KR-1 DE 08

8. In den Seelen lesen

Es liegt in der Natur der Sache, dass eine Verteidigungsschrift zu Selbstzeugnissen herausfordert. Sie erlauben uns, dem Gründer gleichsam von seiner Innenseite, sehr persönlich zu begegnen.
In der „Apologia“ findet sich eine sehr kompakte Selbstaussage Pater Kentenichs, ein Hauptnenner sozusagen seiner erzieherischen und auch gründerischen Tätigkeit. Man muss den Text mehrfach und besinnlich lesen, um auszuschöpfen, was hier gebündelt ist.

Der folgende Text ist entnommen „Zum Goldenen Priesterjubiläum“, Berg Sion 1985, S. 134f


Gelesen und studiert habe ich zweifellos viel, unheimlich viel, mehr jedenfalls als die meisten Zeitgenossen… Aber nicht in und aus Büchern gewöhnlicher Art – das geschah tatsächlich ganz, ganz selten -, sondern meist, fast ausschließlich, in und aus Seelen (aus gesunden und kranken, aus hochstrebenden und gedrückten Seelen jeglichen Standes), sowie in und aus dem Buche des Zeitgeschehens. Auch gehört habe ich ungemein viel. Es handelte sich überall letzten Endes um Gottes Stimme… Ich habe sie wiederum aus denselben zwei Büchern in mich aufgenommen, nicht aber oder nur äußerst selten aus Vorträgen. Ich könnte leicht zusammenzählen, was ich seit 1912 an Vorträgen gehört habe.

Überall durfte ich aus meinen Büchern die zartesten und feinsten, aber auch die kraftvollsten und leidenschaftlichsten Regungen des menschlichen Herzens – ob es sich dabei um Männer- oder Frauen- oder um Priester- oder Laienseele handelte – erlauschen und Menschengeist von Gottesgeist, Menschenwort von Gotteswort unterscheiden lernen. Das doppelte Lese- und Lernbuch war allezeit unerschöpflich und unübertrefflich reich an wertvollstem Inhalt. Und weil durchweg führende Exponenten moderner geistiger Strömungen, die sich im deutschen Raume stießen, sich einfanden, war ich allezeit aus unmittelbar letzter Quelle über den Atem unterrichtet, der durch die Zeit hindurch vibrierte, und über dessen Niederschlag in der Fachliteratur orientiert, ohne die üblichen Bücher zur Hand nehmen zu müssen. So war ich allezeit für meine Kurse vorbereitet. Ich brauchte nur je und je einen Zentralgedanken herauszustellen und als Thema über den Kurs zu schreiben. Ich wusste jeweils mit Sicherheit, wo die Zuhörer der Schuh drückte und wofür das Herz empfänglich war. Daher wohl auch der Erfolg.

Vom Pfarrer von Ars hebt man lobend hervor, wie viele Stunden er im Beichtstuhl zugebracht hat. Man versucht sogar, diese Stunden zu zählen. Ginge ich daran, die Zeit zu messen, die ich den Seelen in meinem langen Leben Tag und Nacht unverdrossen und mit stetig gleichbleibendem Interesse widmen durfte, es käme ein verwunderlich großes Maß heraus…

Paulus kannte auf der Höhe seines Lebens nur eine einzige große Leidenschaft: Gott und die Seelen. Alles andere trat für ihn, wie aus seinen Briefen ersichtlich ist, spürbar in den Hintergrund. So will sein Lebensprogramm verstanden werden: „Omnibus omnia“ oder „Omnia instaurare in Christo“ (21). Etwas von dieser Leidenschaft ist auch mir geschenkt worden…

Der Psychologe in mir sog mit seinem außergewöhnlich starken und vielseitig verzweigten Einfühlungsvermögen sorgfältigst und getreulichst alle Regungen und Wünsche im Gegenüber – die bewusst gewordenen und die unbewusst gebliebenen, die guten und die schlechten – in sich auf, mochte es sich dabei um die individuelle oder um die Gemeinschaftsseele handeln. So entstand fast über Nacht hüben und drüben eine wundersam öffnende und geöffnete seelische Nähe, die als vorzügliche Vorbedingung für gegenseitige Lebensübertragung angesprochen werden darf. Für den entgegengesetzten Pol der seelischen Ferne sorgte der Philosoph in mir in Gestalt des Metaphysikers mit seiner – von Gott geschenkten – hochgradigen und unzerreißbaren religiösen Verwurzelung und Verankerung im Jenseitigen, im Absoluten, im Ewigen, im Unendlichen: im dreifaltigen Gott. Die so erzeugte, dauernd wirksame polare Spannung zwischen seelischer Nähe und seelischer Ferne erwies sich allezeit als ein überaus segensreiches pädagogisches Prinzip. Nähe und Ferne fanden eine Einigung in einer zuchtvoll warmen, alles überwindenden Gottes- und Nächstenliebe. Nahm der Philosoph in mir die Zeitideen in letzter Verankerung reinrassig in sich auf, um sie zu klären und sie zu verarbeiten, so ordnete der Metaphysiker beides: Regungen und Ideen; er straffte beide zurück auf letzte Prinzipien, die von Ewigkeit her im Verbum Divinum (22) mitgedacht und im Heiligen Geist mitgeliebt worden sind und deshalb nicht nur als inkarnierte Gottesgedanken, sondern auch als inkarnierte Gotteswünsche anzusprechen sind, die zu ethisch-religiösen Imperativen werden, die der Pädagoge in mir zu einem geschlossenen System einer dreidimensionalen Frömmigkeit und einem umfassenden modernen pädagogischen System schöpferisch zusammengefügt hat.


Schönstatt-Lexikon online: Seele
(21) “Allen alles“ (sein/werden) oder „Alles in Christus erneuern“.
(22) „Wort Gottes“, ein lateinischer Titel für Christus.

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