KR-1 DE 10

10. Das Regierungsprinzip

Dieser zweite Teil unserer Textsammlung beginnt mit einem Text, der auf den ersten Blick sehr systematisch anmutet, sehr kompakt ist und sich nur durch eingehenderes Studium erschließt. Er ist gleichsam eine Ouvertüre, die aufzeigen möchte, dass vieles von dem, was sich später in der schönstättischen Spiritualität, Pädagogik und Organisationsweise ausgefaltet hat, keimhaft schon im Gründungsvorgang von 1912 bis 1914 enthalten ist; fraglos deshalb, weil der Prozess getragen war von einem ständig beobachtenden und forschenden Geist, der von einer Weltsendung bewegt war und der ständig nach der göttlichen Planung Ausschau hielt, um sie zu erkennen und umzusetzen.
Der vorliegende Text ist einer Studie aus dem Jahre 1961, entnommen der „Krise in und um Mau“. (23)
Der geschichtliche Hintergrund, der Pater Kentenich zu dieser Studie veranlasste, lag in der Führung der Priestersäule der Diözesanpriester. Sie war damals – auch motiviert durch die kirchenpolitisch schwierige Situation Schönstatts in der Verbannungszeit des Gründers – nicht aufgegliedert in Verband, Bund und Liga, sondern wurde insgesamt von einem Führungsgremium geleitet. Dies führte zu Spannungen mit der jüngeren Generation, die unter anderem auch die Frage nach dem richtigen Leitbild und der richtigen Struktur der Priestersäule aufwarf.
In seiner Studie geht P. Kentenich der Geschichte dieser Krise nach. Er bringt Gesichtspunkte für eine kritische Reflexion and versucht, Lösungen zu finden.
Aufschlussreich ist die Methode, mit der P.Kentenich an die anstehenden Fragen herangeht. Er stellt sie in einen größeren Rahmen, um aus der Geschichte Vergleichspunkte zu gewinnen. So wirft er einen Blick auf das römische Patriarchalprinzip des Paterfamilias, auf die Französische Revolution, auf moderne Diktaturen; er bringt Äußerungen von Papst Leo XIII. Und dann leitet er an, sich in die Schönstattgeschichte zu vertiefen und sich bewusst zu werden, wie dort die Spannung zwischen Autorität und Freiheit gelöst worden ist: er weist hin auf die Vorgründungsurkunde und die Pädagogischen Tagungen von 1931 und 1951. Bei der Autoritätsausübung unterscheidet er sorgfältig zwischen äußerer Autorität (Amtsautorität als Machtbefugnis, potestas) und innerer Autorität (Urheber und Förderer fremden eigenständigen Lebens sein)
Der ausgewählte Text besteht aus zwei Teilen: zunächst einer systematischen Darlegung, worin das Schönstättische Regierungsprinzip besteht (S. 8-12) und dann der Anleitung, die Frühgeschichte Schönstatts nach dem Verhältnis von Autorität und Freiheit zu befragen (62-68). Und damit führt er ein in den geschichtlichen Werdegang des Werkes.
Der Studie “Krise um Mau” (Sept 1961) ist veröffentlicht in: Herta Schlosser, Autorität und Freiheit in schöpferischer Spannung, Vallendar 1993, 8-12 und 62-68.


Der Einfachheit halber sprechen wir in der Folge nur vom Regierungsprinzip, wollen aber allezeit die beiden anderen Prinzipien, das Organisationsprinzip und das individuelle Führerprinzip, mit eingeschlossen und mit verstanden wissen.

[1. Das Regierungsprinzip: systematische Darlegung]

Es dürfte bekannt sein, dass wir bei unserer metaphysischen Grundeinstellung, die überall durchscheint, und die immer sich um letzte Grundlegungen unserer Entscheidungen bemüht, um sie zu stützen, in diesem Fall darauf bedacht sind, schlechthin Gottes Regierungsweise so vollkommen als möglich nachzuahmen.

Die Theologie hat für die Art, wie Gott die Welt regiert, das Axiom geprägt: Deus operatur per causas secundas liberas. Das heißt: Gott wirkt allezeit durch und in sorgfältiger Anpassung an freitätige Zweitursachen. Danach ist und bleibt er die causa prima, der die Zügel allezeit unerschütterlich fest in allweiser, allgütiger und allmächtiger Hand hält; der mit persönlicher Freiheit ausgestattete Mensch ist bei der göttlichen Weltregierung die frei mitwirkende causa secunda. Man kann dafür auch sagen: Gott ist der absolut souverän wirkende Bau- und Werkmeister, der einen umfassenden Liebes-, Weisheits- und Allmachtsplan entworfen hat vom gesamten Weltgeschehen. Er hat es von Ewigkeit her getan. Im Laufe der Zeit sucht er diesen Plan bis in alle Einzelheiten zu verwirklichen. Dabei ist der Mensch, der freie Mensch in seiner Hand ein frei sich bewegendes Werkzeug in seins-, lebens- und wirkgemäßer Zweieinheit mit dem unendlichen, mit dem unfassbaren absoluten Bau- und Werkmeister.

Um die Mitarbeit des freien Werkzeugs zu wecken und zu erleichtern, um sie für seine Regierungspläne gebrauchen zu können, hat der Werkmeister das Polaritätsprinzip in Individuum und Gemeinschaft unverlierbar hineingeschaffen. In das Individuum legte er hinein die Spannung zwischen Leib und Seele und die Spannung zwischen Verstand, Wille und Herz. Besonders stark wirkt sich seit dem Sündenfall im einzelnen Menschen die Spannung zwischen Trieb-, Geistes- und Gottesmensch oder zwischen Tier, Engel und Gotteskind aus.

Das Gemeinschaftsleben ist von demselben Prinzip getragen. Es wird davon in stetig schöpferischer Bewegung gehalten: ganz gleich, ob es sich dabei um die natürliche oder übernatürliche Ebene handelt.

Auf der natürlichen Ebene stoßen wir – ohne lange Untersuchungen anstellen zu müssen – auf das spannungsreiche Geschlechter- und Generationsprinzip, auf das weckende Individuations- und Sozialisierungsprinzip, sowie auf das stetig wirksame Selektions- und Massenprinzip, ganz abgesehen vom Nationalitäten- und Weltbürgertumsprinzip.

Gott weiß in seiner unerforschlichen Weisheit den endlosen Spannungsreichtum, der in all diesen Prinzipien grundgelegt ist, für Verwirklichung seiner Liebespläne mit der menschlichen Gesellschaft glänzend auszunützen.

Ein Gleiches gilt von dem Verhältnis zwischen Natur und Gnade und den einzelnen Personen im Schoße der heiligsten Dreifaltigkeit. Hier auf Erden geht es Gott in alleweg um das Ideal der Spannungseinheit, das in der visio beata ausmündet in eine vollkommene Ordnungseinheit.

Wir versuchen, diese geheimnisreiche Regierungsweise und -weisheit des ewigen Vatergottes so vollkommen nachzuahmen, als es einem sterblichen, einem erbsündlich belasteten Menschen möglich ist. So formulieren wir das göttliche Regierungsprinzip für unseren Gebrauch kurz und knapp so: autoritär im Prinzip, demokratisch in der Anwendung. Klarer ausgedruckt: in unserer Regierung stehen wir unerschütterlich auf dem Boden der Autorität, sind aber in Anwendung und Auswirkung dieser Autorität – ähnlich wie Gott – überaus einfühlend und rücksichtnehmend auf die individuellen und sozialen Bedürfnisse der Natur. Oder: wir sind autoritär im Prinzip, aber weitestgehend demokratisch in der Anwendung dieser Autorität.

Auf solche Weise glauben wir – soweit das für Menschen möglich ist – Gottes allweise und unerreichbare Regierungsweise nachzuahmen. Nach seinem Vorbilde arbeiten wir überall, wo uns Freiheit gelassen ist, in hervorragender Weise mit den vom Weltenschöpfer und Weltenregenten in die Natur hineingelegten Spannungsgesetzen.

Es sei wiederholt: wir sind ‚autoritär im Prinzip, aber demokratisch in der Anwendung‘, wo wir es mit Menschen und Menschenführung zu tun haben.

Der Satz klingt sehr einfach. Fast hätte ich gesagt: er sieht recht unschuldig aus. Wir haben ihn ungezählt viele Male in Kursen gehört, haben ihn wohl auch nicht selten selbst gebraucht. Ob uns aber dabei der volle Sinn je aufgegangen ist? Ob wir uns je darüber klar geworden sind, dass wir hier den Schlüssel in der Hand haben, der die vielverzweigte Schönstattgeschichte von der menschlichen Seite aus vollauf verständlich macht: mag es sich dabei um Organisation oder um Regierung oder um persönliche Führungsfragen handeln?

Er enthält einen Protest gegen zwei unvereinbare Gegensätze: gegen Absolutismus und Kollektivismus. Er bedeutet ein Bekenntnis zu gottgewollter Spannungseinheit zwischen Autorität und Freiheit zu den darinnen sich offenbarenden zahlreichen Polaritätsgesetzen. Er lehnt recht nachdrücklich auch die Art von Demokratismus ab, der seit der Französischen Revolution überall auf Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit hinarbeitet, der so den Vater in der Familie und den Fürsten im Staat abgeschafft hat und nach derselben Richtung fortlaufend Unheil anrichtet. Allerorten soll nach ihm in Gott gegründete Autorität beiseite geschoben werden und einer öden Gleichmacherei Platz machen. Sein Ideal ist schlechthin eine Einebnung aller Menschen. Bestenfalls kann er sich dazu verstehen, im Prinzip jede Gemeinschaft demokratisch zu regieren, dabei aber auch wenigstens in etwa der persönlichen Autorität Rechnung zu tragen. Dabei läuft er aber allezeit und erliegt nicht selten der Gefahr, im Autoritätsträger nur den persönlichen Wert, nicht aber den amtlichen Charakter zu schätzen und zu schützen.

Wie stark demgegenüber unser Regierungsprinzip auf der einen Seite zwar der persönlichen Freiheit Spielraum lässt, aber auf der anderen Seite auch der Gebundenheit an Gesetz, an Amt und Person eine Gasse schlägt, beweist unser viel umstrittenes Baugesetz. Das Mittelstück heißt: Freiheit soweit als möglich. Diese Freiheit will aber auch gleichzeitig autoritativ verklammert sein. Darum besagt der andere Teil dieses Gesetzes: Bindung nur, aber auch soweit als nötig. Damit die Spannung, die durch diese Polarität geschaffen wird, zur Spannungseinheit wird, besagt der dritte Teil des Gesetzes: Geistpflege oder Erziehung zum rechten Gebrauch der Freiheit der Kinder Gottes soweit als eben möglich ist.

Den Boden des umschriebenen Regierungsgesetzes haben wir am Anfang der Schönstattgeschichte, die mit Überwindung einer ernsten Autoritätskrise beginnt, beschritten, um ihn nie mehr zu verlassen.

[2. Das Regierungsprinzip, wie es schon in der Vorgründungsurkunde Anwendung findet]

Dem Leser sei es überlassen, die überzeitlichen Elemente bei Konstituierung und Regierung einer tragfähigen Gemeinschaft durch Vergleich zwischen dem altrömischen Familienrecht und den zitierten päpstlichen Verlautbarungen herauszustellen und ‑ soweit es ihm liegt ‑ auf das Wesen des menschlichen Zusammenlebens zurückzuführen.

Von da aus mag er dann Linien zu verbürgten Auffassungen ziehen, wie sie in der Schönstattgeschichte über denselben Gegenstand einen greifbaren Niederschlag gefunden haben.

Sie kreisen allesamt und allezeit um dasselbe Regierungsprinzip: Autoritär im Prinzip, demokratisch in der Anwendung ‑ ganz gleich, ob es sich dabei um eine historisch gewordene Gemeinschaft „in fieri“ oder „in facto esse“ (24) handelt. Dass in beiden Fällen Akzentverschiebungen vorzunehmen sind, ist selbstverständlich.

Material zu vergleichenden Studien steht zur Genüge zur Verfügung. Man kann sich mit der Geschichte unserer Marianischen Kongregation oder mit den daraus gewordenen Formationen insgesamt oder im Einzelnen beschäftigen: mit den Verbänden, mit den Bünden oder mit der Liga. Die Regierungslinie bleibt im Kern mit unentwegter Konsequenz immer und allezeit dieselbe.
[…..]
Bereits aus den bisherigen Ausführungen dürfte unschwer herauszuhören sein, dass das autoritäre Prinzip ‑ bei aller demokratischen Anwendung ‑ allezeit überaus wach im Hintergrunde stand und sich zur rechten Zeit ‑ wenn auch verhältnismäßig selten ‑ unerbittlich geltend gemacht und die demokratische Anwendung vor Zerfaserung oder Uferlosigkeit bewahrt hat.

Bald wird sich herausstellen, dass besagte Regierungsweise eine Mischung und deshalb eine Art Spannungseinheit aller Regierungsformen darstellt. Es dürfte jetzt schon nicht schwer fallen, die darinnen enthaltenen monarchischen, aristokratischen und demokratischen Elemente zu sehen und zu unterscheiden. So wird einsichtig, dass das autoritäre Prinzip ‑ in der üblichen Formulierung ‑ sich in zwei Teile auflöst: in ein monarchisches und in ein aristokratisches Element. Die gesamte Regierungsweise stellt auf diese Weise zunächst ein Spannungsfeld eigener Art dar, das in der letzten monarchischen Spitze ‑ wenn nötig ‑ den Weg von gesunder Spannungseinheit zu abgeklärt beruhigender Ordnungseinheit findet.

So dürfte sie der Praxis Gottes am vollkommensten entsprechen und dem Familienrecht der altrömischen Familie ‑ in Anpassung an die heutigen Verhältnisse ‑ vollauf Rechnung tragen.

Für unseren Zweck genügt es, Stoffquellen zu benutzen, die jedermann leicht zugänglich sind. Es handelt sich dabei um drei: um die Vorgründungsurkunde, um die Pädagogische Tagung 1931 und 1950. Die Vorgründungsurkunde findet sich mit ihrer Vor‑ und Nachgeschichte in Pater Kastners Quellenwerk: Unter dem Schutze Mariens (1. Aufl.).

Nimmt man alle drei Quellen zusammen und vereinigt man sie zu einem Ganzen, so hat man eine deutliche Umschreibung unseres Regierungsprinzips, ohne dass die Formulierung als solche ausdrücklich gebraucht wird.

Was die Vorgründungsurkunde uns über unseren Gegenstand zu sagen weiß, geht und steht unter dem Titel: Verhältnis zwischen Autorität und Freiheit. Inhaltlich ist es in einigen kurzen, aber bedeutenden Sätzen zusammengedrängt. Es will aber auf dem vielsagenden Hintergrund der bekannten damaligen Autoritätskrise gewertet sein, die das Dokument wesentlich mitbestimmt hat. Da es sich um Internatsjugend im Reifealter handelt, wird die vordringliche Betonung der charakterlichen Selbstgestaltung bei gehorsamer Unterwerfung unter Autorität wegen ihrer göttlichen Verankerung verständlich.

Anknüpfend an den verletzten, an den herausgeforderten und aufgewühlten Freiheitsdrang der damaligen Jugend erklärt der Text:

„Wir müssen lernen, uns selbst zu erziehen. Uns müssen wir erziehen; uns mit allen Fähigkeiten. Welche Fähigkeiten das sind, welches das Objectum materiale (25) unserer Selbstzucht ist, werden wir später sehen.

Wir müssen uns erziehen zu festen Charakteren. Die Kinderschuhe haben wir längst ausgezogen. Damals haben wir uns in unseren Handlungen leiten lassen von Laune und Stimmung. Jetzt aber müssen wir handeln lernen nach festen, klar erkannten Grundsätzen. Alles in uns mag wanken. Es kommen gewiss Zeiten, wo alles in uns wankt. Da können uns die religiösen Übungen nicht mehr helfen. Nur eines kann uns helfen: das sind unsere Grundsätze. Wir müssen feste Charaktere sein. Wir müssen freie Charaktere sein. Gott will keine Galeerensklaven, er will freie Ruderer haben. Mögen andere vor ihren Vorgesetzten kriechen, ihre Füße belecken und dankbar sein, wenn sie getreten werden. Wir sind uns unserer Würde und Rechte wohl bewusst. Nicht aus Furcht oder Zwang beugen wir uns vor dem Willen unserer Obern, sondern weil wir es so frei wollen, weil jeder Akt der vernünftigen Unterwerfung uns innerlich frei und selbständig macht.“

Das hier angedeutete Ideal des freiwilligen Ruderers im Reiche der Liebe ‑ im vollendeten Gegensatz zum Galeerensklaven ‑ durchzieht von nun an wie ein einziger großer roter Faden die ganze Familiengeschichte bis auf den heutigen Tag.

Es ist eine Wiederholung der paulinischen Parole: Wir haben nicht erneut den Geist der Knechtschaft erhalten (im Sinne der damals üblichen Sklavenschaft), sondern den Geist der Kindschaft, in dem wir sprechen: Abba!

Einen historisch bedeutsamen Niederschlag hat das Ideal im ersten Teil der dritten Gründungsurkunde gefunden, die am 24. September 1944 ausgestellt worden ist. (Man lese den Text nach.) Es war das Fest Mariens von der Erlösung der Gefangenen. Danach will die MTA durch Führungen und Fügungen jeglicher Art (vornehmlich in der Hölle von Dachau, dem Grab äußerer Freiheit) Schönstattkinder zu hochwertigen Kindern und zu nimmermüden Kündern der wahren Freiheit der Kinder Gottes machen.

Verfolgt man die so gezogene Linie, so versteht man, dass Schönstatt einer Autorität das Wort redet, die in Gott gegründet ist und allezeit in ihm verankert bleibt; deshalb einer Autorität, die ihre Macht nicht gebraucht, um der Gefolgschaft das Rückgrat zu brechen, sondern um sie auf den Gipfel wahrer Freiheit emporzuführen. Sie hat also die beglückende Aufgabe, den freien Willen des Menschen frei in Bewegung zu setzen und auf Bergesgipfel empor zu geleiten ‑ wie Gott das zu tun pflegt.

Seit 1912 nahm die Autoritäts‑ oder beseelte Gehorsamserziehung fortlaufend einen breiten Raum in der gesamten Schönstatterziehung ein. Sie bestimmt bis heute wesentlich Schönstatts Geistes‑ und Lebensgeschichte. Sie steht allerdings nicht isoliert da: Sie ist vielmehr ‑ wie das bei einer Bewegung nicht anders sein kann, die den Organismusgedanken auf ihre Fahne geschrieben hat ‑ allezeit im Gesamtorganismus der Erziehung zu sehen.

Die Vorgründungsurkunde trägt das Datum vom Oktober 1912. Juli 1913 gab der Spiritual beim Abschied der Primaner von Schönstatt Rechenschaft über das erste Jahr seiner Erziehungsarbeit. Er erklärte damals:

„Was verlassen Sie? Mit der Absolvierung Ihrer humanistischen Studien, mit Ihrem Scheiden aus diesem Hause schließt für Sie die bedeutungsvollste, die grundlegende Periode Ihres Lebens ab. Haben Sie das Fundament auch so tief und fest und sicher gelegt, dass es fähig ist, einen himmelanstrebenden Bau mit massiver Gliederung und kunstgerechter Krönung zu tragen, auch wenn Sturmeswetter Sie umbrausen? Ihre Erziehung zu Ihrem hohen Berufe ist jetzt im Wesentlichen abgeschlossen. So wie Sie jetzt sind, werden Sie später im Wesentlichen als Priester, als Apostel sein.

Sie sind schon lange keine Kinder mehr. Darum wurden Sie auch nicht als Bausteine behandelt, sondern als Bauleute. Und soweit Ihre Erziehung in meine Hand gelegt war, habe ich Sie stets als meine Mitarbeiter betrachtet. Darum lade ich auch einen Teil, ja den größten Teil der Verantwortung auf Ihre Schultern ab. Was dieses Jahr Gutes erreicht wurde, ist darum vor allem Ihr Verdienst. Und für diese treue Mitarbeit danke ich allen insgesamt und jedem einzelnen aufs herzlichste, vor allem unserem eifrigen Vereinspräses Jöbges. Sie wissen ja selbst so gut wie ich, welcher Mühe er sich um die gute Sache unterzogen hat.

Und ob unsere gemeinsame Arbeit auch mit Erfolg gekrönt war? Wenn wir auch nicht alles Wünschenswerte erreicht haben, so dürfen wir doch wohl einen geringen Fortschritt verzeichnen; wir fühlen mehr Berufsliebe und apostolische Gesinnung wie zu Anfang des Jahres, wir sind auch selbständiger, reifer geworden.

Das gemeinsame Ziel war stets klar vor uns: Erziehung zu freien, priesterlich-apostolischen Charakteren. So habe ich es in meinem ersten Vortrag angekündigt und später oft wiederholt. Wir wollten uns nicht zu Treibhauspflanzen erziehen, sondern zu übernatürlich gesinnten Männern fürs Leben, die auf eigenen Füßen stehen können, die den Rücken nicht krümmen, wo sie ihn gerade halten müssten. Darum haben wir danach gestrebt, in den Geist der Anstaltsdisziplin einzudringen, die Statuten und Verordnungen mit ihren Forderungen freiwillig als Charakterschule zu betrachten. Ja, freiwillig! Denn nur das Freigewollte ist bodenständiges Gewächs im Menschenherzen; und nur das, was starke Wurzeln hat, kann wider die Unbilden der Witterung standhalten. Alles andere schält sich los wie eine aufgeklebte Etikette.

Das ist die Richtung, in der Sie weiterarbeiten müssen, wenn Sie Ihre Ideale verwirklichen wollen…“


Schönstatt-Lexikon online: Regierungsprinzip
(23) Schutzname für das Priesterhaus “Marienau” in den 60er Jahren.
(24) “in fieri” = in der Entstehung, “in facto esse” = in entwickeltem Zustand
(25) Gegenstand und Inhalt (unserer Selbsterziehung)

 

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