KR-2 DE 37

37. Baustelle Heiligtum

In den drei Jahren nach dem Exil ist der Begriff „Baustelle Heiligtum“ bei Pater Kentenich ein Fachausdruck geworden, wohl angeregt durch eine Strömung der Bundesschwestern beim Bau ihres Heiligtums. Auf die Gründungsgeschichte Schönstatts und auf sein eigenes Leben zurückblickend konnte er feststellen, wie sich die „Kontaktstelle Heiligtum“ zu einem ganzen Organismus mit Filialheiligtümern, Hausheiligtümern und – als Höhepunkt – Herzensheiligtümern entfaltet hat, eine „Baustelle Heiligtum“ geworden ist, an deren Ausbau und an deren Beseelung immer weiter zu arbeiten ist.

Der folgende Texte zum Thema „Heiligtum“ ist den Romvorträgen entnommen (21.11. und 22.11.1965, S. 138-180). Charakteristisch für die Romvorträge ist, dass Pater Kentenich ein Thema beginnt, auch immer wieder zu diesem Thema zurückkehrt, dazwischen aber in vielfältigen Assoziationen andere Bereiche seiner Spiritualität in den Gedankenfluss einbindet. Das macht die Textwiedergabe zu einem bestimmten Thema schwierig. Im folgenden Fall sind deshalb mehrere Ausführungen zu anderen Themen ausgelassen. Einige, die für den Leserkreis dieses Lesebuchs von besonderem Interesse scheinen, sind belassen. Der übergeordnete Gesichtspunkt für die Textauswahl ist, zu vermitteln, wie der Gründer das (Ur) Heiligtum und seine Ausweitung in Filialheiligtum, Hausheiligtum und Herzensheiligtum bewertet.


[Unsere Familiengeschichte als Prozession oder Pilgerweg]

Was die Anwendung betrifft, sind wir stehengeblieben bei dem einen Gedanken: Baustelle Heiligtum! Vielleicht ist es nicht überflüssig, noch einmal hervorzuheben: Das ist eine ausgeprägt übernatürliche Sicht der ganzen Familiengeschichte. Wir haben sie ja dargestellt unter dem Bild der Prozession. Eine Prozession kennt selbstverständlich eine ganze Anzahl von Altären, eine ganze Anzahl von Stationen. Und erst am Schluss jeder Station heißt die Aufforderung: „Procedamus in pace in nomine Domini! Amen.“

An jedem Altar wird das Evangelium gesungen, die Frohbotschaft wird verkündet. Es ist immer die Frohbotschaft von unserem Schönstattgeheimnis.

Wir bleiben immer bei demselben Zentralgeheimnis stehen: Unsere gesamte Pilgerreise, die ganze Prozession, kreist allezeit um das Göttliche. Das wollen wir uns erneut einprägen lassen: Wir werden soweit Schönstatt verstehen, in uns aufnehmen und Schönstattatmosphäre ausstrahlen, als wir heimisch geworden sind in der jenseitigen, übernatürlichen Wirklichkeit. Und diese übernatürliche Wirklichkeit tritt uns in konkreter Form entgegen in unserem Heiligtum, ob Sie es nun auffassen in seiner Eigenwertigkeit oder, was natürlich jetzt bedeutungsvoller ist, in seiner vollen Symbolhaltigkeit.

Wir müssen die Schönstattgeschichte sehen im Rahmen der Revolutionsgeschichte, Kriegsgeschichte, Dachaugeschichte. Darin hat alles allezeit gekreist um das Schönstattgeheimnis, um die Baustelle Heiligtum.

Wir erinnern uns an das, was Pater Menningen wissenschaftlich herausgearbeitet hat und was von großer Bedeutung ist: das Schönstattgeheimnis im Rahmen und Raum der drei Kontaktstellen. Das hat an sich funktionell immer in der Familie gelebt und wurde da und dort auch reflexiv festgehalten.

Ich darf hier noch einmal einen Gedanken hervorheben, den ich bei anderer Gelegenheit formuliert habe: Nachdem unsere Familie in Struktur und Zielsetzung beispiellos universell ist, schweben wir ständig in der Gefahr, dass Universalismus zu Nihilismus wird! Das ist heute mehr denn je der Fall. Ich habe damals ein Wortspiel erfunden, das den Gedanken tiefer einprägt: Universalismus ohne Partikularismus wird Nihilismus! Partikularismus meint Konkretisierung. Diese Konkretisierung ‑ das sind unsere drei Kontaktstellen, das ist das Schönstattgeheimnis oder unser Liebesbündnis, es dreht sich immer um dasselbe.

Und wenn wir nun festhalten, dass wir einen Organismus darstellen, dass unser Ursprung ein Lebensvorgang und unsere Entwicklung ein Lebensstrom ist, dann ist es an sich selbstverständlich: Wenn der Strom sich von der Quelle trennt, hört er bald auf zu existieren. Darum muss unsere große Sorge immer sein: Wie helfen wir, dass der Strom mit seiner Quelle verbunden bleibt? Das ist unser ceterum censeo: Was tun wir, dass unsere Nachfolger immer um diesen Partikularismus kreisen? Sie werden das merken können: wenn wir anfangen, den Universalismus auf der ganzen Linie zu pflegen, ohne gleichzeitig jeweils stärker und stärker den Partikularismus zu pflegen, stehen wir am Anfang des Endes.

[Strukturelle und lebensmäßige Bedeutung der Verbände: Wächterfunktion]

Hier setzt die große Sendung der Verbände ein. Sie sollen schlechthin die Wächter sein. Erinnern Sie sich an die vergangene Geschichte! Ich muss halt immer wieder unsere Marienschwestern hervorheben, weil sie ja nach der Richtung überall stärker in den Vordergrund getreten sind. Wie viele Wächter sind im Laufe der Jahre in den einzelnen Kursen gewachsen: Wächter des Heiligtums in den verschiedensten Formen! Hier können Sie wieder den Atem Gottes nachfühlen. Er hat dafür gesorgt, dass der Wächterdienst im Wirrwarr der verflossenen Jahre niemals aufgehört hat. Gleichsam wie ein Kriegsheer oder eine Kriegsflotte haben wir die verschiedensten Kreise um das Heiligtum geschart. Die nächsten sind die Verbände, weitere Kreise die Bünde, weitere Kreise die Ligagliederungen, weitere Kreise die Wallfahrtsbewegung. Wir dürfen nie übersehen: So ist alles in der Familie geworden. Und was geworden ist, will auch festgehalten werden. „Was ihr ererbt von euren Vätern habt, erwerbt es, um es zu besitzen!“

Nach dem Gesetz der ausgezeichneten Fälle muss es die spezifische Aufgabe der Verbände sein, in hervorragender Weise das Zentralste zu verwirklichen und als Sendung mit hinaus zu nehmen. Lassen Sie sich erzählen, was unsere Verbände tun, um sich selber zu schulen und um ihre Glieder tiefer im Schönstattbaum zu verwurzeln. Das wirkt sich nachher glänzend aus in der gesamten Familie. Die Sicherung der Familie liegt in den Verbänden. Wenn ich jetzt sagen soll, in welchen am stärksten, so kann die Antwort nur heißen: Normalerweise müssen unter den Verbänden diejenigen am tragfähigsten sein und bleiben, die eine vita communis haben. Das ist jetzt keine Minderbewertung der andern. Das muss die neue pars motrix (144) sein und muss unsere Schwesternschaft sein. Das heißt jetzt nicht, dass man die adeligsten Gestalten nur dort findet. Dies ist nur grundsätzlich, nur strategisch gesehen. Es kann durchaus sein, dass der liebe Gott sich die Elitemenschen aus jeder Gliederung holt. Aber im Prinzip müssen wir festhalten: die höchsten Forderungen müssen an die Gliederungen gestellt werden, die die entsprechenden Grundlagen mitbringen. Und aufs Ganze gesehen muss wohl auch von ihnen der größte Segen ausgehen. Darum müssen wir uns auch die Zeit nehmen und die Kraft aufbringen, die beiden genannten Institutionen organisatorisch bis zur Vollendung auszubauen und lebensmäßig zu erziehen.
[…]

Stellen wir den Zusammenhang wieder her: Unsere Familiengeschichte ist eine Prozession! Wie lange ist die Prozession stehen geblieben an dem Altar, der Krieg oder Konzentrationslager Dachau heißt? Wie heißt die Frohbotschaft, die dorten gesungen wurde? Ein glänzendes Loblied auf die Fruchtbarkeit unseres Schönstattgeheimnisses, unseres Liebesbündnisses! Darf ich wiederholen, was ich schon ein paarmal als Folgerung daraus sagen durfte: Das Liebesbündnis muss die Grundlage unseres ganzen Lebens werden, muss Ziel, Lebensform und Lebensstil unseres ganzen Lebens werden.

Hier stellen wir uns rückschauend die Frage: Was ist geworden? Wir haben das Wort von der kreisförmigen Entwicklung geprägt. Auch jetzt stehen wir am Ende eines zyklischen Kreises: am Ende der zweiten Gefangenschaft, nicht nur meiner persönlichen Gefangenschaft, sondern auch der Gefangenschaft der gesamten Familie. Dürfen wir nicht auch hier sagen: Procedamus in pace!?

Wir stehen jetzt an der Station der vergangenen Gefangenschaft. Jetzt heißt es, das Evangelium zu verkünden. Es ist immer dasselbe Evangelium: Baustelle Heiligtum!

Wie hat das Schönstattgeheimnis die verflossenen Jahre geprägt? Jetzt müsste ich eigentlich alles wiederholen, was wir von den drei Kontaktstellen gesagt haben. Es dreht sich immer darum: Nur wer die Baustelle Heiligtum ganz und gar erkannt, anerkannt und danach gelebt hat, ist gewachsen, ist in die Schönstattwelt hineingewachsen. Wo die Baustelle nicht oder weniger beachtet worden ist, erfolgte die Scheidung der Geister. In gewissem Sinn haben wir alle mit größerer Innigkeit, größerem Wagemut an der Baustelle ausgehalten. Das müssen Sie nachher selber prüfen: Welche Gefangenschaft war die gewichtigere für die einzelnen Personen, für das ganze Schlachtheer, die erste oder die zweite? Je nachdem Sie die Antwort geben, haben Sie auch die andere Frage beantwortet: Wie sieht die Arbeit an der Baustelle Heiligtum aus? Wir sind weitergekommen, wir haben gebaut, haben die Fundamente tiefergelegt und die Struktur des Gebäudes ausgedehnt.

Alles ist bis zum Himmel emporgewachsen. Baustelle Heiligtum! Hier will alles, was wir in der Dachau- und Exilszeit erfahren haben, eingegliedert werden.

Die göttliche Fügung hat Baustellen hinzugefügt. Wir haben noch weitere andersgeartete und doch wieder gleichgeartete Baustellen entdeckt. Göttliche Fügung hat sie uns entschleiert. Welche Baustellen sind das? Zunächst die eine große Baustelle Filialheiligtum, sodann die Baustelle Hausheiligtum und Herzensheiligtum.

Jetzt müssen Sie mir gestatten, zu jeder dieser Baustellen ein paar Worte zu sagen. Sie spüren sofort, hier könnten wir uns wieder eine ganze Welt neu entschleiern lassen, könnten tiefer zurückschauen auf das, was der liebe Gott uns gegeben hat.

Der liebe Gott möge uns überhaupt die Gnade schenken, dass wir immer jemanden geschenkt bekommen, der im Hintergrund die eigenartigen Führungen und Fügungen des ewigen Gottes und der lieben Gottesmutter signalisiert und in den Zusammenhang hineinbaut! Wenn wir das nicht haben, wenn wir in der Familie alles sich nur funktionell entfalten lassen, ohne dass ein Geist dahintersteckt, der reflexiv tastet, was der liebe Gott uns durch dieses irrationale, funktionelle Hin‑ und Herwogen sagen möchte, ist es ungeheuer schwer, eine Familie unserer Art zu leiten.

Wenn ich das recht sehe, will die gesamte Kirche in Zukunft ähnlich geleitet werden, nachdem so viele äußere Formen fallen. Denken Sie an das bekannte Wort: pluralistische Gesellschaftsordnung. Da fallen alle chinesischen Mauern. So wie die Klostermauern mehr und mehr abgebaut werden, so werden auch ‑ soll ich sagen ‑ die Kirchenmauern abgebaut. Ich sage nicht: Wir wollen Kirchen haben wie früher, aber die Kirche als Ganzes hört mehr und mehr auf, eine Enklave zu sein. Alles fließt ineinander. Je weniger Schutz wir also in äußeren Formen, in Häusern haben, desto mehr Sicherheit müssen wir in Menschen haben, die die Gnade bekommen, ohne die Sicherheit der Mauern die Geister, die Seelen zu erfassen, zu durchdringen und einem Ziel zuzuführen. Natürlich ist das alles typisiert gesagt, wir müssen natürlich dafür sorgen, dass wir auch noch Mauern haben, aber wir können sie nicht mehr so hoch aufrichten. Wir müssen deswegen auch eine ganz andere Art des Denkens, eine ganz andere Art des Regierens bekommen.

[Die Filialheiligtümer]

Darf ich jetzt ein paar Worte sagen zu den drei eben hervorgehobenen Baustellen Heiligtum? Die erste Baustelle sind die Filialheiligtümer. Wenn jemand einen Kursus darüber zu halten hätte, müsste er darstellen, wo die Gründe dafür liegen, dass wir überzeugt sind, in den Filialheiligtümern dieselben Gnaden erwarten zu dürfen wie im Urheiligtum. Welche Voraussetzungen müssen wir schaffen, welche Wirkungen dürfen wir erwarten, wenn wir die Filialheiligtümer so stark in den Vordergrund rücken?

Können Sie sich vorstellen, wie schwer es für unsere Ausländer ohne Filialheiligtümer war? Nehmen Sie Chile, Brasilien, was Sie wollen: von welcher Bedeutung ist das Heiligtum, zumal der Romane so überaus sinnenhaft veranlagt ist! Es ist ohnehin schwer, jemanden nur geistig nach Schönstatt zu orientieren. Da ahnen Sie, von welch tief einschneidender Bedeutung unsere Lehre von den Filialheiligtümern gewesen ist.

Als die Lehre von unseren Schwestern im Ausland mehr und mehr erfasst wurde, gab es zunächst ein leises Erzittern in den Schwestern, die von Deutschland kamen. Aber es war nur ein ganz leises Erzittern. Es ist leicht lösbar geworden, weil wir immer dafür waren, die Filialheiligtümer nach Möglichkeit so zu gestalten wie das Urheiligtum. Dadurch ist assoziativ das Heimaterlebnis leichter geworden.

Das hat mir auch immer viel Freude gemacht, wenn zum Beispiel Schönstätter aus allen Himmelsrichtungen mich in Milwaukee besucht haben. Das Heiligtum war da. Reaktion: Es ist ja gar kein Unterschied! Es ist genauso, als wenn wir zu Hause wären!

[Gleichschaltung und Einschaltung in das Urheiligtum]

Das war auch der Grund dafür, warum wir immer festgehalten haben: Möglichst Gleichschaltung, aber auch Einschaltung in das Urheiligtum! Was heißt Gleichschaltung? Alles Äußerliche ist gleich! Einschaltung: Abhängigkeit von der Sendung des Urheiligtums! Wir sind in die Sendung eingeschaltet. Überhaupt ist es auf die Dauer ein Meistergriff, wenn es Ihnen glückt, Lebensvorgänge immer mit demselben Ausdruck zu bezeichnen. Daraus wächst eine metaphysische Sicherheit. Also nicht nur Gleichschaltung mit dem Haupt und Einschaltung in das Haupt, sondern auch Gleich‑ und Einschaltung mit dem Ort und in den Ort. So wird jedes Wort neu gefüllt. Wer von Hause aus nicht metaphysisch eingestellt ist, lernt auf diese Weise Gedankengänge bis zum Letzten durchzudenken und in wenigen Ausdrücken wiederzugeben. So ist es auch von selber geworden, dass nicht nur von einer Gleich‑ und Einschaltung in den 20. Januar gesprochen wird, sondern auch in den 31. Mai. Und ich glaube, nach der Richtung müssten wir alle noch tiefer graben.

Hier sehen wir wieder, wie vorteilhaft es ist, dass wir eine Gemeinschaft haben, die das als ihre Zentralaufgabe auffasst, so dass die Ergebnisse der Studien den andern später weitergegeben werden können. Verstehen Sie bitte, auch das ist von großer Bedeutung, wenn wir es einmal eingeführt haben, dass die Führerschicht der einzelnen Säulen periodenweise zusammenkommt. An einem Beispiel ist es leichter zu illustrieren: die Leitungen der Marienschwestern, Frauen von Schönstatt und Bundesschwestern sollen portionenweise zusammenkommen. Was da miteinander besprochen wird, ist nichts Bindendes. Die Zusammenkunft soll geschehen, damit die moralische Einheit stärker zutage tritt, nicht die juristische. Juristisch sollen die Gliederungen alle selbständig bleiben, aber die moralische Einheit muss gesichert werden. Wie viele Dinge können gemeinsam erarbeitet werden! Das ist eine große Erleichterung für die Führung. Das gemeinsame Beraten ist wohl auch eines der wertvollsten Mittel, dass etwaige Spannungen leichter abgebaut und nicht zu Feindschaften werden. Der liebe Gott muss uns halt helfen, noch zu unseren Lebzeiten das ganze Gebäude so abzuschließen, dass es in dieser Form durch die Jahrhunderte gehen kann.

Den anderen Gesichtspunkt habe ich schon ein paarmal hervorgehoben: die nationalen Gegensätze können überwunden werden, wenn jede Nation, jedes Volk seine Filialheiligtümer oder Zentralheiligtümer hat. Die Zentralheiligtümer tragen natürlich alle den Charakter des Filialheiligtums. Zentralheiligtümer werden alle diejenigen sein, die der liebe Gott und die Gottesmutter durch das praktische Leben als solche bezeichnet haben.

Es hat sich im Laufe der Jahre auch erwiesen, dass ein Filialheiligtum auf die Dauer nicht ohne Schulungsheim existieren sollte. Der innere Zusammenhang: Wir wollen nicht nur von der Gottesmutter erzogen werden, wir wollen uns auch anregen lassen zur Selbsterziehung. Das ist alles historisch begründet. Wir sollen daraus ein Prinzip ablesen und das Prinzip auf die Dauer auch konkret durchführen. Überall ist es so geworden. Wenn ich etwa an Milwaukee denke: es war sofort eine andere Situation, als wir neben dem Heiligtum auch eine Art Schulungsheim hatten ‑ natürlich nichts Großes.
Wir sollten überlegen, ob die Dinge, die historisch so geworden sind, nicht auch etwas Prinzipielles in sich haben. Was war das ein tiefer Einschnitt, als unsere Frauen von Schönstatt ihr eigenes Heiligtum hatten! Das ist etwas ganz anderes, als wenn man überall betteln muss. Josef Schmitz wird sich erinnern, wie stark ich früher immer wieder geraten habe, man solle doch dafür sorgen, dass auch der Priesterverband ein Heiligtum bekomme, auch wenn unser Urheiligtum in der Nähe der Marienau liege.

Wenn wir durch die gegenwärtigen Schwierigkeiten etwas zurückgedrängt werden vom Urheiligtum, ist das vorübergehend nicht schlimm. Es mag sogar den Vorteil haben, dass wir die Filialheiligtümer oder die Provinzheiligtümer stärker in den Vordergrund rücken können. Es geht immer wieder darum, alles, was der liebe Gott durch die geschichtlichen Verhältnisse fügt, geistig zu durchdringen.

Wahrscheinlich wird jetzt wieder jemand lächelnd sagen: das sind die vier Worte: beobachten, vergleichen, straffen und anwenden. Die können Sie überall gebrauchen.
Bei all diesen Dingen muss im Hintergrund jemand stehen, der alles auf letzte Prinzipien zurückführt. Besser ist es noch, wenn es möglichst viele sind. Denn solche Reflexion ist ja nicht jedermanns Sache Das wäre natürlich eine Aufgabe der Leitungen in einer moralischen Einheit. Wie wird unsere Arbeit dann erleichtert! Andernfalls muss das ja in jedem Verband eigens geleistet werden. Wenn es im Prinzip auch möglich ist und unter Umständen auch Wirklichkeit werden muss, dass jede Gliederung sich aus einer höheren sogar die Leitung oder auch die Erzieher wählen kann, so müssen Sie normalerweise damit rechnen, dass eine Gemeinschaft, die ein gesundes Eigengefühl hat ‑ und wenn es die Liga wäre ‑, bestrebt ist, sich selber zu regieren. So ist das auch mit der Schulung. Es ist nicht notwendig, dass von allen Seiten immer neue Schulungskräfte hereinkommen. Nach Möglichkeit sollte jede Gemeinschaft sich selber schulen. Aber weil das praktisch auf die Dauer nicht möglich ist ‑ wir müssten sonst eine Unsumme von Kräften freistellen ‑, zeigt sich soziologisch die Notwendigkeit einer pars motrix et centralis. Das ist auch jetzt so. Ich glaube, wenn die Bedürftigkeit in der Familie nicht so groß geworden wäre, würden manche Gliederungen sagen: Wir brauchen keine pars motrix et centralis. Nein, die brauchen wir! Das ist einfach ein gewisser Abschluss der gesamten Organisation, eine gewisse Krönung auch des gesamten Organismus.

[Hausheiligtum]

Wir kehren zurück zum angeschnittenen Gedankengang. Was sich neuestens in besonderer Weise entfaltet hat, ist das, was wir „Hausheiligtum“ nennen.

Wenn Sie Interesse daran haben, Zusammenhänge näher kennenzulernen und tiefer zu erfassen, mögen Sie diejenigen fragen, die sich damit schon ausführlicher beschäftigt haben. Ich spare mir das.
Um die Bedeutung für die heutige Zeit herauszustellen, gehe ich von einem Beispiel aus.

In einem Brief schreiben die Unsern von Australien. Dort wächst das Bedürfnis, eine ganz neue Seelsorge zu betreiben. Von der Soziologie her wissen wir: Die Urzelle der menschlichen Gesellschaft ist die Familie. Deswegen müsste auch die Urzelle der Kirche letzten Endes die religiös gefärbte und religiös geschulte Familie sein. Im Laufe der Jahre ist aber in Amerika und auch sonstwo die Entwicklung so verlaufen, dass die Erziehung der Kinder den Familien fast ganz aus der Hand genommen worden ist. Wer hat sie den Eltern aus der Hand genommen? Das war auf der einen Seite der Staat, auf der anderen Seite die Kirche.

In Australien haben sie nun diskutiert: Sollen wir mit den Vereinen weiterarbeiten, also am bisherigen Organisationsnetz festhalten? Fr. Archbold (145) muss ein sehr edler Mann sein, tief religiös und urwüchsig. Alles, was heute in der Zeit geistert, hat er aufgegriffen. Er hat nunmehr von Schönstatt gehört. Jetzt müssen Sie die Idee dahinter sehen. Er möchte durch Schönstatt eine ganz neue Pfarrei aufbauen unter dem Gedanken: Zurück zur Urzelle! Primäre Aufgabe: Erneuerung der Familie!

Unsere Schwestern in Australien haben die Aufgabe in der betreffenden Pfarrei grundsätzlich übernommen. Ein Kapellchen können sie haben und auch sonst volle Freiheit, alles aufzubauen, wie Schönstatt das für richtig hält.

Ich wollte hier noch dazu sagen, dass wir uns natürlich in Acht nehmen müssen, nun die ganze Pfarrei ins Kapellchen zu drängen oder alle zu Schönstättern zu machen. Wir haben ja Erfahrung genug gesammelt. Denken Sie meinetwegen an Alois Zeppenfeld. (146) Was der wollte, das musste durchgeführt sein: die ganze Pfarrei, eine Schönstattpfarrei! So etwas dürfen wir natürlich nicht tun, das ist Vergewaltigung. Wir können höchstens sagen: Das eine im Geiste Schönstatts, das andere wirklich für Schönstatt.

Das, was wir Hausheiligtum nennen, ist an sich nichts Neues, es ist zutiefst weiter nichts als ein Schönstatteckchen. Es ist nur ausgebaut und die Folgerung aus den konzentrischen Kreisen um das Urheiligtum gezogen: Was vom Filialheiligtum gilt, gilt unter denselben Umständen auch vom Hausheiligtum. Also, alle Voraussetzungen oder Bedingungen, die für das Fließen der Schönstattgnaden beim Urheiligtum und bei den Filialheiligtümern gestellt sind, müssen natürlich auch hier erfüllt werden. Umgekehrt dürfen wir auch dieselben Wirkungen gewärtigen. Es sind hüben und drüben sechs Forderungen und sechs Versprechen.

Verstehen Sie also den soziologischen und seelsorglichen Vorteil?

Wie fassen wir nun das Hausheiligtum auf? Ein Teil der Frauen von Schönstatt hat mir das vielleicht wertvollste Geburtstagsgeschenk gemacht. Sie wollen sorgen, dass das Hausheiligtum eine lebendige Macht und keine Phrase wird. Ich pflege immer zu sagen: Nichts nach außen anderen künden, ehe wir es selbst gelebt haben! Denn alles, was wir bloß theoretisch sagen, weckt kein Leben. Das können wir anfangs tun, um darauf hinzuweisen, aber wenn dahinter keine lebendige Kraft steht, ist schnell Schluss der Vorstellung.

In Schönstatt hat sich das Hausheiligtum in vielen Kreisen elementar durchgesetzt. Alles war unter einer leichten Decke fertig. Es brauchte bloß ein kleines Loch in die Decke gestoßen zu werden, dann floss der Strom.

In Nordamerika ist es nicht nur ein Hausheiligtum, in dem die Gottesmutter wohnt und thront, sondern es ist ein lebendiges Hausheiligtum. Da hat meinetwegen der Vater ein bestimmtes Symbol, die Mutter hat ein Symbol… Zum Teil ist es so, dass Vater und Mutter gemeinsam die geistliche Tagesordnung machen. Natürlich, am Anfang übersprudeln viele Dinge. Das reguliert sich aber von selbst.
[…..]
„Procedamus in pace!“ ‑ Prozession! ‑ Das ist also auf der einen Seite die übernatürliche Einstellung, auf der anderen Seite aber auch die Ausdeutung dessen, was wir in der Etappe der Exilszeit erlebt haben. Wir haben das kurz zusammengedrängt in das eine Wort: Baustelle Heiligtum! Zur Zeit der ersten Gefangenschaft stand im Mittelpunkt das Urheiligtum. Heute ‑ jetzt können Sie nachprüfen, wie reich der liebe Gott inzwischen den Begriff „Baustelle Heiligtum“ gefüllt hat ‑: Filialheiligtum, Hausheiligtum, Herzensheiligtum.
Ich darf Sie noch einmal bitten, das, was wir vom Hausheiligtum gesagt haben, einmal hineinzustellen in die ganze heutige Gesellschaftsordnung, in die ganze Hilflosigkeit der heutigen Seelsorge. Vergleichen Sie das einmal miteinander! Bei uns ist Kreis um Kreis durchdrungen von dem Gedanken „Baustelle Heiligtum“. Ich bin also von der Heiligtumsatmosphäre umgeben, durchtränkt, durchdrungen in einer Zeit, die von Heiligtum, von Gott und Göttlichem kaum noch etwas wissen will. In einer heidnischen Atmosphäre bin ich ganz vom Göttlichen umgriffen. Heiligtumsatmosphäre, wenn ich an die Kirche denke, ans Heiligtum, wenn ich zu Hause bin!

Damit ist die ganze Verübernatürlichung des Familienlebens in die heutige Zeit hineingetragen. Das ist natürlich nur denkbar, seit wir die Filialheiligtümer erlebt haben. Das Erlebnis überträgt sich dann assoziativ in meine Familie hinein. Das große Anliegen ist: Die Familie muss heute, der Seinsordnung entsprechend, wieder als die Urzelle der menschlichen Gesellschaft, auch die Urgegebenheit unserer ganzen Erziehung sein. Auch hier können wir sagen: Zurück zu den Urquellen! Was im Laufe der Jahrhunderte sich mehr und mehr von der Familie gelöst hat – verständlich auch durch die soziologische Umgliederung der Gesellschaft ‑, das muss jetzt wieder zurückerobert werden. Die Familie muss, wenn ich einen Ausdruck von Papst Pius X. gebrauchen soll, das Priesterseminar sein. Jetzt meinen wir nicht etwa nur das Seminar des besonderen Priestertums, sondern auch das Seminar des Laienpriestertums.

Bitte, überlegen Sie einmal, was das alles bedeutet für die Erziehung von Vater und Mutter!

Prüfen Sie nun bitte einmal, was das bedeutet für die Erneuerung der Welt! Denken Sie daran, dass ich Pius XII. seinerzeit das Versprechen gegeben habe, wir wollten uns dafür einsetzen, dass die Säkularinstitute für die Verchristlichung der Gesellschaftsordnung oder für die Erneuerung der modernen Gesellschaftsordnung so viel leisten, wie die alten Ordensgemeinschaften das früher getan haben. Prüfen Sie bitte einmal, wie der liebe Gott dieses Wort gleichsam als ein prophetisches gedeutet wissen will, und wie er im Hintergrund die ganze Weltgeschichte so dreht, dass die Dinge wahr werden! Denn das, was ich jetzt sage, ist nicht reflexiv konstruiert, das ist Stück für Stück geworden. Um was geht es hier? Es dreht sich um die ganze Gesellschaftsordnung, nicht nur um das Individuum. Von da aus verstehen Sie auch viel besser, was es heißt: Schönstatt ist eine neue göttliche Initiative für die gesamte heutige Kirche! Wir müssen nur geschlossen bleiben.

Ich muss noch einmal wiederholen: von welcher Bedeutung ist der Partikularismus für diese Standfestigkeit beim Universalismus unserer Familie. Sie müssen immer vor Augen halten: Universalismus ohne Partikularismus ist morgen Nihilismus! Von welch großer Bedeutung sind (in diesem Zusammenhang) die drei Kontaktstellen, das Schönstattgeheimnis! Sicher, das ist eine Konkretisierung, scheinbar eine Einengung. Das ist aber die Wurzel unseres Seins. Wir können nicht existieren ohne diese Einengung.

Das ist es ja gerade: der heutige Mensch ist so universell eingestellt, und durch die Öffnung, die das Konzil gebracht hat, kommt viel mehr Luft von draußen in die Kirche hinein als von drinnen nach draußen geht. Das wird die große Frage sein, wie weit wir es morgen fertigbringen, durch die Fenster und Türen, die geöffnet sind, auch Kirchenluft, unsere Luft ‑ von Schönstatt aus gesehen: „Schönstattluft“ ‑ in die Welt hinausfließen und ‑fluten zu lassen.

Deswegen noch einmal: Von welcher Bedeutung sind die Hausheiligtümer! Das ist eine ganz große Welt. Was wir durch die Lehre von den Filialheiligtümern als überreiche Frucht eingehamstert haben, will nunmehr als wertvolle Frucht der verflossenen Jahre unter dem Gesichtspunkt des Hausheiligtums neu gesehen werden.

[Das Herzensheiligtum]

Ein Letztes zum Abschluss des Gedankenganges: Jetzt muss in gleicher Weise das Herzensheiligtum kultiviert werden. Das klingt an sich komisch, wie eine gewisse Gegensätzlichkeit. Wenn Sie überlegen, was wir im Laufe der Jahre an Formulierungen weitergegeben haben. Mit einer beispiellosen, organischen Einseitigkeit haben wir den Gott des Lebens gekündet. Jetzt kommt auf einmal der Gott des Herzens wieder dazu. Das ist gleich wesentlich für die heutige Zeit.
Sie müssen sich einmal vergegenwärtigen, was Sie in der Presse so häufig gelesen und worüber Sie wahrscheinlich gelächelt haben, nämlich, dass die russischen Astronauten jubilierend sagen: Wir sind nirgendwo dem Herrgott begegnet! Heute ist die Welt geistig durcheinander.

Übermorgen ist das für die Masse des Volkes ein schweres Problem: Wo ist der Himmel? Was war das früher naiv, wie unsere Großeltern sich das vorgestellt haben: Wenn es regnet, schütten die Englein da oben die Bütt‘ aus! Die Welt ist da unten. Was hat man sich nicht alles vorgestellt, wenn man es auch nicht sollte! Wo mag der Himmel sein? Immer „oben“, „unten“ ist die Hölle. Man muss ja einen Begriff für diese Dinge haben.

Der Herrgott sorgt aber dafür, dass die Kirche durcheinandergewirbelt wird. Für das Volk ist das ein schweres Problem. Wir erleben das vielleicht überhaupt nicht, weil wir zu stark dogmatisch geschult sind, aber die Masse des Volkes wird in diesen Wirbel hineingezogen. Wenn wieder einmal eine größere Ruhe kommt, wenn man die Revolution geistiger Art, die heute durch die Welt hindurchrast, nachkosten kann, werden Sie sehen, wie schwierig das ist. Wo ist eigentlich der Himmel? Antwort: der Himmel für mich, der Himmel für den dreifaltigen Gott ist meine begnadete Seele.

Sehen Sie, wir sind bisher der Zeit in allem voraus gewesen. Nicht, weil wir das sind, sondern weil der Herrgott uns die Gnade geschenkt hat, seinen Wunsch und Willen aus der Zeit zu lesen. Auch hier spricht wieder die Zeit. Das alles sind neue Probleme, die sich auftun. Wir müssen deswegen bei unserer Erziehung viel mehr Gewicht darauf legen, dass wir uns alle wieder viel stärker als eine Dreifaltigkeitskirche, ein Dreifaltigkeitsheiligtum erleben. Darum ist es so bedeutungsvoll, dass wir in unseren Heiligtümern jetzt auch ein Symbol für den Vatergott haben, oder die Taube als das Symbol für den Heiligen Geist. Sie dürfen übrigens nicht übersehen, für uns ist bisher das klassischste Symbol für den Heiligen Geist die Gottesmutter gewesen. Das mag ich jetzt nicht begründen.

Mein Herz also ein Dreifaltigkeitsheiligtum! Ich muss jetzt nur unsere Heiligtümer im Zusammenhang sehen mit der Gottesmutter.

Die Gottesmutter ist für uns von Anfang an die Waage der Welt gewesen. Von der Gottesmutter geht die Linie zum dreifaltigen Gott. Das war nicht von Anfang an so gewollt; diese Dinge sind geworden wie alle anderen. Sobald wir meinten, auch die leiseste und zarteste Verwurzelung erfasst zu haben, haben wir unentwegt daran festgehalten. So ist es auch bei der Marienverehrung, abgesehen von der dogmatischen Schau. Wenn ich hier das Soziologische und Psychologische sehe, muss ich sagen: Die Gottesmutter ist die Waage der Welt. Da haben wir ein Kernstück, einen Wurzelgrund. In ihr verbindet sich Jenseits und Diesseits nach dem Gesetz der ausgezeichneten Fälle in klassischster Weise. Prüfen Sie einmal nach, wie schnell solche Formulierungen bei uns entstanden sind. Sie müssen sich da nicht vorstellen, als hätte jemand im Hintergrund Tag und Nacht geklügelt (147). Das ist immer nur herausgegriffen aus dem, was der liebe Gott durch die Zeit und die Weltordnung gezeigt hat.

Was heißt also jetzt Dreifaltigkeitskirchlein? Mein Heiligtum, unser Heiligtum muss auch ein Dreifaltigkeitskirchlein werden. Wenn ich ein Dreifaltigkeitskirchlein bin, trage ich die ganze Kirche, die ganze Heilsordnung in meinem Herzen. Konkret gesagt, heißt das: Von der Dreifaltigkeit bewohnt und der Dreifaltigkeit verschenkt!


Schönstatt-Lexikon Online: Heiligtum, Hausheiligtum, Herzensheiligtum

(144) Die damals gerade neu gegründete Gemeinschaft der Schönstatt-Patres.
(145) Fr. Archbold wurde in den sechziger Jahren im Großraum von Sydney ein neues Siedlungsgebiet in relativer Nähe des Provinzhauses der Marienschwestern anvertraut, um dort eine Pfarrei aufzubauen. Er nahm mit Begeisterung die Arbeitsweise Schönstatts im Familienwerk auf und hat alles versucht, diese als pastorales Grundprinzip in seiner neuen Pfarrei einzuführen. Das Unternehmen ging schief, weil er die schönstättische Arbeit ausschließlich und unter Druck eingeführt hat.
(146) Alois Zeppenfeld war einer der ersten Theologen, die als Soldaten während des Ersten Weltkriegs zu Schönstatt gestoßen sind. Er war wesentlich und führend beteiligt an der Gründungstagung des Bundes in Hörde.
(147) reflexiv geplant

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