KR-2 DE 40

40. Werktagsheiligkeit

Den Willen Gottes zu erkennen ist an sich nur eine notwendige Voraussetzung. Entscheidend ist, den Willen Gottes zu tun. Ein solches Tun bezeichnet den Weg der Heiligkeit. In dieses Tun ist allerdings nicht nur eingeschlossen der direkte Bezug auf Gott im Gebet und im Halten der Gebote, sondern das ganze Alltagsgeschehen bis in die kleinsten Kleinigkeiten hinein. Alles unter den Augen Gottes tun und alles auf ihn beziehen ist, im weiteren Sinn des Wortes, Gottesdienst, Heiligung des Alltags. Wer dies tut, lebt Werktagsheiligkeit.
Pater Kentenich hielt die Jahresexerzitien 1932 zum Thema Werktagsheiligkeit. Aus diesem Exerzitienkurs, wie gehalten für die Marienschwestern, ist 1937 ein Handbuch entstanden mit demselben Titel. Es wurde geschrieben von Sr. Dr. M. Annette Nailis, die als „Beichtbuße“ von Pater Kentenich dazu den Auftrag erhielt. Auch wenn der konkrete Text das literarische Kleid der Autorin erkennen lässt, so ist die „Werktagsheiligkeit“ dennoch wesentlich ein Werk Pater Kentenichs. Von ihm stammt der Aufbau des Buches. P.Kentenich begleitete die Abfassung und schrieb selbst den dritten Teil des Buches, weil er ihn bei den Exerzitien wegen Zeitmangel nicht hatte ausfalten können. Das Manuskript des Buches zeigt übrigens, wie sorgfältig P. Kentenich den Text korrigiert hat, sodass an der Authentizität des Inhaltes kein Zweifel bestehen kann.
Außerdem hat P. Kentenich immer wieder auf die „Werktagsheiligkeit“ Bezug genommen und so durch seine Praxis demonstriert, dass es sich hier um ein Handbuch unserer Spiritualität handelt. Der Stellenwert, den dieses Handbuch moderner Spiritualität einnimmt, erhellt auch durch die Tatsache, dass das Buch von Kardinal Eugenio Pacelli, dem späteren Papst Pius XII. ein kurzes Belobigungsschreiben erhielt.
Die „Werktagsheiligkeit“ gehört deshalb zu der Liste grundsätzlicher Schriften der schönstättischen Spiritualität, die durch dieses Lesebuch nicht ersetzt werden können. Man muss sie selbst studieren. Um aber einen „Geschmack“ davon zu vermitteln, sei hier die Einleitung zur Werktagsheiligkeit wiedergegeben (Lahn – Verlag 1964, S. 13 – 17). Dabei ist unschwer der dreifache Akzent zu erkennen, auf den es bei der Heiligung des Werktags ankommt:
1. Werktagsheiligkeit ist konkretes Tun und Handeln. Sie ist das schöpferische Zusammenwirken von Vorsehungsglaube und gelebtem Liebesbündnis.
2. Werktagsheiligkeit verwirklicht sich in der Ausfaltung der dreifachen Bindung an Gott, die Menschen und die übrige geschaffene Wirklichkeit.
3. Diese Bindung soll den ganzen Menschen erfassen und zu einem Gleichklang von Verstand, Wille und Gemüt führen.


[1. Was Werktagsheiligkeit ist: Begriffsbestimmung]

Werktagsheiligkeit ist nicht die Heiligkeit des Sonntags, des einen von den sieben Wochentagen, an dem die Glocken läuten und die Menschen Feiertagskleider tragen; nein, sie ist die Heiligkeit der sechs anderen Tage. Da fehlt nach außen hin alle festliche Stimmung; nüchterne, gewöhnliche Arbeit will verrichtet werden. Ein Werktagsheiliger gibt dem Alltag heilige Form, er lebt die ganze Woche hindurch heiligmäßig und drückt so all seinem Tun den Stempel der Heiligkeit auf. Sein Freuen und Trauern, sein Arbeiten und Ruhen, sein Beten, Sprechen und Gehen: alles macht er aus Liebe außergewöhnlich gut, d.h. heiligmäßig.

Natur und Übernatur sieht, liebt und lebt er als ein Ganzes, als einen lebendigen, großen Organismus. Die Natur ist ihm Grundlage und Unterbau für die Übernatur, und so lässt er sich durch alles Geschaffene nach oben führen, es ist für ihn Brücke und Wegweiser zu Gott. Wenn ihm daher irgendwie Gottes Wille aufleuchtet, setzt er ihn sofort ins Leben um, und sobald er im Leben eine Beobachtung oder Erfahrung macht, hebt er sein Auge nach oben und fragt, was Gott ihm wohl damit sagen will. Erkennen, Lieben und Leben sind bei ihm immer miteinander verknüpft. Er ist ein wirklicher Lebenskünstler und Lebensmeister und darum eine seltene Gabe Gottes an die heutige Menschheit. Was der alte Meister Eckehard für seine Zeit gesagt hat: „Ein Lebemeister ist besser denn tausend Lesemeister“, gilt heute vielleicht mehr als früher. Das weiß der Werktagsheilige.

Darum macht er sich die Lektion zunutze, die im Mittelalter einmal ein „Narr“ gelehrten Professoren gegeben hat. Diese stritten in fruchtloser Diskussion lange Zeit miteinander. Da nahm der „Narr“ sich ein Herz, trat zu den Herren mit der Bitte, ob er auch eine Frage stellen dürfe. Sie wurde gewährt. Da meinte er: „Was ist besser, das zu wissen, was man nicht weiß, oder erst zu tun, was man weiß?“ Sofort fingen die Gelehrten wieder an zu disputieren. Schließlich einigten sie sich und erklärten: „Es ist besser, erst zu tun, was man weiß, dann fällt es nachher auch leichter, das zu lernen, was man nicht weiß.“ Da verneigte sich der „Narr“ und sagte: „Meine Herren, dann wissen Sie, was Sie zu tun haben!“ Und er verschwand.

Der Werktagsheilige bemüht sich redlich, diesen Rat zu befolgen. Er kennt und lebt das Wort der Hl. Schrift: „Wer nach der Wahrheit handelt, kommt zum Lichte“ (169) und das andere Wort: „Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr! wird in das Himmelreich eingehen, sondern nur wer den Willen meines Vaters im Himmel tut“ (170) – oder: „Ich tue allezeit, was ihm wohlgefällt“ (171). Darum sorgt er dafür, dass sein Wissen und Können nicht ohne Frucht für das Leben bleibt, dass sein Kopf nicht auf Kosten von Herz und Wille und Handeln einseitig entwickelt wird. In der Natur ist es ja auch so. Ein gesunder Organismus muss alle Teile zur Entfaltung bringen. Darum ist auch der Gärtner unzufrieden mit einem Obstbaum, der den Stamm kräftig entwickelt, Äste und Zweige ansetzt, vielleicht auch noch blüht, aber keine Früchte bringt.

So mag es verständlich sein, wenn gelehrte Männer die Werktagsheiligkeit darstellen als die gottgefällige Harmonie zwischen affektbetonter Gott-, Werk- und Menschengebun-denheit in allen Lagen des Lebens.

[2. Werktagsheiligkeit auf dem Hintergrund der heutigen Zeit]

Dass eine solche Heiligkeit Daseinsrecht in der heutigen Zeit hat, ist allen Einsichtigen klar. Ja, die augenblicklichen inner- und außerkirchlichen Strömungen verlangen danach, sie rufen nach ihr als der großen Retterin aus der heutigen Zeitnot.

[2.1 Innerkirchliche Perspektive]

Wohin drängt denn das katholische Leben der Gegenwart?

Der katholische Mensch von heute verlangt stark nach vorgelebtem Christentum. Lebendige Christen sind ihm die wertvollste „Bibel“. Darum wächst sein Verständnis und Sinn für gut geschrie­bene Heiligenleben. Er sucht Gott nicht allein im Himmel und im Tabernakel, sondern auch und vor allen Dingen im Menschen.

Es wird erzählt, dass einige gelehrte Spötter in Paris, die vom Leben und Treiben des Pfarrers von Ars hörten und so viele Menschen zu ihm pilgern sahen, miteinander vereinbarten, einer solle hin­gehen, alles selbst ansehen und dann das, was er dort erlebt, den andern zum besten geben. Es ging also einer hin nach Ars, kam aber ganz still und gedankenvoll zurück und wies alle Neugier und Lästerrede der Freunde ab mit den Worten: „Seid still, ich habe Gott in einem Menschen gesehen!“

Das ist das Sehnen der heutigen religiösen Menschen: Sie wollen das Göttliche verkörpert sehen, sie suchen gelebte Heiligkeit. Diesem Sehnen gibt die Werktagsheiligkeit eine deutliche Antwort.

Sie weiß aber auch zwischen Gottestätigkeit und Eigentätigkeit das richtige Verhältnis herzustellen, das erfahrungsgemäß durch die tiefgreifenden Kulturkrisen der heutigen Zeit so stark erschüttert ist.

Tanquerey nennt Heiligkeit die „Teilnahme am göttlichen Leben, das uns der in uns wohnende Hei­lige Geist durch die Verdienste Jesu Christi verleiht, und das wir gegen die entgegengesetzten Nei­gun­­gen schützen sollen.“ (172) Gott macht uns also heilig, aber nicht ohne uns. Gottestätigkeit und Eigentätigkeit stehen in harmonischer Wechselbeziehung.

Durch Christus wird uns das göttliche Leben geschenkt. Er hat uns die Erlösungsgnaden verdient, die wir durch innige Verbindung mit ihm – wie der Rebzweig mit dem Weinstock – erhalten. Er lebt uns auch das Leben wahrer Heiligkeit in anziehender und hinreißender Weise vor. Gott tut also die Hauptsache, das wollen wir nicht übersehen.

Unsere Tätigkeit spielt zwar nur eine Nebenrolle, aber doch auch eine Rolle. Ohne sie gibt es keine wahre Heiligkeit. Wir müssen unsererseits das göttliche Leben schützen, vermehren und fruchtbar machen.
Schutz ist notwendig; denn es wird von vielen und mächtigen Feinden bedroht. Die Feinde um uns heißen Teufel und Weltgeist, die Feinde in uns Habsucht, Machtsucht und Genußsucht. Wir schützen uns vor all diesen Feinden durch erleuchtete und wirksame Abtötung.
Wir müssen das göttliche Leben aber auch vermehren durch gute Werke und den Empfang der hl. Sakramente.
Fruchtbar wird es, wenn wir mithelfen durch apostolische Tätigkeit, dass es auch andere erfasst und erfüllt. Gott wartet auf unsere Mitarbeit. Ja, er freut sich daran, ähnlich wie eine Mutter sich freut, die einen schweren Korb trägt, wenn ihr kleines Kind seine Hände auf den Korb legt und ihr in seiner liebenswürdigen Schwäche tragen hilft.

Echte Werktagsheiligkeit weiß Haupt- und Nebenrolle gut zu verteilen; je nach Bedarf und Umstän­den betont sie im praktischen Leben bald mehr Gottestätigkeit, bald mehr Eigentätigkeit.

Sie bewahrt auch die vielversprechende, weite Kreise erfassende liturgische Frömmigkeit vor Schön­geisterei. Liturgische Frömmigkeit möchte ja im Anschluß an die Liturgie durch Christus im Heiligen Geiste zum Vater gehen. Es ist ihr vor allem darum zu tun, die grundlegende christliche Gesinnung zu schaffen. Sie will den Menschen dahin bringen, wie Guardini sagt, „dass er sich in die rechte wesenhafte Ordnung zu Gott stelle, dass er in Anbetung, Gottesverehrung, Glauben und Liebe, Buß- und Opfergesinnung innerlich recht werde. Kommt er dann in die Lage zu handeln, so wird er aus jener Gesinnung heraus auch tun, was recht ist.“ (173)

Werktagsheiligkeit sorgt dafür, dass die geheimnisvolle Verbindung mit Christus sich in Gesinnung und Leben praktisch auswirkt. Die Verbindung mit Christus ist für den Werktagsheiligen ein ständiger Ansporn, im Alltag ihm ähnlich zu werden. Die Eingliederung in ihn bedeutet ja nicht nur eine Teil­nahme am verklärten, sondern auch am leidenden und sterbenden Heilandsleben. Täglich steigt er mit Christus in der hl. Messe ans Kreuz, täglich ringt er in zäher Kleinarbeit um das Ideal des durchgöttlichten, durchsittlichten, durchgeistigten und durchseelten Menschen.

Der katholische Mensch von heute ist also aufgeschlossen für die Werktagsheiligkeit.

[2.2 Außerkirchliche Perspektive: Naturalismus und Kollektivismus]

Wie steht es aber mit den Menschen, die durch die heutigen Kulturkrisen in die Arme des Natura­lis­mus oder des Kollektivismus geraten sind?

Die modernen Kulturkrisen lassen sich nämlich jeweils auf einen dieser Hauptnenner bringen.

Der Naturalismus als philosophische Richtung will alles Sein und Geschehen nur auf Natur und Naturgesetzlichkeit zurückführen und leugnet das Übernatürliche. Er setzt die Natur an die Stelle der Gnade. So soll der Mensch sich selbst erlösen können. Der Entgöttlichung folgt aber immer die Ent­men­schung; denn Gnade ist Schutz und Heilmittel für die Natur. Wenn im Menschen nichts Göttlich-Übernatürliches ist, dann wird er bald eine seelenlose Maschine. Aber lange kann er es ohne Gott nicht aushalten. Moderne Philosophen sagen darum ganz treffend, dass der von Gott losgelöste heutige Mensch gleich einem heulenden Steppenwolf seinen Gotteshunger hinaus brüllt in die Welt und zur Mitternachtsstunde um das Grab seines gemordeten Gottes schleicht. (174)

Naturalistische Anwandlungen finden wir nicht selten auch bei vielen lauen Christen. Sie leugnen zwar nicht den dreifaltigen Offenbarungsgott und seine übernatürliche Tätigkeit im Menschen, aber sie räumen ihm nicht mehr den vollen Einfluß auf sich und ihr Leben ein. Ihr Werktag ist nicht mehr sakral. Er ist kalt, nüchtern, weil er die lebendige Fühlung mit Gott verloren hat.

Werktagsheiligkeit stellt nun Gott mitten hinein in das gewöhnliche Leben, betet ihn überall an, wo er zu finden ist, auch in unseren Brüdern und Schwestern und in der ganzen Schöpfung.

Der Kollektivismus ist eine anthropologische Häresie, d.h. eine Irrlehre, die sich gegen den Menschen richtet. Er trennt nicht nur wie der Naturalismus den Menschen von der Übernatur, von der Bindung an den dreifaltigen Gott, er zerstört noch dazu direkt die Natur, indem er die natur­gesetz­lichen Bindungen an Familie und Scholle schonungslos entzweischneidet und so den radikali­sier­ten, von allen gottgewollten Bindungen absolut losgelösten Massenmenschen, den entgöttlichten, entsittlichten, entpersönlichten Menschen schafft.

Der Werktagsheilige kann und will den Kollektivismus innerlich überwinden, weil er dem allseitigen, naturwidrigen Entbundensein den gott-, werk- und personengebundenen Menschen gegenüberstellt. Der aber ist kein Massenmensch, sondern der in Gott verankerte, verpersönlichte und übernatürliche Gemeinschaftsmensch.

Wer darum Ohren hat, zu hören, und Augen, um zu sehen, kann sich der Überzeugung nicht ver­schlie­ßen, dass die heutige Zeit mit ihrer Werktagsnot notwendig die Werktagsheiligkeit fordert als die große, rettende und erlösende Macht aus den Wirrnissen der Zeit.

[3. Werktagsheiligkeit als umfassendes, ganzheitliches Phänomen]

Werktagsheiligkeit will im praktischen Leben immer als ein organisches Ganzes gesehen und gelebt werden. Ihre Darstellung muss aber streckenweise das, was zusammengehört, trennen, damit die einzelnen Teile umso klarer in die Erscheinung treten und besser gelebt werden können.

Wir betrachten sie darum unter einem dreifachen Gesichtspunkt: als Gott-, Werk- und Menschen­gebundenheit.
VON DER GOTTGEBUNDENHEIT

Unsere heutige Zeit ist so betriebsmäßig und ruhelos. Gärung und Kampf, Verwirrung und Hetze, wohin immer wir blicken. Da drängt es uns mehr als früher, Ruhe zu suchen in Gott, alle Fasern des Herzens an ihn zu binden. Das sagt aber nicht, wir sollten uns auf ein Eiland zurückziehen und die Welt sich selber oder den Feinden unserer heiligen Religion überlassen. Nein, die Zeit braucht Men­schen, die in sich gefriedet, innerlich und äußerlich erprobt und hinausgehoben sind über Unsicher­heit und Zweifel, die aber auch aus heiliger Zweisamkeit mit Gott die Kraft erhalten, ihr trotz heftigen Wider­strebens das Antlitz Christi aufzudrücken. Das sind die großen Lebenskünstler, die heute viel­leicht nötiger sind als je, die wir die Werktagsheiligen nennen. Je schwieriger Zeit und Zeitaufgaben sind, desto ernster und inniger ringen sie um ein starkes, tragfähiges Fundament ihres Lebens und Wir­kens: um eine tiefe Gottgebundenheit.

Wie die Gottgebundenheit beschaffen sein soll

Für Gottgebundenheit sagen wir gewöhnlich Gottesliebe. Die Eigenschaften, die sie haben muss, können leicht abgelesen werden von der Begriffsbestimmung der Werktagsheiligkeit. Diese haben wir ja bereits kennen gelernt als die gottgefällige Harmonie zwischen affektbetonter Gott-, Werk- und Menschengebundenheit in allen Lagen unseres Lebens.

[1. Eigenschaft: hochgradig]

Danach muss die Gottgebundenheit zunächst eine hervorragend gottgefällige oder hochgradige sein. Es genügt nicht die gottgebotene, zu der ich unter Sünde verpflichtet bin. Gott gefällt am meisten, was der Mensch tut, weil er es tun darf, nicht weil er muss; das also, was dem wünschenden und ratenden Willen Gottes entspricht. Wir kennen ja alle die Stelle in der Heiligen Schrift, wo der reiche Jüngling zum Heiland kommt und fragt, was er tun soll, um das ewige Leben zu erlangen. Der Heiland nennt die Gebote. Die hat er aber von Jugend auf gekannt und befolgt. Er will höher hinauf. Da – heißt es – blickte Jesus ihn liebevoll an und sagte: „Eins fehlt dir noch. Geh hin und verkaufe alles, was du hast, und gib den Erlös den Armen. Dann komm und folge mir nach!“ (175). Zuerst offenbart er dem Jüngling seine Befehle, dann seine Wünsche.

So tritt Gott auch oft vor uns hin, bittend, wünschend. Er sagt gleichsam: Dies und jenes gefällt mir gar sehr. Ich verlange es nicht durch Gebot. Wenn du es aber tust, dann machst du mir eine große Freude, und ich will dir zum Lohn eine ganze Kette von Gnaden geben. – Hat der Heiland nicht auch selber immer das Gottgefällige getan? Sein Lebensprogramm war ja der Wille des Vaters. Er konnte von sich sagen: „Ich tue allezeit, was ihm wohlgefällt!“ (176).

Das Gottgefällige umschließt zunächst den Gehorsam gegen die Gebote, es will aber darüber hinaus ins Heldenhafte. Es fließt aus dem Beweggrund einer starken, innigen Liebe. Liebe kennt ja keine Grenzen. Die Gottgebundenheit ist also dann im Sinne der Werktagsheiligkeit gottgefällig, wenn sie so hochgradig ist, dass sie sich nach dem ratenden, wünschenden Willen Gottes ausstreckt. Die Heiligen sind uns darin leuchtende Vorbilder gewesen.

[2. Eigenschaft: harmonisch]

Unsere Gottgebundenheit muss ferner harmonisch sein. Ein Bild möge diesen Begriff etwas erläu­tern. Wenn auf dem Klavier ein Dreiklang gespielt wird, dann berührt diese Harmonie unser Ohr angenehm und wohltuend. Werden aber gleichzeitig drei beliebige Töne angeschlagen, die nicht zueinander passen, dann empfinden wir eine solche Disharmonie als etwas Störendes. Oder betrachten wir einmal ein Trio. Drei verschiedene Instrumente tönen gleichzeitig. Vorausgesetzt, dass alle richtig spielen, ist aber erst dann volle Harmonie vorhanden, wenn die Klangstärke bei den einzelnen Instrumenten auch aufeinander abgestimmt ist. Würde das eine Instrument im Verhältnis zu dem andern zu laut gespielt, dann wäre keine Harmonie vorhanden.

So muss zwischen unserer Gott-, Werk- und Menschengebundenheit Harmonie herrschen. Liegt sie vor, dann ist die Gottgebundenheit nicht nur kein Hindernis für Werk- oder Menschengebundenheit, sondern sogar eine förderliche Grundlage und ständig wirksame Triebkraft dafür.
[….]

[3. Eigenschaft: Wille und Gemüt umfassend]

Unsere Gottgebundenheit muss überdies affektbetont sein, darf nicht nur ideenbetont bleiben, sie muss willens- und gemütsbetont werden bis zur Gottinnigkeit und Gottergriffenheit.
[….]

Wäre Heiligkeit ein bloß ideenhaftes Hängen an Gott, dann müßten die klügsten und gelehrtesten Menschen auch die Heiligen sein. Das ist aber durchaus nicht immer der Fall. Der Heilige ist der Mensch, der mit Verstand, Willen und Gemüt an Gott hängt, dessen ganze Natur eben in Gott hineingezogen ist. Bei ihm ist die Natur wirklich durchdrungen von der Übernatur, zum Teil selbst bis ins Unterbewusstsein hinein. Weil alles, was mit Gott in Berührung kommt, durchgöttlicht wird, darum muss hier Krampf und Zwang, der meist im unbewussten Triebleben seinen geheimen Herd hat, mehr und mehr aufhören.

Auf dem Weg zu diesem Ziel muss man sich aber vor zwei Gefahren hüten. Man darf nicht Affekte und Gefühlswärme erzwingen wollen. Man muss sich auch vor Selbsttäuschung in Acht nehmen, vor fremden Affekten, die gerne mechanisch übernommen werden und dann leicht zu einer falschen Selbstbewertung verleiten. Sie sind nichts Gewachsenes, sondern etwas Angeklebtes, das beim ersten Windstoß wieder abfällt.

Gesunde und kraftvolle Hingabe an Gott kommt nur zustande und wächst in dem Grade, als die Seele sich betend bemüht, ihn immer besser und tiefer zu erfassen und sich von allem Ungeordne­ten zu lösen. Sie kennt darum keine unerleuchtete, schwärmerische, sentimentale Liebe. Ruhige und tiefe Betrachtung ist für sie Licht und Nährkraft und ernste, gottgewollte Loslösung der Beweis ihrer Echtheit.

[4. Eigenschaft: ausdauernd]

Unsere Gottgebundenheit muss noch eine vierte Eigenschaft haben. Sie muss „in allen Lagen unseres Lebens“ zu finden, d.h. dauernd sein. Der ist heilig, der möglichst immer, auch bei den gewöhn­lichsten Verrichtungen, mit Gott verbunden ist. Er ist der „Vinctus Christi“, der Gefesselte Christi, der nie von ihm loskommt.


Schönstatt-Lexikon Online: Werktagsheiligkeit

(169) Joh 3, 21
(170) Mt 7,21
(171) Joh. 8,29
(172) A. Tanquerey, Grundriss der aszetischen und mystischen Theologie, Paris 1931, Seite 64.
(173) R. Guardini, Vom Geist der Liturgie, Freiburg 1922, Seite 87.
(174) Die Aussage stammt von Friedrich Nietzsche, 1844 -1900
(175) Mk 10,21 f.
(176) Joh. 8,29

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