KR-1 DE 01

1. Die Wurzeln Schönstatts in Kindheit und Jugend Pater Kentenichs

Die Bedeutung des Textes:

Den äußeren Lebensablauf Pater Kentenichs mit allen Daten und Ereignissen kennen wir recht genau. Sein beginnendes Priesterleben ist – wenigstens seit seiner Ernennung zum Spiritual im Herbst 1912 – geradezu identisch mit dem Gründungsvorgang Schönstatts. Es versteht sich deshalb von selbst, dass die Ausfaltung der schönstättischen Spiritualität uns gleichzeitig einen Einblick in die seelische Entwicklung und das geistliche Leben des Gründers freigibt.
Der heutige stark psychologisch orientierte Mensch fragt allerdings genauer nach. Er möchte wissen: Was ist eigentlich in P. Kentenich vorgegangen? Wo hat die schönstättische Spiritualität biographische Wurzeln in der Kindheitsgeschichte des Gründers?
P. Kentenich selbst war äußerst zurückhaltend, geradezu scheu, über sich selbst, seine eigene Geschichte und vor allem über seine Kindheit zu erzählen.
Der folgende Text ist deshalb ein besonders wertvolles Zeugnis, das uns authentischen Aufschluss gibt, worin der Gründer selbst die Wurzeln seiner Spiritualität sieht und wie sie durch persönliche Krisen gereift ist.

Der geschichtliche Hintergrund des Textes:

1954 jährte sich der Gründungsakt Schönstatts zum 40. Mal. An eine äußere Feier war nicht zu denken. Der Gründer befand sich schon in der Verbannung in Milwaukee. In manchen Kreisen durfte man ihn nur mit Vorsicht und Zurückhaltung erwähnen. Das Verhältnis zur Gesellschaft der Pallottiner hatte sich schon so verspannt, dass die kritische Frage im Raum stand, ob P. Kentenich wirklich und nicht doch der heilige Vinzenz Pallotti der Gründer Schönstatts sei.
Um das Jubiläum nicht ganz unbemerkt verstreichen zu lassen, schrieb P. Menningen aus diesem Anlass die Studie “Gründer und Gründung”. Er tat es sicher aus persönlicher Dankbarkeit und Anhänglichkeit; aber zugleich wollte er auf dem gezeichneten kirchenpolitischen Hintergrund die Gründerautorität P. Kentenichs verteidigen. In der damaligen Zeit kursierten von dieser Studie nur ganz wenige Exemplare.
Die Studie entfaltet die These, dass die Gründung Schönstatts als “das erweiterte Ich des Gründers” zu verstehen sei. In diesem Zusammenhang ging P. Menningen auch auf die Kindheit und Jugend P. Kentenichs ein, um dort Wurzeln der schönstättischen Spiritualität zu entdecken – so weit sein Wissen reichte.
Auf diese Studie antwortete P. Kentenich in einem persönlichen Brief vom 14.9.1955, in dem er dann selbst auf seine Kindheit und seine Jugendkrise zu sprechen kam. Dieser Text ist unter dem Titel „Zur Studie Gründer und Gründung“ bekannt und ist auch als Baustein in der im Februar 1960 geschriebenen Selbst-Verteidigungsschrift “Apologia pro vita mea” aufgeführt; veröffentlicht als „Zum Goldenen Priesterjubiläum“ (Sion Patris), Berg Sion, S. 162-171.


Vorbemerkung:

Die Studie(1) ist ein sprachliches, ein historisches, ein psychologisches und theologisches Meisterwerk.

Sie bringt mir erneut zum Bewusstsein, dass ich nicht das Recht habe, meine eigene Seelengeschichte als ein persönliches Geheimnis zu betrachten und zu behandeln, sondern dass mir die Pflicht obliegt, sie als Gemeingut der Familie aufzufassen. Der Grund liegt darin, dass die ganze Familiengeschichte nachweisbar eine Erweiterung und Wiederholung der eigenen Seelengeschichte ist. Ich hoffe, rechtzeitig Gelegenheit zu bekommen, diese Pflicht zu erfüllen. Für den Augenblick reicht dazu nicht die Zeit. Deshalb wollen die Notizen nur einige Gedanken festhalten, um sie später bei anderer Gelegenheit weiter auszuführen und zu einem Gesamtbilde zu vervollständigen.

Ich beschränke mich auf einige historische und psychologische Hinweise.

Historische Hinweise:

Als eine Art Dogma muss unentwegt festgehalten werden, dass ich in der ganzen Familiengeschichte niemals allein auftrete. Ich tue es nur einerseits in lebendigster Fühlung mit der Gottesmutter und andererseits niemals ohne dieselbe innige und innigste Verbindung mit meiner Gefolgschaft. Mit vollem Rechte darf ich deswegen sagen: Das ’nichts ohne dich‘ bezieht sich für mich nicht nur auf die Gottesmutter, sondern auch auf die Gefolgschaft. Füglich ist alles, was geworden ist, ein gemeinsames Werk im angedeuteten Sinne. Es ist auch nicht so, als hätte ich mehr zufällig und unbeabsichtigt oder aus taktischen Gründen das Seelenleben meiner Gefolgschaft als Erkenntnisquelle und Saatfeld benutzt. Nein, es geschah immer im vollen Bewusstsein einer bestimmten göttlichen Planung. Es geht dabei auch nicht lediglich oder hauptsächlich um eine Arbeits- oder Wirkgemeinschaft. Grundlage war allezeit eine tiefgreifende und umfassende Seelengemeinschaft, ein einzigartiges seelisches Ineinander, Miteinander und Füreinander. Also ein Lebensvorgang von ungemein starker schöpferischer Kraft. So war es von Anfang an. Was also 1942 elementar aufbrach und in der Folge im Gefolgschafts- oder Kindesakt eine Verewigung suchte, will nur als ein Höhepunkt einer Strömung aufgefasst werden, die Jahr für Jahr stärker anschwoll und letzten Endes alle Dämme und Deiche durchbrach. Das Ideal der Familie lebte länger und tiefer in uns, ehe es denn reflexiv verkündet wurde. Alles in allem also: In der Familiengeschichte stehe ich nicht in individueller Einsamkeit als Person, sondern allezeit als Familienhaupt.

Ungezählt viele Belege ließen sich für diese innere Gemeinschaft und für die Identität zwischen meiner Seelengeschichte und der Familiengeschichte anführen. Ich hebe hier nur zwei hervor. Denke dabei zunächst an ein Stoßgebet, das langsam in mir geworden und in seinen Anfängen in frühe Kindestage zurückreicht. Es erhielt später die lateinische Formulierung:
Ave Maria, puritatis tuae causa
custodi animam meam et corpus meum,
aperi mihi cor tuum et cor Filii tui,
da mihi animas et cetera tolle tibi.(2)

Es dürfte nicht schwer sein, darinnen den Wurzelstock zu entdecken, aus dem später die ganze Spiritualität der Familie entstanden und gespeist worden ist.

Als zweiter Beleg diene das Ereignis, das die Studie eine Marienweihe nennt, die in das Leben des Neunjährigen hineingriff und sich im Laufe der Jahre ausgewirkt haben soll. Ich möchte noch nicht den Schleier von diesem Ereignis wegziehen. Wenn man es eine Marienweihe nennt, so muss man beifügen, es sei eine solche mit eigenartiger Prägung gewesen. Spätere Historiker werden leicht feststellen, dass tatsächlich darinnen das ganze Schönstattwerk bereits keimhaft grundgelegt worden ist.

Zwei Momente in der Studie wollen eine besondere Bestätigung finden. Das eine ist die vollkommene innere Einsamkeit und die damit verbundene allseitige diesseitige Kontaktnot und deren Sinndeutung. Zweifellos gibt es viele Menschen, deren Entwicklungsjahre ähnlich gekennzeichnet sind. Ich glaube aber, bei sachgemäßer Prüfung feststellen zu dürfen, dass Grad und Umfang und Dauer – gemessen an zugänglichen Vergleichen – außergewöhnliche Maße angenommen hat. Nachträglich dürfte der Sinn davon leicht verständlich sein. Die Seele sollte von fremden Einflüssen, zumal personaler Art, möglichst unberührt bleiben, um mit allen Fasern für die eigentliche Lehrmeisterin meines Lebens und deren Formkraft und Erziehungsweisheit geöffnet zu bleiben. Gemeint ist hier die Gottesmutter. Nicht erst von gestern und ehegestern nimmt sie diese Stellung in meinem Leben ein. Seit unvordenklichen Zeiten lebt sie unter diesem Gesichtspunkte in meinem bewussten Seelenleben. Es ist schwer festzustellen, von welchem Augenblicke an ich mich so ganz als ihr Werk und Werkzeug aufgefasst und gewertet habe. Bis in frühe Kindestage lässt sich der Prozess zurückverfolgen. Von hier aus dürfte auch verständlich sein, weshalb ich mich später gegen Einflüsse von Pallotti gesperrt habe. Ich wollte soweit als möglich nur von der Gottesmutter abhängig sein und bleiben. Gottesmutter will hier natürlich stets als Symbol und in Verbindung mit dem Heiland und dem dreifaltigen Gott gesehen werden. Ungezählt viele Male habe ich mich in vergangenen Jahren deshalb als Einsiedler in einer großen Wüstenei aufgefasst, mich dabei aber allezeit in Verbindung mit der Gottesmutter als der großen Lehrmeisterin meines inneren und äußeren Lebens gesehen. Seitdem die Familie ins Leben trat, war und blieb es mein wichtigstes Anliegen, sie in innigster Verbindung mit der Gottesmutter zu erhalten. So kam es, dass ich in späteren Jahren des Öfteren Kurse über verschiedene Sachgebiete ansagte, mich aber dann letzten Endes doch nicht entscheiden konnte, sie wirklich zu halten, weil ich von ferne kleine Wölkchen glaubte zu entdecken, die darauf hinwiesen, dass die Familie in Gefahr schwebe, ihren Wurzelboden, die Marienliebe, wenn nicht zu verlieren, so doch aufzulockern In diesem Sinn will auch das Wort verstanden werden: Servus Marie nunquam peribit. Meine ganze Wirksamkeit sah niemals die eigene Person und eigene Planung im Vordergrund, sondern stets und allezeit die Gottesmutter – später freilich in ihrer Verbundenheit mit Schönstatt als Ort und als Familie – in ihrem Sein, in ihrer Sendung und in ihrem Werk. Erst die Visitation und der in ihr und durch sie aufgewühlte Streit um meine Person ließ mich diese bewusster in ihrer originalen Prägung, in ihrer Stellung und in ihrer Sendung sehen. Wo ich die göttliche Planung mit mir in diesen Jahren auseinander setzte, geschah es tiefinnerlich auf dem Grunde meiner Seele immer in Verbindung mit der MTA. Das geschah auch dann, wenn ich äußerlich nicht darauf hinwies. So ausgeprägt hat sich das marianische Werkzeugs- und Sendungsbewusstsein in mir entwickelt. Ich fasse zusammen: Die beiden Momente, die ich bestätigen wollte, heißen Einsamkeits- und marianisches Werkzeugsbewusstsein.

[…]

Psychologische Hinweise:

Es ist schwer, hier mit wenig Worten lebensvolle Zusammenhänge richtig auszudeuten und verständlich wiederzugeben. Um nicht zu ausführlich zu werden, halte ich nur mit einem ganz flüchtigen Seitenblick die Ausführungen der Studie im Visier, um mich davon leiten zu lassen, versuche aber im Übrigen, mit ein paar Strichen das eigene Seelenleben in seiner Entwicklung und seiner Struktur zu kennzeichnen.

Besonderes Gewicht ist dabei auf die Reifezeit und Reifenot zu legen. Hier gilt es zunächst festzustellen, dass sexuelle Not meine Seele niemals berührt hat. Meine außergewöhnlich starke und frühzeitige transzendentale Grundeinstellung hat mich so stark in der jenseitigen Welt beheimatet, hat mich auch von frühester Kindheit an so tiefgreifend von allem Irdischen und Sinnenhaften gelöst, dass niemals ein weibliches Wesen einen Eindruck auf mich gemacht hat. Der Gedanke zu heiraten ist niemals in mir aufgestiegen. Es war so, als wäre die Idee des Priesterseins einfach in mir ohne greifbare äußere Anregung und Beeinflussung gewachsen und aufgewachsen. Das Jungfräulichkeitsideal gehört deswegen schlechthin zur Struktur meines ganzen Wesens. Es erfüllte mich von Kindheitstagen an so stark und regulierte mein Verhalten nach außen, selbst zu weiblichen Verwandten, in einem Ausmaße, dass eine außergewöhnlich schroffe innere und äußere Unberührtheit mein Sein und Leben prägte. Zärtlichkeiten habe ich mir – soweit ich zurückdenken kann – niemals gefallen lassen, noch viel weniger mir selber gestattet. Das war aber kein Opfer, das gehörte einfach zu meinem Wesen. Wollte z.B. meine alte, über achtzigjährige Großmutter mich küssen, so habe ich das schroff abgewiesen mit dem Hinweis: Ich bleibe unberührt, ich bin verschenkt. So blieb ihr denn weiter nichts anderes übrig, als verstohlen meine Hand zu nehmen und unversehens einen Kuss darauf zu drücken.

Diese Durchgeistigung und Jenseitsorientierung der ganzen Person ist allezeit geblieben. Nie ist eine Bedürftigkeit nach der angegebenen Richtung in mir wach geworden. Wo eine Fühlungnahme stattfand, geschah es allezeit lediglich aus Grundsatz und als Ausdruck einer lebensnahen und gleichzeitig fernen Paternitas (3). Dieses Spannungsverhältnis zwischen seelischer Nähe und seelischer Ferne hat auch niemals weibliche Wesen, die irgendwie anrüchig waren, in meine Nähe kommen lassen. Nach der Priesterweihe habe ich mir als Grundsatz aufgestellt: soweit es auf mich ankommt, mich vor dem 35. Lebensjahre nicht in tiefere Frauenseelsorge einzulassen. Der Grundsatz ist genau durchgeführt worden. Als die Gräfin von Boullion mich 1917 um Fernseelenführung bat, habe ich ohne weiteres abgesagt und auf den damaligen Provinzial P. Kolb hingewiesen. Das alles wurde anders, als die gestellte Frist abgelaufen war: seit 1920.

Meine transzendentale Grundeinstellung ließ auch dem eigenen Geschlechte gegenüber keine tieferen personalen Beziehungen zu. Wollten Lehrer und Vorgesetzte mich etwa wegen der Talente vorziehen, so war die Reaktion immer eine schroffe Ablehnung. In den unteren Klassen war Gelegenheit geboten, Klavierunterricht zu nehmen. Auf die Rundfrage meldeten sich mehrere Bewerber. Angenommen sollten bloß Max Größer und ich werden. Die Antwort meinerseits war ohne weiteres: dann verzichte ich, ich will nicht bevorzugt werden. Wegen des öffentlichen Rufes, in dem ich damals wegen meiner Schulerfolge stand, bemühten sich viele Ältere um meine Freundschaft. Niemals habe ich mich jedoch dazu hergegeben. Der Zug zur Abgeschlossenheit und Geschlossenheit und eine außergewöhnliche, fast überspitzte transzendentale Einstellung ließen nichts anderes zu.

Lebendig in der Erinnerung ist ein Ereignis, das diese Tatsache hell beleuchtet. Die obersten Klassen hatten bei Gelegenheit einen Kommers. Einer von ihnen, der den Zugang zu mir ständig suchte, kam spät abends, nachdem er reichlich getrunken, zu mir in die Zelle und setzt sich auf den Bettrand. Am nächsten Tage sandte er mir eine Tagebuchnotiz, die ich jahrelang – ohne besondere Absicht – festgehalten habe. Deshalb hat der Vorfall sich mir auch so stark eingeprägt. Darinnen stand unter anderem – ich habe es wörtlich behalten -: ‚Ich sah am anderen Morgen in des Freundes Antlitz, da donnerte es mir mit gewaltiger Stimme entgegen: Hinweg, du Verwegener, du hast meine Freundschaft für alle Zeit verwirkt! Dabei ist zu bemerken, dass keine Grenzüberschreitung vorgekommen war. Ich habe einfach niemanden mehr in meine Nähe gelassen, als unbedingt notwendig war. So ist es geblieben bis nach der Priesterweihe. Was dann in mir aufkeimte, war eine umfassende Paternitas, die letzten Endes in dienender Liebe überall nur schöpferisch tätig sein wollte, die aber auch durch das Gegenüber schöpferisch geweckt und weitergeleitet wurde. Fast möchte ich so sagen: Alles, was an unangebrochener Liebeskraft in mir lebte, hat sich in väterliche Liebe umgewandelt und weiteste Strecken des mir zugänglichen Erdreiches bewässert, ohne je im geringsten das Gesetz der inneren und äußeren Unberührtheit zu verletzen.

Aus dieser Linienführung heraus dürfte verständlich werden, dass meine Jugendjahre durch außergewöhnliche Diesseits- oder Erdfremdheit gekennzeichnet sind, dass auf der anderen Seite das ganze Wesen in eine andere, in die jenseitige Welt hineindrängte, um dort mit allen Fasern beheimatet zu werden. Füglich ist es nicht verwunderlich, dass die Jugendkämpfe, die mathematisch genau mit meinem Eintritt ins Noviziat begannen – vorher gab es solche nicht -, durchaus geistiger Art sein mussten. Wenn ich sie auf einen Nenner zurückführen soll, so müsste ich wohl sagen: Gerade wegen der Lösung meines Geistes und meiner Seele vom Erdhaften, vom echt Menschlichen, vom Diesseitigen, wurde der ganze Mensch von einem totalen Skeptizismus, von einem überspitzten Idealismus, von einem zersetzenden Individualismus und von einem einseitigen Supernaturalismus innerlich zerquält und hin und her geworfen. Ich pflegte sonst wohl zu sagen, meine Jugendkämpfe seien Glaubenskämpfe gewesen. Das ist eine Aussage, die nur ganz allgemein gefasst sein will. Formell dreht es sich schlechthin um Skeptizismus und um all die anderen Ismen in seinem Gefolge, vor allem um Idealismus und Individualismus. Das Kernstück war also in diesen Jahren: Gibt es überhaupt eine Wahrheit? Und wie ist sie erkennbar? Indirekt wurde in diesen Vorgang auch das ganze Glaubensgebäude hineingezogen. Es ging dabei nicht um einzelne Glaubenswahrheiten, sondern um den Gesamtkomplex des übernatürlichen Lehrgebäudes. Hinter diesem Skeptizismus steckte ein ungemein starker Drang zur Wahrheitsliebe. Dieser Wahrheitsfanatismus wurde zu einer Triebkraft, die all mein Handeln näher bestimmte, die nicht selten auch im Verkehr mit Professoren aus innerer Wahrheitsnot heraus die Grenzen des Taktes überschritt. Anders ausgedrückt: Als Typ des modernen Menschen durfte ich dessen geistige Not reichlich auskosten. Es ist die Not einer mechanistischen Geistigkeit, die die Idee vom Leben (Idealismus), die die Person vom personalen Gegenüber (Individualismus) und das Übernatürliche von der natürlichen Ordnung trennt (Supernaturalismus). Die Seele wurde während dieser Jahre einigermaßen in Gleichgewicht gehalten durch eine persönliche, tiefe Marienliebe. Die während dieser Zeit gemachten erlebnismäßigen Erfahrungen ließen mich später die Sätze formulieren: Die Gottesmutter ist schlechthin der Schnittpunkt zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen Natur und Übernatur… Sie ist die Waage der Welt. Will heißen, sie hält durch ihr Sein und ihre Sendung die Welt im Gleichgewicht.

Nach Abschluss der Studien tauchte der Geist kraft der neuen Aufgabe als Lehrer und Erzieher tief in das Leben ein. Dem Psychologen dürfte es selbstverständlich erscheinen, dass meine außergewöhnlich starke transzendentale Grundeinstellung durch diese Verbindung mit dem Leben in all seinen Verzweigungen anfing, ein Gegengewicht zu finden, und dass durch die Vermählung zwischen Idee und Leben oder durch organische Denk- und Lebensweise nicht nur eine volle Gesundung des eigenen Seelenlebens erreicht wurde, sondern auch die eigentliche Lebensaufgabe – Überwindung der mechanistischen Denk- und Lebensweise – eine außerordentlich starke Prägung erhielt. Nimmt man die innere Verknüpfung mit der Marienliebe hinzu, so dürfte im Wesentlichen mein Kampf um den Organismusgedanken im rechten Lichte erscheinen. Nachdem ich während meiner Reifejahre dem metaphysischen Zug meiner Seele Spielraum ließ, entwickelte sich durch die Fühlung mit dem Leben die psychologische Einfühlungsfähigkeit und Gestaltungskraft. Die eigentliche schöpferische Tätigkeit, die sich im Laufe der Jahre mehr und mehr verwirklichte, besteht in der harmonischen Verbindung zwischen natürlicher und übernatürlicher Ordnung und der gegenseitigen Wechselwirkung.

Die Studie meint, meine Schwierigkeiten vor der ewigen Profess hätten in der Einfügsamkeit in die Gemeinschaft gelegen. Das ist nur zum Teil richtig. Die Not von Seiten der Vorgesetzten war eine doppelte. Einerseits die Angst vor Glaubensschwierigkeiten und andererseits die Furcht, mein kritisches Suchen nach Wahrheit spielt gleichzeitig auf das Gebiet der praktischen Subordination hinüber. Ich erinnere mich noch gut, wie damals P. Kolb mich darauf hinwies und wie ich die klare und bestimmte Antwort gab: Das brauchen Sie nicht zu fürchten, facie ad faciem (4)werden Sie mich immer offen und freimütig finden, hinterrücks aber ist jedermann vor mir sicher. Damit habe ich bereits das Prinzip formuliert, das ich später in der Erziehung immer gekündet habe: Freimut und Offenheit den Vorgesetzten gegenüber, hinterrücks aber Ehrfurcht und Verschwiegenheit.

Abschließend sei daran erinnert, wie gnädig die göttliche Vorsehung den späteren Lebensweg geführt hat. Man hatte die Absicht, nach Absolvierung meiner theologischen Studien mich auf die Universität zu schicken. Aus all dem, was oben steht, ist ersichtlich, dass die Durchführung eines solchen Planes abwegig gewesen wäre. Nicht die Beschäftigung mit abstrakter Wissenschaft, sondern die Fühlung mit dem Leben, genauer gesagt: die Vermählung zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen Ideal und Wirklichkeit, war für mich die Lösung aller Probleme und gab die Richtung für meine Lebensaufgabe an. Sehr bald reifte durch solche Vermählung ein abgeklärter Verismus (im Gegensatz zum Skeptizismus), ein umfassender Realismus (im Gegensatz zum Idealismus), ein tragfähiger Solidarismus (im Gegensatz zum Individualismus). Kurz: eine organische Denk- und Lebensweise.


Schönstatt-Lexikon online: Kettenich
(1) „Gründer und Gründung“, Studie von P. Alex Menningen (1900-1994). Alex Menningen trat zur Gründungszeit in das Studienheim der Pallottiner in Schönstatt ein, gehörte zu den führenden Sodalen der Marianischen Kongregation während der Gründungszeit der Schönstattbewegung, wurde bald nach seiner Priesterweihe von Pater Kentenich an die Zentrale in Schönstatt berufen und wurde treuester Weggefährte des Gründers. In der Verbannungszeit verteidigte er P. Kentenich und die „integrale“ Auffassung Schönstatts und nahm durch Versetzung und Versammlungsverbot teil an der Verbannung des Gründers.
Für die Zeit seiner Abwesenheit sprach ihm Pater Kentenich als „Stellvertretendes Haupt“ letzte Entscheidungsbefugnis zu und warf ihm als Symbol dieser Stellvertretung vom Gefängnis in Koblenz im Jahre 1942 geistig den „Prophetenmantel“ um.
(2) Sei gegrüßt, Maria, um Deiner Reinheit willen bewahre rein meinen Leib und meine Seele.
Öffne mir weit Dein und Deines Sohnes Herz.
Gib mir Seelen, den Rest magst Du behalten.
(3) Väterlichkeit
(4) Von Angesicht zu Angesicht

KR-1 DE 01 – Priester- und Bildungshaus „Berg Moriah“

Back