KR-1 DE 07

7. Väterliche Erziehung heute

Im Jahre 1951 begann die Exilszeit Pater Kentenichs. Sie dauerte 14 Jahre. Entsprechend der vorkonziliaren Praxis hoher kirchlicher, vor allem römischer Autoritäten geschahen solche Verfügungen ohne Angabe der Gründe und ohne Möglichkeit der Verteidigung. Praktisch immer hatten sie den Geruch einer Strafmaßnahme. Nicht wissend, worum es genau geht, und mit dem Eindruck, irgend etwas müsse ja faul sein, ist eine solche Maßnahme wie die Trennung eines Gründers von seinem Werk und die Versetzung an einen Ort weit weg mit eingeschränkter Bewegungsfreiheit geradezu eine Herausforderung, über Hintergründe zu spekulieren. Aus Spekulationen entstehen dann Gerüchte.
Pater Kentenich war Erzieher. Er hat sich auf das konkrete Leben weitgehendst eingelassen. Die größte Aufmerksamkeit und die meiste Zeit galt dabei der Erziehung von Frauen, vorab der Marienschwestern. In der Gemeinschaft der Schwestern bekleidete er ein väterliches Amt, das ihm erlaubte, sich intensiv mit dem Seelenleben einzelner zu befassen, personale Bindungen zuzulassen und gerade dadurch seelische Konflikte zu lösen, Krankheiten zu heilen und die Seele bis in große Tiefen mit Gott zu verbinden.
Während der Exilszeit kamen nun Gerüchte auf, dass in seiner Beziehung zu den Schwestern sexuelle Übergriffe vorgekommen seien, aufgrund deren er in die Verbannung geschickt wurde.
Über viele Jahre schwieg Pater Kentenich im Angesicht solcher Gerüchte und Verleumdungen. Im Blick auf das bevorstehende goldene Priesterjubiläum am 8.7.1960, auch zur Verteidigung der Schwestern, auf die durch solche Gerüchte ein schiefes Licht fiel, sah sich der Gründer veranlasst, eine Verteidigungsschrift zu schreiben, die „Apologia pro vita mea“. Sie entstand im Februar 1960.
Er erlaubt einen tiefen Blick in die väterliche und erzieherische Grundhaltung Pater Kentenichs im Blick auf die besondere pädagogische Herausforderung der Kirche in unserer Zeit.

Der folgende Text ist dieser Schrift entnommen. Er findet sich in „Zum Goldenen Priesterjubiläum“, Berg Sion 1985, S. 113-115.


Wer nicht ständig Fühlung mit der modernen, vielfältig angekränkelten Seele hält, hat keine Ahnung, wie viel Zwang das Leben ungezählt vieler Menschen aller Stände und Klassen ‑ Priester und Ordensleute beileibe nicht ausgenommen ‑ heute zu einer Art Hölle oder doch wenigstens zu einem unerträglichen Fegfeuer macht. Es ist eine billige Lösung, in solchen Fällen einfach zu absolvieren, sich aber nicht weiter um innere Heilung zu bemühen. Tief in Gott verankerte Paternitas denkt und handelt da wesentlich anders. Sie richtet sich nach des Heilands Selbstportrait vom Ideal des Guten Hirten: Der Gute Hirt gibt sein Leben für seine Schafe. Er bleibt nicht mit verschränkten Armen am Ufer eines aufgepeitschten Meeres stehen, er sieht nicht ruhig und interesselos in die tosenden Fluten hinein, wo Tausende und Abertausende Wind und Wellen ausgesetzt sind und hilflos mit dem Untergang ringen. Er ist auch nicht damit zufrieden, den Schwimmgürtel den Ertrinkenden von der Ferne aus zuzuwerfen: er stürzt sich selbst mit Lebensgefahr ins Wasser, um zu retten, was zu retten ist. So verwirklicht er des Heilands Wort: Der Gute Hirt gibt sein Leben für seine Schafe. Es dürfte nicht gar zu schwer sein, das Bild auf Fälle der bezeichneten Art sinn‑ und zeitgemäß anzuwenden. Lassen Sie mich wiederholen: Die Ewigkeit wird einmal entschleiern, wie groß und vielgestaltig die Zahl derer ist, die ich durch diese Klippen zur vollen Freiheit der Kinder Gottes hindurch‑ und den Berg der Vollkommenheit hinaufführen durfte.

Schon sehr früh kam ich mit dem angeschnittenen Problem theoretisch und praktisch in Berührung. Von den Erfahrungen des jungen Spirituals hinter ‚Klostermauern‘ sei hier geflissentlich abgesehen. Kaum hatten sich ihm jedoch Türen und Fenster nach draußen geöffnet, da kamen von allen Seiten Patienten zu ihm. Es waren Laien und Priester. So geschah es bereits am Anfang der zwanziger Jahre. Damals, unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg, galt Dr. Bergmann mit seiner Praxis in seiner Heilanstalt in Kleve als Fachmann auf diesem Gebiete. Was er vom medizinischen Standpunkt aus begonnen, durfte ich in solchen Fällen als Priester psychologisch‑aszetisch und religiös fortsetzen und vollenden. Das war nicht selten eine saure Arbeit. Viel leichter wäre es gewesen, die Finger davon zu lassen und sich mit allgemeinen frommen Sprüchen aus der Situation herauszuhalten, wie es viele Priester zu tun pflegen. So handelt aber nicht der Gute Hirt, der sein Leben für seine Schafe gibt. Er tut alles ‑ auch wenn es ihn viel Studium, viel Nervenkraft und Zeit kostet ‑, um sie vor Schaden zu bewahren und ihnen die volle innere Freiheit der Kinder Gottes, soweit das möglich ist, zurückzugeben.

Weil wir Priester und Theologen von unserer Seite vielfach nicht einmal fähig und bereit sind, die alten, bewährten Moralgrundsätze und Pastoralregeln mutig, erleuchtet und klug anzuwenden, haben sich in der Folgezeit ‑ wie überall mit Bedauern festgestellt wird ‑ die Sprechzimmer der Psychotherapeuten gefüllt, während unsere Beichtstühle mehr und mehr leer werden. Der zeiten- und seelenkundige Seelsorger weiß um die tiefgehende und allseitige moderne Lebenskrise und um deren praktische Auswirkungen in seiner Gefolgschaft. Er hat den Mut und bringt die Kühnheit auf, sich damit auseinander zu setzen, Heilmittel zu suchen und vorsichtig und umsichtig anzuwenden. Tut er das nicht, so kommt er sich vor wie ein Mann, der verantwortungslos ins Blaue hinein redet und handelt. Er fürchtet mit Recht, auf solche Weise bestimmte Kreise seiner Gefolgschaft ‑ freilich ohne es zu wollen ‑ ins anti-kirchliche Lager zu treiben oder sie verkrüppelt auf dem Schlachtfeld zurückzulassen.

J. Folliet hat eine beachtliche Studie (1951) über den Christen am Scheidewege der Zeit geschrieben. Sie trägt den Titel: „Der Christ am Scheidewege.“ Darin ist zu lesen:

„Es gibt nichts Enttäuschenderes, als die Epigonen des Thomismus, Billuart oder Gonet, zu lesen, wenn man bedenkt, dass zu derselben Zeit Montesquieu, Voltaire und Rousseau schrieben. Ein fürchterlicher Umsturz in Wissenschaft und Leben vollzog sich, ohne dass die Seelsorger und Theologen es zu merken schienen. Der Rationalismus der Philosophen zerstörte die Tradition. Der Maschinismus, Liberalismus und Kapitalismus stellten die Gesellschaft völlig auf den Kopf. Aber die Theologie blieb stumm oder, wenn sie redete, wiederholte sie nur alte Formeln. Sie klebte noch an ihren Kontroversen über die wirksame und ausreichende Gnade.“

Ob wir uns heute nicht vielfach in derselben betrüblichen Lage ‑ wenn auch auf einer anderen Ebene ‑ befinden? Weil es nach Ausweis der Geschichte für den Katholiken gefährlich werden kann, zu den modernen Lebenskrisen wagemutig und schöpferisch Stellung zu nehmen, ist die Gefahr groß, dass wir von unserer Seite keine oder nicht genügend wirksame Beiträge zu ihrer Lösung liefern und so entweder vollkommen lebensfremd werden oder ins Schlepptau fremder Lebensauffassungen geraten.

Das gilt von allen Lebensfragen und Lebenskrisen der heutigen Zeit. Es gilt nicht an letzter Stelle ‑ obwohl wir das gerne vertuschen und verdecken ‑ von der sexuellen und sexualpädagogischen Krise. Will man hier klar sehen, so mag man bei den Existenzialphilosophen in die Schule gehen. Mit brutaler Rücksichtslosigkeit ziehen sie alle verhüllenden Schleier von den Tiefen der Seele weg und zeigen die ganze Tragik auf diesem Gebiet. Oder, wenn man will, lasse man sich von unseren katholischen Psychotherapeuten sagen, wie groß heute unter den Zölibatären das Heer derer ist, die trotz besten Willens nicht mehr mit dem Zölibat zurechtkommen, obwohl sie seine Toga nach außen manierlich tragen und wohl auch noch innerlich dazu stehen. Wie häufig wird deshalb in vertrauten Kreisen die Frage aufgeworfen: Besteht der Zölibat für heutige Menschen überhaupt noch zu Recht? Und wenn die Frage zu bejahen ist: Was muss man tun, um der sexuellen Not, die heute nicht selten zu sexueller Nötigung auswächst, wirksam zu steuern? Jeder Seelsorger weiß, wie groß auf diesem Gebiet Zwangsnot werden kann. Wo aber sind die Helfer in der Not? Das heißt, wo sind die Männer, die die Wirklichkeit sehen, die den Mut haben, den Schleier von ihr wegzuziehen, und die die Klugheit aufbringen, Heilungs‑ und Heiligungsmittel und ‑wege zu zeigen?

Es würde zu weit führen, wenn ich von hier aus zeigen wollte, was wir von unserer Seite nach dieser Richtung zur Lösung beizusteuern haben. Was wir anbieten können, mutet auf den ersten Blick so einfach an wie das Ei des Kolumbus. Im Kerne geht es dabei um sorgsame Pflege und Verwirklichung des Organismusgedankens, vornehmlich unter dem Gesichtspunkte organischer Kindlichkeit, die bis ins unterbewusste Seelenleben hinabreicht und dort gleichsam ‚Wandlungswunder‘ wirkt…


Schönstatt-Lexikon online: Vater / Väterlichkeit

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