KR-1 DE 11

11. Wie es zur Gründungsurkunde kam

Das schönstättische Liebesbündnis basiert auf der ganz allgemeinen Grundstruktur unserer Beziehung zu Gott oder zur Gottesmutter. Sie hat immer einen Bündnischarakter.
Im folgenden Text geht Pater Kentenich den Gründen nach, die diese Grundbeziehung zu Gott geschichtlich konkretisiert und sie zu dem originellen Schönstätter Liebesbündnis gemacht haben. Er nennt drei: die Entwicklung der kurz zuvor gegründeten Marianischen Kongregation, die Entstehungsgeschichte des italienischen Wallfahrtsortes „Valle di Pompei“ und seine persönliche, vor allem erzieherisch ausgerichtete Struktur. Bei der Deutung aller genannten Gründe spielt der Vorsehungsglaube die zentrale Rolle, die gläubige Überzeugung, dass Gott ganz konkret durch Verhältnisse und durch Anregungen in der Seele spricht.
Der Text ist entnommen dem „Zwanzigerbrief“, so genannt, weil geschrieben auf das Datum vom 20. August 1954 hin. Der Brief ist an Pater Menningen adressiert, meint aber vor allem den „Treuekreis“, die Gruppe der deutschen Pallottiner, die sich in der Verbannungszeit des Gründers treu hinter ihn stellten und für den Gründer und seine Anerkennung ihr Leben in der so genannten „Engling-Weihe“ anbieten wollten. Der Treuekreis vollzog diese Weihe am 20. August 1954. Zur Vorbereitung auf diese Weihe schrieb der Gründer die recht umfangreiche Studie von 236 Seiten.

Die hier angeführte Textstelle findet sich in der hektographierten Veröffentlichung (DINA4, Berg Sion 1969), S. 38 – 41.


Wenn ich auf die Gründungsurkunde einen Augenblick eingehen darf, so muss ich Dich bitten, einen doppelten Gesichtspunkt zu unterscheiden. Sie kann – wie Dir bekannt ist – als Bitte und als Weihe aufgefasst werden. In beiden Fällen trägt sie die Prägung eines Liebesbündnisses deutlich an der Stirn.

Nach den Worten des Heilandes ist jede Bitte, die an Gott gerichtet ist, ein Bündnis. Lasse nur einmal die Mahnung des Herrn auf Dich wirken, dann wird das überaus einsichtig. Der Heiland fordert auf: Bittet – und Ihr werdet empfangen; suchet – und Ihr werdet finden; klopfet an – und es wird Euch aufgetan (26). Alles, um was Ihr den Vater in meinem Namen bittet, wird er Euch geben. (27) Schon allein die äußere Form dieser Worte hat den Charakter eines Bündnisses. Es fällt wahrhaftig nicht schwer, den Text zu lesen: Wenn Du bittest, wenn Du suchst, wenn Du anklopfst, dann werde ich Dich erhören, dann werde ich Dich finden lassen, dann werde ich Dir öffnen. Klarer kann der Bündnischarakter schwerlich ausgedrückt werden.

Ein Gleiches gilt von der Weihe an die Gottesmutter. Von jeher wurde sie in der Marianischen Kongregation als gegenseitiges Liebesbündnis gewertet. So wird denn der Gottesmutter in der Urkunde das Wort in den Mund gelegt: Ego diligentes me diligo (28). Zeigt mir erst, dass Ihr mich wirklich liebt. Dann will ich… Wiederum: der Bündnischarakter ist einwandfrei klar.

Die spezifische Originalität wird jedoch durch den Inhalt des Bündnisses bestimmt. Um ihn zu verstehen oder – besser gesagt – um zu erfassen, wie es dazu im Einzelnen gekommen ist, muss man seine Geschichte kennen. Hier gilt das alte Wort: wenn ich weiß, wie etwas geworden ist, dann weiß ich auch, wie es ist.

Drei Quellen sind es, aus denen die Gründungsurkunde ihr Wasser geschöpft hat. Alle drei verdanken ihren Ursprung dem praktischen Vorsehungsglauben oder dem Gesetz der geöffneten Türe: genauer gesagt: alle drei weisen deutlich auf eine unschwer erkennbare göttliche Planung hin.

Die erste Quelle ist die kurzfristige Geschichte unserer marianischen Studentenkongregation. Sie existierte damals nicht einmal zwei Jahre. Die Quelle kann allerdings nur von dem richtig verstanden und gedeutet werden, der sie vorsehungsgläubig betrachtet. Lies bitte die Gründungsurkunde, dann weißt Du sofort, was gemeint ist. Dort heißt es: Wer die Vergangenheit unserer Kongregation kennt, dem wird es nicht schwer zu glauben, dass die göttliche Vorsehung mit ihr noch etwas Besonderes vorhat. Unterstreich bitte die beiden Worte: „göttliche Vorsehung“ und „etwas Besonderes“. Schließe daraus, dass es also Gott ist, der zunächst spricht, und nicht der Mensch. Anders ausgedrückt: Gott steht als der Gott des Lebens am Anfang der Schönstattgeschichte und nicht der Mensch mit seinen ichbetonten Hoffnungen, mit seinen kleinlichen Erwartungen und betörten Wünschen. Es ist nicht überflüssig, das zu betonen. Gott ist es auch, der nicht mit einer alltäglichen, sondern mit einer speziellen, mit einer ganz besonderen Planung auftritt. Mit Recht sprechen wir deswegen in unsrem Falle von einer Providentia specialis, ja, specialissima. Vergleiche bitte damit die in der Familie lebendige Überzeugung von ihrer besonderen Sendung. Damals war die besondere Absicht Gottes noch in dichtes Dunkel gehüllt.

Das Dunkel lichtete sich auf demselben Wege: auf dem Vorsehungswege. Es geschah durch die Deutung der Entstehungsgeschichte des großen Wallfahrtsortes Pompeji in Italien und des mir gewordenen offiziellen Erziehungsauftrages als Spiritual. Beide Quellen sind Dir bekannt. Ich kann mich deswegen kurz fassen. Die Vorsehung war es, die mir im Herbst 1914 einen Artikel in die Hand spielte, der berichtete, wie der Advokat Bartolo Longo nach seiner Bekehrung vom Freimaurertum auf den Trümmern der Totenstadt Pompeji „einen Wallfahrtsort gründen“ konnte, der nachher durch zahlreiche Wunder legitimiert wurde und Weltruf erhielt. Sofort meldete sich in mir die Frage – sie entstand ganz spontan -: sollte nicht etwas Ähnliches auch hier möglich sein? Ist damit nicht eine Antwort auf die Überlegung gegeben: worin liegt denn nun eigentlich das Besondere, das die göttliche Vorsehung mit Schönstatt geplant zu haben scheint. Vielleicht geht es nach dieser Richtung. Auf keinen Fall ist es unmöglich. Wenn Du die Gründungsurkunde ruhig durcharbeitest, fällt es Dir nicht schwer, zwischen den Zeilen diese Überlegungen herauszuspüren. So verstehst Du auch den kurzen Hinweis auf die Theologie und Philosophie der Geschichte im Texte. Auf der einen Seite lebte die Überzeugung von der außerordentlichen Kühnheit und dem außergewöhnlichen Wagnis einer solchen Deutung in mir. Lies bitte: „Ein kühner Gedanke, fast zu kühn für die Öffentlichkeit, aber nicht zu kühn für Sie.“ Um dieser Einstellung Rechnung zu tragen, entstand später der Decktitel: Parallele Ingolstadt-Schönstatt. Auf der anderen Seite drängte aber auch die Erkenntnis zur Tat: „Wie oft war in der Weltgeschichte das Kleine und Unansehnliche die Quelle des Großen und Größten. Warum sollte das nicht auch bei uns der Fall sein können?“

Durch solche Erwägungen war der Boden für das Verständnis der dritten Quelle reichlich vorbereitet. Sie war dazu bestimmt, genauer Eigenart und Richtung zu signalisieren, nach der laut göttlicher Planung mutmaßlich Mariens besondere Wirksamkeit sich entfalten sollte. Um das zu verstehen, musst Du Dich daran erinnern, dass ich 1912 den mir durch Ernennung zum Spiritual gewordenen Erziehungsauftrag als echtes Providentiakind wie eine göttliche Wegweisung für mein ganzes Leben auffasste. Spuren dieser Einstellung findest Du deutlich in der Vorgründungsurkunde. Dort ist zu lesen: „Da kommt nun meine Ernennung zum Spiritual – ganz und gar ohne mein Zutun. Es muss also wohl so Gottes Wille sein. Darum füge ich mich fest entschlossen, alle meine Pflichten euch allen und jedem Einzelnen gegenüber aufs Vollkommenste zu erfüllen. Ich stelle mich hiermit zur Verfügung mit allem, was ich bin und habe: mein Wissen und Nichtwissen, mein Können und Nichtkönnen, vor allem aber mein Herz.“ Damit war mein künftiger Lebensweg als Erzieher gekennzeichnet und bestimmt. Alles ohne Ausnahme wurde diesem göttlichen Rufe und Berufe untergeordnet und geopfert. Die Seele war davon so stark erfüllt, dass sofort die inneren Beziehungen zu dem mutmaßlich von Gott geplanten Gnadenort hergestellt waren, als der Gedanke daran ins Bewusstsein trat. Wie sehr der Erzieherberuf mich innerlich bewegte, magst Du daraus schließen, dass das Programm, das in der Vorgündungsurkunde aufgestellt worden ist, schlechthin mein Lebens- und Erziehungsprogramm wurde. Keimhaft enthält es alles, was in der Schönstattgeschichte später Wirklichkeit geworden ist. Nicht einmal die organisatorische Durchgliederung der ganzen Bewegung ist dabei ausgeschlossen. Deswegen heißt es nicht umsonst am Schluss: „Nach Euren Statuten sollen wir die Marienverehrung in Gemeinschaft pflegen. Das Äußere ist schon da: es ist die prächtige Fahne und die Medaille. Aber die Hauptsache fehlt noch: eine unseren Verhältnissen entsprechende innere Organisation nach Art der Kongregationen, wie sie bekanntlich an verschiednen Gymnasien und Universitäten bestehen. Wir wollen diese Organisation schaffen. Wir, nicht ich, denn ich werde in dieser Beziehung rein gar nichts tun ohne Eure volle Zustimmung. Hier handelt es sich ja nicht um eine augenblickliche Arbeit, sondern um eine Einrichtung, die für alle künftigen Generationen brauchbar ist. Eure Nachfolger sollen also zehren von Eurem Eifer, von Eurer Seelenkenntnis und Klugheit. Ich bin überzeugt, dass wir etwas Brauchbares zustande bringen, wenn alle mitmachen.“

Was lag nach dieser Grundeinstellung näher, als dass diese dritte, von der göttlichen Vorsehung durch das Gesetz der geöffneten Türe erschlossene Quelle sich mit den beiden anderen vereinigte und ein gemeinsames Strombett bildete. So entstand die große Idee: Die Gottesmutter soll sich hier in diesem Heiligtum als Erzieherin schlechthin niederlassen. Wir wollen uns, nicht nur wie die Vorgründungsurkunde sagt, unter ihrem Schutze selbst erziehen: sie soll mitten unter uns wohnen und von hier aus unsere Erziehung und die Erziehung aller, die sich ihr mit uns schenken, in die Hand nehmen. Sie ist es, die unsere Selbsterziehung von hier aus allezeit in Bewegung setzen und eine umfassende, durchgegliederte Erneuerungs- und Erziehungsbewegung ins Leben rufen, führen und fruchtbar machen will. Um sie dazu zu bewegen, bieten wir ihr in Form von Beiträgen für ihr Gnadenkapital bis zur Blankovollmacht, Inscriptio und Englingweihe unsere Verdienste an; wir schenken uns letztlich ihr selbst mit allem, was wir sind, und was wir haben. Dafür erwarten wir von ihr, dass sie sich von hier aus tatsächlich als große Erzieherin bewährt und uns zur Höhe der Heiligkeit und eines fruchtbaren apostolischen Lebens führt. Sie sagt laut Urkunde zu dem so gearteten Liebesbündnis ihr Ja… Sie erklärt: „Bringt mir fleißig Beiträge zum Gnadenkapital… Dann werde ich mich gerne unter Euch niederlassen und reichlich Gaben und Gnaden austeilen, dann will ich künftig von hier aus die jugendlichen Herzen an mich ziehen, sie erziehen zu brauchbaren Werkzeugen in meiner Hand.“ Das ist die einfache Grund- und Urform des Schönstätter Liebesbündnisses, das sich nach den Gesetzen der geöffneten Türe und der schöpferischen Resultante später zur Schönstätter Zukunftsvision ausweitete.


Schönstatt-Lexikon Online: Gründungskurkunden
(26) Mt. 7,7
(27) Joh. 14,13
(28) Ich liebe die, die mich lieben

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