KR-1 DE 19/1

19/1. Karmelbriefe 1941

Pater Kentenich nennt das Geschehen um den 20.1.1942, dem zweiten Meilenstein, das „Achsenereignis“ der Schönstattgeschichte, das alle vorausgehenden Ereignisse gültig interpretiert und Grundlage ist für alle nachkommenden Ereignisse.
Das Ereignis beginnt mit der Inhaftierung Pater Kentenichs am 20. September 1941. Es folgt eine Dunkelhaft von vier Wochen in einem der Tresore einer ehemaligen Bank, in dessen Gebäude die Gestapo sich eingerichtet hatte. Die Dunkelhaft endete am 18.10.1941. Pater Kentenich wird in eine Zelle des städtischen Gefängnisses von Koblenz verlegt. Das Gefängnis heißt im Volksmund „Karmelgefängnis“, weil es in einem ehemaligen Karmelkloster eingerichtet ist. Die Zellen der Mönche wurden Gefängniszellen. Die Kirche daneben mit ihrem Turm diente noch kirchlichen Zwecken (im Krieg ist der ganze Gebäudekomplex den Bomben zum Opfer gefallen.)
Die Situation Pater Kentenichs am neuen Ort änderte sich schnell. Am 21. Oktober konnte der erste Brief nach Schönstatt abgeschickt werden. Da die Wärter des Gefängnisses keine überzeugten Nationalsozialisten waren, konnte Pater Kentenich zwei Wärter – der „große“ und der „kleine Bote“ – dafür gewinnen, für ihn Post mitzunehmen und entweder zu dem nahe gelegenen Josephs-Krankenhaus zu bringen, das von den Marienschwestern betreut wurde, oder direkt nach Schönstatt. Einer der Boten wohnte auf der Insel Niederwerth, musste also immer durch Vallendar um nach Hause zu kommen. Ebenso waren die Boten bereit, Post ins Gefängnis einzuschmuggeln. Und so konnte ein reger Briefverkehr entstehen.
Nicht nur Post schmuggelten die Boten, sondern auch Schreibmaterialien und die notwendigen Ausrüstungen, um die heilige Messe zu feiern. Am 13. Dezember feierte Pater Kentenich zum ersten Mal die Eucharistie in seiner Zelle.
Findige Schwestern hatten auch herausgebracht, dass man in den Innenhof des Gefängnisses und auf die Fenster der Gefängniszellen sehen kann, wenn man den Turm der Kirche bis zur halben Höhe besteigt. Als Pater Kentenich einmal aus dem Fenster blickte, gewahrte er zu seinem Erstaunen im kleinen Fenster des Kirchturms den Kragen und das Gesicht einer Marienschwester. Wenn er auf seinen Tisch kletterte, wurde auch sein Gesicht in dem hoch gelagerten Fenster der Zelle sichtbar. So fingen die „Besuche am Turmfenster“ an, bei denen allerdings nur über Zeichensprache kommuniziert werden konnte.
Aus diesem Briefkontakt entstand eine eigene Literatur, die „Karmelbriefe“. Diese Briefe sind ein unschätzbar wertvolles Dokument, das Zeugnis gibt, wie der Gründer zu seiner Entscheidung vom 20.1.1942 heranreifte, keine natürlichen Schritte zu unternehmen, um eine Einlieferung in ein Konzentrationslager zu verhindern; auch ein Zeugnis dafür, wie sehr er seine Freiheit von einer gelebten Inscriptio seiner Gefolgschaft abhängig machen und wie sehr er diese Gefolgschaft dahin führen wollte.

Die folgenden Texte sind eine Auswahl aus den Karmelbriefen. Sie sind alle entnommen der Sammlung „Texte zum 20.1.1942“, Band 1, Schönstatt 1973.


Brief an P. Friedrich Mühlbeyer, 21.0kt.1941

Carissime Confrater (86)!
Weil „Briefe aus Gefängnissen“ später gern zu Martyrerakten gestempelt werden, schreibe ich ungern. Muss es aber schließlich doch tun, wenn Sie nicht ganz ohne Nachricht von mir bleiben sollen. Darum kurz und bündig ein paar Notizen.
Sagen Sie allen, die Interesse daran haben, dass es mir gut geht. Die ersten vier Wochen konnte ich mit dem Credo beten: „abgestiegen in die Unterwelt“, seit dem 18.0ktober aber: „aufgefahren in den Himmel“, d.h. in lichtere Höhen, wo ich nun ein beschauliches Leben eines Karmelitermönches führe. Leib und Seele haben sich schnell und gut an die Umstellung gewöhnt. Alles in allem: Kein Anlass zu Legendenbildung und Schauergeschichten. In einem Punkt tut man mir sogar mehr Ehre an, als mir gebührt. Ich gelte als „der“ geistige Kopf Schönstatts. Versteht man unter Schönstatt ein wissenschaftliches System einer psychologisch orientierten Aszese, so mag das Wort insofern zutreffen, als ich 1919 erstmalig versuchte, das System wissenschaftlich zu begründen. Versteht man aber unter Schönstatt die religiöse Strömung der M.G.O. (87), so muss ich das Lob mit ungezählt vielen anderen teilen, besonders mit den vielen P.K.’s, die in der M.G.O. früher tätig waren und zum Teil noch sind.

Den Schwestern können Sie bei Gelegenheit zwei Heilandsworte als Betrachtungsstoff vorlegen:
1. Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr denn nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters ist?
2. Eine größere Liebe hat niemand, als wer sein Leben hingibt für die, die er gern hat.
Ferner erhält Paulus auf die Frage, was er tun soll, den bedeutsamen Hinweis als Antwort: „was er leiden soll um meines Namens willen…“ (88).

Und der Heiland selbst hat die Welt nicht durch Wunder und Predigten, sondern durch sein Sterben erlöst.
Wer mich suchen und besuchen will, findet mich jederzeit im Herzen Gottes und der Gottesmutter. Alle, die sich in diese Herzen eingeschrieben, sind ständig bei mir und in mir. Also fehlt es nicht an Unterhaltung.
Nun bin ich schon am Ende meiner Weisheit. Noch eines! Das darf ich nicht vergessen. Vielen Dank allen, die sich so sorgsam um meine Wäsche bemühen. Möge ihnen die Seligpreisung gelten: Selig die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen!
Nach allen Richtungen, nach oben und unten, nach rechts und links herzlichen Gruß und Segenswunsch! Es bleibt dabei: Wir bleiben treu!
Auf baldiges Wiedersehen!
In Treue Ihr J. Kentenich.


Brief an Schwester Anna, 28.10.41 (89)

Grüß Gott!
Schon lange durfte ich Ihnen das Brot des Gotteswortes nicht mehr brechen und weiß noch nicht, wann es wieder möglich wird. Ein Glück, dass die Seele ein Geist und auf äußere Nähe nicht angewiesen ist; ein Glück, dass Gott sich den unmittelbaren Zugang zum Menschenherzen offen hält und selbst das Klima bestimmt, in dem es am schnellsten und sichersten seinen Hauptberuf erfüllen kann; ein Glück endlich, dass wir nicht nur zu Menschen von Gott, sondern auch zu Gott von Menschen sprechen können. Von dieser Möglichkeit mache ich reichlich Gebrauch, ähnlich wie Paulus das getan (90).

Als Oktobergeschenk erflehe ich Ihnen ein starkes Wachstum zum „Vollalter Christi“ (91), zur Mündigkeit und Selbständigkeit und zum Wagemut in Christus. Mit Paulus bete ich: „Ich beuge meine Knie vor dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, von dem jedes Geschlecht im Himmel und auf Erden seinen Namen hat. Er möge euch nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit verleihen, dass ihr durch seinen Geist dem inneren Menschen nach kraftvoll erstarket: dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr selbst in der Liebe fest gegründet und verwurzelt bleibt. So möget ihr mit den Heiligen begreifen die Breite und Länge, die Höhe und Tiefe und auch die Liebe Christi verstehen, die alles Erkennen übersteigt, und so mit der ganzen Fülle der Gottheit erfüllt werden!“ (92). Der Weg zu dieser Umorientierung geht über Verinnerlichung und Verwirklichung des Inscriptiogeistes.

Was man mit Augustinus Inscriptio nennt, umschreibt Ignatius mit dem empfehlenswerten Gebet: „Nimm hin, o Herr, meine ganze Freiheit, mein Gedächtnis, meinen Verstand, meinen ganzen Willen und mein ganzes Herz. Alles hast Du mir gegeben, alles schenke ich Dir vorbehaltlos zurück; mache damit, was Du willst. Nur eines gib mir: Deine Gnade, Deine Liebe und Fruchtbarkeit. Deine Gnade, damit ich mich freudig Deinem Wünschen und Wollen beuge. Deine Liebe, damit ich mich allzeit als Deinen Augapfel geliebt glaube, weiß und bisweilen fühle. Deine Fruchtbarkeit, damit ich in Dir und der lieben Gottesmutter recht fruchtbar werde für unser gemeinsames Werk. Dann bin ich überreich genug, und ich will nichts anderes mehr.“ (93)

Die Verinnerlichung besteht für uns darin, dass wir auf dem Weg zum Vater die Gottesmutter nie vom Heiland trennen und den Heiland nie von seiner Mutter trennen, vor allem dann nicht, wenn wir den Inscriptioakt und -geist erneuern. Praktisch heißt das: Wir wollen mit der lieben Gottesmutter Golgotha, den Altar und Tabernakel zum Lieblingsplatz machen. Oder: in ihrem Herzen Golgotha, Altar und Tabernakel erlebnismäßig innewerden und so Herz in Herz in heiliger Dreieinheit zum Vater gehen.

Die Verwirklichung der Inscriptio geschieht im alltäglichen Leben. Wir wollen nicht zu denen gehören, die im Gebete zwar von der vollen Hingabe viel zu sagen wissen, die aber alle Pferde der Welt zusammenholen, um den Wagen wieder zurückzubringen, wenn Gott anfängt, unser Gebet ernst zu nehmen, und mit uns tut, was er will. Das gilt besonders, wenn er uns in die Leidensschule nimmt. Paulus hält es für selbstverständlich, dass wir als Glieder Christi ihm auch in seinem Leiden gleichgeschaltet werden und dass das Leid nicht nur Zusammenbruch der menschlichen, sondern auch und vor allem Aufbruch der göttlichen Kräfte und dadurch reiche Fruchtbarkeit unseres Lebens und Wirkens bedeutet (94).

So möge denn die Inscriptiognade sich in den kommenden Monaten auswirken im Sinne des Christkönigsfestes: Omnia opera mea Regi crucifixo et glorioso! (95)

An alle herzlichen Gruß und Segen!
J.K.


Brief vom 28.11.1941

… Versuchungen gegen kindliches Vertrauen dürfen Sie nicht aufkommen lassen. Im Gegenteil! Stolz und dankbar sollten Sie sein, dass der liebe Gott mir Gelegenheit gibt, auf diese Weise für ihn und seine Sache zu opfern, und Ihr kindliches Vertrauen so ernst erprobt. Er setzt also bei Ihnen einen hohen Grad von Kindlichkeit voraus.
Jetzt können wir alle beweisen, ob wir Inscriptio und Bankovollmacht richtig verstanden haben. Nirgendwo sind wir mehr gesichert und geborgen als im Dunkel des Glaubens und Vertrauens. Wie schön ist es, wenn wir später klarer sehen, welche Wege Gottes Weisheit uns während dieser Zeit führt.
Also benutzen Sie die Schwierigkeiten, um tiefer in die Welt der Kindlichkeit zu wachsen. Danken Sie, dass überhaupt noch Verbindung möglich ist.
Allen herzliche Grüße und Dank für Treue und D.


Brief vom 21.12.1941

Das war eine Überraschung! Hatte gerade meinen Weihnachtsbrief geschrieben und … gegeben, schaue heraus und da – das war meine erste große Weihnachtsfreude (96). Da sehen Sie, wie sehr ich noch Mensch bin trotz aller Vergeistigung und Vergöttlichung. Sie hätten sicher gerne gehabt, wenn ich das Fenster aufgemacht hätte. Ja – wenn ich das nur gekonnt hätte! Die Freiheitsbeschränkung geht hier bis in kleinste Kleinigkeiten. „Petrus, es kommt die Zeit, da wird ein anderer dich gürten.“ (97) Die Zeit ist jetzt da. Fällt mir aber nicht schwer, weil alles Nebensache ist. Hauptsache ist Gott in Ihren Seelen. Und der wächst zum Vollalter Christi empor. Das ist meine allergrößte Freude. —

Ob Sie mich nun hinter dem Fenster so gut sehen konnten, wie ich Sie gesehen habe? Dann haben Sie gemerkt, wie gut es mir geht. Auch weiß ich wieder besser, wie Sie aussehen. – Nun halten Sie auch treu zusammen – jede an ihrem Platze – und dienen Sie in herzlicher Güte und Liebe den Schwestern. Ich möchte gern allen viel Liebe schenken. Was ich nicht kann, müssen Sie an meiner Stelle tun.
Herzliche Weihnachtswünsche!


Brief vom 22.12.41

Stellen Sie dem Kreis (98) zur Schulung vorerst zwei Fragen:

1. Weshalb ist Geistpflege Kern- und Lebensfrage und Schicksalsfrage für die Zukunft der Familie?
2. Sollen unsere Geistträger den Beichtvater oder Seelenführer ersetzen oder überflüssig machen?

[Dank]
Ferner: Bisher habe ich Ihnen und allen Helfershelfern noch nie gedankt wegen der überreichen Marthadienste. Ich tat es nicht, um nicht zu weiteren Diensten zu ermuntern. Sie können sich vorstellen, dass es mir nicht leicht fällt, die vielen Geschenke anzunehmen, weil sie nur durch persönlichen Verzicht der Schwestern möglich sind und weil ich grundsätzlich keiner Schwierigkeit, die das Leben aufweist, aus dem Wege gehe, im Gegenteil: an allem emporwachsen möchte. Ich kann auch mit Paulus sagen: „Ich habe gelernt, mit den Verhältnissen, in denen ich mich gerade befinde, zufrieden zu sein. Ich verstehe es, mich in drückende Verhältnisse zu schicken, und verstehe es auch, im Überfluss mich zu benehmen. In alles und jedes bin ich eingeweiht: satt zu sein und Hunger zu haben, Überfluss zu haben und zu darben. Alles vermag ich in dem, der mich stärkt.“ (99)

Wenn ich allein wäre, hätte ich schon längst gehuft. Bei mir ist aber ein Confrater, der auf die leiblichen Dinge ganz angewiesen ist. Darum habe ich Sie und andere gewähren lassen. Lassen Sie mich nun aber auch einmal danken für alle Liebe und Opfer, die mit den Gaben verknüpft sind – zunächst im Namen des Pfarrers, dann aber auch in meinem Namen. Darf ich mit Paulus sagen: „Ihr habt schön gehandelt, dass ihr an meiner Bedrängnis Anteil genommen.“ (100)

Meine Bedrängnis ist nach der Richtung nicht sonderlich groß. Für das Existenzminimum ist gesorgt. Und darüber hinaus habe ich nicht viele Bedürfnisse.

Ob ich nun fürchten muss, dass mein Dank als Bitte gedeutet wird? Das dürfen Sie nicht tun. Jedenfalls darf den Schwestern kein Schaden erwachsen. Und wenn Sie mir darüber hinaus Gelegenheit geben können, dem Herrn neben mir und manchen anderen das harte Los erträglicher zu machen, haben Sie ein gutes Werk getan. – Sagen Sie in diesem Sinne meinen Dank allen, die in Frage kommen…

[Schicksalsvewobenheit]

Unsere Schwestern dürfen nicht unruhig werden über mein langes Fernbleiben und die scheinbare Erfolglosigkeit ihres Betens und Opferns. Mein Schicksal ist dafür zu stark mit dem der ganzen Familie verknüpft. Der Kampf um mich und mit mir ist der Kampf des Diabolus gegen die Familie. (Denken Sie an Job). Meine Freilassung bedeutet darum auch Freigabe der Familie. Andererseits glaubt man aber auch, durch meine Fesselung die Familie in Fesseln gelegt zu haben. Hintergründig – so dürfen Sie sich das vorstellen – tobt ein starker Kampf zwischen Schlangenzertreterin und Schlange. Wer letzten Endes siegt, ist nicht zweifelhaft. Dass ich Prellbock sein darf, schickt sich und ist eine große Ehre. Sie dürfen aber auch beobachten, wie Gott diese Haft allseits zum Besten der einzelnen und der Gesamtfamilie auswertet und ausgewertet wissen will. Wir müssen darum sorgfältig darauf achten, dass wir die Pläne Gottes nicht im geringsten stören. Die Schwestern mögen füglich sich nicht so sehr um mich sorgen als um das Wachstum der Liebe in ihren Seelen und im Gemeinschaftsleben. Ihre Gebete und Opfer finden reichlich Erhörung, sind zum großen Teil schon erhört. Sonst stünde ich nicht in allem so souverän über den Verhältnissen und könnte nicht soviel Gutes nach verschiedenen Richtungen tun. Sonst würde die Familie nicht so gesund sich bemühen um gottgewollte Selbständigkeit auf der ganzen Linie.

Selbstverständlich würde ich mich menschlich herzlich freuen, Sie und alle, die mir gehören, einmal wiedersehen zu dürfen. Das habe ich am Samstag gemerkt. An sich ließe sich das auch leicht ermöglichen auf irgendeinem Wege. Und doch ist es für den Verlauf und Ausgang des heftigen Kampfes besser, wenn beide Teile das Opfer des Verzichtes weiter bringen. Sobald die Situation eine andere Handlungsweise ratsam erscheinen läßt, teile ich es mit. Inzwischen wollen wir im Geiste der Inscriptio umso tiefer und inniger in den beiden heiligen Herzen uns besuchen.

Die hl. Messe lese ich jeden Tag für die Familie. Machen Sie jeden Tag eine besondere Meinung.

Vergessen Sie auch nicht das Danken dafür, dass wir ständig Fühlung halten können. Überlegen Sie einmal, ob es nicht gut ist, wenn Sie die „Kreise“ und die Oberinnen der großen Häuser in und außerhalb Schönstatts ständig über die laufenden Dinge orientieren. Das gibt Ruhe, schafft Verantwortungsbewusstsein und wirkt erzieherisch klärend und ermunternd.

Wie es mir persönlich geht, wissen Sie. Ich hätte mich nirgendwo so gut erholen können wie hier. Soviel Ruhe habe ich. Andere Geistesmänner sind vor wichtigen Lebensabschnitten in die Einsamkeit gegangen. Mich hat Gott dazu zwingen müssen. Ich mag deshalb auch nicht heraus, bis er mich wieder hinausschickt. Sie werden sehen, im rechten Augenblick bin ich wieder da, neu gerüstet und bereit zum Kampf – ungebrochen an Leib und Seele. Sorgen Sie, dass die Familie dann auch gewachsen ist und mit mir Gottes Wege laufen kann. An alle, besonders an die „Kreise“ und Oberinnen der großen Häuser herzliche Grüße.

Weihnachten bin ich mitten unter Ihnen. Und das gegenseitige Denken und Gedenken soll uns froh stimmen und uns anregen, anderen viel Liebe zu schenken und Freude zu machen.

Also: Alle wollen und sollen sich bemühen, mit mir an den Verhältnissen zu wachsen und zu reifen zum Vollalter Christi. So will es der lb. Gott. Also wollen auch wir es. Die Gottesmutter, deren besondere Lieblinge wir sind, hilft uns dazu durch Segen, Fürbitte und Vorbild.

Alles für unsere Familie. Nun habe ich mir in fliegender Eile manches von der Seele geschrieben. Und wünsche Ihnen soviel Ruhe, Sicherheit und Zufriedenheit und Freude wie Gott sie mir als Dauerbesitz schenkt: als Erhörung Ihrer Gebete und Opfer.


Weihnachtsbrief zum 25.12.1941

Ein 61-jähriger Priester sitzt neben mir… Er schluchzt wie ein Kind: „Ich könnte zerplatzen vor Not und Leid – – Weihnachten im Gefängnis, und dazu meine armen Verwandten, meine Pfarrei. -“ So leidet der arme Herr unter dem Verlust der Freiheit.

[Der Geist der Freiheit der Kinder Gottes]

Ich schenke dem lieben Gott von ganzem Herzen den Verlust der Freiheit gern. Ich bin bereit, ihn bis zum Ende meines Lebens in allen möglichen Formen zu ertragen, wenn ich Ihnen und der ganzen Familie dadurch bis zum Ende der Zeiten Fortbestand, Fruchtbarkeit und Heiligkeit erkaufen kann.

Was wir mit unserer Familie erstreben und wie wir es wollen, ist so schwindelnd hoch, dass nur außergewöhnlich viel Gnade seine Verwirklichung möglich macht. Das dürfen Sie nie vergessen! Und wer die Familie liebt, schätzt sich darum glücklich, alles hergeben zu dürfen für sie.

Das Wertvollste, was der Mensch hat, ist seine Freiheit. Mit aufrichtiger, glühender Liebe opfere ich diese Freiheit, damit der lb. Gott für alle Zeiten den von mir für sie so heiß ersehnten Geist der Freiheit der Kinder Gottes überreich schenkt.

Es gibt nichts, was Gott so ähnlich ist wie eine edle Frau, die in edler Gelockertheit und schlichtem, gott-angefülltem Selbstbesitz diesen Geist der gezähmten Freiheit ihr eigen nennt – d.h. wie eine Marienschwester, eine Schwester der lb. Gottesmutter, wie ich sie gern der Kirche schenken möchte.

Ich wünsche und erbitte der Familie zu Weihnachten einen hohen Grad dieses Geistes der Freiheit der vielgeliebten Gotteskinder und ersehne als Gegengeschenk das Versprechen der Treue zu Familie und Familiengeist. Gleichzeitig danke ich allen für den Ernst, die Treue und die Tiefe, womit Sie bisher zu den Idealen der Familie gestanden.

[Die Gefangenschaft richtig ausnützen durch Treue und Inscriptio]

Mein Hiersein ist für Sie eine größere Prüfung als für mich, ähnlich wie mein Schicksal das Schicksal der Familie ist. Ich sitze nicht meinetwegen oder einer Ungeschicklichkeit wegen, sondern der Familie – sowohl der engeren als auch der weiteren – wegen. Darum ist die Familie mit mir und in mir gefangen. Wie ich, so müssen darum auch Sie die Gefangenschaft ausnützen wie ein persönliches Los und Schicksal. Das tun Sie, wenn Sie wie bisher in unentwegter Treue sich für die Ideale der Familie verzehren, auch dann, wenn neue Prüfungen kommen.

Ich hoffe zu Gott, manchen Schicksalsschlag, der für die Familie vorgesehen ist, auffangen und allein tragen zu dürfen. Aber, aber – ganz werde ich das nicht können. Rüsten Sie sich darum! In edlem Wettstreit wollen wir versuchen, einander würdig zu sein und Gottes und der Gottesmutter immer würdiger zu werden, damit sie mit uns den großen Bau errichten können, den sie bauen wollen. Praktisch können wir nichts Besseres tun als den Inscriptiogeist pflegen, lieben und leben. Erflehen Sie mir diesen Geist, wie ich ihn für Sie und alle kommenden Generationen erbitte.

Und nun freuen Sie sich herzlich wie ein glückliches Kind in einer gesegneten Familie. Ich freue mich herzlich mit Ihnen.
Gruß und Segen!


Brief zum 26.12.1941

Meinetwegen dürfen Sie keine Trauer aufkommen lassen, zunächst deswegen nicht, weil ich da bin, wo Gott mich haben will – und da ist es immer am besten -, sondern auch deshalb nicht, weil ich einstweilen von hier aus Ihnen mehr dienen und helfen kann als draußen.

[Der schönste Platz auf der Welt]

Endlich dürfen Sie auch nicht vergessen, was ich Ihnen früher so oft gesagt: Es gibt keinen schöneren Platz auf der Welt als das Herz eines edlen, gottinnigen Menschen. Prüfen Sie, wie reichlich mich Gott mit solchen Plätzen beschenkt hat. Sorgen Sie, dass Ihr Herz immer edler, reiner, stärker, gottinniger wird, dann bereiten Sie dem lb. Gott und auch mir eine wohnliche Heimat. Und wer hat’s dann besser auf der Welt als ich, wer hat eine schönere Heimat als ich, trotz Gefängnis?

[Freiwillige Hingabe der Freiheit]

Der Heiland hat vor Antritt seines Leidensweges gebetet: „Niemand nimmt mir das Leben, ich gebe es selbst, weil ich will.“ (101) So mache auch ich es: Niemand nimmt mir die Freiheit, ich gebe sie freiwillig, d.h. weil ich es so will, genauer: weil Gott es so wünscht! Und meine Speise, meine Lieblingsaufgabe ist es, den Wunsch dessen zu tun, der mich gesandt hat!

[Liebes- und Schicksalsgemeinschaft]

Nur einen Punkt gibt es, der mir die äußere Ferne schwer machen könnte: das Bewusstsein, dass Sie nicht mehr streben nach den Sternen. Das wäre für mich ein großes Leid. Alles andere, auch was die 4 ersten Wochen gekostet, ist für mich eine Spielerei, eine Lust, weil Gott es so zu Ihrem Besten will. Ich bin überzeugt, dass Sie alles tun, um mir dieses Leid zu ersparen, mehr noch: Sie tun alles, um Gott in sich ganz zur Herrschaft gelangen zu lassen, wie die Inscriptio das verlangt. Was mag das eine Überraschung für mich sein, wenn ich bei meiner Rückkehr Sie so in Gott gegründet fände, dass ich meine liebe Not habe, mit Ihnen gleichen Schritt zu halten! So muss es werden. Das ist echte Liebe, die nie sagt: es ist genug. – Das Maß der Liebe heißt ja: maßlos. Und unser gegenseitiges Verhältnis muss uns tiefer und tiefer hineinführen in dieses Maß ohne Maß, in den ewigen, unendlichen Gott.

Um uns in diesem Bestreben zu befestigen, wollen wir zu Weihnachten gemeinsam die Inscriptio erneuern. Ich mache mit.
Die enge Liebes- und Schicksalsgemeinschaft, die uns unzerreißbar an Gott und aneinander kettet, wollen wir bewusst ausdehnen und sorgfältig pflegen mit unseren armen Missionsschwestern. Auch sie gehen schweren Krisen entgegen, wenn der bisherige Verkehr mit der Heimat unmöglich geworden ist. Nur eines kann restlos und vollkommen alle Probleme lösen: Inscriptio – im Herzen der lieben Gottesmutter und des Heilandes sich restlos ausliefern der ewigen Liebe, der unerschaffenen göttlichen Weisheit und der unendlichen Allmacht.


Brief kurz nach Weihnachten 1941

[Das Gefängnis: eine gottgegebene Schule des Heroismus]

Wir, Sie und ich, wollen uns überhaupt auf allerlei gefasst machen. Non sine sanguine. Ein großes Werk kann ohne viel Blut – im geistigen und wirklichen Sinn – nicht zustande kommen. Darum habe ich mich in den ersten 4 Wochen, wo man die moderne Tortur (Folter) versuchte, am wohlsten gefühlt. Clemens von Alexandrien sagte: Nahe dem Schwert ist nahe bei Gott! So muss es auch bei uns immer bleiben. Eine große Sendung von Gott zu erhalten ist gewiss ein Akt beglückenden Vertrauens, aber auch ein Aufruf, eine Verpflichtung zum ständigen mystischen oder wirklichen Sterben. Was Paulus vom Worte Gottes sagt: wie ein Schwert zerteilt es Seele und Geist, Gelenk und Mark (102), gilt auch vom Worte, das er durch eine derartige Berufung zu kleinen Menschen spricht.

Und was von uns zweien gilt, dürfen und müssen alle sich gesagt sein lassen, die mit uns berufen sind. Solche Berufung ist nicht nur Lust, sondern auch eine göttliche Last. Es muss so sein. Und nie und nirgends darf der Berufene sich glücklicher preisen, als wenn die großen Gesetze des Reiches Gottes an ihm Wirklichkeit werden. Es ist etwas außergewöhnlich Großes, dass unsere Familie Inscriptio gemacht hat. Danken Sie mit mir, dass ich mit an erster Stelle sie leben darf. Mein hiesiges Handeln und Wandeln ist ein einziges großes Wagnis. Von meinem Zimmer geht viel Licht und Wärme aus. Habe hier eine Aufgabe. Wir wollen nur ein Ziel, eine Idee, eine Liebe und Leidenschaft kennen: Ernstmachen mit der Inscriptio. Die bisherige Entwicklung der Familie überzeugt mich von neuem, dass das Wort vom Schatten des Heiligtums wahr wird… Und in unseren Kreisen wachsen auch die Helden. Gott erzieht sie sich und wird sie früher oder später für seine Zwecke gebrauchen. So sieht die große Erhörung der vielen Bitten aus, die für mich nach oben gesandt worden sind. Beten Sie und opfern Sie daher weiter im Sinne der Inscriptio. Bisher hat meine Abwesenheit nur überall Segen gebracht.

Im Übrigen benutzt Gott Gefängnis und K.Z. als Heldenschule und -schulung. Leider sind viele nicht reif und fähig für diese Meißelarbeit Gottes. – Wer schlicht aus dem Geist der Inscriptio lebt, überwindet stets Welt und Teufel, weil göttliche Kräfte in ihm lebendig sind, und freut sich ob dieser Meißelarbeit.
Also: Wir freuen uns, danken, lieben und leiden für unsere Familie ganz aus dem Geist der Inscriptio. Der Bannerträger ist nichts, das Banner alles! Es lebe Jesus und Maria in den Seelen unserer Kinder!


19/2. Karmelbriefe 1942

(86) Lateinisch: Lieber priesterlicher Mitbruder
(87) „Marianische Gebets- und Opfergemeinschaft“, das Deckwort für Schönstatt in der Zeit des Nationalsozialismus.
(88) Apg. 9,16
(89) Sr. Anna war damals Generaloberin der Marienschwestern. Dieser Brief ist den legalen Postweg gegangen
(90) Vgl. Gal 4,19
(91) Eph 4,13
(92) Eph 3,14-19
(93) Vgl. dazu das Gebet „Nimm hin, o Herr…“ in Himmelwärts S 109f
(94) Kol 1,24; 1 Kor 4,9
(95) Alle meine Werke (Beiträge) dem gekreuzigten und glorreichen König
(96) Erster Besuch am Turmfenster. Siehe Einleitung zum Text.
(97) Joh. 21,18
(98) Es dürfte sich um den sog. „Leitungskreis“ der Schwestern handeln. Er setzt sich zusammen aus Oberinnen und Erzieherinnen.
(99) Phil 4,11-14
(100) Phil, 4,16
(101) Joh. 10,18
(102) Hebr 4,12

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