KR-1 DE 21

21. „Unsere Geschichte ist unsere Heilige Schrift“

„Unsere Geschichte ist unsere heilige Schrift“ war eine häufig geäußerte Grundkategorie im Denken Pater Kentenichs. Die Aussage muss richtig verstanden werden. Auch Dokumente wie die Gründungsurkunde wurden vom Gründer betrachtet und behandelt gleichsam wie eine geoffenbarte Schrift. Allerdings sollte auch ein solches Dokument verstanden werden aus dem geschichtlichen Hintergrund, auf dem es zu Stande kam und so interpretiert werden, wie es die göttliche Vorsehung in der nachfolgenden Geschichte ausfaltete. Die Grundkategorie ist also immer das Wirken Gottes in der Geschichte, in der er seinen Willen offenbart und zur Mitarbeit einlädt. Das allgemeine Gesetz erhält eine besondere Bedeutung in besonders dramatischen Zeiten, einer „Zeitenwende“, und bei besonderen göttlichen Initiativen wie bei einem Gründungsvorgang.
Im Grunde ist dieses Denken und diese Praxis nichts anderes als die Anwendung der kirchlichen Lehre vom Verhältnis von Schrift und Tradition auf den konkreten Fall der Gründung Schönstatts.
In den Jahren nach Dachau und dem Zweiten Weltkrieg regte Pater Kentenich verschiedene Initiativen an, die die führenden Kreise der Bewegung mit dem Geschehen und den Grundhaltungen seiner Entscheidung vom 20.1.1942 konfrontierten und zu einer Antwort herausfordern. Ein Ergebnis war, dass in Schönstatt tätige Pallottiner-Patres und Vertreter der Schönstätter Diözesesanpriester am 20. Januar 1949 den so genannten „Gefolgschaftsakt“ tätigten. Aus diesem Anlass begann Pater Kentenich am 1. Januar 1949 in Nueva Helvetia, Uruguay, ein Schreiben, das den Vorgang des 20. Januar 1942 darlegen und den Gefolgschaftsakt 1949 deuten sollte, der „Brief zum 20.1.1949“. Das Schreiben blieb unvollendet. Die einführenden Gedanken beschäftigen sich mit seinem Verständnis von Geschichte als Heilsgeschichte und geben zu dessen Verständnis Kriterien an.

Dieser Teil des Briefes ist hier vorgelegt. Er ist entnommen der Veröffentlichung „Texte zum 20.1.1942, 1. Teil (Sion Patris), Schönstatt 1973, S. 163 – 172.


[1. Die „heilige Schrift“]

Was wir in unserem Zusammenhang unter Schrift verstehen, ist uns geläufig. Wir kennen ja nicht nur ein geschriebenes, sondern auch ein gewirktes Gotteswort, das für uns beides darstellt: einen inkarnierten Gottesgedanken und Gotteswunsch. So haben wir bisher immer das Leben und Schicksal der einzelnen und der Völker aufgefasst. Unsere eigene Familiengeschichte, die Gott als Antwort auf die Zeit wundersam gefügt und gewirkt hat, ist uns deshalb wie eine „Heilige Schrift“, wie ein „Gottesbuch“ geworden, das sorgfältig gelesen, ausgedeutet und beantwortet werden will.

Es hat drei charakteristische Merkmale:
Es ist sehr umfangreich,
nicht jedermann ohne weiteres verständlich
und legt ernste Pflichten auf.

[1.1 Trotz Kürze umfangreiche Geschichte]

Wohl existieren wir noch nicht lange, aber unsere kurze Lebensgeschichte fällt in eine Epoche, die so stark von Spannungen getragen, von großen, bedeutungsvollen Ereignissen durchzogen ist, dass sie unter normalen Verhältnissen Jahrhunderten gleichzustellen sein dürfte. Weil wir ein sorgfältiges Spiegelbild der Zeit sind, eine eindeutige Antwort auf ihre Bedürfnisse und ein Auffangnetz des Großen und Wertvollen, das in ihr zum Lichte drängt, sind wir durch ungezählt viele unterirdische Fäden und Würzelchen verknüpft. So erklärt sich unsere Stellung in Welt und Kirche und unsere wachsende Auseinandersetzung mit beiden. Wer unsere Familiengeschichte schreiben will, ist gezwungen, einen vollständigen Abriss zeitgenössischer Welt- und Kirchengeschichte einzubauen. Es kommt hinzu, dass die originellen geistigen Strömungen im Schoße der Familie vielgestaltig und umfassend sind.

So steht ein historisches Ganzheitsgebilde vor uns, das einerseits in sich geschlossen und eigengesetzlich ist, andererseits mit allen Fasern und Fäden auf das heutige gigantische Welt­geschehen hinweist.

In diesem Gebilde ragt der 20.Januar 1942 empor wie ein Bergesgipfel. Verstanden kann er nur aus seiner ganzen Umgebung werden. Im Buche unserer Familiengeschichte, das viele reichhaltige Kapitel enthält, gebührt ihm ein eigener umfangreicher Abschnitt, der wiederum nur verstanden werden kann in Verbindung mit den anderen Teilen des Buches.

Wer das angehäufte weitschichtige Material darstellen und durchdringen will, muss sich gefasst machen, dass der wissenschaftlich geschulte Geschichtsforscher und klardenkende Geschichtsphilosoph sich zu Worte meldet. Beide bringen schwerwiegende Bedenken vor. Der Geschichtsforscher verlangt lückenlose Zusammenfassung und kritische Sichtung der vorliegenden Quellen; und der Geschichtsphilosoph macht aufmerksam, dass man vernünftigerweise nach leitenden Ideen und treibenden Kräften einer Geschichtsepoche nur fragen kann, wenn man zeitlich genügend Abstand davon gewonnen. Dieser Abstand ist nicht vorhanden, die Quellen sind noch nicht genügend gesammelt und – soweit sie bereits gesichtet vorliegen – mir nicht zur Hand. Somit müsste ich mich von Erfüllung des vorgetragenen Wunsches dispensiert halten. Wenn ich trotzdem darauf eingehe, so glaube ich es tun zu dürfen, weil ich das Material geistig in mir trage und – selbst von einer höheren Macht geführt – all die Jahre hindurch bewusst die Zügel in der Hand gehalten und die Geschicke der Familie – freilich nach Einsichtnahme in die Pläne der göttlichen Vorsehung – geleitet habe.

Immerhin tun alle mir einen Dienst, die trotzdem meinen Ausführungen kritisch gegenüberstehen. Selbst wenn man kein Lehrling mehr in Deutung der göttlichen Pläne ist, so wie sie sich in Geschichte und Leben kundtun, können sich leicht Irrtümer einschleichen. Ist doch jedes Gotteswort – ob geschrieben oder gewirkt – einem Schatze zu vergleichen, dessen Wert vielfach erst später in seiner ganzen Fülle erkannt wird, oder einem Saatkorn, das erst richtig gewertet werden kann, wenn es aufgegangen und reiche Blüten und Früchte gezeitigt hat. Wie vieles haben die alten Propheten geschrieben, dessen Tragweite sie selber noch nicht erfassen konnten! Wie viele gottgewirkte Ereignisse der Geschichte sind erst verständlich geworden, nachdem jahre-, jahrzehnte-, jahrhundertelange Entwicklung sie ins rechte Licht gerückt haben!

So fangen wir auch jetzt erst an, unsere erste Gründungsurkunde richtig zu verstehen. Dort steht z.B. das unscheinbare Wort:

„Wer die Vergangenheit unserer Kongregation kennt, dem wird es nicht schwer, zu glauben, dass die göttliche Vorsehung mit ihr noch etwas Besonderes vorhat.“

1914 deuteten wir als „besondere Gottesabsicht“ die Grundlegung des Schönstattgeheimnisses. 1929 hat es bereits weltweite Ausmaße angenommen. Damals fiel erstmals das Wort:

„Im Schatten dieses Heiligtums sollen die Geschicke von Welt und Kirche auf Jahrhunderte wesentlich mitbestimmt werden.“

1939 wird der Inhalt abermals gefüllter. Die zweite Gründungsurkunde schreibt:

„Wir fühlen alle, dass wir vor einer großen Weltkatastrophe und Zeitenwende stehen, und wieder und wieder wird in uns die Frage lebendig: Ist das die Zeit, für die die göttliche Vorsehung die Arche unserer Familie gezimmert hat? So schreiten wir in eine Zeit hinein, die als Endglied einer vierhundertjährigen Entwicklung angesehen werden kann: eine geistig geschlossene Phalanx mit starker seelischer Ausrüstung und Einsatzbereitschaft, voller Hoffnung und Erwartung, der Gottesmutter in einer Zeit des Zusammenbruches helfen zu dürfen, das große Wort vom Schatten des Heiligtums zu verwirklichen.“

Der Karmelbrief zum Jahreswechsel (1941/42) greift denselben Gedanken auf, rückt ihn aber in Zusammenhang mit den Umrissen einer großen Zukunftsvision:

„Am Horizont zeigen sich – langsam deutlich erkennbar – die großen Strukturlinien einer neuen Weltordnung; eine alte Welt ist am Verbrennen. Wir sehen das alles und werten es nur im Lichte unseres Ceterum censeo. Unser Glauben, Hoffen und Lieben mag schwerste Prüfungen durchmachen, Leib und Seele mögen heftigen Torturen unterworfen werden, für uns gibt es nur eines: unser Ceterum censeo. Währenddessen stehen die Millionen aus jetzigen und kommenden Geschlechtern vor uns, die die Hände nach unserer Arche ausstrecken, die sie über die große Flut hinein- und hinüberretten soll an himmlische Gestade… Es gibt und darf für den wahrhaft Gesandten in solch schicksalsschwerer Zeit nur eines geben: Unsere Sendung, unsere Familie, unser Ceterum censeo.“

Ein anderer Brief, der zu Weihnachten 1941 geschrieben wurde, fügt ergänzend bei:

„Die bisherige Entwicklung der Familie überzeugt mich von neuem, dass das Wort vom ‚Schatten des Heiligtums‘ wahr wird … und in unseren Kreisen wachsen auch die Helden. Gott erzieht sie sich und wird sie früher oder später für seine Zwecke gebrauchen.“

Mein Maibrief (132) macht darauf aufmerksam, dass die Kirche uns gestattet hat, den Inhalt der Constitutio (133) in etwa mit zu beeinflussen. Der Marienmonat des Jahres 1948 bringt unsern Schwestern die diözesanrechtliche und der Oktober die päpstliche Anerkennung als Institutum saeculare. Beide öffnen den Weg für gleichgeartete Entwicklung der anderen Verbände. Die Tragweite dieses Lebensvorganges versteht nur, wer Sinn und Zweck der durch die säkulare Constitutio inaugurierte und begünstigte geistige Strömung kennt.

Wer hätte 1914 gedacht, dass so das besondere Vorhaben der göttlichen Vorsehung mit unserer Familie aussieht? Und wie werden wir es nach weiteren 30-40 Jahren verstehen! So ließen sich alle zentralen Gedanken der ersten Gründungsurkunde herausstellen und durch die verflossenen Jahre unserer Entwicklung neu beleuchten.

Welch großer Reichtum mit der dritten Gründungsurkunde und den sie umgebenden Ereignissen verknüpft ist, dürften wir heute wohl kaum ahnen. Die kommenden Jahre und Jahrzehnte werden darin eine Fundgrube entdecken, die nicht so leicht ausgeschöpft werden kann. Es würde mich deshalb nicht wundern, wenn späteren Generationen meine jetzigen Deutungsversuche recht eng, befangen, stümperhaft vorkommen… Geschichtliche Tatsachen erklären und korrigieren sich vielfach selber und führen irrige oder stückhafte Deutungen früher oder später ad absurdum. So erhält das Wort: die Weltgeschichte ist das Weltgericht, einen eigenartigen Inhalt…

[1.2 Nur im Licht des Glaubens verständlich]

Das ist umso mehr in Rechnung zu ziehen, als es sich hier um ein Gebilde handelt, das mit seiner ganzen Struktur tief in die übernatürliche Welt hineinragt. Das wissen wir selbst am besten. Was in schicksalsschwerer Stunde als Erklärung und Wegweisung geschrieben wurde, darf als Schlüssel für unsere ganze Familiengeschichte gelten. Es enträtselt das Geheimnis ihres Werdens, Seins und Wirkens und will für alle Zeit als höchstes Kleinod bewahrt werden… Es handelt sich um das hochgradige Geöffnetsein für das Jenseitige, Göttliche, Übernatürliche und den wachsenden Einbruch des Göttlichen in die Familie. Beides tritt am 20. besonders stark in Erscheinung.

„Die Antwort verstehe bitte aus dem Glauben an die Realität der Übernatur und an die Schicksalsverwobenheit der Glieder unserer Familie.“ (20.Januar 1942)
„Es kommt mir darauf an, dass wir alle durch die Verhältnisse ganz tief in die Übernatur hineinwachsen. Darum stehe ich stets auf der Lauer, damit der Teufel gar nicht in die Familie hinein kann weder durch ein Loch, noch durch eine Ritze. So kommt es, dass ich sofort auf dem Platze bin, wenn auch nur von ferne ein Wölkchen der Gefahr aufsteigt.“ (Februar 1942)
„Wir haben jetzt die günstigste Gelegenheit, den Wurf ins Übernatürliche mit heroischer Geste zu wagen. Helfen Sie, die Familie auf diese Höhe zu führen. Sie selbst gewinnen dadurch am meisten. Ich finde darin einen überaus hohen Akt und Beweis des Vertrauens, dass die heiligste Dreifaltigkeit und die Gottesmutter unsere Bitte nicht so schnell erhören. Alle trauen uns etwas zu. Das täten sie nicht, wenn sie das übernatürliche Gebäude unseres Tugendlebens vorher nicht fest fundiert hätten. Darum immer festhalten:
Erstens: Ernst machen mit dem Leben aus der Inscriptio.
Zweitens, immer wieder: Vertrauen gegen alles Vertrauen, Glauben gegen alles Glauben.
Es steht viel auf dem Spiele. Im Hintergrunde steht selbstverständlich in souveräner Macht der Gedanke: Alles, auch die Freiheit… wie und soweit Gott sie will. Dein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf Erden.“ (134)

Übernatürliche Wirklichkeiten setzen ein übernatürliches Organ voraus. Sie können nur erfasst und durchschaut werden mit dem Auge des Glaubens und sind deshalb nicht jedermann zugänglich. Dieses Auge war einmal weit geöffnet. Ob es aber nicht in der Zwischenzeit abgeblendet und blind geworden ist? Zeiten der Ruhe und der Gefahrlosigkeit lassen den naturhaften Menschen wieder stärker aufleben und mit ihm die Gier der Sinne und die Gehaltenheit der rein natürlichen Vernunft.

Bedenken dieser Art dürften weniger berechtigt sein. Ein Auge, das sich jahrzehntelang gewöhnt hat, das übernatürliche Licht aufzufangen, lässt sich nicht so leicht blenden und ins rein Naturhafte herabziehen. Dazu kommt, dass die Voraussetzung nicht stimmt. Wir haben in der Zwischenzeit nicht in einer gefahrlosen und verbürgerlichten Epoche gelebt, weder Sie noch ich; im Gegenteil, nur der versteht unser Handeln und Wandeln in der Nachkriegszeit, dem das paulinische Wort geläufig ist: „Justus autem meus ex fide vivit. Conversatio vestra in coelis.“ (135) In selten ausgeprägter Weise haben wir uns wie in Krieg und Gefangenschaft so auch nachher als Kolonie des Himmels aufgefasst, das Diesseits stets im Licht des Jenseits gesehen, von dem wir Maßstab, Lebensrhythmus und Dynamik bestimmen ließen.

[1.3 Mit ernsten Verpflichtungen verbunden]

Weil Familiengeschichte nicht bloß Gottesgedanken zum Ausdruck bringen, sondern auch seine Wünsche, schließt ihre Deutung ernste Pflichten in sich. Im Karmelbrief um Weihnachten 1941 heißt es:

„Eine große Sendung von Gott erhalten ist gewiss ein Akt beglückenden Vertrauens, aber auch ein Aufruf, eine Verpflichtung zum ständigen mystischen oder wirklichen Sterben. – Was Paulus vom Worte Gottes sagt: „Wie ein Schwert zerteilt es Seele und Geist, Gelenk und Mark“ (136), gilt auch vom Worte, das er durch eine derartige Berufung zu kleinen Menschen spricht.“

Ein Gleiches darf und muss gesagt werden vom Worte, das Gott durch die Geschichte der Familie zu uns redet.

Solche Erwägungen und Überzeugungen mahnen zur Vorsicht. Handelte es sich bloß um eine unverbindliche wissenschaftliche Untersuchung, so ließe sich leichter philosophieren und exegetisieren. Das trifft hier aber nicht zu. Werden Pflichten oder Räte auferlegt, die tiefer ins Menschenleben greifen oder gar an den letzten Lebensnerv gehen – wie in unserem Fall -, so ist doppelt und dreifachweise Zurückhaltung und kluge Umsicht am Platze.

[2. Der Schriftausleger]

Das gilt vornehmlich, wenn der Schriftausleger selber stetig – wie hier – im Mittelpunkt aller Lebensvorgänge steht.

Ich nehme es deshalb niemand übel, der an meiner Glaubwürdigkeit, Zuverlässigkeit und Unbefangenheit zweifelt. Wohl darf ich darauf hinweisen, dass ich von 1912-1942 mit peinlicher Sorgfalt meine Person hinter Idee, Werk und Heiligtum zurücktreten ließ und versteckt hielt, dass ich lange Jahre hindurch überhaupt nicht, später nur selten – und dann nur auf ungewöhnlichen äußeren Druck hin – mich fotografieren ließ und nach Möglichkeit die Verbreitung der Bilder verhinderte. Es muss also wohl ein triftiger Grund gewesen sein, der seit 1942, besonders aber seit meiner Rückkehr aus der Gefangenschaft, meine Haltung änderte. Der Grund ist bekannt. Ich sehe seitdem meine Person nicht in ihrer Eigenwertigkeit, sondern in ihrem Symbolgehalt. Ungezählt viele Ereignisse geben mir Recht und Pflicht dazu. Sie zeigen mir aber auch, was das Wohl der Familie und ihr Hineinschreiten in eine vermasste Zukunft verlangt. Wer seine Person heute in den Vordergrund stellt oder stellen lässt, ohne eigens von Gott berufen zu sein, muss sehr verbohrt sein. Wie lange mag er den Steinhagel aushalten, den heute jeder religiöse Führer in reichem Maße erwarten muss! Die wenigen Rosen, die er pflücken darf, bieten nicht viel Ausgleich. Aus meiner neuen Grundeinstellung heraus fällt es mir nicht schwer, unpersönlich von mir selbst zu sprechen. Die verflossenen Jahre waren dafür eine gute Schule. Erkenntnisse und Erlebnisse der Gefangenschaftsjahre haben dafür gesorgt, dass die Unabhängigkeit von Menschengunst und Menschenurteil sich gesteigert hat und die Abhängigkeit von Gott und Gottes Bewertung gewachsen ist.

Damit soll aber nicht gesagt sein, dass die Gefahren der Selbsttäuschung und Selbstberäucherung dauernd und ganz überwunden sind… Der alte Weise hat recht mit seinem Bekenntnis: Homo sum, nihil humanum a me alienum (137). Darum ziemt es sich, dass ich mir in allem weise Reserve auferlege, keine Behauptung aufstelle, ohne sie zu beweisen, und mich immer wieder um Nachprüfung bemühe.

Es kommt hinzu, dass die Schriftdeutung in einem Augenblick erbeten wird, in dem drängende Arbeitspflichten mir nur ganz kurze besinnliche Momente freilassen, deren sorgfältige Ausnutzung durch brütende Hitze, unverhältnismäßig schnellen Klima- und Nahrungswechsel nicht gefördert wird. Gemildert wird der Einwand durch den Hinweis, dass es sich nicht um Neuforschungen dreht, sondern lediglich um Mitteilung geläufiger Resultate.

Endlich mag man mir eine gewisse Gewandtheit zubilligen in Deutung der Zeichen der Zeit. Tatsächlich habe ich bislang nach der Richtung durchweg richtig gegriffen. Alle Entschlüsse und Einrichtungen in der Familie sind jeweils aus dieser Erkenntnisquelle geflossen und haben sich im Großen und Ganzen als gottgewollt erwiesen.

So wurde die Vorgründungsurkunde in ihrem Inhalt und in ihren erziehlichen Forderungen wesentlich mitbestimmt durch den Imperativ der Zeit. Derselbe Imperativ inspirierte in Verbindung mit der historischen Tatsache, dass in Italien der bekehrte Rechtsanwalt Bartolo Longo einen Gnaden- und Wallfahrtsort ins Leben rufen durfte, die erste Gründungsurkunde. Die Marienkonferenz in Ingolstadt und deren fruchtbare Wirksamkeit für Süd-Deutschland ließ uns bestimmte Teile der Gründungsurkunde tiefer fassen und zuversichtlicher durchführen. Zeitbedürfnisse waren es, die uns veranlassten, den Frauen den Zutritt zur Bewegung zu öffnen und aus ihren Kreisen die beiden Eliteverbände der Marienschwestern und Frauen von Schönstatt herauswachsen zu lassen. Zeitenstimmen forderten unsere Marienbrüder und das Familienwerk. Die kollektivistische Weltgefahr half uns, unser Erziehungssystem auszubauen und unsere Organisation tragfähig zu machen. Nationalsozialistische Überflutung drängte den Familiengeist zur Höhenlage der Blankovollmacht und Inscriptio. Strömungen im Schoße unserer Bundespriester und Bundesschwestern entschleierten uns Gottes Wunsch nach deren Verselbständigung.

So versteht man, dass bei uns der praktische Vorsehungsglaube die Stellung einnimmt, wie bei Don Bosco seine visionären Träume, und dass jahrzehntelange Übung eine gewisse Griffsicherheit geschaffen hat, die mit einer heiligen Unbekümmertheit zu Werke geht und ins Schwarze zu treffen versteht. Trotzdem ist Vorsicht am Platze. Man kann besonders in diesem Falle starke Bedenken anmelden, weil es sich hier um die Deutung der eigenen Lebensgeschichte handelt und das alte Gesetz: nemo judex in propria causa (138), ewige Gültigkeit hat.


Schönstatt-Lexikon online: Geschichte / Geschichtsauffassung

(132) „Maibrief 1948“ anlässlich der diözesanrechtlichen Anerkennung der Schönstätter Marienschwestern (Sie kam – Sie sah – Sie siegte. Lehrbriefe 1948, Berg Sion 1997, S. 37ff)
(133) Die Apostolische Konstitution „Provida Mater Eccelsiae“. Pius XII. schuf damit am 2. Febr. 1947 die Rahmenbedingungen, mit Hilfe derer die damals entstehenden Säkularinstitute in den Organismus der Kirche eingegliedert werden konnten.
(134) Ein weiterer “Karmelbrief,” ohne Datum, wahrscheinlich Februar 1942.
(135) „Mein Gerechter aber lebt aus dem Glauben“ (Hebr.10,38) – „Euer Wandel sei im Himmel“ (Phil.3,20)
(136) Hbr. 4,12
(137) Mensch bin ich und nichts Menschliches ist mir fremd.
(138) Keiner sei Richter in eigener Sache.

Back