Persönliches Ideal (PI)

Persönliches Ideal (PI)

M. Erika Frömbgen

1. Zur Erklärungsgeschichte
2. Stellung in der Spiritualität Schönstatts
3. Vergleichende Aspekte

Das Persönliche Ideal (PI) ist in der Schönstatt-Spiritualität die geläufige Bezeichnung für die individuell erkannte Zielvorstellung, die das religiös sittliche Bemühen des einzelnen um die gottgewollte Selbstverwirklichung leitet und zugleich gegen Vermassungstendenzen immunisiert. Die Erkenntnis der eigenen Originalität mit Blick auf die Einmaligkeit jedes Menschen in seiner Berufung auf Gott hin soll sich in einem originellen Selbstverständnis und Selbstwertbewusstsein fortsetzen und stabilisieren (>>Selbsterziehung). Nach P. Kentenich antwortet das Persönliche Ideal auf ein dreifaches Bedürfnis im Menschen: 1. “nach Geschlossenheit und Harmonie” der eigenen Persönlichkeit, 2. “nach gesunder organischer Entwicklung” derselben, 3. “nach Wahrung der gesunden eigenen Individualität” gegenüber Zersetzungs und Zerstörungstendenzen im sozialen Umfeld (APL 1928, 119).

1. Zur Erklärungsgeschichte

Das Persönliche Ideal ist das reflexive Ergebnis, das P. Kentenich aus seiner erzieherischen Praxis zur Persönlichkeitsbildung zum pädagogischen Programm entwickelte (>>Idealpädagogik). Seine Erklärung berücksichtigt sowohl den theologischen als auch den philosophischen Aspekt, weitet jedoch vor allem den psychologischen Aspekt zum besseren Verständnis für die Übertragung in die Selbst- und Fremderziehung aus. Im Sinn des christlichen Exemplarismus kennzeichnet er das Persönliche Ideal als “die von Ewigkeit her im göttlichen Schöpfergeist bestehende Uridee des Menschen (idea exemplaris in mente divina prae existens), philosophisch: “als letzte Norm für dessen gesamtes Sein und Wirken”, theologisch: “als originelle Abbildung und Nachbildung der göttlichen und gottmenschlichen Vollkommenheiten” (H. Schmidt, 45 u.53). Unter psychologischer Perspektive ist für P. Kentenich das Persönliche Ideal “der gottgewollte Grundzug oder die gottgewollte Grundstimmung der begnadeten Seele, die, getreulich festgehalten, in organischer, gnadenvoller Entwicklung sich ausreift zur vollen Freiheit der Kinder Gottes” (APL 1928, 121).

Mit Blick auf die psychologisch-pädagogisch bedeutsame Dimension des Persönlichen Ideals verweist er auf die konkreten subjektiven Persönlichkeitsvoraussetzungen, die als Entwicklung bestimmend zu erkennen sind und daher Richtung weisend für die inhaltliche Erfassung und Verwirklichung. P. Kentenich spricht hier vom Persönlichen Ideal “als gottgewollter Grundzug und gottgewollte Grundstimmung der begnadeten Seele” und erklärt: “Grundstimmung ist ein Habitus, eine seelische Zuständlichkeit, eine seelische Atmosphäre, in der ich lebe. Grundzug ist mehr ein Gezogenwerden zur Grundstimmung”. Die Grundstimmung ist demnach der primär dominierende Anteil, die den jeweiligen Grundzug in sich aufnimmt, mit der Folgerung: “Dieser Grundzug muss solange in der Seele verstärkt werden, bis er zur Grundstimmung geworden ist” (APL 1928, 127-135). In seiner “Allgemeinen Prinzipienlehre” (Tagungen für Priester und Pädagogen 1927 1929) setzt er seine Auffassung vom Persönlichen Ideal mit der damals aktuellen Idealforschung vergleichend in Beziehung: “Spranger spricht von Lebensformen. Ich nenne das Grundstimmung. Er nennt nur natürliche Lebensformen. Seine Lebensformen sind bei uns realisiert, ergänzt und vertieft durch übernatürliche Lebensformen. Spranger unterscheidet (u. a.) zwei Arten von Menschen: ethische und ästhetische Naturen. Ich wähle dafür besser einen anderen Ausdruck: emotionale und reflexive Menschen” (APL 1928, 131). Dieser typologische Ansatz wird bei P. Kentenich durch den der “Hauptleidenschaft” erweitert, konkret: Geltungsdrang und Stolz einerseits und Hingabedrang und Sinnlichkeit andererseits.

Nach heutigem psychologischen Sprachgebrauch korrespondiert der Hingabedrang mit der primär emotional eingestellten Persönlichkeit, die sensibel (“Sinnlichkeit” im Sinn von sensitiv bzw. sensibilis) individuelle und soziale Bedürfnisse erfasst, deutlich personal ausgerichtet und dem Leben intuitiv-ganzheitlich zugewandt ist und dadurch stärker von der umgebenden Atmosphäre erfasst wird. Hier wirkt das Persönliche Ideal primär funktional. Der Geltungsdrang entspricht mehr dem reflexiven Typ, der primär rational sowie sach bzw. zielgerichtet eingestellt ist. Die Neigung zur Abstraktion erschwert den spontanen Zugang zur Ganzheitlichkeit und damit zur Intuition. Stattdessen ist der Zugang zu Ideen bzw. Ideologien leichter gegeben. Hier wirkt das Persönliche Ideal zunächst vorwiegend intentional, bis es aufgrund der Verinnerlichung zur funktionalen Wertgerichtetheit ausreift. Demnach wird jeder Typ auf seine Weise von einer spezifischen Wertempfänglichkeit geleitet, die es bei der individuellen Erkenntnis des Persönlichen Ideals als Wesen bestimmend zu erfassen gilt. Dieser typologische Erkenntniszugang wurde in Anlehnung an die in den 20er und 30er Jahren aktuelle Temperamentenlehre (>>Temperament) ergänzt und bis heute festgehalten (vgl. H. Schmidt u. R. Ammann).

Im Ergebnis ist das Persönliche Ideal ein persönlicher Wertkomplex, der als zielgerichteter, origineller Selbstentwurf (das personale Selbst als Entwurf Gottes) angenommen wird und in den auch die reflexiv erfassten Anteile des Berufs , Standes und/oder Gemeinschaftsideals eingehen. Der Erkenntnisweg zum Persönlichen Ideal geht also von gewissen konstanten Eigenheiten der Persönlichkeit aus, ist und bleibt aber zugleich offen für den fortgesetzten Prozess der eigenen Selbsterkenntnis und Selbstentfaltung. Daher kann sich eine erste verbale Formgebung des Persönlichen Ideals entsprechend ändern oder im Ausdruck festgehalten sich inhaltlich anreichern. Der definitorische Aspekt “getreulich festgehalten” heißt nach P. Kentenich ausdrücklich nicht “bewusst festgehalten”. Es geht vielmehr darum, dass alle Persönlichkeitsakte im Persönlichen Ideal ihre Integrations und Entscheidungsmitte finden und behalten, gleichbedeutend mit “sich selbst treu bleiben”. Insofern sollen auch alle Mittel zur Persönlichkeitsbildung und zur Pflege des “innerlichen Lebens” (1919) empfohlen werden, insbesondere >>Geistliche Tagesordnung und >>Partikularexamen, auf das Persönliche Ideal ausgerichtet sein.

Der in die Definition einbezogene Hinweis auf die Gnade macht darauf aufmerksam: (a) Nur der “begnadete” Mensch ist ein voll entfalteter Mensch. (b) Der Eigenanteil an der Idealverwirklichung ist auf die Gnade als Hilfe Gottes angewiesen, aber erst recht die letzte Vollendung des Persönlichen Ideals in Gott. (c) Die das ganze Leben begleitende Spannung zwischen Idealerkenntnis und verwirklichung bedarf der Gnade im Sinn des Imperativs “Nicht mutlos werden!”

Der religiöse Aspekt im Persönlichen Ideal wird in der Jugendpädagogischen Tagung 1931 durch die Zielperspektive der “vollendeten Freiheit der Kinder Gottes” erweitert. Die darauf ausgerichtete Bewusstseinsbildung fasst P. Kentenich 1961 in die Worte: (ich bin) “als origineller, inkarnierter Gottesgedanke und als inkarnierter Gotteswunsch … von Ewigkeit her im Verbum divinum originell mitgedacht und im Heiligen Geist mitgeliebt” (PhErz 1961, 82); und mit Blick auf die Stellung des einzelnen in der Kirche: (ich bin) “ein ausgeprägt originelles Glied am geheimnisvollen Leib Christi” (26.5.1966).

2. Stellung in der Spiritualität Schönstatts

Die Lehre vom Persönlichen Ideal und damit die >>Idealpädagogik gehört zu den Erstergebnissen in der seit 1912 sich entwickelnden Spiritualität Schönstatts. Als solche musste sie sich vermehrt in den 30er Jahren gegenüber kritischen Rückfragen erklären und von konträr gerichteten Bewegungen im deutschsprachigen Raum abgrenzen (JPT 1931, PhErz 1961). In der Entwicklung der Schönstattbewegung hat die Lehre vom Persönlichen Ideal schon früh eine zentrale Bedeutung gewonnen. Sie gehört laut Aussage von P. Kentenich zu ihrer “inneren Struktur” (APL 1928, 107), bezogen auf die pädagogische Zielgestalt >>neuer Mensch und neue Gemeinschaft. Aus ihrer konsequenten Anwendung und ständig begleitenden Reflexion ergab sich eine originelle >>Aszese und >>Pädagogik, die in einigen Studien aus der frühen Gründungszeit Schönstatts ausführlich erörtert wird. Spätere Studien beziehen diese ein und erweitern den Reflexions und Diskussionsradius, insbesondere mit Blick auf aktuelle Beiträge in der Pädagogik (M. Bleyle 1966, E. Frömbgen 1973), in der Psychologie (H. Czarkowski 1973) und in der Theologie (L. Penners 1983). Die Hinführung und praktische Anleitung zu den drei bedeutsamen Phasen der “Idealfindung, Idealvertiefung und Idealverwirklichung” ist zentrales Thema in den einzelnen Schönstattgemeinschaften.

3. Vergleichende Aspekte

In einer umschreibenden Definition nennt P. Kentenich das Persönliche Ideal “das X, das die modernen Kulturwissenschaftler suchen” (APL 1928, 120), weil hier “allgemeine Gesetzmäßigkeiten” Beachtung finden, “die wir alle anwenden müssen, einerlei, welche pädagogischen oder weltanschaulichen Ziele wir festhalten” (PT 1950, 135). Selektive Anteile aus dieser Erkenntnis finden sich heute in den unterschiedlichen Praktiken und Theorien mit der Zielsetzung einer verbesserten Lebensqualität durch verbesserte Ichkompetenz. Psychodynamische und esoterische Angebote zur Selbsterfahrung bzw. Selbstverwirklichung bestimmen das Marktangebot. Hinzu kommt die Begegnung mit Meditationsriten aus dem asiatischen Kulturraum, die losgelöst von ihrem religiösen Hintergrund als Methode zur “Ichentdeckung” dienen. In der neueren Entwicklungspsychologie gilt die hier angesprochene Identitätsarbeit als besonderes Kriterium des Erwachsenenalters. Die elementare Aufgabe der “Ichsuche” und “Ichfindung”, die bis in die 60er Jahre zeitlich der Pubertät zugeordnet wurde, gilt heute mit Blick auf die persönlichkeitszersetzenden Tendenzen in einer pluralistischen und primär auf Flexibilität und Mobilität ausgerichteten Gesellschaft als lebenslange Daueraufgabe (Faltermaier u. a. 1992). Die unterschiedlichen psychotherapeutischen Schulen kommen bei der Reflexion ihrer Erfahrung mit erkrankten Menschen in unserem Kulturraum zu der Erkenntnis, dass eine fehlende Individuation (C.G. Jung) mangelnde Ich Identität und Ich Integrität zur Folge hat und daher die Ursache für eine Vielzahl von Fehlentwicklungen ist (E. Erikson l988). Die Transaktionsanalyse hat diesen Erklärungsansatz mit Verweis auf die Irritationen zwischen “Eltern Ich, Erwachsenen Ich und Kindheits Ich” zu einem eigenen Therapieprogramm ausgeweitet. Ziel solcher Bemühungen ist, die in der Entwicklung vernachlässigte Ichkompetenz zu sanieren. Viele Einsichten dieser und jener Art gehören heute zunehmend zum psychologisch pädagogischen Allgemeinwissen, von H. Wallnöfer im Überblick vorgestellt unter dem Titel “Auf der Suche nach dem Ich” (1992). Die Vergleichsaspekte zur schönstättischen Lehre und Praxis vom Persönlichen Ideal sind vielfältig und lassen erkennen, dass diese weiterhin aktuell und zugleich unterscheidend originell ganzheitlich ist.


Literatur:

  • Kastner, Ferdinand, Unter dem Schutze Mariens. Untersuchungen und Dokumente aus der Frühzeit Schönstatts 1912-1914, Limburg 1939 (1952)
  • J. Kentenich, Allgemeine Prinzipienlehre der Apostolischen Bewegung von Schönstatt (gleichnamige Tagung aus den Jahren 1927-1929, verschiedene Mitschriften) 1928
  • J. Kentenich, Ethos und Ideal in der Erziehung. Vorträge der Jugendpädagogischen Tagung (28.-31. Mai 1931), Vallendar 1972, 379 S.
  • J. Kentenich, Marianische Erziehung. Pädagogische Tagung (22.-26. Mai 1934), Vallendar-Schönstatt 1971, 286 S.
  • J. Kentenich, Der erlöste Mensch. Priesterexerzitien 1935/1936, verv.S, A 4, 112 S., 87-100
  • J. Kentenich, Grundriß einer neuzeitlichen Pädagogik für den katholischen Erzieher. Vorträge der Pädagogischen Tagung 1950, Vallendar-Schönstatt 1971
  • J. Kentenich, Daß neue Menschen werden. Eine pädagogische Religionspsychologie. Vorträge der Pädagogische Tagung 1951. Bearbeitete Nachschrift, Vallendar-Schönstatt 1971, 264 S..
  • R. Ammann, Unterwegs zum Ich, Vallendar Schönstatt 1992
  • ders. / Th. Zehnder, Wachsendes Leben, Vallendar-Schönstatt 1995
  • M. Bleyle, Erziehung aus dem Geiste Schönstatts, Münster 1965
  • H. Czarkowski, Psychologie als Organismuslehre, Vallendar Schönstatt 1973
  • E. Frömbgen, Neuer Mensch in neuer Gemeinschaft, Vallendar Schönstatt 1973
  • A. Menningen, Die Erziehungslehre Schönstatts, Limburg 1936
  • L. Penners, Eine Pädagogik des Katholischen, Vallendar Schönstatt 1983
  • ders., Suchbewegungen zur Mitte. Von der Selbsterfahrung zur Gotteserfahrung, Oktoberwoche 1992, 63-98
  • H. Schmidt, Organische Aszese, Paderborn 1939.
  • Herbert King, Das Persönliche Ideal in der Lehre Pater Kentenichs und der Praxis der Schönstatt-Bewegung – Idealpädagogik als Identitätspädagogik http://downloads.eo-bamberg.de/5/484/2/62997603663200131695.doc

Schönstatt-Lexikon:

Herausgeber: Internationales Josef-Kentenich-Institut für Forschung und Lehre e.V. (IKF)

Verlag: Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt – All rights by Patris-Verlag – www.patris-verlag.de

Online-Präsentation: Josef-Kentenich-Institut e.V. (JKI) – www.j-k-i.de

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