KR-2 DE 35

35. Quellgründe der „Inscriptio“:
MTA-Bild, Augustinus, Krönung

Im Jahre 1933 kam Hitler an die Macht. Bald spitzen sich die Verhältnisse in einer doppelten Richtung zu. Zum einen bildete sich bald eine kirchenfeindliche Atmosphäre im Land. Dies machte sich ab 1939 in Schönstatt besonders bemerkbar, als die Hochschule der Pallottiner von den Nazis konfisziert und dort eine Lehrebildungsanstalt – ganz in der Ideologie des Nationalsozialismus – eingerichtet wurde. Zum anderen steuerte die Politik Hitlers immer deutlicher auf einen weiteren Krieg zu.
Die Schönstattfamilie reagierte auf diese Entwicklungen zwar auch politisch klug – Umbenennung der „Schönstattbewegung“ in das unverfänglich klingende „Marianische Opfer- und Gebetsgemeinschaft“, „MGO“ z. B. -, vor allem aber spirituell. Es entstand die Krönungsströmung. Die Gottesmutter wurde angesprochen nicht nur als Mutter und Erzieherin, sondern als Schutzherrin. Am 18. Oktober 1939 – dem fünfundzwanzigjährigen Jubiläum der Gründung – wurde sie gekrönt als „Dreimal Wunderbare Mutter und Königin von Schönstatt“.
Dazu parallel kann die Frage auf, was die Schönstattfamilie nach dem Gesetz von „Nichts ohne dich, nichts ohne uns“ der Gottesmutter anbieten könne als Antwort auf die Herausforderung der politischen Situation. Es bildete sich die Haltung der „Blankovollmacht“ als eine vertiefte Ausfaltung des Liebesbündnisses. Sie beinhaltet das im Voraus gegebene „Ja“ zu allen Fügungen Gottes, indem man der Gottesmutter gleichsam einen Blankoscheck ausstellt, den sie nach ihrem Gutdünken ausfüllen darf. Der Weiheakt der Blankovollmacht wurde am 8.12.1939 feierlich vollzogen.
Inzwischen war am 1.9.1939 der Zweite Weltkrieg ausgebrochen. Durch die verschärfte Lage fühlten sich vor allem die Schwestern angesprochen, der Gottesmutter noch mehr anzubieten, vor allem zum Schutz des Urheiligtums und des Gründers. So entstand die Strömung der „Inscriptio“, einer Haltung, die um Kreuz und Leid bittet, wenn dies dem Plane Gottes entspricht und die dann voll zum Thema werden sollte mit dem Handeln des Gründers am 20.1.1942 (siehe „Karmelbriefe“ in Text 19).
In dem vorliegenden Text geht Pater Kentenich nicht darauf ein, was Blankovollmacht und Inscriptio inhaltlich besagen. Der Text ist wertvoll und unter diesem Gesichtspunkt ausgewählt, dass er veranschaulicht, wie Strömungen unter dem beobachtenden Auge und gleichzeitig der führenden Hand des Gründers entstehen.
Gleichzeitig spiegelt der Text eine kunstkritische Deutung des MTA Bildes, die von Pfarrer Engel, einem Schönstatt Priester, veranlasst wurde und die aufzeigt, dass durch das Spiel und die Konzentration der Hände der Akzent des Bildes auf dem Herzen Mariens liegt, das Stichwort, das sich dann mit dem augustinischen Wort von der Verschreibung der Herzen verbinden sollte und zu dem Fachausdruck „Inscriptio“ führt.

Der Text ist der „Inscriptio-Tagung 1941“ entnommen, spiegelt also Beobachtungen eines Vorganges wieder, der noch voll im Gange ist. Der Text findet sich in: Pfingsttagung 1941 (in: H. Hug, Inscriptio, 177-187).


Wie ist die Inscriptio-Bewegung geworden?

Die Fragestellung ist wohl richtig formuliert. Ich frage nicht: Wer hat sie gemacht?, sondern: Wie ist sie geworden? Es stand am Anfang keine Idee da, die unter allen Umständen durchgeführt werden musste; nein, sie ist geworden.

Wir müssen unterscheiden eine äußere und eine innere Geschichte. Wenn wir die beiden Momente geklärt haben, dann ist von selbst auch die Antwort gegeben auf die zweite Frage: Was verstehen wir unter Inscriptio-Bewegung?

Wir kennen das alte Gesetz: Wenn ich weiß, wie etwas geworden ist, dann weiß ich auch, was es ist. Zwei Ansatzpunkte, die wir auffassen mögen wie zwei Saatkörner, sind ohne sonderliche Absicht in den Acker eingesenkt worden.

Das erste Saatkorn: die Erklärung des MTA-Bildes

Das erste Saatkorn ist die Auseinandersetzung von Pfarrer Engel mit unserem Bild. Sie wissen, wie unser Bild in vielen Kreisen immer als Kitsch dargestellt wurde. Nun hat H. Pfarrer Engel aufgrund von Studien nachgewiesen, was an Kunstwert in dem Bild steckt. Ich hebe nur besonders hervor: Das kleine Saatkorn, das auf diese Art ausgestreut wurde, weist besonders hin auf die Herzlinie des Bildes. Sie müssen einmal darauf achten, wie tatsächlich das Bild eine Zweieinheit darstellt zwischen Christus und der Gottesmutter. Diese Zweieinheit war von Anfang an das Kernstück unseres Glaubens.
Das Bild ist offenbar der sinngerechte Ausdruck dessen, was wir wollen. Was hat wohl von Anfang an das Bild der gesamten Familie zu sagen gehabt? Sie mögen sich das aufzeigen lassen an den kleinen Gebeten, die etwa 1917 in die Familie hineingetragen wurden: „Mutter mit dem Himmelskinde…“ – Diese ganz innige Verbindung zwischen Mutter und Kind -, „Mutter und Kind in Liebe verbunden“, „Mutter dreimal wunderbar…“. (116) Wir haben von Anfang an die Marienverehrung nicht zentrifugal, sondern zentripetal betrieben, zu Christus hin.

Wenn Sie das, was ich gestern mehr allgemein über das symbolhafte Denken umrissen habe, für sich noch einmal durcharbeiten wollen, dann werden Sie finden, dass für uns Schönstätter das Bild eine ungemein tiefe und starke Symbolsprache spricht. Alle großen Gedanken können wir hineintragen oder herauslesen aus unserm Mta-Bild. Wir müssen dafür sorgen, dass die Symbole, an denen wir hängen, auch zu uns sprechen. Der Anblick des Mta-Bildes soll ein Buch sein, das für mich aufgeschlagen ist, in dem ich in anschaulicher Sprache lese, was ich mir sonst erarbeitet habe, was in meiner Seele anklingt.

Zweieinheit: Herz an Herz, Gleichklang der beiden Herzen. Das gleichgerichtete Augenpaar. Tiefe Zweieinheit können wir aber auch lesen aus der Art und Weise, wie der Schleier um die Mutter und das Kind geschlungen ist. Das war von Anfang an die große Sendung, die wir festgehalten haben: die Verbindung der lieben Gottesmutter mit dem Heiland. Wie wir im Ave Maria beten: „die Frucht deines Leibes, Jesus“. Der Heiland als die Frucht soll immer verknüpft werden mit der Gottesmutter. Wir sehen deshalb die Gottesmutter nicht ohne den Heiland. Aber die Gottesmutter ist organischer Durchgangspunkt, wie wir sagten.

Ich will einen anderen Gedanken anfügen, der uns die große biblische Aufgabe zuspricht: „Josef, steh auf, nimm das Kind und seine Mutter“. Oder bei den Weisen: „Der Stern blieb stehen… Sie fanden das Kind und seine Mutter“. Das ist eigentlich das Zentrale an dem Bild: die tiefe Herzensverbindung zwischen der Mutter und dem Kind. Sie werden finden, dass tatsächlich eine ungemein starke Verwandtschaft zwischen den beiden Gesichtszügen besteht. Das bedeutet nicht nur eine große Ähnlichkeit des Heilandes von seiner Mutter, sondern auch eine tiefe gegenseitige Abhängigkeit zwischen Mutter und Kind. Das Kind wächst stark empor an der Mutter, die Mutter ist aber auch abhängig vom Kind. Außerdem kann ich auch aus dem Gesichtsausdruck ein Doppeltes ersehen: das Kraftvolle, wie man dem Leben gegenübersteht, und die kindhafte Haltung dem Heiland und dem Himmelsvater gegenüber. Es kommt immer wieder darauf an, auf die zentralen Gedanken zurückzukommen.

Ich fasse zusammen: Das erste Saatkorn, das in die Erde der Familie hineingesenkt wurde, ist diese Erklärung des Bildes; und zwar ohne meinen Einfluss, wenn man davon absieht, dass ich Pfarrer Engel gebeten hatte, den Schwestern das Bild zu erklären.

Das zweite Saatkorn: Augustins Definition der Liebe

Und das zweite Saatkorn? Gelegentlich habe ich einmal die Definition des hl. Augustinus von der Liebe gegeben: Liebe ist Inscriptio cordis in cor. Aber das habe ich so nebenbei gesagt, wie ich auch sonst schon einmal ein Wort hineinwerfe.

Das sind also die beiden Saatkörner. Als ich merkte, dass sie am Wachsen waren, habe ich sie aufgefangen. Ich will Ihnen kurz die Wachstumsgesetze zeigen.

Wir bleiben stehen bei der Begriffsbestimmung der Liebe, also bei der augustinischen Definition. Was hat diese Definition denn für eine Geschichte? Sie hat eine Ur-, eine Haupt- und eine Nachgeschichte.

[Die Vorgeschichte in einzelnen Kursen und in der Bewegung]

Da haben wir zunächst einmal die Apparitio-Kinder.

Wenn ich mir gerade eine pastorale Bemerkung gestatten darf: Es ist heute unbedingt notwendig, dafür zu sorgen, dass bei aller Disziplin die Freiheit der Persönlichkeit bei den geistigen Strömungen nicht unterbunden wird. Organisatorisch ist das bei uns gesichert durch zwei Gemeinschaftsformen: oberirdisch die Filialen, das Mutterhaus, unterirdisch die Kurse.

Der Apparitio-Kurs hat ständig das eine Ziel vor Augen: Wir wollen Erscheinungen der Gottesmutter sein; und dieses „Erscheinung der Gottesmutter werden“ hat sich mehr und mehr konzentriert auf die Gleichschaltung des inneren Lebens mit der Gottesmutter.

Es kommen dann unsere Carissima-Kinder, die dem Apparitio-Kurs schon vorausgingen, und sagen: Das haben wir schon alles gehabt, ohne dass wir das ausdrücklich wollten. –

Darüber hinaus ein Gedankengang, den ich immer wieder betont habe: das schönste Plätzchen, in dem ein Mensch sich beheimatet fühlt, ist das Herz eines edlen Menschen.

Das ist alles entfernte Vorbereitung für die Definition des hl. Augustinus gewesen. Sie merken, das Wort „Inscriptio cordis in cor“, Gleichschaltung der Herzen, ist vorbereitet gewesen. Darauf habe ich damals aber gar nicht geachtet.

Nebenbemerkung: Durch den neuen Jahresgedanken (117) war ja eine ganze Menge zentraler Gedanken besonders stark in den Vordergrund gestellt worden, z.B. der Tatgedanke und der Königsgedanke. Wir haben von Anfang an besonders betont: Omnia opera. Und mit dem Tatgedanken ist dann auch gleichzeitig sowohl der Königsgedanke wie auch der Reichsgedanke stark betont worden. Beide heben den Christusgedanken hervor und stellen in den Vordergrund Christus als den König. Hier ist nun methodisch etwas Bedeutungsvolles. Ich sagte mir: Halt, hier musst du aufpassen, damit diese Innigkeit der Christusliebe sich nicht löst von der Marienliebe. So habe ich den Königinnengedanken wieder aufgegriffen.

Eine weitere pastorale Bemerkung: Sie wissen, dass damals die Schwesternfamilie die Gottesmutter gekrönt hat. Seitdem hat Gruppe um Gruppe eine derartige Krönung vorgenommen. Von welcher Bedeutung diese Krönungen im Sinne der Symbolsprache sind, werden Sie jetzt vielleicht verstehen. Wir brauchen heute derartige gemüthafte Eindrücke. Fast jede Filiale hat die Gottesmutter noch einmal extra gekrönt. Aber das ist etwas Symbolhaftes. Jeder Teil der Krone wurde eropfert. Sie müssen nicht meinen, solche Vorgänge müssten so nüchtern sein. Es soll die Phantasie angeregt werden, das Herz bewegt werden. Wir müssen alles fördern, was die Gemeinschaft fördert. Denken Sie einmal daran, wie viele persönliche und Gemeinschaftsopfer und -akte hinter einer solchen Krönung stehen. Es kam mir darauf an, das Christologische mit dem Mariologischen zu verbinden. Darin habe ich immer meine Aufgabe gesehen. Von 1912 an habe ich immer wieder die innige Verbindung zwischen der Gottesmutter und dem Heiland festgehalten.

[Die Hauptgeschichte: Skizzierung der Krönungspredigt]

Wenn ich Ihnen einmal kurz den Inhalt der Krönungspredigt wiedergeben darf: Wir unterschieden ein Königtum im engeren und weiteren Sinne. Im engeren Sinne, angewandt auf die Gottesmutter: Sie ist das vollkommenste rein menschliche Wesen, die Spitzenleistung; ähnlich, wie wir z. B. von der Rose als Königin der Blumen oder dem Löwen als König der Tiere sprechen.

Wir müssen eine ganze Menge einzelner Beispiele vermitteln aus dem Leben. Wir sagen z.B. Königin der Apostel. Vielleicht kann ich Ihnen einmal eine Disposition geben: Die Gottesmutter ist 1. der vorzüglichste, 2. der vollkommenste Apostel, im Gegensatz zu den andern Aposteln. Sie hat am meisten beigetragen zur Lösung der Aufgabe der Apostel. Ähnlich wie wir sagen, die Gottesmutter ist die Königin der Märtyrer. Zunächst ist hier das Königtum im weiteren Sinne gemeint. Sie ist diejenige, die innerhalb des Vergleiches mit anderen königlichen Gestalten den Vorrang hat. Sie ist der vorzüglichste Märtyrer, sie überragt alle anderen. Das ist an sich eine Umschreibung des Wortes, das ich vorher vom hl. Bernhard zitiert habe: „Das Werk, das bloß vom Werkmeister überragt wird“. Darüber hinaus überragt der Werkmeister alles.- Sie ist also die Spitzenleistung der ganzen Schöpfung.

Jetzt müssen Sie einmal unterscheiden: Königin nicht nur im weiteren, sondern auch im engeren Sinne. Sie hat kraft eigengesetzlicher Rechtstitel auch eine Mitregentschaft im Reiche des Sohnes. Wo sind denn nun die Rechtstitel für dieses Königtum?

Die Gottesmutter ist Mitregentin. Sie steht vor uns als die fürbittende Allmacht. Sie ist die einmalige, einzigartige amtliche Gehilfin des Heilandes bei seinem gesamten Lebenswerk. Ein gewaltiger Satz, die ganze Mariologie ist darin enthalten! Alles, was wir von der Gottesmutter wissen, was wir nur finden können, fließt aus dieser Quelle.

Die Gottesmutter ist Königin kraft des Erbrechtes, kraft des Erobererrechtes, kraft des Wahlrechtes. Sie müssen die Rechtstitel einmal für sich wiederholen, dass sie wieder lebendig sind.

Maria als Königin – Unsere Liebe Frau

Ich darf vielleicht einmal den Königinnengedanken unter dem Titel „Unsere Liebe Frau“ darlegen. Was bedeutet das? Es bedeutet eine Hebung, ich möchte sagen, eine Vertiefung und Verinnerlichung des Königinnengedankens.

Von einem König in Ungarn wird erzählt, er habe der Gottesmutter ein Stift und damit ein Bild geschenkt unter dem Titel „Unsere Liebe Frau von Stuhlweißenburg“ und ihr sein ganzes Reich als Lehen (118) gegeben. Die Geschichte weiß uns zu erzählen, dass es seitdem Sitte geworden ist, dass jeder Adelige das Knie beugte, wenn er einem Marienbild begegnete oder den Namen der Gottesmutter aussprach.

Was soll dieser Anknüpfungspunkt veranschaulichen? Unsere Liebe Frau. Wir wollen die drei Worte einmal einzeln abwägen und erwägen. Die Gottesmutter steht vor uns als Frau, als Liebe Frau, als Unsere Liebe Frau.
Frau: die Gottesmutter steht vor uns als das, was wir „domina“, Herrin, nennen. Im Sinne des Mittelalters ist das Wort gleichbedeutend mit Königin. Wenn wir alle die Krönung vollzogen haben, müssen wir uns auch die Frage vorlegen: Wie sichern wir nun die Wirkung und Haltung dieser Krönung? Der Gedanke der Krönung der Gottesmutter ist also im Mittelalter ganz geläufig gewesen. Wir wundern uns, wie wenig der heutige katholische Mensch von derartigen symbolischen Handlungen weiß. Die Gottesmutter ist also „Unsere Frau“, unsere Königin. Athanasius sagt einmal: Es ist selbstverständlich, wenn Christus der König der Welt ist, dann muss die Gottesmutter die Königin der Welt sein. Der hl. Bernhard sagt: Alles, was dem lebendigen Gott gehört, gehört auch gleichzeitig seiner Mutter. Und wenn Christus Gott ist und Gott über alles Geschaffene, dann ist es selbstverständlich, dass die Gottesmutter auch die Königin alles Geschaffenen ist. Das sind alte Gedankengänge.

Die dreifache Krone – Begründungen für Mariens Königtum

Ich habe dann weiter dargestellt: Die Gottesmutter trägt eine dreifache Krone. Die erste Krone verdankt sie dem lebendigen Gott: Erbrecht. Die zweite Krone verdankt sie sich selber: Erobererrecht. Die dritte Krone verdankt sie zum großen Teil uns und dem Teufel: Wahlrecht.

Die erste Krone ist die Krone der Würde. Wer hat ihr diese Krone aufs Haupt gesetzt? Der dreifaltige Gott. Wie viel strahlende Würde hat der lebendige Gott ihr gegeben! Zwei Worte mögen uns noch einmal daran erinnern: sie hat einen Gott geboren und hat einem Gott befehlen dürfen. Ich schaue das Mta-Bild noch einmal an und sehe das Kind auf dem Schoße: Gottesgebärerin. Sie hat aber auch diesem Gott befehlen dürfen. Wie groß muss ihre Würde sein, ja wegen Gott ist sie schier unendlich, so sagen die Gottesgelehrten.

Ich hebe noch einen Gedanken hervor: Der lebendige Gott hat sie ausgestattet mit Ausnahme- und Vollendungsgesetzen. Um ihretwillen hat er die Naturgesetze aufgehoben. Opus quod solus artifex supergreditur; ein Werk, das nur vom Werkmeister überragt wird. Die Gottesmutter ist Jungfrau geblieben: Jungfrau vor, in und nach der Geburt. Er hat das Naturgesetz durchbrochen. Weil sie Jungfrau geblieben in der Geburt, hat sie auch keine Geburtswehen gelitten. Wie groß hat also der lebendige Gott von der Gottesmutter gedacht, welche Krone der Würde hat er ihr aufs Haupt gesetzt! Sie hat sodann keine Erbsünde gehabt, ist also einer allgemeinen großen Gesetzmäßigkeit, unter der wir alle seufzen, nicht anheimgefallen. Ein weiteres Ausnahmegesetz: Wie ist der Tod der Gottesmutter wohl zu denken? Ohne die gewöhnlichen Schmerzen, die normalen Schmerzen der Auflösung. Ihr Leib hat die Verwesung nicht geschaut.

Jetzt darf ich Sie einmal bitten, diese Gedanken weiter durchzudenken. Ich muss all die großen metaphysischen Wahrheiten, die dahinterstehen, mitklingen lassen. Und wenn Sie mich nun fragen: Weshalb denn diese Ausnahmen von den Naturgesetzen, dann gebe ich die Antwort: wegen Christus. Die Größe der Gottesmutter ist ja letzten Endes weiter nichts als ein Schattenwurf des Heilandes. Weil sie Gottesmutter werden sollte, deshalb diese Ausnahmen.

Ich freue mich, dass der lebendige Gott sie gekrönt hat; und wenn ich sie jetzt kröne, dann ist das eine freigewählte und freigewollte Krönung. Ich setze ihr nicht die Krone auf, um ein wenig Abwechslung zu haben, nein, meine Krone ist erarbeitet, ich will durch meine Krönung ihre Würde anerkennen.

Die zweite Krone ist die Krone des sittlichen Adels. Wem verdankt sie die? Neben Gott ihrer eigenen Mitwirkung. Hierbei ist sie selbst in hervorragender Weise tätig gewesen. Jetzt könnte ich das ganze Tugendleben der Gottesmutter einmal hernehmen. Worin besteht ihre sittliche Größe? Im Freisein von Sünde und Unvollkommenheiten und dem Erfülltsein von göttlichen Tugenden. Dieses Freisein von allen Unfreiheiten und dieser Reichtum der Tugenden ist nicht nur das Geschenk Gottes, sondern gleichzeitig Wirkung ihrer erleuchteten Mitwirkung.
Die dritte Krone ist die Krone, die wir und der Teufel ihr aufsetzen. Da steht sie vor uns als Königin im engeren Sinne des Wortes, als Königin an Macht und Weisheit: da ist sie Mitregentin. Das ist, von der anderen Seite aus gesehen, die Krone der Barmherzigkeit. Der Grad ihrer Würde ist der Grad ihrer Macht und der Grad ihres Einflusses dem Teufel und den Menschen gegenüber. Der Teufel wird von ihr niedergeschmettert, sie ist die Schlangenzertreterin.
Sie ist aber auch Königin in ihrem Einfluss uns gegenüber. Sie ist schier allmächtig, sie ist die fürbittende Allmacht. Sie ist Königin im Reiche der Barmherzigkeit. Wer hat ihr diese Krone aufgesetzt? Neben Gott der Teufel. Der Teufel gibt der Gottesmutter Gelegenheit, ihre Macht und ihren Einfluss zu zeigen. Wer hat ihr noch mehr diese Krone aufgesetzt? Unsere Hilflosigkeit und Armseligkeit. Durch unsere Armut wecken wir ihren Reichtum an Macht und Güte. Ihre ganze Größe und strahlende Schönheit verdankt sie also auch mir. Denken wir in dem Zusammenhang einmal an das Wort von Pestalozzi: Das größte Unglück für die heutige Zeit ist der verlorene Kindessinn, weil er die Vatertätigkeit Gottes unmöglich macht. Wenn Sie Lust und Zeit haben, lesen Sie einmal in dem Büchlein „Die Liebe als Weltgrundgesetz“ nach, wie die Liebe immer eine Gleichheit und Ungleichheit im Sinne einer gegenseitigen Ergänzungsfähigkeit und -bedürftigkeit voraussetzt. Der lebendige Gott verlangt von mir, ein leeres Gefäß zu sein. Ein Armsünderbewusstsein soll ich in mir großziehen. Das größte Unglück ist der verlorene Kindessinn Gott gegenüber. Ein gar großes Unglück der heutigen Zeit ist der verlorene Kindessinn der Gottesmutter gegenüber. So wie Gott seine Vatertätigkeit nicht entfalten kann, genau so kann die Gottesmutter ihre mütterliche Tätigkeit nicht entfalten, wenn ich nicht ein leeres, aufgeschlossenes Gefäß bin. Durch meine Armseligkeit habe ich sie gekrönt.

Aber auch der Teufel hat sie gekrönt. Je mehr der Teufel seinen Einfluss entfaltet, desto mehr kann die Gottesmutter wirken. Sie könnte dem Teufel nicht den Kopf zertreten, wenn er sich nicht wieder und wieder in der Kirche und in den Kindern der Kirche so wirksam zeigte.

Die Gottesmutter steht vor uns als Unsere Liebe Frau, also nicht nur als Frau, sondern auch als Liebe Frau und als Unsere Liebe Frau.


Schönstatt-Lexikon Online: Inscriptio, Krönung

(116) Die angeführten Stellen sind aus folgendem Gebet:
Mutter dreimal wunderbar,
lehr‘ uns, deine Ritter, streiten,
trotz der Feinde Macht und Schar
deinem Dienste uns verschreiben,
dass die Welt durch dich erneu’t
deinem Sohne Weihrauch streut.
Mutter mit dem Himmelskinde
steig’ herab auf Deutschlands Fluren,
dass es, folgend euren Spuren,
dauernd wahren Frieden finde.
Mutter und Kind, in Liebe verbunden,
Vaterland, so nur kannst du gesunden.
(117) Die Jahreslosung von 1949 lautete: „Omnia opera mea Regi crucifixo et glorioso“ – „Alle meine Werke für den gekreuzigten und verherrlichten König!“
(118) Ein „Stift“ ist die Stiftung eines größeren Besitzes, meist an die Kirche um ein Kloster oder eine wohltätige Einrichtung zu gründen. Ein „Lehen“ ist ein Gut, das jemand anvertraut, ihm „aus-geliehen“ wird. Der das Gut überträgt, ist der „Lehens-Herr“. Beide Begriffe stammen aus der mittelalterlichen Lebensordnung und wurden spontan und häufig auf die Beziehung zu Gott übertragen.

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