KR-1 DE 20

20. Der Mariengarten

Am 20.1.1942 hatte der Gründer die weittragende Entscheidung getroffen, nichts mehr gegen eine Inhaftierung in das Konzentrationslager zu unternehmen. Diese Entscheidung hat die ganze Schönstattgeschichte geprägt. Im Vorfeld dieser Entscheidung geschah ein wichtiges Ereignis, das mit dem Heiligen Abend im Jahre 1941 zusammenfällt: die Entstehung des „Mariengartens“.
Im folgenden Text erzählt P. Kentenich selbst, wie es zu diesem Ideal kam. In einer blitzartigen Erkenntnis sah der Gründer in dem Namen der Schreiberin, Mariengard, ein Ideal von weit tragender Bedeutung aufblitzen. Der zweite Teil des Textes deutet, wenn auch nur gliederungsartig, die ganze Dimension dieses Ideals an. Es ist das marianische Menschheitsideal, das im Paradies angelegt ist, in der Gottesmutter eine personale Vollendung findet und uns im Liebesbündnis mit ihr zur Gestaltung des Neuen Menschen in der Neuen Gemeinschaft in der heutigen Zeit in besonderer Weise aufgetragen ist.
Es lag deshalb nahe, dass der Gründer nach Heimkehr aus dem Konzentrationslager dieses Ideal mit Wärme kündete. Da es sich, wie der vorliegende Text deutlich macht, um einen intimen Vorgang handelte, ist auch verständlich, dass die Schwestern ihn für sich bewahren wollten und dass sie eher unangenehm berührt waren, als P. Kentenich den Vorgang auf der Oktoberwoche 1950 „veröffentlichte“. Im Denken des Gründers war zwar das Ideal des Mariengartens sehr passend im Schoße der Marienschwestern entstanden, hat aber Gültigkeit weit darüber hinaus: für die Schönstattfamilie, für die Kirche, ja für die ganze Welt; eine Dimension, die im Blick auf die heutigen ökologischen Probleme noch nicht einmal in Schönstatt aufgeschlüsselt ist.
Dabei darf nicht übersehen werden – auch dies deutet der Text an -, dass es im Mittelalter eine reiche Tradition in Theologie, Kunst und Literatur gab, die die Symbolik des Gartens im Blick auf die Kirche und im Blick auf das persönliche geistliche Leben fruchtbar machte: für Gott das „Herzensgärtlein“ zu bestellen durch die konkrete Übung vielfältiger Tugenden: der Rose der Liebe, der Lilie der Reinheit, des Veilchens der Demut usw. Insofern greift das Ideal des Mariengartens auch eine alte und reiche kirchliche Tradition auf, die schon in den „Maiblüten“ eines Josef Engling einen Vorläufer hat.
Es sei noch darauf aufmerksam gemacht, dass das Wort vom „Wunder der Heiligen Nacht“, das zuerst an jenem Heiligen Abend 1941 auftaucht, eine bleibende Rolle in der weiteren Schönstat­t­geschichte gespielt hat. Als P. Kentenich ins Exil nach Milwaukee gehen musste, einte sich die Schönstattfamilie wiederum im Opfer und im Gebet um ein „weiteres Wunder der Heiligen Nacht“. Und diese Sehnsucht hat sich dann sogar wörtlich erfüllt, indem P. Kentenich am Heiligen Abend 1965 aus dem Exil nach Schönstatt heimkehrte.

Der Text ist entnommen dem 15. Vortrag der Oktoberwoche 1950, S. 308 – 321.


Erst muß ich ein Abwehrgefühl entfernen. Wenn wir vom Mariengarten sprechen, klingt das so duftig in einer eisenharten Zeit. Vergessen Sie nicht, die Ausdrücke sind entstanden in einer noch härteren Zeit. Vergessen Sie nicht, das ist für die Pädagogik der heutigen Zeit eine große Tragik, daß der heutige Mensch, die heutige Jugend das Organ verloren hat für Symbole. Und der gesunde Mensch, auch der ursprünglich gesund gewachsene Mensch, hat das Recht auf eine Anzahl Symbole, und wenn die Symbole nicht verwertet werden in der Erziehung, zumal in der Frauenerziehung, ist etwas krank Aber darüber will ich weiter nicht sprechen.

Ich spreche von seiner Geschichte, seiner Deutung und Vertiefung.

[1. Die Geschichte des Mariengartens]

Ein Stück aus der Geschichte. Wie ist er entstanden? Durch und durch nach dem Gesetz der geöffneten Tür. Da haben Sie an sich den klassischen Beweis, wie das Gesetz der geöffneten Tür bei uns ausschlaggebend ist. Das Gesetz der geöffneten Tür! Vom Vorsehungsglauben getragen, deuten wir jede Kleinigkeit und fragen, was der Herrgott uns damit sagen will.

1.1. Die erste Etappe der Geschichte.

Sie wissen, wie das Haupt der Familie damals im Gefängnis saß und wie das verhältnismäßig schnell geglückt ist, alle Grenzen des Briefverkehrs beiseite zu schieben und trotz Lebensgefahr Fühlung mit draußen zu halten.

Das Krankenhaus in Koblenz ist der historisch gewordene Ort des Mariengartens. Eine von unseren Schwestern, sie heißt Mariengard, hatte vor Weihnachten, am 23. Dezember 1941, die innere Anregung, sie müsse dem Christkind einen Brief schreiben. Jetzt müssen Sie sich ehrlich daran erinnern, auch diejenigen, die über so etwas weit, weit erhaben sind: Es schreit bisweilen das Kind in uns, auch im Mann. Sie hat also ein Brieflein ans Christkind geschrieben. Es war zwar gedacht, die Oberin sollte es der Schwesternfiliale vorlesen. Die Schreiberin wollte die Schwestern darauf aufmerksam machen: Wir wollen beten, daß das Christkind das Wunder der Heiligen Nacht wirkt. Das war das starke Bedürfnis, das Christkind sollte das Haupt der Familie an Weihnachten von den Fesseln lösen. Ist etwas Schlichtes. Ich meine, ich sollte es Ihnen eigentlich vorlesen als Ausdruck des Vertrauens, ist aber sehr duftig geschrieben, kindlich.

„Liebes Christkind!
Bald steigst Du in der Heiligen Nacht wieder auf die Erde hernieder, und ich habe Dir noch gar nicht geschrieben, was Du mir bringen sollst. Jedes Jahr bringst Du doch allen braven Kindern viele, schöne Sachen. Auf diese will ich gerne verzichten, wenn nur Vater wiederkommt. Ich habe nämlich dieses Jahr eine ganz große Bitte an Dich. Unser lieber Vater ist schon so lange fort von uns, und wir haben alle Heimweh nach ihm. Kannst Du es nicht so machen, daß Du, wenn Du in der Heiligen Nacht zur Erde steigst, einen Engel zu Vater schickst? Dann würde es auf einmal ganz hell in seiner Zelle. Der Engel würde sagen: Fürchte Dich nicht, ich verkün­dige Dir eine große Freude. Heute ist in Schönstatt der Heiland geboren. Geh eilends ins Kapell­chen. Dort findest Du das Kind auf den Armen der Mutter!

Und dann würden viele Engel kommen und Vater den Weg bahnen zum kleinen Heiligtum. Dort würde er das ‚Wunder der Heiligen Nacht‘ schauen. Das Kind würde sagen: Du darfst jetzt immer bei mir bleiben und Deinen Kindern viel von mir erzählen, damit sie an Hand meiner Mutter auch ganz zu mir finden. Und alle Schönstattkinder hätten eine übergroße Freude und würden die ganze Nacht Dich und Deine Mutter loben. Und später noch würde man sprechen von dem ‚Wunder der Heiligen Nacht‘.

Gelt, liebes Christkind, jetzt muß ich noch zweimal schlafen, dann ist Weihnachten. Ich vertraue ganz fest, daß Du mir meine Bitte erfüllst, weil Du doch mächtig bist und an Weihnachten alle braven Kinder beschenkst. Jetzt will ich Dir noch schnell meinen Namen schreiben: Ich heiße „Maria Providentia“ (121) und wohne auf der Kinderfiliale in Koblenz. Wir sind mit der Mutter zusammen 55 Kinder.
‚O Du liebes Jesuskind, hör doch unser Flehen,
laß uns alle doch recht bald Vater wiedersehen.
Woll’n dann, wie die Englein droben,
Dich und Deine Mutter loben: Jesus und Maria!“‚

Die Oberin hat dieses Brieflein hineinlanciert ins Gefängnis und dazu geschrieben: „Der Brief ist von Mariengard.“ Ich weiß noch gut, ich habe es nachts bekommen, habe mich im Bett aufgerichtet und geantwortet.

Das mache ich immer so: was der Herrgott in denen wirkt, die er mir schenkt, greife ich immer auf. Ich könnte Ihnen genau nachweisen, was in das Werk hineingekommen von der oder jener Seele, von der oder jener Strömung.

Das Brieflein war an das Christkind geschrieben. Die Antwort mußte sich also dem Kinderton anpassen. Wollen Sie das Brieflein auch hören? Gelt, jetzt wird das Kind in uns allen wach.

„Meine liebe kleine Mariengard!
Deinen Wunsch erfülle ich, wenn Dein Herz und das Herz der ganzen Familie ein blühender Mariengarten geworden ist; also ist die Erfüllung Deiner Bitte, das ‚Wunder der Heiligen Nacht‘, in Deine und der Schönstattkinder Hand gelegt. Beeilt Euch, damit es nicht zu spät wird. Ich habe nämlich noch viel vor, und dazu brauche ich Vater. Jetzt bereite ich ihn darauf vor. Wenn Ihr Euren Garten fein bestellt, beschleunige ich die Feil- und Meißelarbeit. Zum Troste teile ich Dir mit, daß in Vaters Zelle immer Licht und Wärme herrscht. Und Arbeit hat er fast soviel wie in Schönstatt. Soviel Besuch empfängt er täglich.
Herzlichen Gruß und Segen vom Himmel …“

Verstehen Sie, weil die Schreiberin Mariengard hieß, habe ich das ganze „Mariengarten“ getauft. Das Wunder der Heiligen Nacht geschieht an mir, wenn es an Ihnen geschehen ist. Und wann geschieht es an Ihnen? Wenn Sie einen blühenden Mariengarten darstellen: „wenn das Herz der ganzen Familie ein blühender Mariengarten geworden ist“, wenn Sie Ernst machen mit der Inscriptio, dann werde ich befreit. Einen anderen Lösepreis gibt es nicht.

Ein außergewöhnliches Verantwortungsbewußtsein zwischen überzeitlichem Haupt und der Ge­folg­schaft ist der Punkt, der durch die Gefolgschaftsströmung nachher aufgefangen worden ist.

Die Wirkung des Briefleins kommt nachher. Jetzt hat die kleine Mariengard wieder ein Brieflein geschrieben. Es gibt also ständig Christkindbriefe.

„Liebes Christkind!
Ich darf Dir heute auf Dein liebes Brieflein Antwort geben. Du glaubst gar nicht, was für eine große Freude Du uns allen gemacht hast. Und dafür muß ich Dir doch ganz herzlich danken. Am liebsten würde ich das Brieflein Dir selber bringen, aber das geht ja nicht, der Weg ist doch zu weit, und sicher würde ich gar nicht zugelassen, und so schicke ich mein Dankesbriefchen mit der Himmelspost, dann kommt es bestimmt wieder gut an.

Weißt Du, das hätte ich mir nicht träumen lassen, daß Du am Heiligen Abend, wo Du doch so viel zu tun hast, Dich hinsetzest und der kleinen Mariengard ein Briefchen schreibst. Es kommt mir vor wie ein Traum, und doch ist es Wirklichkeit. Und außerdem bist Du doch so groß und so gescheit und weißt alles, und wenn ich daran denke, wie viele Menschen schon ganz glücklich wären, wenn sie nur den Anfangsbuchstaben und vielleicht noch ein Wort von Dir auf dem Papier hätten, dann fällt mir der schöne Satz ein, den Vater oft am Schluß seiner Rede gebrauchte: ‚Die dümmsten Bauern haben die dicksten Kartoffeln.‘

Also, ich bin ganz glücklich, daß Du mir mein Weihnachtsbrieflein beantwortet hast. Ich habe es in Schönstatt gestern, am 2. Weihnachtstag, erhalten. Dann bin ich, als ich wieder zu Hause war, gleich zu der Mutter (122) gegangen und habe es ihr gegeben. Wenn Du erst gesehen hättest, wie sie sich gefreut hat! Wir haben dann die Tür abgeschlossen und Dein Brieflein Wort für Wort gele­sen. Weißt Du, ich konnte Deine Schrift gar nicht so schnell entziffern, das hat die Mutter viel schneller gekonnt wie ich. Aber sie ist ja auch größer, und vielleicht hast Du doch schon öfter ein Brieflein schreiben müssen, weil sie jetzt auch so ganz allein ist. Vater ist ja fort. Und so viele Kinder zu ‚Heiligen‘ erziehen, ist doch nicht so einfach.

Manchmal hat die Mutter auch an einem Satz gestockt, aber das war vor lauter Freude. Wo Du etwas geschrieben hast von der Feil- und Meißelarbeit, das habe ich nicht recht verstanden. Dann hat die Mutter mir das erklärt. Ich habe nämlich an unserem Vater noch gar keine ‚Kanten‘ gesehen, und dann habe ich gemeint, das gälte nicht für den Vater. Denn Vater war zu uns immer gut. Aber ich verstehe das sicher erst später ganz richtig, wenn Vater uns das erklärt.

Und als wir dein Brieflein zu Ende gelesen hatten, dann haben wir ein kleines Dankgebetchen gesprochen und dann wieder von vorne angefangen. – Und wir haben Freude gehabt, das hast Du sicher vom Himmel aus gesehen. Und mitten drin klopfte es. Das tat mir sehr leid, weil es doch so schön war …

Dann bin ich gleich an die Arbeit gegangen, weil ich doch sofort anfangen wollte mit dem ‚Mariengarten‘, und da gehört ja ‚treueste Pflichterfüllung‘ auch dazu. Aber Du glaubst nicht, ich konnte Dein Brieflein nicht vergessen. Immer hörte ich in den Ohren: ‚Meine liebe kleine Mariengard!'“

Wenn man das hört, meint man, das wäre ein Märchen aus „Tausend und einer Nacht“. Das war es auch, aber auf einem dunklen Hintergrund. Sie müssen sich die Gefahr im Gefängnis vorstel­len. Das Christkind antwortet, aber dann ist Schluß.

„Meine liebe kleine Mariengard!
Du hast mich gut verstanden. Früher hast Du immer gemeint, Du müßtest das ganze Leben eine Halbwaise bleiben. Bist Du jetzt vom Gegenteil überzeugt?

Nun fang aber auch bald mit den anderen Geschwisterchen an, den Mariengarten sorgfältig zu bestellen. Bald komme ich … Und wenn ich mit allen Blumenbeeten zufrieden bin, erfülle ich Euren Wunsch und schicke Euch Vater zurück – wohl ausgerüstet zu neuer Arbeit und neuen Kämpfen …“

Das ist ja auch Wirklichkeit geworden. Das ist die erste Etappe. Wissen Sie, was daraufhin lebendig wurde? Eine ungemein starke gegenseitige Schicksalsverwobenheit und ein ungemein starkes Verantwortungsbewußtsein. Wir pflegen dafür zu sagen: ein lebendiges, tiefes, wirksames Liebesbündnis mit- und untereinander.

Jetzt müßte ich Ihnen sagen, wieviel Kraft das geweckt hat. Das war nicht bloß ein Liebesbündnis mit der Gottesmutter, zwischen Himmel und Erde, sondern auch ein Liebesbündnis zwischen überzeitlichem Haupt und seiner Gefolgschaft und ein Liebesbündnis der Gefolgschaft untereinander. Es ist wirklich in heroischer Weise all die Jahre immer aus dem Gedanken heraus gearbeitet worden: Das Wunder der Heiligen Nacht muß erst an uns geschehen, dann geschieht es auch am Haupt.

1.2. Die zweite Etappe.

Später, 1945, nach der Heimkehr, lebt in unserem Mariengarten der Gedanke: Was wir empfangen, müssen wir behalten. Was uns die starke Triebkraft gegeben hat, war nicht bloß das Liebesbündnis mit der Gottesmutter, sondern auch untereinander und mit dem Haupt. Das Haupt ist ja nicht mehr in Gefahr, dann weckt das nicht mehr so. Jetzt die Frage: Wie wird das umorientiert? Der Gedanke wird lebendig: Wir wollen in ausgesprochener Weise seine Diakoninnen, seine Helferinnen sein, damit er überall, wo er geht, kleine Marien großziehen kann. Wir wollen als kleine Maria Diakonin, Mithelferin sein, damit es ihm glückt, überall, wo er arbeitet, möglichst viele Menschen zu kleinen Marien zu formen.

1.3. Die dritte Etappe.

Daraufhin hat die ganze Schwesternfamilie sich langsam dahin entwickelt, in den Mariengarten aufgenommen zu werden, alle unter einem Symbol, hier unter dem Symbol einer Blume, dort unter einem anderen Symbol, so daß die ganze Schwesternfamilie aufgenom­men worden ist in den Mariengarten.

Nebenbei bemerkt, die Frauen von Schönstatt haben sich auch zusammengeschlossen zu einem hortus conclusus. Das ist an sich dieselbe Tendenz, irgendein Symbol zu haben. In einer harten Zeit ist die Symbolhaftigkeit für eine Frauenfamilie von Bedeutung.

[2. Die Deutung des Mariengartens]

Jetzt darf ich Ihnen kurz die Deutung des Mariengartens geben.
Ein Wort über die Art des Bündnisses, das hier symbolisiert ist, ein Wort über den Grad, ein Wort über die Form. Das ist jetzt nüchtern aneinandergereiht, ist aber sprudelndes Leben, was hier wiedergegeben ist.

2.1. Die Art des Bündnisses:

1′ ein Liebesbündnis zwischen Himmel und Erde, zwischen uns und der lieben Gottesmutter;
2′ ein Liebesbündnis in ausgesprochener Weise zwischen überzeitlichem Haupt und seiner Gefolgschaft; auch zwischen Vorgesetzten und Untergebenen;
3′ ein Liebesbündnis der Gefolgschaft untereinander;
4′ ein Liebesbündnis zwischen der Familie und Vinzenz Pallotti.

2.2. Ein Wort über den Grad:

1′ ein vollkommenes Liebesbündnis der Gesinnung nach;
2′ ein vollkommenes Liebesbündnis der Tat nach.

Das müßte ich Ihnen noch nachweisen, wie dieses Liebesbündnis den höchsten Idealismus geweckt hat, vor allem das Verantwortungsbewußtsein füreinander und für das gefährdete Haupt. Deswegen ein vollkommenes Liebesbündnis nicht nur der Gesinnung, sondern auch der Tat nach. Sie finden es nachher wieder, wenn die Führerschicht unserer Priester und unsere Frauen den Gefolgschaftsakt setzen. Es ist dieselbe klare Nüchternheit; es dreht sich nicht nur darum, gesinnungsgemäß etwas zu tun, sondern die Gesinnung muß zur Tat werden.

2.3. Die Form des Bündnisses:

Auch das ist originell: eine Gemeinschaftsform. Die Schwestern haben sich nicht geniert, in sich das Bewußtsein zu wecken: wir gehören einander und gehören miteinander dem Haupt. Das ist später „Kindesakt“ genannt worden. Also heraus aus dem Kerker des Individualismus. Nicht ich allein will das Erlebnis haben, sondern wir müssen als Gemeinschaft das Gemeinschaftserlebnis mit dem Haupt der Familie haben. Die Dinge sind viel weittragender, als die nüchternen Worte sagen. Wer deswegen jetzt in den Mariengarten aufgenommen worden ist, muß natürlich nun da­nach ringen, daß die einzelnen Kurse, die Formationen auch zu dieser Höhenlage emporwachsen, daß sie sich ein- und gleichschalten.

Haben Sie damit wohl schon eine kleine Antwort auf die Frage, wie das Liebesbündnis aussieht? Merken Sie, daß Sie hier das Kernstück der neuen Gemeinschaft vor sich haben, das ganz tiefe Verantwortungsbewußtsein füreinander und für das Haupt? Ein Verantwortungsbewußtsein, das eine drängende, treibende Kraft ist zu Taten: und zwar zu Taten der schwesterlichen Liebe, zu Taten der Selbstüberwindung. Es ist das Inscriptio-Bündnis nach allen Richtungen hin.

[3. Vertiefung]

Wenn ich den Gedanken jetzt ein wenig vertiefen darf, müssen Sie mir gestatten, ein wenig stehenzubleiben bei dem Worte „Mariengarten“. Zwei Gedanken. Ich darf Ihnen erstens sagen, die Gottesmutter selber ist ein Garten, und zweitens, von da aus fällt neues Licht auf das Symbol des Mariengartens, und zwar ein Licht, das wir in diesen Tagen schon öfters aufgefangen haben.

3.1. Die Gottesmutter selber ist ein Garten.

Der heilige Evodius nennt sie einmal „den Lustgarten Gottes und der Menschen“. (123) Ich disponiere den Stoff jetzt für diejenigen, die sich in diese Gedanken hineinlieben und -verlieben wollen.

3.1.1. Die Gottesmutter ist also ein Lustgarten Gottes.

Hier müssen Sie ausgehen von der Überlegung, daß das so gemeiniglich Brauch ist in der Weltgeschichte, daß die Großen, die Erhabenen, die Königin, die Führer, wenn sie zur Regierung gelangen, große Bauten und Paläste errichten und Lustgärten, in denen sie sich ergehen können. Der Herrgott hat es auch so gemacht. Es steht sogar im Alten Testament, daß er sich im Paradies zur Mittagszeit erging. (124) Von Salomon heißt es zum Beispiel, daß er, als er zur Regierung gekommen war, große Bauten errichtet, große Werke inszeniert, sich aber auch einen Lustgarten angelegt hat. Dann wird erzählt, welche Blumen in dem Lustgarten gewesen sind. (125)

So nennen wir die Gottesmutter einen Garten, einen Lustgarten Gottes. In der Anwendung des Hohenliedes auf die Seelen finden Sie denselben Gedanken. Da ruft der Bräutigam aus: Meine Schwester Braut, komme doch in meinen Garten! Und die Braut ruft, er, der Bräutigam, möge doch in ihren Garten kommen. (126)

Verstehen Sie, was das heißt, die Gottesmutter ist der Garten Gottes? Der lebendige Gott hat sich einen dreifachen Garten angelegt. Das ist zunächst die Schöpfung insgesamt. Sie ist auch ein Garten, ein Garten Gottes. Zweitens wird die Heilige Schrift ein Garten Gottes genannt, drittens das Paradies. Sicherlich, das sind auch Lustgärten Gottes, weil das Werke sind, durch die der lebendige Gott sich verherrlicht hat, und Gott muß Freude haben an seiner Schöpfung. Aber genauer gesehen, sind es doch mehr Lustgärten, an denen die Menschen sich erfreuen.

Lustgarten Gottes im eigentlichen Sinne des Wortes – so sagt uns die Heilige Schrift – ist die Gottes­mutter. „Du, meine Schwester Braut, du bist ein verschlossener Garten, ein versiegelter Quell.“ (127)

Beim heiligen Bernhard kommt jetzt die ganze Mystik zur Sprache. Wenn es jemand versteht, solche Bilder aufzufangen, greift er das ganze Gemüt auf. Der heilige Bernhard weiß das Bild so zu deuten, als wenn der liebe Gott, der Heiland der Gottesmutter sagte: Du bist allein die Braut, du allein der Garten, an dem ich Freude habe. Die ganze Welt habe ich erschaffen für die Men­schen, aber du bist das auserlesene Werk meiner Macht, Güte, Weisheit. Du bist mein, an dir habe ich Freude, du bist mein Lustgarten. (128)

Wenn Sie nun wissen wollen, weshalb die Gottesmutter in so ausgezeichneter Weise der Lustgarten Gottes ist, müssen Sie die Heilige Schrift wieder aufschlagen. Da lesen Sie, wie der Heilige Geist durch Elisabeth das Wort prägt: „Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus!“ (129) Weshalb ist die Gottesmutter schlechthin der Lustgarten Gottes? Weil dieser Garten Gott hervorgebracht hat. Das ist die Linie, die zurückläuft zu den großen Gedanken, die wir besprochen haben. Wir dürfen uns herzlich über den Symbolgehalt freuen, sollten aber nicht an der Oberfläche hängen bleiben. Es ist gleich, wo ich anknüpfe, aber es muß immer das Letzte sein, was herausgeholt wird. Weshalb ist die Gottesmutter im eigentlichen Sinn der Lustgarten Gottes? Weil sie der Garten ist, der Christus hervorgebracht hat. „Und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.“ (130)

3.1.2. Nun heißt es aber:

„Ein verschlossener Garten, ein versiegelter Quell.“ Was das besagen will? Wir haben ja gesagt, die Gottesmutter ist nicht bloß ein Lustgarten Gottes, sondern auch unser Garten.

Es wird von einem alten römischen Patrizier erzählt, er habe auch einen wunderschönen Garten angelegt und dann das Wort darüber schreiben lassen: „Nur für mich und meine Freunde!“ (131) Da haben Sie den Übergang.

Sehen Sie, die Gottesmutter ein Lustgarten Gottes, aber nicht bloß für Gott, sondern für alle diejenigen, die sich ihr schenken, für alle diejenigen, die sie in ihr Herz eingeschlossen hat. Für die will sie auch ein Lustgarten sein. Was das heißt? Denen will sie Gott darreichen und ihnen die Fähigkeit vermitteln, daß sie auch ein Lustgarten Gottes, ein Mariengarten werden.

3.2. Damit haben wir den zweiten Gedanken berührt.

Was heißt jetzt das Wort Mariengarten? Das ist ein Garten von kleinen Marien, die Christus tragen, Christus gebären und in und mit Christus ständig um den Vater kreisen. Da haben Sie die ganze Metaphysik, da sind all die großen Gedanken in ein Bild hineingetragen: ein Garten, in dem lauter kleine Marien gedeihen, aber kleine Marien, wie wir sie eben kennengelernt haben, die Christus tragen, Christus gebären und in und mit Christus ständig um den Vater kreisen.

Jetzt müßten wir Wort für Wort zum Gegenstand eines Kurses machen können, damit die ganze Welt wertgesättigt ist, genau wie mit unseren Idealen. Wenn Sie ein Ideal vor sich haben, dann muß es wertgesättigt werden.

Was hier für uns von besonderer Bedeutung ist, das sind zwei Gedanken.

3.2.1. Die kleine Maria muß in den Christusbezug hinein.

Das Große, was wir in diesen Tagen miteinander besprochen haben, die ganze Dynamik im Herzen der Gottesmutter, die wie ein Gefäß zu Christus hinflutet, das muß die kleine Maria auch haben. Wenn sie das nicht hat, sondern bloß das Antlitz den Menschen zuwendet, dann ist das nicht Maria, die Christus geboren hat und die Christus trägt.

3.2.2. Wir dürfen nicht meinen, daß wir das Christentum in seiner ganzen Fülle aufgenommen, wenn wir nicht mit Christus und in Christus zum Vater gehen.

Wir müssen um den Vater kreisen. Der Vater ist das Letzte. Und wir haben in Schönstatt die große Aufgabe, die große Sendung, unter vielem anderen, den Vater zu retten. Das, was in der Zeit angefochten wird, ist das, was besonders hervorgehoben werden muss.


Schönstatt-Lexikon online: Mariengarten
(121) Da der Brief für die eigene Hausgemeinschaft gedacht war, wollte sich vermutlich die Schreiberin nicht identifi­zieren. Sie nimmt deshalb den Namen „Maria“, den alle Schwestern tragen und spezifiziert ihn mit dem Namen der Provinz, „Providentia“.
(122) Die Oberin
(123) Nach Ludwig Gemminger, Der Marienprediger (Regensburg 1863), S. 253.
(124) Vgl. Gen 3,8.
(125) Vgl. Koh 2,5.
(126) Vgl. Hld 2ff.
(127) Ebd. 4,12.
(128) Nach Gemminger, S. 254f.
(129) Lk 1,42.
(130) Lk. 1,42
(131) Nach Gemminger, S. 256.

Back

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen