KR-1 DE 19/2

19/2. Karmelbriefe 1942

19/1. Karmelbriefe 1941

 

Brief an die Artusrunde (103), 1.1.1942

Zum Jahreswechsel darf ich mich sicher vom üblichen Neujahrsbrief dispensiert halten. Das heißt aber nicht, ich hätte keinen Grund und Stoff zum Danken und Wünschen.

[Dank für Treue]

Es mag wenig Menschen geben, die so herzlich und häufig das Deo gratias sprechen können und müssen wie ich: Deo gratias für Gott, Deo gratias für die Gottesmutter Deo gratias auch Ihnen für alle unentwegte Treue zu Werk und Geist und Werkmeister. Sie wissen, wie stark empfänglich ich für solche Treue bin. Darum auch Wunsch und Bitte für 1942: Es bleibt dabei: wir bleiben treu … Was ich alles in das schlichte Wort hineinlegen möchte, mag Ihnen die Gottesmutter sagen.

Und nun lassen Sie mich ein wenig „träumen“. Ob ich sie als lumina (104) ansprechen darf, die vielen Gedanken, die mit majestätischer Ruhe wie Meeresfluten meine Seele durchwogen? Und ob es gut ist, sie dem Papier anzuvertrauen…? Wenigstens ein paar Tropfen will ich nach und nach vor Ihnen ausgießen. Alle haben zum Gegenstand unsere Gesamtfamilie (einschließlich PSM) mit ihrer Sendung und ihrem Geist.

[Treue und Untreue zur Sendung: heilsgeschichtliche Dimension]

Ich beginne mit unserer Sendung … So oft haben wir uns gläubig genannt „auserlesenes Werk und Werkzeug“, haben den Vergleich gezogen zwischen dem auserwählten Volk der Heilsgeschichte und uns gesagt: wir müssen dafür sorgen, dass wir als auserwähltes Volk kein verfluchtes Volk werden.

Haben Sie sich schon einmal die Frage vorgelegt, welchen Gang die Heilsgeschichte genommen hätte, wenn Israel in Volk und Führern den Messias in Glaube und Liebe angenommen und als sein Sendbote werbend sich für seine Anerkennung unter den Völkern eingesetzt hätte? Sie denken dabei nicht nur an die außergewöhnliche Begabung und Opferfähigkeit dieses Gottesvolkes, sondern auch an seine reichen übernatürlichen Sendungsgnaden.

Wäre Christus dann gestorben …? Hätte er überhaupt zu sterben brauchen, wenn zum Sündenfall Adams, dem ersten welthistorischen Sündenfall, nicht der zweite, heilsgeschichtliche des jüdischen Volkes gekommen wäre …? Würden nicht in diesem Fall die Paradieseszustände das Reich Gottes regiert und erfüllt haben, wie die alten Propheten sie in Verbindung mit dem kommenden Messias geschaut? Lesen Sie einmal nach die glänzende Darstellung bei Isaias 11,1-9. Da weidet das junge Rind neben dem Löwen, das Lamm spielt mit dem Wolf, kein Makel ist auf den Straßen zu finden, und Erkenntnis bedeckt alles Land wie ein Meer: Alles Bilder, die schildern, wie wir seit Jahren unseren Idealstaat, unser Idealreich nennen und nach dessen Verwirklichung wir mit mehr oder weniger Erfolg streben. Guardini meint, wenn der zweite Sündenfall nicht erfolgt wäre, hätte der Heiland nicht zu sterben brauchen, und die Schilderung bei Isaias wäre beglückende, volle Wirklichkeit geworden. Israel verwirft aber in Volk und Führern seinen Messias, nimmt ihn nicht an in Glaube und Liebe und zieht nicht werbend als sein Bote durch die Welt. Von dem Augenblick an, wo diese Tatsache im Evangelium in Erscheinung tritt, spricht der Herr von seinem Leiden und Sterben. Weil die Welt ein zweites Mal in Israel sich vor Gott nicht beugt – das erste Mal geschah es im Paradies in Adam -, beugt der Menschensohn sich zur Sühne vor dem Vater in Leid und Tod bis zum äußersten und wird dadurch der Erlöser der Welt.

[Hingabe an unsere Sendung: konkrete Folgerungen]

In diesem Spiegelbild betrachte ich gern unsere Sendung. – Wenn wir sie in Glaube und Liebe erfüllen, wird die Familie für ungezählt viele mit uns und durch uns zum Heil. Andernfalls – wenn wir einen dritten Sündenfall beifügen – zum Unheil, zum Verderben. Das gilt für alle Gliederungen der Familie, angefangen bei der PSM (105). Nochmals wird uns und ihr eine herrliche Sendung angeboten. Gott ist gut. Er stellt gern langfristige Wechsel aus. Sonst hätte er uns – vor allem der PSM – schon längst die Sendung nehmen müssen. Freilich, heute genügt nicht zur Erfüllung unserer Sendung wie ehedem für Israel warmer Glaube und innige Liebe. Wir leben in der Kreuzesordnung. Darum müssen Glaube und Liebe sich vermählen mit heroischer Kreuzesminne. Alle drei Faktoren wollen und müssen hinstreben zum gottgewollten Idealreich einer erlösten Gottesfamilie. Erreichen werden wir das Ideal nach dem zweiten Sündenfall hier auf Erden nicht mehr im Vollsinn des Wortes. Dafür ist das Reich Gottes seither ständig in der Schwebe und im Kampfe, im Kommen und im Gehen, im Erscheinen und Verschwinden…

Ob ich Ihnen verständlich vorstammle, was ich sehe und sagen möchte? Was ich so schnell nicht ausdrücken kann, mag die Gnade ersetzen.

Ich ahne Ihre Überlegungen und Vergleiche. Gilt das Gesagte – so werden Sie denken – nicht von jeder religiösen Gemeinschaft mit ausgesprochener großer, göttlicher Sendung? Warum nicht? Darum auch die Tragik ob des Versagens dieser Gemeinschaften. Umso ernster müssen wir an der schweren Verantwortung für unsere Sendung tragen. –

Was daraus folgt? Das wissen Sie so gut wie ich. Drei Punkte berühre ich kurz:

Erstens:
Grenzenlose, leidenschaftliche Liebe, opferstarke, hirn- und geistverzehrende Hingabe an diese Familie und ihre Sendung – mag sie in den einzelnen Gliederungen auch noch so viele Runzeln, Schönheitsfehler, Schwächen, Armseligkeiten haben. Für uns darf es nur ein Ceterum censeo (106) geben, das wir mit elementarer Wucht und organischer Einseitigkeit immer wiederholen: unsere Familie! Am Horizont zeigen sich – langsam deutlich erkennbar – die großen Strukturlinien einer neuen Weltordnung; eine alte Welt ist am Verbrennen. Wir sehen das alles und werten es nur im Lichte unseres Ceterum censeo. Unser Glauben, Hoffen und Lieben mag schwerste Prüfungen durchmachen, Leib und Seele mögen heftigen Torturen unterworfen werden – für uns gibt es nur eines: unser Ceterum censeo. Währenddessen stehen die Millionen aus jetzigen und kommenden Geschlechtern vor uns, die die Hände nach unserer Arche ausstrecken, die sie über die große Flut hinein- und hinüberretten soll an himmlische Gestade… Es gibt und darf für den wahrhaft Gesandten in solch schicksalsschwerer Zeit nur eines geben: unsere Sendung, unsere Familie, unser Ceterum censeo.

Deswegen zweitens:
Nach dem Gesetz der offenen Tür – wie Paulus sagen würde – oder in unserer Sprache gesprochen: aus den augenblicklichen Verhältnissen heraus wünscht Gott, dass wir die Kräfte der Familie sammeln und vertiefen, zusammenschließen und schulen im Geiste der Blankovollmacht, Inscriptio und Jahresparole. Wir arbeiten also für unsere Priester usw. usw. Ausnahmen mögen die Regeln bestätigen. Alle müssen von diesem Sendungsglauben ergriffen und praktisch durchglüht werden; sonst werden und schaffen wir geistige Vagabunden… Nicht neue Gedanken, sondern Ernstmachen mit den alten – lautet die Parole. Gediegene Schulungsarbeit orientiert sich an Werktagsheiligkeit und Schönstattgeheimnis und den entsprechenden Schriften. Besuche bei den einzelnen vertiefen das Gehörte und helfen ein gediegenes Leben nach unserem Stil zu leben… Wer nicht mitmachen kann, mag einer anderen Gliederung (Liga) beitreten. „Sint ut sunt, aut non sint“ (107). So habe ich im Anfangsstadium der Familie unsere Priester besuchen und fördern helfen dürfen. So ähnlich macht es jetzt A.(Anton Engel) mit seinen Jungpriestern und R.(Rudolf Klein-Arkenau) mit seinen Getreuen. Um alles zu straffen und zu beseelen, sollten alle 2-3 Monate die alten „Führertreffen“ in Sch. wieder eingeführt werden. Es lebe die Tat…

Ein Drittes:
Das Urchristentum hat Jahrzehnte öffentliche Rechtsfähigkeit des Judentums genossen und fiel deswegen nicht unter das Verbot einer nova religio. Erst unter Domitian setzte sich seine Eigengesetzlichkeit im öffentlichen Staatsbewusstsein durch. Dann begannen die furchtbaren Verfolgungen. Es war klug, die MGO wieder unter den Schutz der alten kirchlichen Vereine zu stellen. Eine Zeitlang mag das gehen. Was aber dann? Da berühre ich die Frage, die ich schon oft angeschnitten, aber noch nicht mit Ihnen durchgedacht habe… Sicher, es kann sich nur handeln um eine Benennung, die jeweils den Verhältnissen angepasst und deswegen nicht angreifbar ist, nicht um Änderung der Sache. Ich nenne einen Ausdruck, erkläre ihn aber nicht, noch viel weniger führe ich seine Ideen aus. Sie mögen selbständig prüfen. Der Ausdruck heißt: Anschluss an eine alte, kirchlich approbierte Liebfrauen-Bruderschaft. Der äußere Anschluss braucht unsere Eigengesetzlichkeit nicht zu rauben… Es handelt sich nur um einen gesetzlichen Rechtstitel. Die Umbenennung eilt insofern, weil vor allem F. geschützt werden muss. Wenn er sagen kann, dass er seit Neujahr nicht mehr Leiter der MGO ist, weil sie nicht mehr existiert, wird man ihn vermutlich nicht mehr belästigen. Ändern dürfen wir aber erst, wenn alles gut überprüft und durchdacht ist. Ich habe das in den ersten 4 Wochen reichlich getan. Halte mich aber aus taktischen Gründen – um Selbständigkeit anzuregen – vorläufig zurück. Überlegen Sie also, beten Sie – und dann lassen Sie mich wissen, was Sie gefunden. Vielleicht bringt die Beratung noch bessere Wege und Mittel. Unser Sendungsbewusstsein muss uns jedenfalls anregen, für alle Fälle vorzusorgen und das Schiff der Familie durch Wind und Wogendrang siegreich hindurchzuführen.

Nun muss ich schließen. Ich schrieb in fliegender Eile unter primitiven, schwierigen Verhältnissen. Hoffentlich können Sie die Schrift lesen.
In herzlicher Schicksalsgemeinschaft mit der ganzen Runde vereint mit Gruß und Segen.

Brief an die Artusrunde, nach Neujahr 1942

Weil ich Sie in diesen Tagen im Familienkreis beieinander weiß, setze ich mich ein wenig zu Ihnen – diesmal aber nicht, um zu „träumen“, sondern um zu plaudern über persönliche Dinge in persönlicher Weise – so wie es unser gegenseitiges Verhältnis rechtfertigt und verlangt.

[Bedeutung des Lebens aus Blankovollmacht und Inscriptio]

Haben Sie schon einmal überlegt, welch eine außergewöhnlich geistig-geistliche Höhenlage wir mit Blankovollmacht. und Inscriptio erklommen haben? Und wie viele edle Menschen beiderlei Geschlechtes haben die Parole aufgenommen und leben danach! Dafür dürfen wir das Danken nicht vergessen. Solch edle, strebsame Menschen reißen uns mit sich empor, stärken unsern Optimismus und unser Vertrauen auf unsere Sendung. Es ist eine große Frage, ob unsere Gefolgschaft uns oder ob wir unserer Gefolgschaft am meisten zu danken haben.

Man sagt mir, von den 85 Geistlichen, die im letzten Jahre hier durchgegangen sind, wären 99% innerlich verbittert, gelähmt, zerbrochen. Meine eigene Erfahrung findet ein solch hartes Urteil verständlich, weil ein nicht geringer Prozentsatz unserer Priester über eine verbürgerlichte Auffassung von Religion und Leben nicht hinwegkommt. Wer nicht früher schon ernstlich versucht, ein Leben aus Blankovollmacht und Inscriptio zu leben, packt es für gewöhnlich hier nicht mehr. Ausnahmen mögen die Regel bestätigen. Darum tun Sie gut daran, in allen Kursen und Kreisen auf diese Haltung in irgendeiner Weise wirksam hinzuarbeiten Es ist eine Schmach und Schande – sowohl für unseren Stand als für das Christentum -, wenn wir das Leben im Gefängnis so wenig meistern. Es gibt Herren, die bei allen Exerzitien in die Hölle hinabgestiegen, die auch jetzt keine Exerzitien ohne Höllenbetrachtung machen möchten – aber in den einfachsten, alltäglichen Dingen zusammenbrechen, sobald das Leben nicht mehr „bürgerlich‘ ist.

Solche Beobachtungen und Erwägungen sind geeignet, uns zu bestärken in unserer Zielsetzung und Methode… Anderswo mögen die Erfahrungen anders, besser aussehen!

[Meisterung der Kellerhaft aus Inscriptiogeist]

Gestern fragte mich ein Herr, der über das hiesige Leben trotz aller Ansätze zum Guten nicht wegkommt, ob ich denn nicht auch bisweilen schwere Stunden hätte. Ehrlich konnte ich ihm antworten: Nicht nur keine schwere Stunde, nein, nicht einmal eine schwere Sekunde – auch nicht bei Gelegenheit der Kellerhaft mit ihrer außergewöhnlichen Zermürbungsmaschine.

Das schien ihm unfassbar. Ihnen und allen, die ihr Leben aus Blankovollmacht und Inscriptio gestalten – davon bin ich überzeugt -, würde das alles ebenso leicht werden wie mir. Von meiner (vierwöchentlichen) Kellerhaft hat man seinerzeit viel Aufhebens gemacht. Der Rektor meinte, das hätte hier bisher noch niemand ausgehalten; ein Geistlicher, der drei Tage unten zugebracht, bekäme jetzt noch das Gruseln und eine Gänsehaut, wenn er daran erinnert würde. Gefangene, die durch private Mitteilung damals davon gehört, waren überzeugt, wenn ich lebend herauskäme, wäre ich sicher körperlich und seelisch gebrochen fürs Leben. Darum die allgemeine Verwunderung, als ich aus dem Keller emporsteige: frisch, elastisch, stolz und stark. Er geht daher – so hieß es -, als wenn er sagen wollte: Macht, was ihr wollt; mir und meinen Ideen gehört ja doch die Zukunft (Welt). Die Gestapo selbst erklärte Männern von Gewicht, noch niemand habe bisher das alles so lang, ruhig, zufrieden und froh getragen. (B. Jos. und Alb. (Albert Eise) haben überhaupt keine Bekanntschaft mit dem Keller gemacht. Kommt bei Geistlichen ganz allgemein kaum in Frage – oder doch nur sehr selten – wenigstens hier – – -).

All die Dinge haben mich tatsächlich nicht berührt. Waren lauter Kleinigkeiten, wenn ich an Pauli Leidenskatalog (108) denke. Habe alles für so selbstverständlich gehalten, dass mir erst später durch Vergleich zwischen hier oben und unten aufging, was obige Äußerungen besagen wollten. Das kommt daher, weil ich mich schon sehr, sehr lange auf den Flügeln der Sehnsucht zu dem Erlebten und viel Schlimmerem emportragen ließ. Es kam mir also alles vor wie einem Wanderer, der nach langem Warten endlich das Land seiner Sehnsucht und stillen Träume erreicht hat. Das ist ja der Sinn der Inscriptio. Rechnen Sie dazu die vielen Gebete und Opfer der Gesamtfamilie und das Bewusstsein, dieser auserwählten Familie seine Leidenskraft schenken zu dürfen: dann verstehen Sie, wie seit dem 20.September meine Seele in einem Licht schwimmt, das an Helligkeit und Wärme ständig zunimmt – und dass ich es nicht fertig bringe, an eine „Befreiung“ im Ernst zu denken.

Ein Gedanke geht mir seit einigen Tagen ständig durch den Kopf. Ein Vergleich zwischen Gefängnis zur Zeit Pauli und heute zeigt, dass man damals mehr mit körperlichen Torturen gearbeitet, heute aber vor allem mit einem ausgeklügelten System allseitiger Freiheitsbeschränkung. Letzteres halte ich für schwieriger als ersteres. Erinnern Sie sich, was Paulus trotz seiner Haft für Freiheiten hatte im Verkehr mit Christen und Heiden.

Ja, die Freiheitsbeschränkungen! Sie bringen mir nachdrücklich zum Bewusstsein die starke und schwache Seite unserer Familie – in Geist und Form und Organisation. Die stark betonte Freiheit! Dadurch stehen wir auf Pauli Boden… Nun die ernste Frage: Wird unsere Familie in den späteren Generationen es fertig bringen, diese Freiheit richtig zu verstehen und zu gebrauchen? Paulus verlangt Freiheit, aber auch gleichzeitig das Ausgeliefertsein an das Pneuma Christi. Wir sagen dafür: Freiheit von den pflichtmäßigen Bindungen nach unten will ergänzt werden durch Hochherzigkeit und ständige Hellhörigkeit und Folgsamkeit, durch heroische Ganzhingabe an die Wünsche Gottes! Blankovollmacht. und Inscriptio!

Nochmals: Wird es glücken, diesen richtig verstandenen Geist der Freiheit für alle Zeit zu sichern? Eine sehr ernste Frage!

Wenn ich denke an die Gemeinden, die Paulus in Südgalatien gegründet und mit seinem Leid und Blut gedüngt – heute sind sie alle zugrunde gegangen -, wird die Frage noch ernster. Wir wollen doch keine Phantasten und Träumer sein, keinem Idol nachjagen.

Gewiss, wir haben auch maßvolle organisatorische und personale Bindungen nach unten… Das Wichtigste ist und bleibt aber doch dieser Geist der recht verstandenen und gebrauchten christlichen Freiheit. Gott zeigt uns durch die Verhältnisse neue Wege zu seiner Sicherung.

Ich opfere gerne und bewusst meine Freiheit, um der Familie diesen Geist erflehen und eropfern zu helfen. Das ist der neue Weg. Regen Sie – wo Sie Gelegenheit dazu haben – alle Schicksalsgenossen zu ähnlicher Einstellung und Praxis, zum Beschreiten und Benutzen desselben Weges an. Je stärker die Liebe zur Familie, desto leichter sind solche Beschränkungen zu tragen. Vielleicht dienen wir dem Werke so mehr und wirksamer als durch manche andere Mittel. Wir dürfen nur nie die einheitliche große Lebenslinie aus dem Auge verlieren. Sonst gleichen wir einem D-Zug (109), der das Geleise verloren… Alles also nur für die Familie!! So bleibt die eigene Seele frisch und wach und wachstumsfroh. Und das Werk gedeiht.

[Geistpflege durch die Verhältnisse]

„Löschet den Geist nicht aus!“ Wie schwer mag es auf die Dauer sein, immer Männer und Frauen zu finden, die ihre ganze Lebenskraft für solche Geistpflege einzusetzen bereit sind! Glücklich, wer durch Verzicht auf seine Freiheit Menschen erbeten helfen darf, die frei von allen inneren Unfreiheiten und allem Hängen an Äußerlichkeiten solche geistbeseelte, heroische Gefolgschaft zu formen fähig und gewillt sind…

Vielleicht hält Gottes Güte und Weisheit noch mehrere aus unseren Reihen für wert und würdig, für dasselbe große, wesentliche Ziel die Freiheit herzugeben. Sie sind alle herzlich willkommen!

Vorbedingung wird aber immer bleiben: Ernstmachen mit Blankovollmacht. und Inscriptio im täglichen Leben.

Beobachten Sie einmal unsere Gefolgschaft im Alltag. Da berühre ich wieder den Punkt, den ich schon ein paarmal erwähnt. Jedenfalls müssen wir uns und die Unseren vor Phrasen schützen… Deswegen eine Zeitlang wieder mehr durch persönliche Verbindung an Ort und Stelle die einzelnen im Werktag sehen und fördern helfen. Dasselbe gilt mutatis mutandis von allen Kreisen: Priestern, Frauen, Männern. Deshalb brauchen und sollen wir nicht verlieren den Blick in die Weite und aufs Ganze. Epiphanie erinnert uns ja wieder nachdrücklich an unsere Weltsendung. Erst muss ein kleiner Kreis gefestigt und gesichert sein. Dann können diese in ihrer Art hinausziehen, den Blick recht weltweit offen halten, das Herz auch erwärmen für alle Interessen Schönstatts und seiner Mutter – aber im Leben immer klare, fassbare, konkrete Einzelziele festhalten…

So – – jetzt muss ich schließen. Sie haben das Wort.
Alles für alles aus Liebe!

Brief an P. Mühlbeyer, nach Neujahr 1942

Gern würde ich jedem Confrater ein eigenes Briefchen schreiben. Da ich aber nicht weiß, wen ich dort erreiche, müssen Sie mit einem gemeinsamen Glückwunsch zufrieden sein. Was soll ich Ihnen wünschen?

Kürzlich kommt wider Erwarten ein Confrater zu mir ins Zimmer gestürzt mit verstörtem Gesicht, entgeisterten Augen, wirft sich vor mir nieder und ruft voller Verzweiflung: Ich habe Angst, der Kirche zur Schande zu gereichen. Beten Sie, dass es nicht geschieht. Ich muss gleich weg — segnen Sie mich! – Zum Abschied leuchten seine Augen. — Vielleicht sehen wir uns bald drüben wieder, wo schon eine Anzahl Bekannte auf Sie warten.

So möchte auch ich wünschen: Möge niemand von uns unserer Familie und deren Idealen zur Schande gereichen. Mehr noch: Möge die Gottesmutter uns so formen, dass der Heiland uns gebrauchen kann für die große Sendung der Familie! Möge sie uns in ihrem Herzen wie in einem geheiligten Raum Kreuz und Gekreuzigten herzlich lieben und mutig, heroisch verehren lehren. — Im neuen Jahr dürfen wir die Familie unter das Kreuz führen, an das Kreuz heften lassen, dort bluten und verbluten sehen: Omnia opera mea Regi crucifixo (110).

Wir selber müssen unter und an das Kreuz, müssen sterben einen schmerzlichen und schmählichen Tod: entselbstet, enticht werden im Sinne der Inscriptio, müssen aber auch mit dem Rex gloriosus die Eigenschaften des verklärten Heilandsleibes jetzt schon an unserer Seele verwirklichen: Beweglichkeit (die Mystiker sagen Schmiegsamkeit, Bildsamkeit, Empfänglichkeit für Gott und das Göttliche wie weiches Wachs), Geistigkeit (Paulus sagt dafür: Conversatio vestra in coelis (111)), ständige Freude und Unsterblichkeit.

Möge jeder von uns ein kleiner Rex gloriosus et crucifixus werden nach dem Bilde des Eingeborenen.

Das ist die Wallfahrtsgnade, die die Gottesmutter uns in der ganzen Familie erbitten möge.

Dann sind wir gerüstet, die Inscriptio ist Wirklichkeit geworden, die Familie ist bedingungslos an Gott ausgeliefert und tritt ihren Höhenflug an in endlose Weiten und Tiefen. Wollen wir das neue Jahr so ernst und tief ausnützen für uns und unsere Gemeinschaft, dann müssen wir die wenigen Kräfte, die wir noch sind und haben, ganz der eigenen Familie schenken. Sonst wird das Fundament brüchig. …

Weihevortrag für den Sponsa-Kurs (112), zum 5.1.1942

Ein Sponsakind hat im Traume mich einen hinreißenden Weihevortrag halten hören. Da bleibt mir wohl nichts übrig, als dafür zu sorgen, dass der Traum wenigstens in etwa wahr wird. Die innere Anregung dazu habe ich allerdings erst in letzter Stunde bekommen. Ich will sofort handeln, Hand und Bleistift folgen allerdings nicht so schnell, wie die Gedanken fliegen. Dazu kommt, dass ich unter sehr primitiven Verhältnissen ohne Unterlage schreibe. Sie müssen sich also gefasst machen, dass ich mitten im Gedankenstrom aufzuhören gezwungen bin…

Was ich Ihnen sagen möchte, kleide ich in die schlichte Form: Von Herzen wünsche ich Ihnen Glück zur Weihestunde und zum Weiheinhalt.

Ihre Weihe fällt in eine außergewöhnliche Schicksals-, Leidens- und Segensstunde.

[Schicksalsstunde]

1. Dass wir in einer Schicksalsstunde der Welt, der Völker, der Kirchen-und Familiengeschichte stehen, wissen und fühlen wir alle. Mein Los dürfen Sie als Symbol für unser Familienlos auffassen. Meine Entfernung und Ausschaltung weist hin auf ähnliche Absichten der Familie gegenüber. Meine Pendelunsicherheit erinnert an dieselbe Unsicherheit der Familie. Mein Gesichertsein in Gott und der Gottesmutter verbürgt dieselbe Pendelsicherheit der Familie. Solche Situationen zerschlagen alle bürgerlichen und verbürgerlichten Haltungen, Handlungen und Gewohnheiten. Sie wecken entweder den Helden oder Heloten, den Heiligen oder Verbrecher. Sie scheiden die Geister. Held und Heiliger handeln nicht aus Gewohnheit oder aus Nachahmungstrieb oder Schwäche. Sie nehmen jedes Wort, jeden Akt, jede Entscheidung blutig ernst und sind bereit, für ihre Worte und Entscheidungen unter den schwierigsten Verhältnissen einzustehen – wenn es verlangt wird, Blut und Leben dafür herzugeben.

Wir haben die innere Entscheidung längst getroffen, wir stehen ganz auf Gottes Seite. Die Zeit drängt mehr und mehr zu dieser Ganzheit und zur Überwindung der Halbheit. Sie drängt aber auch zu Handlungen, zu Taten. Glücklich dürfen wir uns darum preisen, dass wir in solcher und nicht in ruhiger nivellierender Zeit zum Altar treten.

Jedes Wort, jede Bitte, jedes Versprechen hat jetzt einen vollen Klang, und die ganze Persönlichkeit mit ihrer ganzen Kraft und Wucht und Innigkeit steht dahinter. Später werden wir dafür den Beweis vielleicht einmal in außergewöhnlichen Verhältnissen bringen dürfen – einstweilen ist unser Kampfesfeld die Einsamkeit und Stille unserer Prüfungszeit. Gelegenheiten gibt es auch hier genug. Je mehr wir den Blick auf Zeitverhältnisse und -bedürfnisse richten, desto besser, heldischer, heroischer werden wir diese Gelegenheiten benutzen, um der lieben Gottesmutter zu zeigen, dass sie sich auf uns verlassen kann, jetzt und später.

‚Wer vieles einst zu künden hat,
schweigt viel in sich hinein;
wer einst den Blitz zu zünden hat,
muss lange Wolke sein.‘

So darf ich Ihnen denn mit Recht gratulieren zur Weihestunde.

[Leidensstunde]

2. Sie ist aber nicht nur eine Schicksals-, sondern auch eine Leidensstunde.

Die Wolken ziehen sich immer mehr über unserer Familie zusammen – wiederum ähnlich wie über meinem Haupte. Dem Heiland ist es im Leben auch so ergangen. Als der Wolkenbruch, Blitz und Donner und Zusammenbruch erfolgte, steht er aber da als der große Sieger über Teufel und Welt, als der glorreiche Welterlöser.

Ob auch wir solche Gewitterstürme mit solchen Wirkungen erwarten dürfen? Was bisher über uns gekommen, kam nicht unerwartet, traf uns nicht unvorbereitet, ohne deshalb weniger schmerzlich zu sein.

a) Wer die Geschichte der Familie kennt, weiß, dass Jubiläumsjahre für uns immer Leidens- und Prüfungsjahre waren. 1935, im Jahr des silbernen Priesterjubiläums, war der Kampf mit den kirchlichen Behörden und der PSM in vollem Gange, von ferne aber rollten auch schon die Donner von anderer Seite. 1939 kamen diese so nahe, dass jeden Augenblick eine Entladung zu fürchten war. Seither ballte das Gewölk sich ständig stärker zusammen. Sie denken nur an die Worte Studienheim, Bundesheim, Wildburg…(113) Auseinandersetzung mit der Gestapo bis zum großen Schlag im Juli. Der Hauptschlag erfolgte dann im September. Als wir unser Jubiläum feierten, trübten dunkle Schatten das Antlitz der Familie.

b) Aber nur für kurze Zeit… Wir waren ja genügend vorbereitet … Auf jeden Schlag hatte die Familie mit vertiefter, vertrauensvoller Ganzhingabe geantwortet: erst durch die Blankovollmacht, dann durch Krönung und neuestens durch Inscriptio. Und als wir letztere als Gesamtfamilie machten, durften wir uns sofort beim Wort fassen lassen.

c) Denn der 20. September und die folgenden Ereignisse bedeuten nicht nur für mich, sondern auch – und noch mehr – für die Familie eine besondere Form des Ernstmachens von oben und des Ernstmachens von unten. Wenn da jemand gesteht: ich hätte niemals gedacht, dass Kindesleid so namenlos tief sein kann, so trifft sie damit das Gesamterlebnis. Wer unser gegenseitiges Verhältnis und die Verwurzelung aller Familienfäserchen mit meiner Person kennt, versteht die Größe und Tiefe dieses Leids. … Dazu kommt das Bewusstsein der Symbolhaftigkeit meines Schicksals im Rahmen der Familiengeschichte. Endlich die vielgestaltige Ungewissheit über die bevorstehende Gestaltung der Dinge… Wer zählt die Tränen, die still und verborgen seit dem 20. September geweint, das Herzeleid, das inzwischen an den edelsten Kindern der Familie genagt hat!

[Segensstunde]

3. Jetzt aber sehen wir schon klarer und klarer, wie diese Leidensstunden in hervorragender Weise Segensstunden geworden und mehr und mehr zu werden versprechen. Unwillkürlich denke ich da an zwei biblische Ereignisse.

Der Heiland erklärt: Es hat den Teufel gelüstet, euch zu sieben wie den Weizen … Und die Apostel sind gesiebt worden – in der Passionszeit des Heilandes und in der Zeit ihres eigenen Martyrertodes.

Ein andermal tritt der göttliche Widersacher vor Gott hin, weist hin auf Job und verlangt Freiheit, ihn zu quälen, zu prüfen, zu verfolgen und zu versuchen. Gott gab ihm die erbetene Erlaubnis. Die Folgen kennen wir. Sie lesen das alles nochmals nach in der Bibel.

Und doch! Beide – Job und Apostel – (ausgenommen Judas) haben die Prüfung bestanden zum endlosen Segen für sich und ihre Gefolgschaft. Gott besiegte in beiden seinen Widersacher und dessen Drohungen und Blend- und Vernichtungswerke, sie wurden zur Quelle des Lichtes und des Lebens. „Ich habe für euch gebetet“, erklärt der Heiland, „dass euer Glaube nicht wanke und ihr – gestärkt – stärkt eure Brüder.“ (114) So sehr sind auch wir durch Christus und die Apostel gestärkt, dass wir mit Recht sagen können: die ganze Kirche ruht auf dieser doppelten Grundlage, dem Fundamente Christi und seiner Apostel.

So ist auch unser Leid ein überaus gesegnetes – sowohl für uns als unsere Gefolgschaft und Nachkommenschaft. Soll ich diesen Segen kurz charakterisieren?

In Ihrer Sprache muss ich dann wohl so sagen:
Hier heißt es: meine Liebe verliert jetzt das Primitive, aus dem amor concupiscentiae ist ausgesprochener amor benevolentiae (115) geworden.

Dort: Ich hätte nie gedacht, dass Ferne geistige Nähe und Innigkeit und Glut der Liebe so stark wecken könnte.

Ein andermal lautet das Geständnis: In mir steckt die Sehnsucht nach unendlicher Liebe, nach unendlicher Demut, nach unendlichem Leid.

Und wieder: Bisher habe ich es nicht fertig gebracht, in meine Inscriptio einzuschließen den Gedanken, der liebe Gott dürfe auch mit Ihnen machen, was er will. Obwohl ich weiß, dass Sie am besten bei ihm aufgehoben, war der Akt zu schwer … Jetzt, nachdem Gott so ernst durch den 20. September gesprochen, bin ich auch dazu bereit – und wenn das eigene Herz brechen müsste dabei. Was Gott tut, ist immer wohlgetan. In seiner Liebe sind Sie und ich am sichersten geborgen.

Endlich: Wir haben miteinander soviel geopfert und gebetet… Keine Antwort vom Himmel! Fast wollte ich irre werden im Glauben an die Vatergüte Gottes… Jetzt sehe ich aber ein, dass das alles eine Antwort ist auf die Inscriptio. Jetzt allmählich ahne ich deren ganze Tragweite … Von Herzen wiederhole ich sie – von der unerschütterlichen Überzeugung getragen: Was Gott tut, ist stets wohlgetan … Ich lasse mich, Sie und die ganze Familie in den Abgrund Gottes hinab. Dort sind wir alle am besten aufgehoben…

Verstehen Sie, was das alles besagen will…? Wenn ich alles, was ich weiß und hier nicht entschleiern mag, überschaue, stehe ich voll Ergriffenheit, Erschütterung und Dankbarkeit vor den Großtaten Gottes in den Seelen unserer Schwestern: vor einer Glut, Reinheit und Innigkeit des Empfindens, vor einer Klarheit eines geläuterten Gottesbegriffes und Gotteserlebnisses und vor einer Kraft gesteigerter heldischer Hingabe an die Familie als Werk Gottes und unserer eigenen Mitwirkung…, dass ich mit Paulus nur staunend stammeln kann: „O Tiefe des Reichtums und der Erkenntnis und Weisheit Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte, wie unerforschlich seine Wege. Wer hat die Gedanken des Herrn erkannt – oder wer ist sein Ratgeber gewesen – oder wer hat ihm zuerst etwas gegeben, dass er es ihm vergelten müsste? Denn von ihm und durch ihn und in ihm ist alles. Ihm sei Ehre in Ewigkeit.“ (116)

Bisher war Ihr Schicksal stets mit mir verbunden. Vielleicht hat aber kaum etwas den Fortschritt Ihrer Seele so gefördert wie das jetzige Ereignis. Meine Gebundenheit wird für Sie Mittel zur vollen Freiheit der Kinder Gottes, meine Schmach für Sie Anlass zur volleren Entfaltung der Herrlichkeit der Kinder Gottes.

Wissen Sie, was das alles bedeutet?

Sie erwarteten zu Weihnachten „das Wunder der Heiligen Nacht“. Wie Gott Petrus auf wunderbare Weise die Ketten gelöst, so erwarteten Sie eine plötzliche Öffnung meiner Zelle.

Das Wunder der Heiligen Nacht ist längst geschehen – und es wird Tag für Tag mehr und mehr Wirklichkeit… Ob Sie mich verstehen?

Das Urchristentum hatte einen schweren Kampf zu führen mit einem Heidentum, das von magischen Einflüssen und Kräften genarrt und getragen wurde. Darum schenkt Christus ihm die Charismata, die die Apostel in der damaligen Auseinandersetzung reichlich verwerteten. (117)

Heute hat das Christentum einen anderen Gegner: Weltseligkeit, Diesseitsversklavung und Massenmenschentum… Wenn es heute Wunder wirken will, muss es übernatürliche, sittlich kraftvolle, wagemutige heilige Persönlichkeiten und Gemeinschaften erziehen.

Verstehen Sie nun, was ich sagen will mit dem Wort: Das Wunder der Heiligen Nacht ist geschehen und wiederholt sich ständig?

Jede wahre Christus- und Marienerscheinung ist ein derartiges Wunder. Wie sehnsüchtig schauen wir aus nach diesem neuen Menschentyp, und wie lange arbeiten wir schon an seiner Verwirklichung!

Ja, der 20.September und die folgenden Ereignisse sind wahre Wundertäter geworden und werden es Tag für Tag noch mehr werden. – Es leben die Wunder der Heiligen Nacht: Sie verwirklichen in ungeahnter Weise unsere kühnsten Hoffnungen und Erwartungen.

Und Sie, meine lieben Sponsakinder, dürfen in einer solchen Schicksals-, Leidens- und Segensstunde sich der freien Gemeinschaft unserer begnadeten Familie schenken…

Habe ich Grund, Ihnen zu diesem Glück zu gratulieren? Ich tue es von ganzem Herzen.

Kurze Mitteilung vom 16.1., angekommen am 17.1.1942

Bin eben auf Lagerfähigkeit untersucht worden. Resultat: Lagerfähig. – Nun darf sich aber niemand Sorge machen. Das einzige, was alle tun können und sollen: Leben aus Inscriptio. Benutzen Sie die Gelegenheit, dazu zu ermuntern.

19.1.1942

Für die … Bemühungen beim Arzt Ihnen und … vielen Dank. Nehmen Sie es bitte nicht übel, dass ich die gesponnenen Fäden nicht weiterspinne. Ich kenne nur ein Mittel, um frei zu werden: das Ernstmachen der Familie mit Blankovollmacht und Inscriptio.

Brief an P. Menningen vom 19.1.1942

Es war eine große Freude für mich, Dich gestern und vorgestern kurz am Turmfenster sehen zu dürfen. Im Geiste habe ich Dir inzwischen meinen „Prophetenmantel“ um die Schultern geworfen. Trag ihn mit Würde. – Ich trage vorläufig einen anderen Mantel. – Ich tue es gerne, in der Überzeugung, so dem Werke mehr dienen zu können…

Habe gerade wieder 52 Seiten geschrieben. Es sind jetzt etwa 340 (118) —- Hoffentlich hat man sie weitergegeben. Die Schlusszeilen sagen versteckt, wie ich über die Zukunft denke.

Für Deinen guten Rat (das angebotene Mittel zwecks Bewahrung vor Deportierung nach Dachau zu benutzen) danke ich. Lasst mir etwas Bedenkzeit… Habe bei der Untersuchung von der Lunge überhaupt nichts gesagt. Kommt mir alles so klein vor… Wirst sehen, es steht eine höhere Macht über unserem Leben, die alles zum Besten lenkt. Im übrigen bedeutet das Urteil des Arztes nicht viel. Kürzlich ist ein Geistlicher ins Lager gekommen, der lagerunfähig geschrieben wurde.

Hauptsache ist, dass Ihr draußen ganz für das Werk lebt. Jetzt erst wird es schön. Es steckt so viel Leidensliebe und Frohsinn in mir – teile Dir gern etwas mit… Kannst Du Dir vorstellen, dass es mir gar nicht so „recht“ wäre, wenn ich nicht ins Lager käme? Dort warten viele Bekannte. Und dann – die ersten 4 Wochen waren schlimmer als das Lager. Es lebe die Treue!

An P. Menningen am 20. Januar 1942 morgens

Eben während der heiligen Wandlung kommt mir die Antwort auf die gestern offen gelassene Frage. Unsere Priester sollen ernst machen mit Inscriptio und Blankovollmacht, besonders einige von den Alten. Dann werde ich wieder frei. Die Antwort verstehe bitte aus dem Glauben an die Realität der Übernatur und die Schicksalsverwobenheit der Glieder unserer Familie. Was hier von mir verlangt wird, ist leicht zu ertragen, leichter als die Haltung… Das ist für mich Leid seit 1930. Alles andere nicht…, ist Lappalie…

Sorge, bitte, dass auch unsere PSM ähnlich handelt wie wir. Dann gewinnt sie die Schlacht. So werden widergöttliche Mächte zwar geweckt und gereizt, aber auch überwunden.

Nimm es also nicht übel, wenn ich Euren Rat nicht annehme. Versucht mich zu verstehen.

An P. Menningen – 20.Januar 1942 mittags

Den ersten Brief habe ich heute Morgen post celebrationem geschrieben. Eben nach dem Mittagessen war Herr Direktor hier und teilte mir mit, der Arzt wäre bereit…, wenn ich mich krank melden würde… Ich kann mich dazu nicht entschließen.

Und nun kommt Besuch auf Besuch am Turmfenster und macht mir den Entschluss schwer. Und trotzdem: Hier steh ich… und kann nicht anders…

Erfüllt mir eine Bitte: Sorgt, dass die Familie Blankovollmacht und Inscriptio ernst nimmt… Dann werde ich frei. – Das ist immer dieselbe Antwort in mir. – Ob es Täuschung ist? Ich weiß, was auf dem Spiele steht, und denke an die Familie, ans Werk… Aber gerade um derentwillen glaube ich, so handeln zu müssen. Suchet erst das Reich Gottes… und alles Übrige wird euch zugegeben… Aber … die menschlichen Mittel? Lehren wir denn nicht, dass man sie anwenden muss? Aus allem, was Ihr versucht, muss ich schließen: Reichlich ist nach der Richtung getan, was normalerweise zu tun ist…

Darum nochmals die Bitte: Macht mir die Entscheidung nicht zu schwer. Versprecht zu arbeiten für Verwirklichung der Blankovollmacht und Inscriptio und – so glaube ich – „bald“ bin ich wieder frei.

An P.Menningen – 20.Januar 1942 nachmittags

Nun kommen auch noch Briefe… Sie zermartern… Ich kann aber nicht anders.

22.1.1942

Vielen Dank, dass Sie meine scheinbar unverständliche Handlungsweise verstehen. Nebenbei: Arzt hat überhaupt die Lunge nicht untersucht – auch nicht das Herz.

An P.Menningen am 23.Januar 1942

Nun fällt mir eine Last von der Seele. – Ich fürchtete, bei Deinem zarten Gemüt in meiner Handlungsweise von Dir als undankbar empfunden zu werden. – Vielen Dank, dass Du mich verstehst… Du wirst es später noch besser. – – – Letzten Dienstag gab es Sturm um Sturm auf die Festung… Sie war und blieb und bleibt – so Gott will – uneinnehmbar. Wie das war, kann Anton Dir mitteilen. Ich schrieb Dir übrigens auch schon davon…

Lass mich nach Abschluss einer Epoche unserer Familiengeschichte Dir nochmals herzlich danken für alle Bemühungen und für alle Treue. – Die Macht des Teufels ist vorläufig gebrochen. Wenn wir uns alle ernst bemühen um Verwirklichung der Blankovollmacht und Inscriptio, hat er das Gegenteil erreicht von dem, was er wollte… Nach der neuen Situation glaube ich, bald frei zu werden. Freilich muss die Bedingung erfüllt werden.

Brief vom 9.2.1942

Sie wissen jetzt, weshalb ich seit dem 20.Januar innerlich trotz voller Bereitschaft zum Gegenteil auf Erwartung der Freiheit eingestellt bin… Gott will uns alle ganz für sich haben durch Heroismus der göttlichen Tugenden – so wie der „neue Mensch“ sie verkörpern soll. Und die sollen wir in konkreter Weise in gegenwärtiger Situation lernen. Ihr und mein Schicksal ist seit Jahren unlösbar miteinander verbunden… Sie dürfen durch mich wachsen, und Ihr Wachstum ist diesmal Lösepreis für meine Freiheit. So stehe ich zwar scheinbar im Vordergrund; genau betrachtet aber sind Sie es, auf die Gott es abgesehen hat: auf Ihr Wachstum. Gewiss ist Ihr Wachstum mein Glück und mein Stolz. Wir sind eben in unserem Leben und Schicksal unzertrennlich. Das tritt auch dadurch in Erscheinung, dass Sie diesmal meine Person mehr als sonst auffassen dürfen als Symbol für die ganze Familie.

Ich bin hier für die Familie. Und meine Freiheit ist Freiheit für die ganze Familie… Aus diesem doppelten Grunde danke ich Ihnen herzlich für alle Treue, die in Krönung und Erneuerung der Inscriptio zum Ausdruck kommt. „Es lebe der neue Mensch“.

Im Februar 1942

Ich werde die Sorge nicht los, dass unsere Schwestern wegen Enttäuschungen müde werden. Es wird darum gut sein, wenn Sie mit den…zusammenkommen, die Situation besprechen und Wege zeigen, nicht nur unheilige Unruhe zu bannen, sondern tiefer in die drei göttlichen Tugenden hineinzuwachsen. N.N. habe ich schon einige Andeutungen gemacht. Damit ich nicht jeder … einzeln schreiben brauche, mache ich obigen Vorschlag. Setzen Sie auseinander:

1. weshalb ich selbst neuestens mit großer Ruhe, aber auch mit Bestimmtheit – im Gegensatz zu früher – mit der Freigabe rechne,
2. welche Bedingungen erfüllt werden müssen,
a) Leben aus der Inscriptio,
b) bes. Heroismus der drei göttlichen Tugenden;
3. dass die Hauptsache nicht Freiheit, nicht Fruchtbarkeit ist, sondern Gott, Gott, Gott.

All das hindert uns nicht, im Gegenteil: gerade deswegen (weil Gott alles ist) sind wir bereit zu ewiger Kerkerhaft, wenn es Gott Freude macht. Meine Befreiung ist deswegen so schwer, weil sie gleichbedeutend ist mit einem Freibrief für die ganze Familie.

An P.Menningen, 13.Februar 1942

Ja, wir sind von Unbegreiflichkeiten umgeben. Das war schon immer so. Wir haben auch ein wenig davon geahnt und erfasst – aber nur ganz wenig. Wir glaubten zwar — aber der Glaube war nicht lebendig und tief genug. Jetzt erst wächst alles ins Ungemessene. So muss es ja kommen, wenn Inscriptio nicht Phrase sein soll. Der Heroismus der darin wirksamen Hingabe weckt den Heroismus des Glaubens, der in nuce (119) allerdings schon vorhanden sein musste. Darin liegt die pädagogische Bedeutung der augenblicklichen Situation für unsere Schwestern. Deren Schicksal ist von Anfang an mit mir verknüpft. Deshalb erhält auch die ganze übernatürliche und natürliche Welt für sie jetzt so greifbare Gestalt in Verbindung mit mir. Das ist der Grund, weshalb ich es für klug halte – und gottgewollt -, in ihnen nebst Heroismus der Hingabe auch den des Glaubens und Vertrauens zu pflegen. Ist allerdings ein Meisterstück. Wenn Glauben und Vertrauen von Hingabe gelockert werden, machen sie unruhig. Harmonie zwischen allen dreien schafft Mariengestalten. «Beata, quia credidisti…» (120) Darin besteht die Wurzel ihrer Größe. Je mehr wir gläubig übernatürlich Unbegreiflichkeiten umfangen, desto mehr werden wir echt christlich.


(103) Die Patres und Priester, die vom Exerzitienhaus in Schönstatt in der Bewegung arbeiteten, bildeten die „Artusrunde“. Das Wort ist genommen aus der Sage des Königs Arthur, der seine Ritter von seiner Tafelrunde zu ihren guten Taten aussandte. Wenn sie zurückkamen, berichteten sie davon in der „Runde“, ein Kurzbegriff, den auch P. Kentenich so gebrauchte.
(104) Wörtlich „Lichter“. Gemeint sind Erleuchtungen, Eingebungen.
(105) PSM: Pia Societas Missionum, Fromme Missionsgesellschaft, damaliger Name der Pallottiner (s. Text 14, Anm. 54).
(106) Wörtlich: „Im übrigen meine ich…“ Die Redewendung geht zurück auf den römischen Senator Cato, der alle seine Reden im Senat, ganz gleich welchen Inhaltes, beendete mit dem Satz: „ Im übrigen bin ich den Meinung, Karthago müsse zerstört werden.“
(107) Der berühmte Ausspruch des hl. Ignatius, als die römische Kurie seine Gesellschaft zum gemeinsamen Chorgebet verpflichten wollte: „Entweder sie sind, wie sie sind, oder sie sollen nicht sein.“
(108) 2 Kor 11,19 ff
(109) So hieß damals der schnellste und modernste Zug in Deutschland
(110) Alle meine Werke dem gekreuzigten König
(111) Eure Unterhaltung, euer Umgang, euer Wandel sei im Himmel. – Eine Abwandlung eines römischen Sprichworts: Euer Wandel sei in Rom, meinend: Benehmt euch wie die Oberschicht in Rom.
(112) Es handelt sich um einen Kurs der Marienschwestern mit dem Ideal Sponsa = Braut. Der Kurs stand vor seiner Vertragsweihe. Der Gründer im Gefängnis schrieb dazu eine Abhandlung zum Ideal, die „Sponsa-Gedanken“, und den Vortrag zur Weihe, der hier folgt.
(113) Das Studienheim wurde von den Nazis am 30. April 1939 beschlagnahmt und in eine Lehrerbildungsanstalt umgewandelt.
Um einer ähnlichen Beschlagnahmung anderer Häuser durch die Nazis zu entgehen, boten die Marienschwestern das Bundesheim – übernommen 15. März 41 – und die Wildburg – übernommen 25. August 41 – der Wehrmacht als Lazarett an.
Mehrere Hausdurchsuchungen in der Zeit hatten allerdings – so die überhörte Aussage eines Beamten der Gestapo – nicht nur die Absicht, Häuser zu beschlagnahmen, sondern einen Schlag gegen Schönstatt zu führen. Dies gelang nicht, weil einerseits die Gestapo zu wenig Material fand und weil sie andererseits in der falschen Richtung suchte, überzeugt, dass es sich bei „Gnadenkapital“ um eine geheime Finanzquelle handele.
(114) Vgl. Luk. 22,32
(115) Aus bedürftiger ist hochherzige Liebe geworden
(116) Röm 11,33-36
(117) 1 Kor 12,4-12; vgl. z.B. Apg 13,1-12.
(118) Es dürfte sich um die “Sponsa-Gedanken“ handeln. P. Kentenich schrieb auf kleinem Papier. Deshalb die hohe Seitenzahl.
(119) im Kern
(120) Selig, die du geglaubt hast (Lk. 1,54)

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