KR-1 DE 14

14. Brief an Joseph Fischer vom 22. Mai 1916

Der folgende Text ist ein Brief Pater Kentenichs an den ersten Präfekten der Marianischen Kongregation, Joseph Fischer. Joseph Fischer war inzwischen Frater geworden und studierte Theologie in Limburg. Während des vorausgehenden Noviziates hatte P. Kentenich den Kontakt zu ihm – wie zu allen Mitgliedern der Kongregation im Noviziat –abgebrochen, um nicht in den Erziehungsprozess im Noviziat einzugreifen. Jetzt nahm er ihn wieder auf.
Der Brief hat historische Bedeutung als erstes Dokument, das aufzeigt, dass und wie Pater Kentenich sich mit der Sendung des Heiligen Vinzenz Pallotti auseinandersetzt. Er unterstützt das Zeugnis des Gründers, dass er im Jahre 1916 die Sendung Vinzenz Pallottis übernommen hat, was auch bedeutet, dass die vorausgehende Geschichte Schönstatts, vorab die Gründung am 18. Oktober 1914, von Vinzenz Pallotti unabhängig ist.
Der Brief ist aber auch lesenswert im Blick auf Pater Kentenich selbst unter einem zweifachen Gesichtspunkt.
Der Brief offenbart die ganze Spannweite Pater Kentenich zwischen weltumspannender Vision und Sendung einerseits und den ganz konkreten kleinen Schritten andererseits.
Weiterhin gibt der Text Zeugnis, wie der Gründer einen ehemaligen Schüler als Mitarbeiter wertet, sich ganz auf ihn einlässt – bis hin zur Sprache -, ihm so viel Selbstverantwortung überlässt wie möglich und trotzdem die Freiheit der Mitarbeit anbietet.

Der Text ist entnommen: Kastner, „Unter dem Schutze Mariens“, Paderborn 1939, S. 334-338.


N.c.p.p.b.V.M. (50)
Vallendar, 22. Mai 1916.
Mein lieber Präfekt!

Freut mich, dass Sie in Ihrer Stellung bleiben dürfen… Vielleicht ein Wink, eine unzweideutige Aufmunterung unserer himmlischen Mutter, die Ihnen nunmehr zur Verfügung stehende Zeit ganz ihrem und damit ihres göttlichen Sohnes Dienst zu weihen. Worin soll dieser Dienst bestehen?

Da muss ich weit ausholen, Ihnen meine zum großen Teil noch unreifen Pläne und Ideen mitteilen und Ihr Arbeitsgebiet abgrenzen.

Ausgangspunkt: Eine wesentliche Aufgabe des Sodalen ist apostolische Tätigkeit. Um dafür eine Form zu finden, die die Phantasie anregt und den Willen zur Tat beschwingt, haben wir im vorigen Jahr das Programm aufgestellt: Von unserem Kongregationskapellchen muss eine sittlich-religiöse Erneuerung Deutschlands ausgehen nach dem Vorbilde Ingolstadts. Die Arbeit der Selbstheiligung nahm und nimmt auch jetzt noch ausdrücklich den Charakter der „Beiträge zum Gnadenkapitel der MTA“ an, die für obigen Zweck zur Verrechnung kommen sollen.

Von der selbigen Idee war das Ferienapostolat befruchtet. Auf beiden Gebieten wurde und wird teilweise heroisch gearbeitet (wie meine Akten beweisen, die vielleicht später einmal aus ihrer Verborgenheit herausgezogen werden). Bliebe unseren Sodalen dieser Geist erhalten und arbeiteten sie später als Priester in derselben Richtung weiter, dann wäre das hochtönende Ziel erreicht. Doch jetzt gehen meine Absichten weiter: Vallendar soll wirklich ein zweites Ingolstadt werden.

Sie kennen jetzt die Welt und wissen, dass das Böse mit außerordentlicher Fruchtbarkeit Böses erzeugt, haben aber trotzdem so viel Optimismus und Initiative bewahrt, dass Sie mit aller Energie an einer Segensströmung arbeiten. Alle, auch die geringsten Kräfte – keine ist zu verachten – sollten dafür mobil gemacht werden. Darin stimmen Sie mit mir überein, auch wohl in der Annahme und Überzeugung, dass die Frömmigkeit, wie wir sie in unserer Kongregation anstreben, geeignet ist, den alten Glauben – ohne schwächliche Konzessionen – mit der modernen Seele auszusöhnen und die Lebens- und Kulturwerte unserer heiligen Religion auszumünzen. Sie werden auch zugeben, dass wir Sodalen alle zusammen – freilich ein verschwindend Häuflein gegen die Apostel des Unglaubens und der Sittenlosigkeit – als Werkzeuge in der Hand unserer himmlischen Mutter, immerhin etwas tun können, wenn jeder an seinem Platze seine ganze Kraft einsetzt und durch das organisierte Streben gemeinsamer Ziele dafür sorgt, dass auch das Gute trotz aller Schwierigkeiten fortzeugend Gutes gebärt. Auf diesem gemeinsamen Fundament eine Idee zur Erwägung.

1. Wie sich die geplante Organisation der Ausgetretenen (51) auf dem Fundament aufbaut und welche Erfolge im Laufe der Zeit zu erwarten sind, ist leicht ersichtlich.

2. Für einheitliche Erziehung im oben angedeuteten Sinne und meines Erachtens im Geiste unseres Ehrw. Stifters wäre die Verpflanzung unserer Bestrebungen auf Limburger Boden recht erstrebenswert. Einer der Hauptzwecke müsste drüben Präsidesschulung (52) sein, nicht nur, um später die ständig wachsenden Weltpriester-Kongregationen mit Erfolg leiten zu können (NB: Grundidee unseres Ehrw. Stifters: Durch seine Gesellschaft den Welt- und Ordensklerus im apostolischen Geiste zu erhalten, zu fördern. Qualis rex, talis grex (53)… sittlich-religiöse Erneuerung. Ziehen Sie Ihre Kriegserfahrungen zu Rate), sondern auch um der rapid anschwellenden Jugendbewegung gewachsen zu sein. An der Jugend muss gearbeitet werden, sonst … Leider gibt es viele unbrauchbare Jugenderzieher und Präsides, die in der Jugend selbst falsch religiös beeinflusst wurden und darum im großen Kampfe um die Jugend nicht oder nur halb in Betracht kommen. Wer die Jugend hat, hat die Zukunft: religiös-sittliche Erneuerung! Erneuerung unserer Gesellschaft P.S.M (54).

3. Nicht nur unsere Sodalen, sondern auch Gymnasiasten und Akademiker bringen unserer MTA begeistertes Interesse entgegen. Ist das ein Fingerzeig unserer himmlischen Mutter, nach dieser Richtung auf die Suche zu gehen nach den Absichten der göttlichen Vorsehung und nach den gewonnenen – wenn auch noch unsicheren – Vermutungen die ganze Bewegung langsam, klug und weitsichtig zu beeinflussen und dann wieder weiter auszukundschaften? Wenn unsere Herrin durch uns die gebildete Jugend um sich sammeln wollte – ein Gedanke, zu umfassend, um gleich als durchführbar gehalten zu werden, aber auch zu schön und nach der augenblicklichen Entwicklung der Dinge nicht zu phantastisch, nicht ganz unmöglich, um schlechterdings abgewiesen zu werden. Mir schwebt eine Organisation vor – ähnlich wie unser Ehrw. Stifter die ganze Welt einteilen wollte -, die unserer studierenden Jugend einen Ersatz für die verbotenen Kongregationen bieten könnte, ein Bollwerk und Gegengewicht gegen die monistische Jugendbewegung (55). Träume! Freilich! Und sollten sie einmal Wirklichkeit werden, dann gehört ein Menschenalter zu ihrer klugen, zielbewussten und organisatorisch vollendeten Durchführung.

Lassen wir das und bleiben wir auf der Erde. Wir wollen ja nur Werkzeuge unserer himmlischen Mutter sein. Je schwächer und armseliger das Werkzeug, desto heller leuchtet der Ruhm Mariens durch unsere Werke. Und dass unsere Patronin kraft ihrer Stellung im Reiche Gottes einen großen Anteil haben wird und muss an der religiös-sittlichen Neugestaltung der Dinge, davon überzeugen mich nicht nur theologische Erwägungen, sondern auch historische Erkenntnisse, dass sie dabei – gerade wie Gott selbst kraft göttlicher Anordnung – an menschliche Mitwirkung gebunden ist, leuchtet dem ohne weiteres ein, der die gegenwärtige Heilsökonomie einigermaßen kennt. Freilich, an bestimmte Werkzeuge ist Maria nicht gebunden, es ist eine große Gnade, von ihr erwählt, benutzt zu werden. Aber ich meine, wir Sodalen haben da ein besonderes Vorzugsrecht. Durch die Weihe haben wir doch einen besonderen Bund mit ihr geschlossen, der beide Teile verpflichtet, nicht nur uns, nein, auch unsere Bundesherrin, denn der kirchlich approbierte Präses hat das Versprechen angenommen, und was er in dieser Eigenschaft tut, das ist und gilt auch im Himmel vollzogen. Haben wir uns verpflichtet, nach ausgezeichneter Marienliebe, nach mehr als mittelmäßiger Selbstheiligung und allseitiger apostolischer Gesinnung und Tat zu streben, so ist Maria verpflichtet, uns für diese Zwecke zu erziehen und zu benutzen, sie die virgo fidelis, wenn wir nur auf ihre Absichten eingehen.

Bei Ihnen kommt außer anderen Gründen das oft erneuerte Versprechen hinzu, Ihr gerettetes Leben, Ihre Kräfte ganz für ihren Dienst zur Verfügung zu stellen; dieser Dienst ist und bleibt Heilandsdienst. Die Kommuniondekrete wären besser durchgeführt, wenn unsere Geistlichkeit sich und ihre Herde mehr unter den Einfluss Mariens stellten (neuer Gesichtspunkt für Zweckmäßigkeit der Gründung und Leitung von Priesterkongregationen).

Und vorläufig verlangt – um auf die angeschnittene Idee zurückzukommen – unsere Mutter durch die Entwicklung der Dinge eine stille, kluge Propaganda für unser Schriftchen. Nur wirklich geistesverwandte Leute sollen herangezogen werden: Elite. Wenn wir bis Herbst den einen oder anderen gewonnen, bin ich zufrieden. Augenblicklich beschäftige ich mich mit der Frage, ob wir nicht einen eigenen Fond für diesen Zweck anlegen sollen usw. Auf jeden Fall wird eines durch die Propaganda erreicht: Empfehlenswertes Bekanntwerden unserer P.S.M. Vielleicht werden auch Berufe geweckt, der Lebenswert der zeitgemäßen katholischen Erziehung, der Marianischen Kongregation und Marienverehrung wird anerkannt… Genug davon. Was sagen Sie dazu?

Nun Ihre Aufgabe. Sie haben zunächst die notwendigen Vorbereitungen in der schon bezeichneten Weise für Limburg zu treffen. Vorläufig genügt es, wenn Sie den Betreffenden die MTA schicken und durch das eine oder andere Wort auf nähere Ideengemeinschaft einzugehen trachten. Je nach dem Resultat kommt die folgende Stufe, die eine weitere Staffel darstellen muss zu dem aufgestellten Ziel. Das Nähere müssen Sie im einzelnen Falle selbst entscheiden. Bin aber gern bereit, nach entsprechender Information weiteren Meinungsaustausch mit Ihnen einzugehen, vorausgesetzt, dass dadurch Ihre Selbständigkeit und Bewegungsfreiheit nicht unnötig gehemmt wird. Mit vollem Vertrauen überlasse ich Ihnen die Angelegenheit. Wenn Sie Ihre bisherige Praxis und Lebenserfahrung weiter beibehalten, kommen Sie mit den gegebenen Andeutungen allein zum Ziel. Marienritter, nicht nur Marienkind.

Vallendar soll Mittelpunkt bleiben, und zwar unser Kapellchen mit der MTA Personen wechseln, das Kapellchen bleibt. Sie tun gut daran, die Liebe zu unserm Heiligtum in sich und andern zu nähren. Schon im Interesse einer dauernden Zentralisation. Freilich erwächst daraus wieder für uns eine neue Aufgabe: Entsprechende Ausgestaltung unseres Schmuckkästchens.

Ihre rechtliche Stellung mir gegenüber ist die eines Präfekten. Die Stellung Ihrer Abteilung in unserer Gesamtkongregation können Sie auffassen als eigene Sektion und in diesem Sinne sich selbst als Obmann mit Präfektenrechten. So ist die Einheit gewährt: Abhängigkeit vom Kapellchen, vom Magistrat. Sie sehen auch den Zusammenhang zwischen zwei und drei. Es müssen tüchtige Jugendbildner geschaffen werden, die für den Fall des Falles Erben und Apostel der dritten Idee werden.

Sollten Sie sich über die Grenzen Ihres Wirkungskreises hinaus für die anderen Pläne (1 und 3) interessieren, ist Ihre Mitarbeit sehr willkommen. Wie weit Sie Ihre Leute nach den gegebenen Richtungen hin beeinflussen wollen und klugerweise können, ob es gut ist, den einzelnen die Ziele und die inneren Zusammenhänge mitzuteilen, oder sie unbewusst zu leiten, überlasse ich Ihrer Weisheit. Handeln Sie nach den Kongregationsgrundsätzen und dezentralisieren Sie, wenn zweckdienlich. Es gilt mit wenig Kraft viel zu wirken.

Vielleicht geben Sie auch Ihrer Selbstheiligung das konkrete Ziel der „Beiträge zum Gnadenkapital“. Es gilt. Alle Mann an Bord. Die Sache, der wir dienen, wird und muss siegen. Dafür bürgt die Autorität Gottes. Wir erleben ja nur eine kleine Phase des gigantischen Ringens zwischen Gott und Teufel, zwischen Geist und Fleisch und Welt. So siegreich auch der Weltgeist vorwärts stürmt – Gott wird triumphieren. Seinen Triumph wollen wir als Apostel der Marienverehrung verbreiten helfen, damit die arme Menschheit in der Ewigkeit nicht zu sehr seine Übermacht, seine Allgewalt und Gerechtigkeit zu fühlen bekommt. Etwas Ganzes oder gar nichts…

Meinen priesterlichen Segen gebe ich Ihnen mehrmals des Tages… Noch eines! Die Verantwortung für Ihre Leute lege ich in einer Weise auf Ihre Schultern, dass ich meinen persönlich-brieflichen Verkehr mit unseren Soldatensodalen bedeutend beschränke. Lassen Sie keinen Beruf verloren gehen. Bitte um Ihr Gebet.

Mit herzlichem Sodalengruß und priesterlichen Segen in aufrichtiger Liebe


Schönstatt-Lexikon Online: Weltapostolatsverband
(50) Abkürzung von: Nos cum prole pia benedicat Virgo MariaMaria mit dem Kinde lieb uns allen Deinen Segen gib’.
(51) Bis zum Jahre 1916 war die Zahl der Sodalen und Studenten gewachsen, die sich auf den Schlachtfeldern des Krieges befanden. Das führte zu Überlegungen und konkreten Schritten, die Sodalen im Krieg zu organisieren. Es entstand die “Außenorganisation”. Um die Verbindung mit Schönstatt und untereinander zu pflegen wurde im März 1916 die Zeitschrift “MTA” gegründet. Sie wurde nach dem Krieg für viele Jahre das Kommunikationsorgan der Bewegung.
Einige der Sodalen/Studenten hatten die Gesellschaft der Pallottiner auch ganz verlassen. Im Mai 1916 wurden Überlegungen angestellt, wie auch diese „Ausgetretenen“ innerhalb der Kongregation zu erfassen wären (siehe MTA vom 21. Mai 1916). Der vorliegende Brief nimmt offensichtlich darauf Bezug.
(52) Der geistliche Leiter einer Marianischen Kongregation wurde Präses genannt. Auch wenn die Führung und Organisation der Kongregation in den Händen der bestellten Mitglieder lag, so hing doch das Leben eine Kongregation wesentlich von der Inspiration des Präses ab.
(53) Wörtlich: Wie der König, so die Herde.
(54) „Pia Societas Missionum“, PSM, war ein Name, der den Pallottinern kurz nach dem Tod Vinzenz Pallottis (9.4.1854) von Pius IX aufgezwungen wurde, weil doch die Kirche selbst die „Gesellschaft vom katholischen Apostolat“ sei. Erst im Jahre 1946 wurde der Name wieder geändert in das, was die Pallottiner in der Intention des Gründers waren: SAC: Societas Apostolatus Catholicus.
(55) Monismus ist eine Geistesrichtung in der Philosophie, Theologie sowie Psychologie, die Polaritäten leugnet und alles auf ein einziges Prinzip zurückführen möchte: nur Gott, nur der Leib, nur Materie.
Am Beginn des 20. Jahrhunderts war es in Deutschland vor allem der Philosoph Häckel, der einen philosophischen Materialismus vertrat mit dem Anspruch, durch ein solches Denksystem das Christentum zu überwinden. Im Jahre 1906 wurde in Jena der „Monistenbund“ gegründet mit dem Ziel, die monistische Lehre zu verbreiten und vor allem die katholische Kirche zu bekämpfen.

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