KR-2 DE 28

28. Das Weltgrundgesetz der Liebe

Unsere ganze schönstättische Spiritualität ruht auf dem Liebesbündnis auf. Dieser Bund der Liebe hat sich geschichtlich, lokal und personal konkretisiert am 18.10.1914 im Heiligtum mit der Gottesmutter als der „Dreimal Wunderbaren Mutter von Schönstatt“, dem Gründer und den Mitgründern.
Dieses geschichtlich so gewordene Liebesbündnis ist die Konkretisierung der fundamentalsten Wahrheit über Gott und beruht auf der Überzeugung von seinem Handeln in der Schöpfung: dem „Weltgrundgesetz der Liebe“, wie es der Gründer nennt.
Hinweise und Ausführungen über dieses Weltgrundgesetz finden sich an vielen Stellen. Dabei kommt es dem Gründer nicht nur auf die theologische Wahrheit an, dass Gott aus Liebe die Welt geschaffen hat, sondern vielmehr auf die pädagogischen Konsequenzen, dass der Mensch aus dieser Wahrheit leben soll.
Der vorliegende Text ist entnommen dem achten Vortrag der Exerzitien über die „Vollkommene Lebensfreude“, gehalten am Vormittag des 10. Oktober 1934.
Neben der besonderen Wärme und Begeisterung, mit der Pater Kentenich spricht, wäre zum besseren Verständnis des Textes vor allem folgender geschichtlicher Hintergrund zu beachten:
1. Der Vortrag ist gehalten in einer Zeit, in der Predigt und religiöse Unterweisung noch viel stärker moralisierend und auf die Vermeidung von Sünden ausgerichtet waren. Die zweite Hälfte des letzten Jahrhunderts und vor allem das II. Vatikanische Konzil haben in vielen Bereichen der Kirche die Akzente schon sehr deutlich in die Richtung verschoben, in der P. Kentenich schon früher gedacht und gewirkt hat.
2. Im Jahre 1934 stand Deutschland schon unter dem Einfluss des Nationalsozialismus. Eine schwierige Zeit kündigte sich an, eine Verfolgungszeit für die Kirche zeichnete sich schon am Horizont der Geschichte ab. Gerade in dieser Zeit betont Pater Kentenich die „Vollkommene Lebensfreude“ und betont mit Entschiedenheit, dass schwierige Schicksalsschläge nur aus der Grundkraft der Liebe zu bewältigen und Furcht nur aufgrund größerer Liebe zu überwinden sind.
Es dürfte nicht schwer sein, die Grundgedanken des Gründers in unseren augenblicklichen Zeitverhältnissen und dem heutigen Lebensgefühl der Menschen originell zu aktualisieren.

Die Quelle des vorgelegten Textes: Vollkommene Lebensfreude. Priesterexerzitien. Vallendar-Schönstatt 1984, S. 216-243.


Wir haben bisher versucht, erlebnis- und erkenntnismäßig etwas tiefer hineinzuwachsen in das Reich der vollkommenen priesterlichen Lebensfreude. Vielleicht sind wir trotz der ganz starken positiven Einstellung, die uns während dieser Tage begleitet hat, doch auch gleichzeitig tiefer hineingewachsen in den Ernst, die Wucht unseres Erlöserberufes. Das dürfen wir nicht übersehen: Wir können und dürfen und müssen teilnehmen am Erlöser-, am Messiasberuf des Gottmenschen. So verstehen wir dann wohl auch, wie er uns zurufen kann, hinweisend auf sein eigenes Beispiel und Leben: Eine größere Liebe hat niemand, als wenn er sein Leben hingibt für seine Freunde (17)! Daraus folgt für uns – ganz abgesehen von der eigenen Lebenserfahrung und -beobachtung -, dass die höchste Freude immer die Opferfreude ist; daraus folgt aber auch, dass die Quelle der Opferfreude die Opferliebe ist. Und damit stehen wir vor der Pädagogik der Freude.

Haben wir uns bisher eine Psychologie, eine biblisch-liturgische Theologie, eine Philosophie der Freude erarbeitet und dadurch unsern Geist und unser Herz sehnsüchtig eingestellt auf die Frucht der Freude, dann mögen wir um so mehr vorbereitet sein auf die Frage: Wie kommen wir nun zur Freudenerziehung, wie können wir Freudenmeister, Freudenmuster, ja Freudenapostel sein? Der organisch psychologische Zusammenhang ist an sich leicht ersichtlich: Die Quelle der Freude muss in unserer Seele rauschen. Will ich Freudenmeister, Freudenapostel, Freudenkünstler werden, dann muss ich ein Künstler, ein Apostel, ein Meister einer tiefgründigen und hochstrebenden Gottesliebe sein.

So wollen wir von jetzt ab, in ähnlicher Weise wie bisher, tiefer, innerlicher und aufrichtiger ringen um einen hohen Grad der Gottesliebe. Weil wir aber auch gleichzeitig unsere Aufgabe darin sehen, in der heutigen so stark ideenhaft aufgewühlten Zeit ideenmäßig und gedanklich Klarheit zu schaffen über all die Fragen, die heute aktuell sind, deren Lösung für unsere apostolische und pastorale Arbeit, auch für die Arbeit am eigenen Herzen, von großer Bedeutung ist, und um zu diesen Fragen Stellung zu nehmen, so wollen Sie es mir gestatten, dass ich Ihnen die Quelle der Freude in einem ganz modernen Zusammenhang zeige: die Gottesliebe als das urgewaltige, grandiose Weltgrundgesetz.

Wenn wir schon allein das Wort hören, ahnen wir, dass wir hier eine Behauptung vor uns haben, die von tiefgreifender praktischer und theoretischer Bedeutung ist. Wenn ich mich wirklich auf den Boden des Weltgrundgesetzes stelle, dann müssen mir die schweren und schwersten Probleme, die heute die Menschenherzen und die Geister durcheinanderbringen, leicht und sicher als gelöst erscheinen.

Ich weise nur auf die ernste, verwirrende Frage hin: Woher kommt es, dass die Schlechten, die Lügnerischen triumphieren und die Wahrhaften, die Schlichten, die Gottesgetreuen unterliegen? Wo ist die letzte Antwort zu finden? Woher kommt es denn, dass wir so riesig viel ernste, schwere Schicksalsschläge, Hammerschläge auszuhalten haben? Haben wir es verdient und wie haben wir es verdient? Was will Gott mit all diesen Dingen? Die Antwort? Wir werden sie leicht geben können, wenn wir aus ganzer Seele die Behauptung erfassen: die Gottesliebe ist das Weltgrundgesetz.

Ja weiter: Nicht nur theoretische Bedeutung hat dieses Gesetz, es hat ganz tiefreichende praktische Bedeutung. Sie werden das auch ahnen. Wer sich wirklich mit ganzer Seele auf den Boden dieses Gesetzes stellen kann, hat damit den Grundpfeiler seiner Lebensgestaltung, seiner Lebensauffassung und Lebensformung vor sich. Und es mag sein, dass wir am Ende des Kurses das Gefühl und das Bewusstsein haben, als wäre in unserer Seele etwas in Umformung begriffen.

Das ist für mich auch in diesem Jahr mit das schönste Ziel des Kurses, Sie nicht nur hinausgehen zu lassen mit einer Menge neugefärbter und klarer Gedanken, sondern mit dem Anfang der Umformung des Lebensgefühls. Unser Lebensgefühl muss umgeformt werden! Ich wende mich da besonders an die Herren, die schon Jahr für Jahr hergekommen sind, denen es aber nicht glückt, dass sie eine Wende in der Seele schaffen.

So mögen Sie es verstehen, wenn wir uns bemühen, dieses Weltgrundgesetz sachlich möglichst exakt und klar darzustellen, methodisch aber Stufe um Stufe emporzusteigen.

Um möglichst klar zu sprechen, gleich die Disposition. Wir bleiben den Linien am Anfang treu und bemühen uns um ein Doppeltes: erstens eine allgemeine Einfühlung in dieses große Weltgrundgesetz. Ist diese allgemeine Einfühlung zur Genüge getätigt, dann fangen wir (zweitens) an, das Weltgrundgesetz gedanklich und glaubensmäßig zu durchdringen. Es handelt sich hier nicht um eine Begründung des Weltgrundgesetzes, sondern bloß um eine Erklärung und infolgedessen um eine Vorbereitung des seelischen Bodens für die allgemeine Einführung.

Was will denn die Frage: Was ist das Weltgrundgesetz? Der liebe Gott hat für alles, was er tut, einen Grund. Wir suchen nun nach diesem Grund, der ihn etwa angetrieben hat, die Welt zu schaffen, zu regieren, zu führen, zu erlösen. So viele Fragen, die uns heute so ganz praktisch auf den Leib zugeschnitten sind, die so viele Schwierigkeiten und Krisen bereiten können – selbst uns, nicht nur dem Volk-, die wollen hier alle berührt und durchgesehen werden, zurückgeführt werden auf den Grund, der den lieben Gott bewogen hat, so oder so zu handeln. Weshalb hat er die Welt geschaffen, oder weshalb lässt er jenes zu, weshalb dieses, weshalb das?

Aber wir fragen nicht nur nach dem eigengesetzlichen Grund, sondern nach dem Weltgrundgesetz, nach dem Urgrund, nach dem letzten Grund all dieser Gesetze. Wir können verhältnismäßig leicht für alles Weltgeschehen mehr oder weniger einen Grund angeben. Woher kommt zum Beispiel der Wechsel der Jahreszeiten? Oder wir können leicht sagen: Warum hat Gott Schicksalsschläge geschickt? Ich fühle es aus dem Leben meiner Familie: Das oder jenes mag der Grund gewesen sein, weshalb Gott das direkt gewollt hat. Nach diesen zweit- oder drittletzten Gründen fragen wir nicht. Wir fragen nach dem Weltgrundgesetz, dem Urgrund aller Gründe in Gott, der ihn bewogen hat, so oder so zu handeln, das oder jenes zu unterlassen. Wo ist der letzte Beweggrund, der in Gott alles andere, was er tut oder unterlässt, in Bewegung setzt? Wo ist in Gott der Punkt, der zuletzt und zutiefst erst eine Theodizee möglich macht? Theodizee ist ja, von uns aus gesehen, weiter nichts als eine Rechtfertigung Gottes. Wo ist der Punkt, von dem aus es uns leicht wird, Gott zu rechtfertigen? Ich spreche vom menschlichen Standpunkt! Weshalb die großen Krisen unter den Völkern und Nationen? Woher die bolschewistische Gefahr in der ganzen Welt? Das ist die Frage nach dem Weltgrundgesetz.

Und die Antwort, die wir geben können und dürfen, heißt: Das Weltgrundgesetz ist die Liebe.

Muss ich nochmals daran erinnern: Sie wollen nicht von mir erwarten, dass ich das jetzt beweise. Das tue ich später. Jetzt kläre und erkläre ich nur. Das Weltgrundgesetz ist die Gottesliebe. Wägen Sie das Wort! Das kann erstens heißen: Liebe Gottes zu mir, zweitens meine Liebe zu Gott!

Da haben wir es schon, die zwei wesentlichen Seiten des Weltgrundgesetzes. Das Weltgrundgesetz kennt eine göttliche und kennt eine menschliche Seite. Und hüben und drüben, sowohl die göttliche als auch die menschliche Seite, wird dirigiert von einem Dreigestirn: Alles aus Liebe, alles durch Liebe, alles für Liebe.

Die göttliche Seite: Weshalb hat Gott alles getan? Wenden Sie es sofort an auf die kleinste Arbeit des Tages: Alles aus Liebe, alles durch Liebe, alles für Liebe. Was folgt daraus für die menschliche Seite des Weltgrundgesetzes? Was folgt für mich? Für die Selbst- und für die Fremderziehung? Dasselbe: Alles aus Liebe, alles durch Liebe, alles für Liebe.

Sehen Sie bitte den wundersamen geschlossenen Reif, den Strom der Liebe, der durch den Himmel und durch die Menschen und durch die Welt fließt und flutet! Lassen Sie mich vergleichen: Da haben wir das Wasser; es verdunstet, nachdem es in das Meer geflossen ist, steigt in die Wolken und fließt wieder als Regen auf die Erde. Da haben wir den großen, urgewaltigen Wasserstrom, der die Welt durchzieht. So können wir auch sprechen von einem urgewaltigen Lebens- und Liebesstrom, der Gott und Menschen und Welt miteinander verbindet und ständig in Verbindung hält.

Betrachten wir die göttliche Seite des Weltgrundgesetzes: „aus Liebe“. Was ist das Weltgrundgesetz? Die Antwort: Das ist die Gottesliebe.

Wollen Sie den Gedanken sofort in größere Zusammenhänge stellen? Ich darf zunächst einen anderen, leichter verständlichen Ausdruck für ‚Gottesliebe’ gebrauchen. Wenn ich Ihnen sage: das ist der Verschenkungswille Gottes, das ist der Mitteilungswille Gottes – verstehen Sie dann, was ich damit sagen will? Ich sage absichtlich nicht: der Verschenkungstrieb, der Mitteilungstrieb. Hier klänge zu stark eine Abhängigkeit Gottes mit. Das ist nicht triebhaft. Bei Gott ist alles bewusster Wille, klares, selbständiges, innerliches freies Wollen. Deswegen auch hier Gottes Liebe als Mitteilungswille, als Verschenkungswille. Scheeben weist darauf hin, dass in Gott der Trieb zum Schenken so elementar sei, dass er nicht mehr Widerstand leisten könne. Hier ist eine Wahrheit gesehen, wenn auch überspitzt hervorgehoben. Ich darf es wörtlich so nicht annehmen, weil Gott dadurch seine souveräne Freiheit verlieren würde.

So halten wir fest: Weltgrundgesetz ist der Mitteilungswille Gottes. Sie mögen vielleicht die Dinge etwas durchbeten und so die Worte ein wenig durchdenken. Sonst greifen die Worte mit ihrem Inhalt nicht mehr in unser Seelenleben. Gott wirkt alles aus Liebe will heißen, alles aus dem Mitteilungswillen, aus dem Verschenkungswillen; alles aus Liebe, alles durch Liebe, alles für Liebe.

Erster Teil: Alles aus Liebe

Was heißt das, alles aus Liebe? Ich will jetzt den Ausdruck Liebe gebrauchen, damit wir schneller zum Ziel kommen. Causa motiva efficiens (18) all dessen, was Gott tut, ist seine Liebe. Ich glaube, das muss ich jetzt deutlicher sagen: Ich muss sagen, das Hauptmotiv, das Weltgrundgesetz bei allem Weltgeschehen – bei der Weltschöpfung, Welterlösung, Weltregierung und wie das alles heißen mag – ist Gottes Liebe. Es gibt auch Nebenmotive, die ihn bewegen und begleiten. Das ist seine Gerechtigkeit und seine Allmacht. Wir sagen dafür: sein schöpferischer Gestaltungswille und sein Gerechtigkeitssinn. Wenn ich sage, das Weltgrundgesetz von Gott aus gesehen heißt »alles aus Liebe«, dann heißt das: Der Hauptbeweggrund ist die Liebe, Nebenbeweggründe mögen andere sein.

Wenn Sie sich so ein klein wenig mit der modernen religiösen Kulturströmung auseinandergesetzt haben, so finden Sie, dass Kierkegaard seinerzeit in seinen Untersuchungen für das, was ich so schlicht formte, andere Ausdrücke gefunden hat. In Gott gibt es verschiedene Beweggründe für seine Tätigkeit. Es sind deren drei: der ästhetische Beweggrund, der ethische Beweggrund, der religiöse Beweggrund.

Der ästhetische Beweggrund: Hier ist der schöpferische Gestaltungswille wirksam. Der Künstler hat einen starken Gestaltungswillen. Der ästhetische Beweggrund in Gott ist der Gestaltungswille. Der ethische Beweggrund ist sein Gerechtigkeitssinn. Der religiöse Beweggrund, das ist die Liebe.

Schauen Sie bitte einmal, wie diese Gedankengänge an eine Untersuchung anklingen, die der heilige Bernhard angestellt hat. Die Betrachtung würde drei Grade kennen: Erstens admiratio divinae maiestatis, Bewunderung der Majestät Gottes, seines schöpferischen Gestaltungswillens. Zweitens: Betrachtung der Wohltaten, der Liebe Gottes. Drittens admiratio iustitiae divinae, Betrachtung der Gerechtigkeit Gottes, seines Gerechtigkeitssinnes.

Ob wir uns damit schon ein wenig in den Gedankenkomplex eingefühlt haben? Ich darf also sagen: Es ist klar, dass Gott bei allem, was er tut, auch als Nebenmotive das Ästhetische und das Ethische kennt. Aber diese dürfen nicht als das Zentralmotiv aufgefasst werden, nicht als das Weltgrundgesetz.

Gehen Sie die Gedanken ein wenig durch! Denken Sie an das ästhetische Motiv, an den schöpferischen Gestaltungswillen Gottes. Ist es nicht selbstverständlich für den, der die Welt nur ein klein wenig mit offenen Augen betrachtet, der für die wundersamen Naturerscheinungen ein wenig aufgeschlossen ist, für die Ordnung, die Gott eingebaut hat in seine Kreatur, der sieht, wie er alles geschaffen hat, wie viel Schönheit Gott ausgegossen hat; ist es nicht selbstverständlich, dass ein solcher Mensch zum Schluss kommt: Der das tut, muss zweifellos einen außerordentlich starken, schöpferischen Gestaltungswillen, einen außerordentlich starken Schönheitssinn haben?

Denken Sie an den Ausdruck: Zeus spielt. Er meint den Spieltrieb, den Gestaltungstrieb Gottes. Und weil Gott spielt, wirft er die Herrlichkeiten in das Universum. Lesen Sie im Buch der Weisheit: Ehe denn die Welt war, spielte sie schon vor Gott. Es spielten die Menschen vor Gottes Antlitz, ehe die Dinge waren. (19)

Es darf also wohl angenommen werden, dass bei der schöpferischen Gestaltungswirksamkeit Gottes auch der ästhetische Wille mittätig gewesen ist, sagen wir der Künstler in ihm. Aber Weltgrundgesetz kann das ästhetische Motiv nicht sein. Weshalb? Wie sollten wir sonst Kreuz und Leid und Unrecht erklären! Es sei denn, wir würden behaupten, der liebe Gott hätte ohne jegliches Verantwortungsbewusstsein einfach gespielt, hätte seinen schöpferischen Gestaltungswillen einfach spielen lassen ohne Rücksicht auf Wirkung und Ziel. Das anzunehmen widerspricht meinem eigenen persönlichen Gefühl. Wer unter uns würde annehmen, dass ein Mensch so handeln würde! Um wie viel weniger dürfen wir das bei Gott annehmen! – Neben-, Begleitmotiv ist das ästhetische Motiv, aber nicht Zentralmotiv.

Nehmen Sie den Gerechtigkeitssinn Gottes, das ethische Motiv. Gott ist zweifellos der Gerechte. Das sehen wir sehr leicht in allem Weltgeschehen vor allem da, wo Gott strafend in das Geschehen eingreift. Strafe, Schuld, Sühne, all diese Dinge können wir leicht erklären, wenn wir den Gerechtigkeitssinn Gottes als Weltgrundgesetz anerkennen würden. Wenigstens darf ich also erklären: Gerechtigkeitssinn ist zweifellos Begleitmotiv, mitwirksam bei Weltregierung und Welterlösung. Aber dürfen wir die Gerechtigkeit auffassen als Weltgrundgesetz, als letzten Grund in allem Handeln, Denken und Wollen in Gott?

Darf ich drei Antworten geben?

Erstens, das wäre Gottes nicht würdig. Um das Wort in seiner Tragweite zu erklären, um es wertgesättigt zu machen, müsste ich zurückgreifen auf Immanuel Kant, der diese Ansicht so überaus stark vertritt. Wo diese Auffassung extrem vertreten wird, wie müssten wir uns da Gott vorstellen? Da stünde Gott vor uns, ständig auf seine Ehre bedacht! Er hat nur eines als letztes Ziel: Er macht Gesetze und ist eifersüchtig darauf bedacht, dass nur ja kein kleinstes Gesetz übertreten wird. Ständig steht er da mit der Erziehermiene, mit der Peitsche in der Hand. Und das ist Gottes unwürdig. Ich will nicht beweisen, nur klären und erklären.

Zweitens, die Dinge würden ihre Eigengesetzlichkeit verlieren: Denken Sie an die Bäume, die Pflanzen, die Tiere und Menschen. All diese Dinge würden ihre Eigengesetzlichkeit verlieren, wenn die Gerechtigkeit bis zum äußersten Weltgrundgesetz wäre.

Drittens, ich darf an die große Gefahr erinnern, der die Menschheit seit Jahrhunderten schon zum Opfer gefallen ist. Wenn Gott dasteht und den Menschen zur sittlichen Autonomie erziehen will, sodass ich eine gesunde Art habe, eine tiefgehende reife Persönlichkeit bin, ist das recht. Aber wenn das zugespitzt wird, wie es in der Literatur geschehen ist, so ist die Gefahr groß, dass es Gott verboten wird, in die Welt hineinzuregieren. Er wird in die Ecke bugsiert: So, da bleibe, wir haben unsere eigenen Gesetze und möchten sie selber gestalten! (20)

Deswegen wollen wir die Liebe festhalten.

Ich weiß, dass ich die Probleme bloß angerührt habe, aber mehr brauche ich ja auch nicht. Was ist die Liebe? Weltgrundgesetz! Das Letzte ist nicht die Gerechtigkeit, der Gestaltungswille Gottes, das Letzte und Tiefste für alles Weltgeschehen, für alle Erlösung und Weltregierung ist die Liebe Gottes. Die Liebe inspiriert die Gerechtigkeit und den Gestaltungswillen.

Wissen Sie, weshalb wir jetzt so stark auf diese Dinge achtgeben müssen? Das sind die Probleme der heutigen Zeit. Den Gestaltungswillen können wir nachher fallen lassen; darum ringen wir nicht. Das Problem der heutigen Zeit ist das: Ist Gott primär der gerechte oder der gütige Gott? Wir müssen heute unser Volk immunisieren gegen die kranken Zeitströmungen. Deshalb für alles in der Dogmatik und in der Philosophie den Grund suchen! Eine entgegengesetzte Geistesbewegung schaffen! Nicht Massenbewegung mit Massenbewegung beantworten, sondern geistige Strömungen schaffen! Dafür müssen wir uns aber selbst umorientieren, ein anderes Lebensgefühl uns erwerben, um andere Formen ringen.

So steht das Letzte und Tiefste von Gott aus vor mir, das Weltgrundgesetz. Alles, was Gott tut – Krieg, Revolution, alles, was wir kennen -: das Letzte ist seine Liebe. Ich denke an mich. Wo ist das Leid, das mich niederdrücken will? Die Schicksalsschläge, wo kommen sie letztlich her? Wir dürfen nicht gleich auf praktische Dinge schauen. Jetzt heißt es nur, sich zu überzeugen: die göttliche Liebe ist wirklich das Weltgrundgesetz! Was ist die Wirkung? Wenn ich davon überzeugt bin, habe ich die Lösung aller Rätsel. Wenn ich es nur ideenmäßig habe, schwingt mein inneres Leben nicht mit.

Da haben Sie den ersten Teil: Alles aus Liebe.

Der zweite Teil: Alles für Liebe – causa finalis (21). Welchen Zweck verfolgt Gott mit allem, was er tut und zulässt, wie er die Welt geschaffen hat, in der Art seiner Regierung? Alles für die Liebesvereinigung mit ihm! Sie merken, es ist eine ganz einheitliche Auffassung, um die wir ringen. Sonst sagt man: für die Verherrlichung Gottes (22). Hier haben Sie das Weltgrundgesetz als klare Linie durchgezogen. Liebe ist Anfang, Liebe ist Mitte und Liebe ist Ende. Das Ziel Gottes: Liebesvereinigung mit uns! Er liebt sich und will sich mit uns in Liebe vereinigt wissen. Das heißt: Wenn ich so in Liebe mit Gott verbunden bin, ist es für ihn die höchste Ehre und für mich die höchste Beseligung. Wir müssen alles durchdenken von dem Gesichtspunkt der Liebe. Alles für die tiefgehende und tiefgreifende Liebesvereinigung mit ihm; für seine Liebesvereinigung mit uns.

Dritter Teil: Alles durch Liebe. Wie will der liebe Gott uns zu dieser tiefgehenden Liebesvereinigung mit sich bringen? Durch Liebeserweise; durch anschauliche, greifbare, große, gigantische Liebeserweise. Sie müssen heraushören: das Wort »Liebe« bekommt, je nachdem es gebraucht wird, einen etwas umakzentuierten Inhalt.

Die göttliche Seite des Weltgrundgesetzes: Alles aus Liebe, alles durch Liebe, alles für Liebe. Wir sehen den großen Liebesstrom.

Jetzt sehen wir uns auch gemeinsam einmal die menschliche Seite des Weltgrundgesetzes an. Wenn das Weltgrundgesetz für Gott bestimmend ist, muss es auch für mich bestimmend sein. Wie muss ich denken und lieben? Auch in meinem Leben muss das Dreigestirn immer klar und hell vor mir stehen: Alles aus Liebe, alles durch Liebe, alles für Liebe.

Alles aus Liebe! Der Hauptbeweggrund in meinem ganzen Handeln und Tun ist die Gottesliebe. Der Hauptbeweggrund! Das schließt aber nicht aus, dass auch andere Motive dabei mitklingen und mitschwingen. Es kann die Furcht vor Gott mitschwingen: Gott ist der Gerechte. Die Dankbarkeit gegen Gott: Gott ist auch der große Schöpfergott, der mich mit Wohltaten überhäuft hat. Aber überlegen Sie: Wenn das alles stimmt, was ich in die Formel gegossen habe »Weltgrundgesetz«, dann muss ich es nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch in meinem Leben tätigen. Das Zentralmotiv muss wirkliche Gottesliebe sein. Das ist die Dominante. Alles andere muss mehr oder weniger zurücktreten. Es darf wohl da sein, darf aber nicht Zentralmotiv sein.

Wollen Sie nicht in Ihr eigenes Leben hineinschauen und sich einmal fragen: ist Gott und die Gottesliebe in meinem Leben wirklich der Hauptbeweggrund all meinen Handlungen? Und wenn Sie das auch sagen, werde ich Ihnen schroff die Antwort geben: Ich glaube Ihnen nicht, dass Sie viele strebsame Menschen kennen, die mit Bestimmtheit sagen: In meinem Leben ist die Liebe das Zentralmotiv!

Wenn Sie mir bitte ein paar ganz schroffe Ausdrücke gestatten – und ich meine, das müssen Sie, weil es mir darauf ankommt, unser ganzes Lebensgefühl mit der Zeit stärker umzuformen -, so kann ich sagen: Was bin ich in meinem Verhältnis Gott gegenüber? Ich bin ein Gottesgeschöpf, ein Gotteskind, ein Gottessklave – nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich zur Steigerung noch einen schrofferen Ausdruck gebrauche -, ich bin ein Gotteshund. Was ist die Haltung des heutigen Christen dem lieben Gott gegenüber? Lebt nicht die allergrößte Anzahl, auch von strebsamen Christen – vielleicht können wir uns selbst nicht einmal ausnehmen – so, als wäre das Weltgrundgesetz die Gerechtigkeit? Sie müssen hier länger stehen bleiben, nicht nur nein oder ja sagen! Sie müssen Ihren ganzen Erfahrungskreis fragen. Leben sie nicht praktisch, selbst wenn man anders spricht, so, als wäre die Gerechtigkeit das Weltgrundgesetz? Ist in meinem Leben die Furcht vor Gott auch das Weltgrundgesetz? Hören Sie einmal die Skala der Ausdrücke: Gottes Kind, Gottes Geschöpf, Gottes Sklave, Gottes Hund. Wie viele fühlen sich heute von Gott behandelt wie ein verprügelter oder zu verprügelnder Hund! Gehen Sie durch die Reihen unserer Gläubigen! Darf ich Ihnen für Ihr Denken, für Ihr Überprüfen ein paar Hinweise geben?

Sie schauen in das Leben unserer Kinder. Woher kommt es, dass so riesig viele Erzieher, wenn sie nicht mehr vorwärts kommen und den Kindern hilflos gegenüberstehen, kein besseres Mittel kennen, als den lieben Gott als den Prügelmeister, den Höllenhund zu zeigen? Ist das praktische Leben nicht so, wo überhaupt noch religiös erzogen wird? In vielen Gegenden und Familien ist es überhaupt nicht mehr der Fall, dass erzogen wird. Aber wo es geschieht, wie oft drohen die Eltern, wenn sie selbst nicht mehr zum Ziel kommen, mit dem großen Wauwau Gott! Die Dinge müssen Sie ruhig überlegen, weil es sich nicht nur darum handelt, selbst innerlich umgeformt zu werden, sondern Sie müssen auch die große Aufgabe vor sich sehen: Wir müssen einen Idealstaat schaffen nach dem Wort des heiligen Augustinus: Utamur haereticis… (23) Was will Gott von uns? Uns immunisieren gegen die Zeitirrtümer!

Wo liegt der Grund für diese Erscheinungen? Ich nenne einen psychologischen und einen theolo­gi­schen Grund.

Der psychologische Grund. Vielleicht sind wir alle dem Irrtum verfallen, dass wir annehmen, der wesentliche Urtrieb in der menschlichen Natur sei die Furcht. Demgegenüber behaupte ich aber – und das ist die wesentliche Konsequenz und Folgerung aus dem Weltgrundgesetz -, dass der wesentliche Urtrieb in der menschlichen Natur nicht die Furcht, sondern die Liebe ist. Ich habe das Bewusstsein: wenn ich die Furcht des Menschen gepackt habe, dann habe ich den Menschen. Ist nicht wahr! Der Urtrieb ist die Liebe! Und weil wir von dem Gedanken zehren: Haben die Menschen Angst, dann habe ich sie – deshalb handeln wir auch danach. Urtrieb ist nicht Furcht, sondern Liebe!

Wo liegt der theologische Grund, dass so viele Eltern ihre Kinder so behandeln? Weil sie einen ver­kehrten Vaterbegriff, einen verkehrten Gottesbegriff haben. Wo liegt das Verkehrte? Weltgrundgesetz ist ihrer Ansicht nach die Gerechtigkeit, nicht die Liebe.

Merken Sie, von welcher Bedeutung unsere Überlegungen sind? Die wollen nicht so einfach von der Hand gewiesen werden. Wir dürfen nicht sagen: Wir wollen den lieben Gott ein wenig lieben – nein, wir müssen unser Lebensgefühl umformen und daraus auch unserem Volk helfen, dass es in vielen Dingen eine andere Auffassung bekommt, die es fähig macht, die Irrtümer der heutigen Zeit von innen heraus zu überwinden und so das Leben zu meistern.

Ein paar andere Hinweise, die Sie leicht vermehren können. Hatten wir nicht in vielen Epochen unseres Lebens – vielleicht habe ich sie zum großen Teil auch heute noch – diese Einstellung: wenn Gott mir ein Leid irgendwelcher Art schickt, dann lautet, sofern ich nicht abgestumpft bin, die erste Frage: Wie habe ich das verdient? Was klingt hier mit? Weltgrundgesetz ist die Gerechtigkeit. Da steht er oben, der gerechte Gott; jetzt hat er mich wieder und kann mich peitschen, soviel er will. Das mag zwar beim einzelnen nicht haarscharf zutreffen, aber die Richtung geht da hin.

Oder, wenn wir ein feines Gewissen haben, gefehlt und gesündigt haben: Woher kommt es, dass bei strebsamen Naturen nach Fehlern und Sünden dieses Zusammengeklapptsein Gott gegenüber monate- und jahrelang dauert? Ich liege in der Ecke und komme nicht mehr zu Atem. Woher kommt das? Wie viel steckt von dieser Auffassung in unserem Gemüt! Vorübergehend ist das gesund, aber wenn es zu lange dauert, dann ist es, bewusst oder unbewusst, unsere eingefleischte Überzeugung: Das Weltgrundgesetz, von Gott aus gesehen, ist die Gerechtigkeit; von uns aus ist es die Furcht vor Gott. Wir können nicht mehr nach oben, wir bleiben unten hängen.

Rückschauend auf den ersten Teil wissen Sie: Wer sich so lange der zitternden und hündischen Furcht vor Gott hingibt, sucht sich irgendwie durch Leistungen und Erfolg zu bestätigen. Mir scheint, dass der liebe Gott durch die heutige Häresie uns helfen will, wieder einen klaren, reinen Gottesbegriff zu bekommen. Es handelt sich nun darum, den Willen Gottes schnell zu sehen. Schimpfen löst die Probleme nicht; das dürfen wir, wenn wir allein sind. Aber darüber hinaus heißt es, gemeinsame Arbeit leisten, zumal auf Konferenzen! Was können wir tun? Wir stehen der Welt nicht hilflos gegenüber. Nur hören müssen wir: Was will Gott? Gott will, dass wir ihn geistiger auffassen, alle tiefer als Gesamtheit hineinwachsen in das ganz große Weltgrundgesetz der Gottesliebe.

Und wenn wir gebeichtet haben, wie oft kommt dann der Gedanke: Ob die Sünden auch verziehen sind? Woher kommt das? Das mag vorübergehend in Erscheinung treten; aber wenn eine religiöse Natur nicht darüber hinauskommt, immer wieder dasselbe beichtet, ist dann nicht erlebnismäßig die Überzeugung in Fleisch und Blut übergegangen: die göttliche Seite des Weltgrundgesetzes ist die Gerechtigkeit, von mir aus die Furcht?

Woher kommt das?

Der psychologische Grund. Das mag eine eigene naturhafte Anlage nach der Richtung sein. Der psychologische Grund weist auch darauf hin, dass diese Anlage in den meisten Fällen außerordentlich verstärkt worden ist durch ein einseitiges Vatererlebnis. Ich darf Sie wirklich bitten, Ihre eigene pastorale Erfahrung zu überprüfen: wenn Sie Vorträge halten, wenn Sie im Beichtstuhl sind oder wenn Sie Exerzitien und Missionen zu halten haben und Sie Menschen vor sich haben, die über Gott als den strengen Richter nicht hinauskommen; wenn Sie Menschen vor sich haben, die mit dem Begriff Vatergott nichts anzufangen wissen.

Halten Sie bitte fest: die Schwierigkeiten der heutigen Zeit liegen meist im Gemüt, nicht im Verstand. Die Menschen haben nicht einen verkehrten Vaterbegriff, sondern ein verkehrtes Vatererlebnis. Was das heißt? Das junge Menschenkind ist ein zartes Gebilde, und wenn empfindungsmäßig durch überaus harte Behandlung des Vaters das Vatererlebnis so gefärbt ist, dann fällt es schwer, das Vatererlebnis in dieser schwarzen Färbung später wieder etwas weiß werden zu lassen, das Bild von dem gerechten Vater als dem primären in das Bild des gütigen Vaters umzuwandeln. Wenn wir nicht bewusst unsere ganze Volkserziehung darauf einstellen, glückt es nur in wenigen Fällen.

Und der theologische Grund? Der einseitige Vaterbegriff. Was werden wir für eine Unsumme von Arbeit haben, schon bei uns selbst, und wieviel mehr beim Volk, bis wir es wieder eingestellt haben auf das Bewusstsein: Weltgrundgesetz ist die Liebe! Das ist der Vatergott! Fürchten Sie nicht, dass damit einem weichlichen Gottesbegriff das Wort geredet wird. Wenn der Zentralbeweggrund die Liebe ist, dann klingt mit: Ich darf Scheu vor Gott haben, aber es darf nicht hündische Scheu sein.

Darf ich zusammenfassen? Ich will es absichtlich etwas schroff zuspitzen. Wie ist vielfach unser Gottesbegriff? Gott steht vor uns in schauererregender Majestät, als der Deus tremendae maiestatis, der furchtbare Gott, der auf Sion Wut schnaubt unter Blitz und Donner, der das einzige Bestreben hat, Gesetze zu machen und uns zu überwachen, dass sie bis ins einzelnste erfüllt werden. Wehe, wenn es nicht bis ins einzelnste erfüllt wird! Dann zeigt er die kalte Schulter, wirft sein Volk von sich. Denken Sie nur, wie wir vielfach leben. Der kleinste Fehler, und schon wieder das Bewusstsein: Gott mag mich nicht mehr. Und erst die Ordensleute! Die haben es erst recht schwer mit unserm Herrgott. Da ist er nicht zufrieden mit den gewöhnlichen Gesetzen, da hat er noch eine ganze Welt von kleinen und kleinsten Gesetzen ersonnen, und wehe, wenn sie es nicht fertigbringen, wehe, was mit ihnen noch werden wird! Und wenn sie ihm hier entschlüpfen, in der Ewigkeit kriegt er sie doch, im Fegfeuer oder in der Hölle. Aber wir können doch beichten! Aber ob es stimmt? Darum jetzt nochmals und nochmals gebeichtet!

Das ist schroff ausgedrückt, aber ist nicht nach der Richtung unser religiöses Lebensgefühl einge­stellt?

Haben wir da nicht eine große Aufgabe? So müssen wir die Zeitaufgabe sehen, so unsere Umformung, die uns zuteil werden soll. Nicht nur politisieren und schimpfen! Führen wir unserem Volk einen Gottesbegriff zu, wie Gott ihn niedergelegt hat in der Heiligen Schrift und ihn den heutigen Zeitverhältnissen abverlangt!

Da haben Sie den einen Teil, die eine menschliche Seite: Alles aus Liebe.

Zweitens, alles für Liebe. Ich soll alles tun und unterlassen, um zu einer tiefen und innigen Liebesvereinigung mit Gott zu gelangen, hier auf Erden und endlich dort oben in der visio beata.

Drittens, alles durch Liebe. Wodurch will ich das erreichen? Durch eine starke Liebesbewegung. Wodurch will ich tiefer hineinkommen zur Gottinnigkeit, so dass mein ganzes Handeln ständig getragen wird von der Liebe, nicht so sehr von der Gerechtigkeit? Sehen Sie, die Menschen, die sich Gesetze gemacht oder bekommen haben und in einer religiösen Gemeinschaft sind! Kennen Sie nicht solche Menschen – wenn ich es einmal schroff ausdrücken darf -, die nur die einzige Lebensaufgabe haben, den ganzen Tag Regeln halten? Das hat wohl einen tiefen Sinn, aber eben nur im Zusammenhang: Es gibt mehr als die Gerechtigkeit, die nur sagt: es ist vorgeschrieben! Es muss alles im Hintergrund das Zentralmotiv der Liebe haben! Die Liebe will helfen, dass die einzelnen Punkte, die mir vorgeschrieben sind, aus dem Motiv der Liebe getätigt werden. Ich will nicht sagen »ich liebe«, und dann doch aus einem anderen Motiv handeln. Die Liebe drängt und inspiriert in mir die Gerechtigkeit, die Furcht, die Abhängigkeit. Sie merken, was wir sagen wollen: Weltgrund­gesetz!

So steht das Weltgrundgesetz in der allgemeinen Einstimmung vor uns. Die göttliche Seite: Alles aus Liebe, alles durch Liebe, alles für Liebe! Die menschliche Seite: Alles aus Liebe, alles durch Liebe, alles für Liebe!

Andere Ausdrücke, die die göttliche Seite mehr volkstümlich ausdrücken: Gott ist Vater, Gott ist gut, gut ist alles, was er tut. Das ist das Weltgrundgesetz von der göttlichen Seite her. Wenn das eine uns glückt, unser Volk und uns selbst tiefinnerlich zu überzeugen von dieser Wahrheit, dann mögen Schicksalsschläge auf Schicksalsschläge auf uns niederprasseln, wir sind immunisiert. Gott ist Vater, Gott ist gut, gut ist alles, was er tut.

Und die menschliche Seite? Wenn ich einen paulinischen Ausdruck hersetzen soll: Denen, die Gott lieben, gereichen alle Dinge zum Besten (24). Wenn es richtig ist, so habe ich in der heutigen ernsten Zeit nur ein einziges zu tun: Gott gern haben.

Nehmen Sie wieder andere Ausdrücke. Es ist ein Ausdruck des heiligen Franz von Sales. Er meint einmal bei Gelegenheit: In der Kirche geschieht alles aus Liebe, alles durch Liebe, alles für Liebe (25).

Oder, wieder in anderer Form, mehr die menschliche Seite: Wie der Leib für die Seele, so ist die Seele für die Liebe da (26). Wissen Sie, was das heißt? Der Urtrieb meiner Seele ist die Liebe. Die Schwerkraft meiner Seele ist die Liebe (27). Und wenn Sie den einen Gedanken schon klar haben: Der Urtrieb ist nicht die Furcht, sondern die Liebe – dann garantiere ich Ihnen: unsere ganze Seelsorge würde revolutioniert werden.

Das mag genügen. Somit haben wir uns in allgemeinen Umrissen in das Weltgrundgesetz, die Gottesliebe, eingeführt. Vergessen Sie aber bitte nicht, zu beten, damit wir die Dinge klar sehen. Aber auch beten, dass unser Lebensgefühl etwas umgestaltet werde, denn wir sind alle, mehr als wir wissen, von einer andern Form des Lebens erfasst. Wenn unser Lebensgefühl aber umgestaltet ist, dann fällt es uns leicht, die Frohbotschaft von Gott in gottgefälliger und gottwohlgefalliger Weise besser zu verkünden.


Schönstatt-Lexikon Online: Liebe

(17) Joh 15,13
(18) Die Wirkursache
(19) vgl. Spr 8,22-31
(20) Dieses Verständnis von Gott nennt man Deismus
(21) Zielursache
(22) Vgl. das benediktinische Motto „Ut in omnibus glorificetur Deus – Auf dass in allem Gott verherrlicht werde“ (1 Petr 4,11) und das jesuitische Motto „Omnia ad maiorem Dei gloriam – Alles zur größeren Ehre (Verherrlichung) Gottes“.
(23) Benützen wir die Häretiker…, um dadurch umso klarer und deutlicher die wahre Lehre heraus zu arbeiten.
(24) Röm 8,28: Wir wissen, dass Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt, bei denen, die nach seinem ewigen Plan berufen sind.
(25) „Alles gehört der Liebe, alles liegt in der Liebe, alles ist für die Liebe, alles ist aus Liebe in der heiligen Kirche.“ (Theotimus, Vorwort, I; Werke III, 36.)
(26) Vgl. Theotimus II, 22, 5 und 6; Werke III, 159 und 160: „So wie unsere Seele, die zwar dem Körper das Leben gibt, aber in ihm nicht ihren Ursprung hat, sondern kraft Gottes natürlicher Vorsehung unserem Körper eingegossen wird, so entstammt auch die Liebe, die unserem Herzen Leben spendet, nicht diesem, sondern strömt in unser Herz als himmlische Gabe“. „Ist aber die Seele zugleich mit ihrem Leib eine Welt im Kleinen, so ist die Liebe die Sonne, die alles schmückt, alles erwärmt und alles belebt. „
(27) Augustinus, Conf. XIII,9 (PL 32, 848): pondus meum amor meus – meine Schwerkraft ist meine Liebe.

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