist also eine Gemeinschaft von Führern und die Führer des Bundes sind Führer von Führern. Nehmen Sie die Analogie: Ich bin Regens in einem Priesterseminar. Ich möchte apostolisch tätig sein nach allen Richtungen hin. Das geht aber nicht. Mein apostolisches Wirkungsfeld sind die Seminaristen. Ich bin Erzieher von Priestern. Dadurch, dass ich diese richtig erziehe, reicht meine apostolische Wirksamkeit weit über den engen Raum meiner Berufstätigkeit hinaus. Nehmen Sie das Beispiel von dem Stein, der in das Wasser geworfen wird und immer weitere Kreise zieht.

Daraus ersehen Sie, wie wichtig es ist, dass Sie sich als Führer für Ihr Führeramt ein wenig Zeit reservieren. Es mag sein, dass ich als Führer in diesem oder jenem Fall ein Stückchen Arbeit liegen lassen muss, um meiner Führeraufgabe gerecht zu werden. Ich muss zuerst meine Pflicht als Führer erledigen. Nehmen Sie aber die Gesamtkirche: Erfülle ich meine Aufgabe den Gruppenmitgliedern gegenüber, dann hat auch die Gesamtkirche mehr Frucht und Segen davon, als wenn ich die kleine Arbeit jetzt leiste. Ich spreche von Führergemeinschaft. Das Wort Gemeinschaft klingt anders als Gesellschaft. Es klingt auch anders als Mechanismus. Gemeinschaft ist ein Organismus. Aufgabe des Führers muss es daher sein, mit allen Mitteln auf diese Verantwortlichkeit hinzuarbeiten.

2.2 Bereitstellung:

Wenn es sich um eine Gemeinschaft handelt im Sinne unseres Bundes, der ja im gewissen Sinne eine Weiterentwicklung des gesamten Ordenslebens sein soll, dann müsste man erstreben, alle Lebensbänder aller Mitglieder maßvoll zu erfassen und miteinander zu verbinden; ähnlich wie im Ordensleben. Nicht nur dadurch, dass man innerlich füreinander betet, nein, auf dem gesamten Gebiete müsste man füreinander verantwortlich sein, also auch verantwortlich sein für den guten Ruf, für die Gesundheit, verantwortlich auch für die Brauchbarkeit in unserem Beruf. Alle Lebensbänder müssten maßvoll, mit Rücksicht auf die Verhältnisse, in denen wir als Weltpriester leben, berücksichtigt werden.

Wir können nicht in Hausgemeinschaft leben, können nicht ständig beieinander sein. Ideal wäre es ja, wenn eine solche Gemeinschaft im Pfarrhaus vorhanden wäre. Wir Priester brauchen eine solche Gemeinschaft. Wie viele Priester zerbrechen, weil sie allein stehen. Wenn ein Priesterskandal in die Öffentlichkeit dringt, kommt das nicht von heute auf morgen, das ist langsam geschehen. Fast immer liegt der Grund darin, dass dieser Priester keinen Anschluss an eine Gemeinschaft gefunden hat.

Wenn ein Ordenspriester einmal anfängt, draußen seine Heimat zu finden und drinnen sich nicht mehr heimisch zu fühlen, dann fängt er an, verloren zu gehen. Das ist auch die Gefahr für unsere Missionare. Solange man nicht draußen sein Gemeinschaftsbedürfnis befriedigt, geht es gut. Sobald man aber einmal anfängt, draußen seine Heimat und drinnen seine Fremde zu finden, dann ist Schluss der Vorstellung. Das Ideal für uns Weltpriester wäre ja die vita communis im Pfarrhaus, jedoch nicht nur in den höchsten Tönen aszetisch-wissenschaftlich, sondern als Menschen.

2.3 Apostolische Führergemeinschaft.

Das ist eine Gemeinschaft von Führern auf dem Gebiete des Apostolates. Es kann unsere Aufgabe im Bund nicht sein, sich darin zu erschöpfen, dass wir andere betreuen und sie in Berührung bringen mit dem geheimnisvollen Leib Christi. Nein, wir wollen sie apostolisch berühren und erfassen, sie in irgendeiner Form anregen, dass sie wieder Apostel werden. Damit wäre der Bund das, was Kardinal Faulhaber gesagt hat: ein Aktionsausschuss, eine Arbeitsgemeinschaft, ein Sauerteig für Priester.

2.4 Neuartig

Worin liegt das Neuartige? ‚Bindung nur soweit als unbedingt nötig, Freiheit aber soweit als eben möglich‘. Bindung nach oben ist Bindung an das Ideal. Dies müssen wir uns tief einprägen. Das Ideal ist die Welterneuerung. Je mehr mich das drängt, desto weniger werde ich kleinlich nach Formen suchen, desto weniger brauche ich Bindung nach unten. Dann kommt auch ganz von selbst das Verantwortlichkeitsgefühl. Das sind die Bindungen nach oben. Bindungen nach unten möglichst wenige.

Das ist der Geist des Urchristentums. Im Urchristentum war alles getragen von dem Geiste der Parusie (71). Damals war derselbe Gedanke vorherrschend: Bindungen nur soweit als notwendig, Freiheit aber so viel als möglich. Es ist aber wohl immer – bei jeder Organisation, auch bei der Kirche – so, das ist geschichtlich leicht nachzuweisen: Jede Idee schafft sich eine Organisationsform und nachher frisst die Organisationsform die Idee auf. Die Idee schafft sich Formen, und später lässt die Form die Idee zurücktreten. Die Gefahr ist da. Wir im Bunde, die wir Führer sein wollen, müssen die Leitidee immer festhalten: Nur ja nicht neue Bindungen zulassen, sonst versteinert alles.

Die Formen sind nur für eine bestimmte Zeit geschaffen. Sie zerschlagen sich im Laufe der Zeit. Die Zeiten schwinden, und damit auch die Formen. Unsere Führer müssen starke Ideenmenschen sein. Eine Form kann sich ändern, heute so, morgen so. Wenn man keine Männer mehr hat, die unterscheiden können zwischen Form und Idee, dann wirft man leicht alles weg, wenn die Formen sich zerschlagen. Wenn einer nur dann zufrieden ist, wenn er eine bestimmte Form als Ruhebett hat, dann ist der Geist geschwunden.

2.5 Ausgesprochener Ordensgeist.

Wir wollen ja Ordensgeist hineintragen in die Welt, also auch in den Klerus. Es handelt sich nicht um Gelübde. Man hat uns anfangs geweissagt: Warten Sie nur, es dauert nicht lange, und dann haben Sie alle auch Gelübde. An Gelübde haben wir bisher nicht gedacht.

Der Sinn des Gelübdes ist der Geist des Gelübdes. Wir fühlen, dass das Gelübde ein Faulbett sein kann. Das muss nicht so sein, ist aber heute sehr oft der Fall. Wie viele Frauengemeinschaften sind dieser Schwäche erlegen! Der Geist wird vielfach nicht vertieft.

Den Geist der Gelübde muss jeder Mensch pflegen, der heilig werden will, ob er verheiratet ist oder nicht, auch den Geist der Keuschheit.

Was ist der Geist des Gelübdes der Armut? Die Freiheit von der ungeordneten Anhänglichkeit an die Materie. Auch wir müssen das erstreben und zwar als Mittel des Apostolates. Gerade heutzutage ist das für uns unbedingt notwendig.

Sehen Sie, wir müssen deswegen nach der Seite auch füreinander verantwortlich sein. Da verlangt der Bund nicht, man soll jemand aufstellen, der umherreist und nachsieht, ob da und dort zum Beispiel alles dem Geist der Armut entspricht. Sobald wir anfangen, neue pflichtmäßige Bindungen zu schaffen, fangen wir an zu degenerieren.

Ähnliches gilt vom Geist des Gehorsams. Der Geist des Gelübdes des Gehorsams besteht in der inneren Unabhängigkeit von der ungeordneten Anhänglichkeit an den eigenen Willen.

Das gilt auch von der heiligen Reinheit. Der Geist dieses Gelübdes ist die Freiheit von der ungeordneten Anhänglichkeit an die Sinnesgenüsse. Als Gemeinschaftswesen sind wir für einander verantwortlich. Wir wollen dem Sinn nach dasselbe, was das Ordensleben will, nur mit anderen Formen, von einer anderen Seite her.

2.6 Mit stark ausgeprägter marianischer Färbung.

Gestern habe ich geschichtlich nachgewiesen, weshalb wir marianisch sein sollen. Hier haben wir das Neuartige. Für uns kommt es wesentlich darauf an, mit möglichst wenig Kraft- und Zeitaufwand das Größte zu erreichen. Sonst machen wir vergebliche Kraftanstrengungen. Für uns kommt es darauf an, dass wir die Gesetze der übernatürlichen Seinsordnung erkennen und erfassen. Nehmen sie einen Magenkranken. Erst wenn ich genau die Seinsgesetze des Magens und der Speisen kenne, kann ich sie aufeinander abstimmen. So ist es auch in der Übernatur. Wenn ich die Seinsgesetze kenne, werde ich in wenig Zeit mit geringen Mitteln Großes erreichen.

Wir haben uns daran gewöhnt festzuhalten, dass nach einem Worte Pius X. der Weg zu Gott, zur Vollkommenheit über die Gottesmutter der leichteste, sicherste und kürzeste ist. (72) Wir haben uns daran gewöhnt, für den Bund die Gottesmutter als die allgemeine Gnadenvermittlerin anzuerkennen. Wir brauchen ja auch mehr und größere Gnaden. Wenn das nun das vorzüglichste Mittel ist, wozu dann noch Seitenwege einschlagen? Ich muss nicht noch einmal darauf hinweisen, dass der Weg über die Gottesmutter kein Umweg ist. Der Heiland steht selbstverständlich im Mittelpunkt. Jede Marienverehrung und Heiligenverehrung überhaupt, die einzig das Geschöpf in den Mittelpunkt des Interesses stellt, ist Götzendienst und Aberglaube.

Aufgabe des Bundes ist die Bereitstellung einer neuartigen, schlagfertigen apostolischen Führergemeinschaft, mit ausgesprochenem Ordensgeist und stark ausgeprägter marianischer Färbung, die im engen Anschluss an die Kirche und an Schönstatt sich verzehrt für die religiös-sittliche Erneuerung der Welt in Christus.

2.7 Im engen Anschluss an die Kirche.

Das ist selbstverständlich. Die Kirche als solche hat die missio, und wir wollen nicht apostolisch tätig sein ohne die Kirche und ihre missio.

2.8 Im engen Anschluss an Schönstatt.

Ohne eine örtliche Zentrale wird eine Bewegung, die so leicht und frei gegliedert ist wie der Bund, nicht gut zusammengehalten werden können. Je freizügiger eine Bewegung ist, desto stärker muss eine Lokalverknüpfung sein, desto fester muss die örtliche Bindung sein.

Wir müssen den Gedanken auch von einer anderen Seite aufrollen. Dann müssten wir wohl so sagen: Wir versuchen, unsere ganze Bewegung auf letzte Prinzipien zurückzuführen und die Seinsgesetze der Übernatur zu studieren und zu berücksichtigen. Da finden wir: Das moderne Ordensleben, auch das alte, monastische, hat vieles für sich. Das moderne hat auch Zentralen, Mutterhäuser, aber nicht eine stabilitas loci (73). Und das trifft den Kern.

Das trifft so ganz das Empfinden des modernen Menschen, der wurzellos geworden ist. Wir brauchen eine Heimat. Wenn die Liebe verwurzelt ist mit einem Ort, dann ist der heutigen Seelenlage viel mehr Rechnung getragen. Soll unser Heimatgefühl in gesunder Weise befriedigt werden, dann muss eine neue Gemeinschaft dazu drängen, eine Stätte zu haben, die mehr ist als ein Hauptquartier.

Wir brauchen eine Heimat und normalerweise muss das Heimatgefühl an einen Ort geknüpft sein. Es liegt deshalb im Sinne der Bewegung, dass eine örtliche Zentrale da ist. Dass es gerade Schönstatt ist, das ist nicht wesentlich. Die Zentrale könnte anderswo sein. Aber es hat sich nun einmal geschichtlich so entwickelt. Und wir glauben, dass hier mit Schönstatt besondere Gnaden verbunden sind. Ein Außenstehender kann nicht erfassen, welchen Wert Schönstatt für die Bewegung hat. Wir verzichten auf andere Häuser (74), weil es geschichtlich so geworden ist und weil die Gottesmutter mit Schönstatt besondere Gnaden verknüpft hat. Die Sache muss mit Schönstatt verbunden bleiben.

2.9 schlagfertig

Damit will ich hervorheben, dass wir zunächst Erziehungsgemeinschaft sind, dass aber die Tendenz dahin geht, dass wir uns bereiten für die ordentliche Seelsorge.

2.10 In der Welt

Ja, wir müssen in der Welt bleiben. Ich glaube nicht, dass einer draußen in der Welt so leben kann, wie das einzelne Mitglied in einem Kloster. Wenn wir aber in der Welt den Geist der Gelübde pflegen wollen, dann ist damit von selbst die Richtung für unser Heiligkeitsstreben gegeben, auch für den Wandel mit Gott.

Jedenfalls müssen wir einsehen, dass wir in der Welt bleiben und in der Welt uns geistige Klostermauern errichten. Unser Wandel mit Gott muss daher viel mehr aktiv eingestellt werden, als wir es in den Büchern lernen. Alles, was von außen an mich herangetragen wird, muss für mich die Treppe werden, um zu Gott zu gelangen und mit Gott verbunden zu sein.

Damit darf ich einen Strich ziehen unter das bisher Gesagte.

Was ist nun die Bewegung? Die Apostolische Bewegung ist ein auserlesenes Werk und Werkzeug in der Hand der lieben Gottesmutter zur religiös-sittlichen Erneuerung der Welt in Christus.

Und was der Bund ist, wissen wir nun auch. Was ist seine Aufgabe? Die Bereitstellung einer neuartigen, schlagfertigen, apostolischen Führergemeinschaft in der Welt mit ausgesprochenem Ordensgeist und stark marianischer Färbung, die im engen Anschluss an die Kirche und an Schönstatt sich zu verzehren sucht für die religiös-sittliche Erneuerung der Welt in Christus.

Ich darf Ihnen nun nach Art eines Corollariums die Frage stellen: Was ist der Bündler? Der Bündler ist ein auserwähltes, außergewöhnliches Werkzeug in der Hand der lieben Gottesmutter zur religiös-sittlichen Erneuerung der Welt in Christus. Das muss darum auch von mir gelten. Daher darf ich meinen Ruf zum Bunde der lieben Gottesmutter zuschreiben.


Schönstatt-Lexikon Online: Bünde

(69) Vgl. Apostolische Bewegung, in: KLK, 15 f.; vgl. auch: Wilhelm Mahlmeister, „Apostolische Bewegung“, in: Lexikon, 8.
(70) Vgl. Wilhelm Mahlmeister, „Liga“, in: Lexikon, 236.
(71) Die Naherwartung der Wiederkehr Jesu am „Letzten Tag“
(72) „… der Weg über die Gottesmutter ist der leichteste und sicherste, alle mit Christus zu vereinigen und durch ihn die vollkommene Kindschaft zu erlangen.“ Pius X., Enzyklika „Ad diem illum“ vom 2.2 1904 (AAS 36, 449-462), deutsch bei R. Graber, Die marianischen Weltrundschreiben der Päpste in den letzten hundert Jahren, Würzburg 1954, Nr. 139.
(73) Die Beständigkeit des Ortes. Das Prinzip des hl. Benedikt
(74) Inzwischen ist Schönstatt Zentrum einer weltweiten Bewegung geworden und um den Gnadenort sind zahlreiche Häuser, vor allem aber die Zentralhäuser der einzelnen Gemeinschaften entstanden.

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