6 Schönstatt: Die Entstehung einer „Laien“bewegung

6    Schönstatt: Die Entstehung einer „Laien“bewegung

Zum besseren Verständnis der Entwicklung der Schönstattbewegung und dessen Konzeption als Laienbewegung, wird an dieser Stelle eine kurze geschichtliche Darstellung ihrer Entstehung gegeben. Besonderer Wert wird dabei auf die ersten Jahre, die Anfänge der Bewegung, gelegt in denen Kentenich strukturelle Weichenstellungen setzte, die für die Bewegung bis heute von Bedeutung sind.

Bei der Darstellung und zur vertieften Lektüre sei besonders auf die historischen Einordnungen von Engelbert Monnerjahn[139] verwiesen, worin sich auch eine Gesamtdarstellung des Lebens Joseph Kentenichs findet. Dies ist auch Teil der folgenden Ausarbeitung. Eine detaillierte Illustration der Zeit der Gefangenschaft im Koblenzer Gestapo-Gefängnis und dem Konzentrationslager Dachau findet sich in „Häftling Nr. 29392“[140].

Zu dem inneren Strukturprinzip der Bewegung gehören ebenfalls die vom Gründer selbst gesetzten apostolischen Ziele. Diese werden über die Geschichte hinaus in Kapitel 6.4 dargelegt.

6.1       Kirchengeschichtliche Eckdaten für die Gründung Joseph Kentenichs

Das Ende des 19. Jahrhunderts war für die Kirche geprägt durch erhebliche Erfolge der Missionsbewegung, letztlich einer Bewegung von Laien, die durch verschiedene Missionsenzykliken unterstützt wurde.[141] Kentenich selbst wurde Mitglied der Pallottiner, die zu dieser Zeit in Afrika Mission betrieben haben.

Das Pontifikat von Papst Pius X. (1903-1914) fiel in die Zeit der kirchlichen Sozialisation Joseph Kentenichs (1885-1968). Die Zeit seiner Ausbildung und die ersten Priesterjahre waren durch ein ausgeprägtes Misstrauen der Kirche gegenüber dem Modernismus geprägt. Seit dem Jahr 1910 mussten Kleriker den sogenannten Antimodernisteneid ablegen. Innerkirchlich gab es in Deutschland vor allem durch den Reformkatholizismus Widerstand gegen diese römischen Bestrebungen.[142]

Die Zeit zwischen dem Ersten Weltkrieg und dem Zweiten Vatikanischen Konzil bildet nach Klaus Schatz eine kirchengeschichtliche Einheit. Die Jahre sind  eine Vorbereitung auf die innerkirchlichen Veränderungen, „die dann im II. Vatikanischen Konzil kulminieren und ihre offizielle Sanktion erfahren“[143].

Es kam in dieser Zeit zu einer Wiederentdeckung grundsätzlicher Werte wie Leben, Organismus und Gemeinschaft und letztlich zu einer „Wende von der Ratio zum Leben“[144].

Bisher unberücksichtigte Quellen, wie die Jugendbewegung, die Liturgische Bewegung, die Bibelbewegung und auch das Laienapostolat als solches werden wach.[145] Von besonderer Bedeutung ist hier die Bewegung der Katholischen Aktion.[146]

Zum Ende seines Lebens, Kentenich stirbt am 15. September 1968, erlebt dieser noch das Zweite Vatikanische Konzil. Das Verhältnis von Kirche und Welt wurden auf diesem Konzil neu bestimmt. Die Rehabilitation Kentenichs und das Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils fielen zusammen. Kardinal Augustin Bea (1881-1968) kommentierte diesen Vorgang dahingehend, dass Schönstatt ohne das Konzil nicht verstanden worden wäre.[147]

   6.2   Entstehung Apostolischen Bewegung von Schönstatt

Kentenich charakterisierte sich in seiner Jugend- und Studienzeit als „geborenen Skeptiker“ und „Wahrheitsfanfatiker“[148]. Noch in seinen ersten Priesterjahren zeigte er großes Interesse für die um die Jahrhundertwende aufkommenden philosophischen und gesellschaftlichen Strömungen und er reflektierte deren Auswirkungen auf das Gottes-, Menschen- und Gemeinschaftsbild. Im Jahr 1910 wird Joseph Kentenich in der Gemeinschaft der Pallottiner zum Priester geweiht.

Im Rahmen seiner Arbeit als Lehrer und später als Spiritual am Studienheim im Ort Schönstatt bei Vallendar kam es 1914 zur Gründung der Schönstattbewegung, was im weiteren Verlauf sein Leben prägen sollte. Aus dieser Jugendarbeit erwuchs im Jahr 1919 die sogenannte Apostolische Bewegung von Schönstatt[149].

6.2.1    Erste Schritte im Studienheim

Im Jahr 1912 wurde Kentenich Spiritual des Studienheims der Pallottiner. In dem Missionsgymnasium wurden Jungen auf das Abitur, das Theologiestudium sowie einen späteren Einsatz als Pallottiner in der Mission, meist in Afrika vorbereitet.

Schnell beeindruckten die Person Kentenichs und sein pädagogisches Konzept die Schüler. Am 27. Oktober 1912 hielt Kentenich vor den Schülern der oberen Klassen eine Antrittsansprache in Form eines geistlichen Vortrags, der später unter dem Namen „Vorgründungsurkunde“[150] bekannt wurde und als eine Art Grundsatzerklärung seines pädagogischen Programms zu sehen ist. Er hat ein klares Ziel, das er mit den Schülern erreichen möchte. Seine Absichten legt er allerdings offen dar und lässt allen Schülern die Freiheit diese mit zu vollziehen oder nicht.

In diesem Vortrag, der im Nachhinein weite Kreise über das Studienheim hinaus gezogen hat, sind drei Schwerpunkte festzumachen: (1) Die Formung zu „festen, freien priesterlichen[151] Charakteren“, dies soll (2) in einem gemeinschaftlichen Miteinander und (3) „unter dem Schutze Mariens“ erfolgen.[152]

Kentenich wollte „feste, freie Charaktere“ formen, die fernab von allem Kollektivismus, eine vollkommene christliche Persönlichkeit und Gemeinschaft ausbilden.[153]

Seine Erziehungsmethode kann dabei als „dialogisch“,[154] bezeichnet werden. Kentenich war viel mit den Schülern in Kontakt und war teilweise auch ihr Beichtvater. Er förderte ein partnerschaftliches Grundverhältnis zwischen Lehrer und Schüler, das generisch aber aus Gleichheit und Ungleichheit besteht. Gleichheit im Sinne einer „partnerschaftlichen Solidarität“[155], Ungleichheit durch die „Verantwortung als Erzieherautorität“[156] und dem Verhältnis Spiritual – Schüler. Belehrungen von seiner Seite finden nicht von oben herab statt, sondern werden kollegial gestaltet. Dies ist schon daran zu erkennen, dass Kentenich mehrfach die Formulierung „Wir“ und „uns“ in der Vorgründungsurkunde verwendet.[157] Er nimmt sich selbst aus seinem Erziehungsprogramm nicht heraus, sieht die Schüler als Partner.

Mit großer Beharrlichkeit zielten die weiteren Vorträge darauf ab, die Ausbildung eines festen und freien Charakters voranzutreiben und in den verschiedensten Aspekten zu erschließen. Ziel ist für ihn die seelische Freiheit und Vollentfaltung des Menschen.[158]

Nach dem Vortrag im Jahr 1912 kam es zum Ausbruch des Ersten Weltkrieg und dem Gründungsakt vom 18. Oktober 1914[159]. Durch dieses Ereignis wird ein grundlegender Aspekt der Spiritualität Schönstatts bezeichnet, der auch eine Verbindung zwischen der Sendung Marias und der eigenen apostolischen Tätigkeit herstellt. Der Bundesschluss mit Maria wurde in Folge mit dem Begriff Liebesbündnis bezeichnet. Es stellt einen geistlichen Weg dar, der auf originelle Weise die Gesamtheit der christlichen Glaubenswelt vermitteln soll und in ein Bündnis mit dem trinitarischen Gott hineinführt, sowie zu apostolischer Aktivität auffordern soll.[160]

Viele der Schüler wurden zum Kriegsdienst eingezogen. Kentenich fühlte sich aber weiterhin für die Schüler und ihr persönlich-geistliches Wachstum verantwortlich. Er unterstützte die jungen Soldaten dahingehend, dass er sie dazu ermunterte, sich im Feld zu kleinen Gruppen zusammenzuschließen und den Weg der Selbsterziehung, der Formung ihres Charakters und der Reflexion ihrer Berufung weiter zu gehen. Die neue Organisationsform, die vorübergehenden Charakter hatte, wurde in der Folge „Außenorganisation“[161] genannt. Dadurch kamen erstmals auch Menschen außerhalb des Studienheims, die sich nicht auf den Priesterberuf vorbereiteten, mit den Ideen Kentenichs und seiner Pädagogik in Kontakt.

Kentenich hat durch eine ausgedehnte Korrespondenz Fühlung[162] mit seinen Schülern gehalten. Dieser Vorgang wurde durch eine kleine Zeitschrift, ‚Mater ter Admirabilis’ (kurz: MTA) unterstützt, die regen Zuspruch erfahren hat: nach rund einem Jahr hatte die Zeitschrift eine Auflage von 2000 Exemplaren.

Aufgrund dieser Erfahrungen fasste Kentenich noch während des Ersten Weltkriegs, im Jahr 1916, den Entschluss zur Gründung einer Organisation, die angelehnt an das Katholische Apostolat Pallottis, die apostolischen Kräfte der Kirche bündeln soll. Gegenüber dem ersten Präfekten der ‚Marianischen Kongregation’ machte er in einem Brief folgende Andeutung:

„Mir schwebt eine Organisation vor – ähnlich wie unser Ehrw. Stifter [gemeint ist Vinzenz Pallotti; M.G.] die ganze Welt einteilen wollte -, die unserer studierenden Jugend einen Ersatz für die verbotenen Kongregationen bieten könnte.“[163]

Nach Ende des Ersten Weltkriegs kehrten die Schüler aus dem Krieg zurück und beendeten ihre Schulzeit mit dem Abitur. Die Außenorganisation hat den Kreis dieser ersten Schönstätter, so wurden die ersten mit Schönstatt verbundenen Mitglieder genannt, aber stark geweitet: Ihr gehörten nun Lehrer und Theologiestudenten an, die nicht im Studienheim in Schönstatt waren. An Kentenich wurde mehrfach und in zeitlicher Beständigkeit der Wunsch nach einer Weiterführung der Organisation herangetragen.[164] Im Verlauf des Sommers 1919 kommt es in Dortmund-Hörde auf einem Sodalentag[165] zum entscheidenden Schritt, der in den Statuten mit der Präambel

„Die Außenorganisation, ein Zweig der Schönstätter Studenten-Kongregation tritt mit dem 20. August 1919 aus dem bisherigen Rahmen heraus und wird Apostolischer Bund.“[166]

bezeichnet wird. Mit dieser, als Hörder-Ereignis bezeichneten Gründung weitete sich der Kreis der Mitglieder noch einmal deutlich und der Gründungsvorgang von 1914 wurde institutionell erfasst. Die bisherige (Kirchen-)Rechtsform, die Marianische Kongregation[167], ging in den sogenannten Apostolischen Bund über.

Die Studenten stellten die Tagung in Hörde und die Statuten unter das paulinische und pallottinische Motto: „Caritas Christi urget nos!“[168] Das paulinische Denken war es auch, das die Mitglieder des Bundes zu einer „praktischen Betätigung auf allen Gebieten des Apostolates“[169] motivieren soll. Der Apostel Paulus war für Kentenich und auch für die ersten Mitglieder des Apostolischen Bundes Vorbild, auf den sie Bezug nahmen. Es drückt sich ein in dreifacher Hinsicht „paulinischer Universalismus“[170] aus. (1) Bezüglich des Ziels, das Apostolat sollte auf allen Gebieten, die die Mitglieder erreichen konnten ausgeweitet werden; (2) Bezüglich der Mitgliederwahl, der Apostolische Bund war offen für alle Männer; (3) Hinsichtlich des Apostolates, es wurde kein Mittel zu Erreichung des Ziels ausgeschlossen. Die Mitglieder hatten (und haben bis heute) die Pflicht sich aus der Spiritualität des Liebesbündnisses heraus selbst zu erziehen. Der Apostolatsbereich geht dabei über Familie und Beruf hinaus, hinein in Kirche und Welt.

In der Folgezeit konnten in der „Apostolischen Bewegung zur Verbreitung, Verteidigung und Verinnerlichung des christlichen Lebens“[171], wie der Apostolische Bund auch genannt wurde, auch Laien Mitglied werden, die sich nicht auf den Priester- oder Ordensberuf, auf einen sogenannten geistlichen Stand in der Kirche, vorbereiteten.

6.2.2    Zwischen den Weltkriegen: Gründung des Apostolischen Bundes und erste Ausbreitung

Zum ersten Jahrestag der Gründung des Apostolischen Bundes wurde die Apostolische Liga gegründet, um auch denjenigen Anschluss an die Spiritualität des Liebesbündnisses zu geben, die sich nicht in gemeinschaftlicher Form organisieren wollten.[172] Die Mitglieder der Liga sind im Gegensatz zum Bund nicht dazu verpflichtet, sich in Gruppen gemeinschaftlich zu organisieren und hatten damit einen geringeren Verpflichtungscharakter.

Mit dieser Erweiterung der Gründung konnten sich auch Frauen in der Liga und dem Apostolischen Bund organisieren, was wiederum zu einer Ausbreitung führte.[173] Es entwickelte sich schnell der „Schönstatt-Frauenbund“[174], eine Gemeinschaft zölibatär lebender Frauen, aus dem im 1926 die „Schönstätter Marienschwestern vom Katholischen Apostolat“[175] hervorgingen. In dieser Gemeinschaft können sich Frauen organisieren, die hauptberuflich für die Schönstatt-Bewegung arbeiteten. In den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen entstanden verschiedenste Gemeinschaften für alle kirchlichen Stände und Lebensalter: „für Mädchen und Studentinnen, Gymnasiasten, Männer, sowie verheiratete und unverheiratete Frauen.“[176]

Kentenich gab in diesen Jahren Exerzitien, Einkehrtage und Kurse zu verschiedensten Themen. Er entwickelte sich in der deutschsprachigen Kirche zu einem bekannten und beliebten Exerzitienmeister für Priester. Seine besondere Aufmerksamkeit galt den katholischen Erzieherinnen und Erziehern. Auf die teilweise radikal säkulare und ausgesprochen repressive Pädagogik der damaligen Zeit versuchte Kentenich mit seinen mehrfach gehaltenen Kursen[177] in den frühen Jahren 1930er Jahren zu antworten.[178] Seine erfolgreiche Arbeit und die auf Freiheit ausgerichtete Pädagogik machten ihn vor allem auch für die Nationalsozialisten gefährlich, von denen er bespitzelt wurde.[179]

6.2.3    Zeit des Nationalsozialismus und der Gefangenschaft

In den Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft wurden sukzessive Mitarbeiter und Vertraute Kentenichs, die sich gegen die Diktatur ausgesprochen hatten, von den Nationalsozialisten verfolgt. Am 20. September 1941 wurde Kentenich verhaftet und im Gestapo-Gefängnis in Koblenz untergebracht, in dem er die ersten vier Wochen in Dunkelhaft gefangen genommen wurde.[180] Am 13. März 1942 wurde er in den Priesterblock des  Konzentrationslagers Dachau eingeliefert, den er erst am 6. April 1945 wieder verlassen sollte.[181] Im Konzentrationslager bildeten sich schnell Gruppen mit Priestern die der Schönstattbewegung verbunden waren. Aber Kentenich wandte sich in der Zeit der Gefangenschaft nicht nur Priestern zu. Die beiden im Katholizismus engagierten Laien, Dr. Friedrich Kühr (Lebenddaten nicht gefunden) und Dr. Eduard Pesendorfer (1904-1974), luden ihn ein, Vorträge im Krankenrevier zu halten. Kentenich sah dies als göttliche Initiative, zur Gründung zweier Gemeinschaften: die Marienbrüder[182] und die Schönstatt-Familien[183]. Die beiden genannten Laien begannen im Jahr 1942 zusammen mit Kentenich die Kandidatur, eine Zeit der Erziehung, ähnlich einem Noviziat zur Eingliederung in die Gemeinschaft.

6.2.4    Zeit nach 1945

Die Zeit nach 1945 bis zu Kentenichs Tod war geprägt von ausgedehnten Weltreisen[184] und ab 1949 durch die Auseinandersetzung mit dem Episkopat. Im Anschluss an eine bischöfliche Visitation zur Errichtung des Säkularinstituts der Marienschwestern, folgte 1951 eine apostolische Visitation durch Sebastian Tromp (1889-1975), die zur Folge hatte, dass Kentenich vom Schönstattwerk getrennt, als Generalrektor der Marienschwestern abgesetzt und per Dekret nach Milwaukee in den Vereinigten Staaten versetzt wurde, wo er zum Pfarrer der deutschsprachigen Gemeinde in Milwaukee ernannt wurde.[185]

Am 22. Oktober 1965, kurz vor Abschluss des Zweiten Vatikanischen Konzils wurde die causa ‚Schönstatt und Kentenich’ vom Heiligen Offizium, in dessen Auftrag und Zuständigkeit die apostolische Visitation gelegen hat, an die Religiosenkongregation zurückgegeben. Kardinal Höffner, der damalige Bischof von Münster, der gleichzeitig ‚Custos et Moderator’ des Schönstattwerkes war, schrieb an diesem Tag an die Kardinäle und Erzbischöfe der Deutschen Bischofskonferenz: „Der Heilige Stuhl hat die einschränkenden Bestimmungen, denen H.H. Kentenich und das Schönstattwerk unterstanden, aufgehoben…“[186]. Kentenich wurde am 22. Dezember 1965 von Papst Paul VI. empfangen und konnte am 24.12.1965, nach einem 14 Jahre andauernden Exil, rehabilitiert nach Schönstatt zurückkehren.[187]

Am 15. September 1968 stirbt Kentenich.[188]

6.3       Orientierung am Leben

In der Reflexion der Geschichte der Schönstattbewegung ist für Kentenich die Formulierung des „Einbruch[s; M.G.] des Göttlichen“[189] von Bedeutung. Bei der Gründung von Gemeinschaften, die er in einer Such- und Tastbewegung nach den Spuren Gottes vollzogen hat, wurde er selbst in eine tiefere Gottesbeziehung hineingeführt.[190] Kentenich sah in der Entstehung der Schönstattbewegung vorsehungsgläubig den Willen Gottes verwirklicht.

Ein wichtiger Begriff im Denken Kentenichs ist das Leben[191]. Er fasste in allen seinen Phasen als Gründer verschiedener Gemeinschaften Zeitfragen, aber auch biographische Vorgänge von Menschen auf und verarbeitete diese. Vorrang hatte für ihn aber immer das konkrete Leben, was er an Menschen und ihren Lebensverhältnissen wahrnehmen konnte.[192]

Die Sendung der Schönstattbewegung sieht Kentenich als eine direkte göttliche Initiative. Zum Ende seines Lebens resümiert er, dass auch seine Gründung vom Leben her zu verstehen ist. Er hat Strömungen der Zeit, die sich ihm konkret in den Biographien der Menschen aus seinem Umfeld gezeigt haben, aufgenommen und durch ihre Mitarbeit weitergeführt. Besonders wichtig war ihm, dass diese Initiativen nicht ‚von oben’, sei es seitens der Hierarchie oder durch die Gemeinschaft der Pallottiner, in Gang gesetzt wurden, sondern durch die Initiative von freien Persönlichkeiten entstanden ist. Im Jahr 1956 erklärt er sich gegenüber dem Generalrektor der Pallottiner:

„Zunächst die Tatsache, dass Schönstatt sich ohne sonderliche Unterstützung von oben – von Seiten der Hierarchie – allen Schwierigkeiten zum Trotz einen Weg über Länder und Meere gebahnt hat. Wenn Sie wollen, mögen Sie damit – um einige konkrete Beispiele heranzuziehen – die Förderung vergleichen, die die Katholische Aktion oder die Marianischen Kongregationen im Laufe der Jahre von höchster Stelle aus erfahren und die Früchte, die sie gezeitigt haben.“[193]

6.4       Die drei Zielgestalten der Schönstattbewegung

Kenntenich hat für die Apostolische Bewegung von Schönstatt[194] drei originelle apostolische Anliegen gesetzt. Nach biblischem Auftrag ist das Ziel des Apostolats in dem Auftrag gegeben, alle Menschen zu Jüngern zu machen (vgl. Mt 28,19). Diesen biblischen Auftrag hat für sich in die damalige Zeit übersetzt und für die Schönstattbewegung konkretisiert.

Gleichzeitig sind die von ihm selbst formulierten Ziele weniger ein bewusstes Programm als mehr ein „inneres Gestaltungsprinzip, Leitmotiv, Grundintention, Paradigma“[195], nach dem das gesamte Werk aufgebaut ist. Seit Beginn der 1950er Jahre spricht Kentenich als terminus technicus von den „drei Zielgestalten Schönstatts“[196]:

(1) Neuer Mensch in neuer Gemeinschaft mit universellem apostolischen Einschlag

Das Menschenbild Joseph Kentenichs

Die Schönstattbewegung ist grundlegend eine pädagogische Bewegung. Hauptziel Kentenichs war die Formung, eines neuen Menschentyps, der zum Ziel seiner gesamten Pädagogik, Metaphysik und Philosophie wird.[197]

Er sah den Menschen immer ganzheitlich, als Person in seinen gesamten Lebensbezügen. Der Mensch muss also innerhalb seiner Bezüge in Politik, Gesellschaft und anderen Zeitströmungen gesehen werden. Kentenich wehrte sich vor allem gegen einen Kollektivismus, den er im ‚Bolschewismus’, aber auch im Nationalsozialismus, erkannte und die beide eine Vermassung des Menschen, einen Verlust der eigenen Persönlichkeit und des Eigenwillens zur Folge haben.

„Sein Studium der Anthropologie“[198], seine Lehre vom Menschen, entwickelte Kentenich in der feinfühligen Betrachtung von Menschen und ihren verschiedenen Lebenslagen. Im Menschenbild Kentenichs lassen sich Anleihen bei Martin Heidegger, Karl Jaspers, Peter Wust und Gabriel Marcel finden.[199]

Mit großem psychologischen Feinsinn hat er im Laufe seines Lebens ein psycho-pädagogisches Menschenbild entwickelt, das zu einem spezifischen pädagogischen System geführt hat.[200]

Definitionen des ‚neuen Menschen in neuer Gemeinschaft’

Im Laufe seines Wirkens hat Kentenich die Definition des ‚Neuen Menschen’ immer wieder neu formuliert und verschiedene Aspekte hervorgehoben.[201] In vielen Vorträgen, Tagungen und weiteren Schriften hat er sein pädagogisches Hauptanliegen ausgedrückt.

Er nimmt Bezug auf die biblische Rede vom ‚Neuen Menschen’ in der paulinischen Tradition des Epheser- und Kolosserbriefs (vgl. Eph 4,22-24; Kol 3,1-17): Im Hintergrund steht dabei die Auffassung des Paulus, der im Christen durch die Taufe eine neue Schöpfung versteht. Es gilt für den Menschen nun, sich davon ganz erfassen zu lassen. Der ‚Neue Mensch’ tritt an die Stelle Christi. Es wird Bezug auf Gen 1,26f genommen, wonach der Mensch nach dem Bild Gottes geschaffen ist.[202]

Diese Idee einer freien Persönlichkeit ist bei Kentenich schon sehr früh, bereits im Jahr 1912, präsent.[203] Im Jahr 1950 stellt er fest:

Was mir von Kindheitstagen vor Augen schwebte, ist: der neue Mensch in der neuen Gemeinschaft. Das war mir ganz klar, deine Lebensaufgabe ist: du mußt einen neuen Menschen eine neue Gemeinschaft bauen… Soweit mein Bewußtsein geht, war mir das immer klar und selbstverständlich gewesen den neuen Menschen zu schaffen, der nicht von äußeren Phrasen abhängig ist, der sich von innen entscheidet, der seinen Weg geht, frei von äußerem Drill.[204]

Er möchte einem neuen Menschentyp unter den Bedingungen einer größtenteils säkularisierten Moderne, zum Durchbruch verhelfen.[205] Der Mensch soll geprägt sein durch eine freie Persönlichkeit, damit kehrt er sich aber keinem Individualismus zu, den er für genauso gefährlich hält wie einen zu starken Kollektivismus. Die Ausbalancierung der beiden Pole soll vielmehr in eine „schöpferische Spannungseinheit“[206] führen.[207]

Eine Definition von Kentenichs Vorstellung des neuen Menschen in neuer Gemeinschaft lautet:

Das damit gezeichnete Ideal ist ewig alt und ewig neu. Ewig alt, weil alle Jahrhunderte danach gerungen; ewig neu, weil die erbsündlich belastete Natur immer Abstriche macht und sich in bürgerlicher Sattheit und Mittelmäßigkeit zufriedengeben möchte. Der hier gemeinte ‚neue Mensch’ ist der geistbeseelte und idealgebundene Mensch, fern von aller Formversklavung und Formlosigkeit. Die ‚neue Gemeinschaft’ löst sich – ohne formlos zu sein – von allem seelenlosen Formalismus, vom mechanischen bloß äußerlichen Nebeneinander; sie ringt um tiefe, innerseelische Verbundenheit: um ein seelisches Ineinander, Miteinander und Füreinander, um ein in Gott verankertes, stets wirksames Verantwortungsbewußtsein füreinander, das Individuum und Gemeinschaft auf die Bahn des universellen Apostolates drängt und dort fruchtbar werden läßt.“[208]

In diesem Absatz zeigen sich die wesentlichen Elemente seines Konzepts. Der ‚neue Mensch’ ist für Kentenich eine „geistbeseelte, innerlich freie Persönlichkeit, die sich aus der freiwilligen Bindung an ein hohes Ideal eigenständig entscheidet und selbstverantwortlich durchsetzt“[209]. Der Mensch bildet in dieser anthropologischen Konzeption also eine Ganzheit, die  pluralismus- und beziehungsfähig ist.[210]

Kentenich hat lange vor dem Zusammenbruch des katholischen Milieus und des Volkchristentums Menschen im Blick, „die die Freiheit, Selbstständigkeit, eigene Überzeugung und Autonomie, die Unabhängigkeit von äußeren Stützen in den Vordergrund rücken.“[211]

Erziehung einer freien Persönlichkeit

Kentenichs Schwerpunkt lag in der Erziehung einer freien Persönlichkeit, mit dem Ziel zur Befähigung zu apostolischem Wirken. Als besonders hilfreich erachtete er dabei die Orientierung an einem Ideal, denn „hat der einzelne Mensch oder eine Gemeinschaft im Ideal die zentrale Ausrichtung und Lebenshaltung gefunden, besitzen sie darin die Wurzel und Mitte einer geistbeseelten Lebensordnung.“[212]

Aufgrund des Zusammenschlusses solcher freien Persönlichkeiten wächst dann eine neue gemeinschaftliche Struktur, ‚neue Gemeinschaft’ genannt.[213]

Bei der Setzung dieses pädagogischen und apostolischen Ziels für die Schönstattbewegung waren für Kentenich immer sowohl Laien und Ordensleute, als auch Priester, also alle kirchlichen Stände, im Blick.[214]

Schon früh hat Kentenich erkannt, dass es zur Herausbildung dieses neuen Menschentyps eine entsprechende Laienspiritualität baucht. Er greift vor allem auf das Konzept des Franz von Sales (1567-1622) zurück[215], der in seinem Buch „Philothea“, eine „Anleitung zum frommen Leben“[216] für alle Stände gegeben hat. Franz von Sales löste die Frömmigkeit von der Ordensspiritualität ab und führte diese auf das überzeitlich Wesentliche, die vollkommen Liebe, zurück. Eine solche Frömmigkeit kann angepasst werden an die jeweilige individuelle Lebenssituation.

In dieser Tradition sieht sich auch Kentenich mit der Schrift „Werktagsheiligkeit“[217]. Dieses stellt ein aszetisch-pädagogisches Konzept, in dem die Grundzüge des ‚neuen Menschen’ dargelegt sind. In der Werktagsheiligkeit versucht der Mensch alles Geschöpfliche auf Gott hin durchsichtig zu machen. Alle menschlichen Beziehungen sollen auf Gott hin gedeutet werden.[218] Christliches Leben sollte sich nach Kentenich nicht auf den sonntäglichen Gottesdienstbesuch beschränken, sondern er war der Meinung, dass alle Christen durch die Herausforderungen der Alltags zur Heiligkeit gelangen können.

Handlungssubjekt ‚neuer Mensch’

Mit Bausenhart lassen sich vier Kennzeichen dieses ‚neuen Menschen’ festmachen[219]:

  • Die persönliche Lebenskultur gestaltet er (der ‚neue Mensch’) aus seinen Werten und Überzeugungen heraus und kann diese auch sichern. Dies macht ihn in einer pluralisierten Gesellschaft tolerant gegenüber anderen säkularen und religiösen Lebensvollzügen.
  • Sein persönlicher Glaube bedarf keiner gesellschaftlichen Stützen. Die Lebendigkeit des Seelenlebens versucht er sich selbst zu erschließen und in seinen Lebensvollzug zu integrieren.
  • Er lebt aus einer engen Verbindung mit Gott, die durch Begegnung mit ihm ständig gestärkt und belebt wird. Täglich wird er sich der „Gnadenwirksamkeit“ Gottes bewusst und begibt sich in seine Hände.
  • In Freiheit und Liebe bindet er sich an Gott, von dem er sich bestimmen lässt und als dessen freiwilliges ‚Werkzeug’ er sich erfährt.

Diese Kennzeichen zeigen, dass sich der neue Mensch in den verschiedenen Lebensbereichen als Handlungs-Subjekt wahrnimmt. Er ist derjenige, der seine Lebensvollzüge gestaltet, derjenige der seinem Glauben frei von gesellschaftlichem Stützen Ausdruck verleiht, derjenige, der eine unmittelbare Verbindung zu Gott pflegt und derjenige, der sich letztlich in Freiheit an Gott an Gott bindet.

 (2) Rettung und Verwirklichung der heilsgeschichtlichen Sendung des Abendlandes[220]

Im Jahr 1918 erregte eine Publikation von Oswald Spengler (1880-1936) große Aufmerksamkeit.[221] In dieser Veröffentlichung ging es um die Frage, ob die vom Christentum geprägte, westliche Kultur zu einem Ende gekommen sei. Die westliche Kultur habe zwar noch christliche Elemente, diese seien aber in einer immer pluraler werdenden Gesellschaft verloren gegangen.

Bei der Zielgestalt ‚Rettung der heilsgeschichtlichen Sendung des Abendlandes’ geht es Kentenich nicht um die Rettung des Abendlandes an, sondern um die Rettung der Sendung in einem Moment, in dem diese verloren zu gehen scheint.

Die Sendung des Abendlandes heute, die letztlich allen Kulturen aufgetragen ist, besteht nach Kentenich darin, sich in einer im Wandel befindlichen globalen Welt, die von vielerlei Kulturen inspiriert und von christlichen Werten getragen ist, zu gestalten.[222] Diesem Anspruch ist das Abendland nie in vollem Maß nachgekommen, zumindest im Vergleich zum technischen und wirtschaftlichen Fortschritt, den es in die Welt getragen hat. Die Kulturen haben daher die Pflicht, dass „die heilsgeschichtliche Sendung des Gottmenschen in die ganze Welt hineingetragen würde “[223], so Kentenich 1967 in Oberkirch.

Für die Schönstattbewegung sieht er die originelle Sendung darin, der Welt die Verbindung, das „Grundverhältnis von Erst- und Zweitursache zu vermitteln.“[224] Diese Aufgabe der christlichen Kultur ist bis heute aktuell. Als Beispiele sind der Dialog der Weltreligionen, die Aufgabe der Inkulturation des Christentums in fernöstliche, oder afrikanische Traditionen, die Globalisierung, oder der militante Fundamentalismus, zu nennen. Bei der Verbindung von Erst- und Zweitursache[225] bezieht sich Kentenich auf die Zweitursachenlehre des Thomas von Aquin (um 1225-1274), die in dem Merksatz Deus operatur per causas secundas liberas[226] kulminiert. Gott lenkt die Welt durch frei wirkende Zweitursachen, den Menschen. Diesen Grundsatz vom Zusammenspiel zwischen Natur und Gnade soll der ‚Neue Mensch’ verkünden und leben. Die Gesellschaft sollte durch ein „organisches Denken, Leben, Lieben“ bestimmt sein, das Menschen und alle weltlichen Dinge auf Gott hin transparent macht.

Die Auffassung das einem bestimmten Kulturkreis, dem Abendland, ein spezifischer missionarischer Auftrag gegeben ist, klingt für die heutige Zeit irritierend, gerade hinsichtlich aktueller politischer Debatten in Deutschland. Kentenich muss hier aber auch auf dem Hintergrund seiner Zeit und seiner Ausbildung bei den Pallottinern gelesen werden. Seine Ausbildung war darauf ausgerichtet, einmal als Missionar nach Afrika zu gehen.[227]

Dennoch wird der Christ in dieser Zielgestalt dazu angeregt, in der Welt apostolisch zu handeln und als Werkzeug Gottes die Gesellschaft zu prägen.

(3) Auf- und Ausbau eines Apostolischen Weltverbandes

Ein hohes Ziel

Die geschichtliche Wurzel der dritten Zielgestalt Kentenichs liegt in einer vom Glauben bestimmten Übernahme der Sendung Vinzenz Pallottis. In einem Brief an Josef Fischer im Jahr 1916, der in der Folge ‚ergänzender Gründungsakt’ genannt wurde, macht Kentenich die Verbindung zwischen Pallotti und Schönstatt deutlich:

„Da muß ich weit ausholen, Ihnen meine zum großen Teil noch unreifen Pläne und Ideen mitteilen und Ihr Arbeitsgebiet abgrenzen. […] Ein Gedanke, zu umfassend, um gleich als durchführbar gehalten zu werden, aber auch zu schön und nach der augenblicklichen Entwicklung der Dinge nicht zu phantastisch, nicht ganz unmöglich, um schlechterdings abgewiesen zu werden. Mir schwebt eine Organisation vor – ähnlich wie unser Ehrw. Stifter die ganze Welt einteilen wollte. […] Träume! Freilich! Und sollten sie einmal Wirklichkeit werden, dann gehört ein Menschenalter zu ihrer klugen, zielbewußten und organisatorisch vollendeten Durchführung.“[228]

Es handelt sich bei der Zielsetzung um eine Organisation, die alle apostolischen Kräfte innerhalb der Kirche und der Schönstattbewegung koordiniert. Es soll eine „sinngemäße Verklammerung und Beseelung“ aller apostolischen Kräfte stattfinden.[229] So schreibt er im Jahr 1955 an Alexander Menningen (1900-1994), einem besonderen Vertrauten Kentenichs.

Diese große, ja fast größte Aufgabe ist nach Kentenich nicht zu verwirklichen ohne eine explizite göttliche Initiative, die er im Liebesbündnis vom 18. Oktober 1914 und in der Sendung Vinzenz Pallottis erkennt.[230]  Dieser Zusammenhang zwischen der Sendung Pallottis und der originellen Spiritualität Schönstatts, die sich im Gründungsakt vom 18. Oktober 1914 fest macht, hat im Laufe der geschichtlichen Entwicklung zu enormen Spannungen zwischen der Gesellschaft der Pallottiner und der Schönstattbewegung geführt.[231]

Zur Einhaltung dieser Zielgestalt konnte nicht der Versuch einer Koordinierung aller apostolischen Kräfte in der Kirche unternommen werden. Dies wäre klar eine Überforderung gewesen. Kentenich wollte in einem ersten Schritt eigene Gründungen, die aus der Spiritualität des Liebesbündnisses wachsen, in einer föderativen Struktur zusammenfassen. Dieser Zusammenschluss bildet allerdings nur den ersten Flügel des apostolischen Weltverbandes, der einen Modellfall darstellen soll.

Die beiden Flügel und endgültige Gestalt

Die endgültige Gestalt des apostolischen Weltverbands ist also zweigeteilt in: (1) einen ersten Teil der im Liebesbündnis geeint ist, und (2) einen Teil, in dem alle apostolischen Kräfte der Kirche, bei Wahrung der je eigenen Selbstständigkeit, zusammengefasst sind. Übergreifend ist nach dem Modell Pallottis ein pars centralis et motrix, der alle Gemeinschaften (aus beiden Teilen) einschließt, zu bilden.[232]

Kentenich ist sich dieses großen Gedankens bewusst, sieht sich aber auch durch Gottes Wirken in dem Einleiten weiterer Schritte bestätigt. Dieser 1916 erstmals geäußerte Gedanke, taucht in den schriftlichen Quellen lange Zeit nicht mehr auf, trotzdem hat Kentenich diese Zielsetzung beim Aufbau des Schönstattwerks und der Gründung der einzelnen Gemeinschaften immer im Blick.

Strukturell besteht die Schönstattbewegung bis heute aus einer großen Vielfalt an Gemeinschaften für alle Glieder der Kirche. Es gibt Gemeinschaften mit einem je unterschiedlichen Grad an Bindung.

Die Schönstattbewegung, der bereits jetzt bestehende erste Flügel, ist föderativ aufgebaut, was bedeutet, dass sich jede Gemeinschaft selbstständig leitet und autonom ist. Dies stellt eine von Kentenich ausdrücklich gewollte und vorgegebene Grundordnung dar.[233] Jede Gemeinschaft, unabhängig ob Laien- oder Priestergemeinschaft, steht damit unter der Spannung zwischen Eigengesetzlichkeit und Gliedhaftigkeit, weil diese in die föderative Struktur der Schönstattbewegung eingegliedert ist.

Die Gemeinschaften gliedern sich nach zwei Merkmalen: Das eine Merkmal ist der Naturstand. Damit gibt es Gemeinschaften für Priester, zölibatär lebende Frauen und Männer, Verheiratete, Familien und Jugendliche. Das zweite Merkmal ist der Grad der Zugehörigkeit: Die Volks- und Wallfahrtsbewegung, die Liga, die Bünde und die Verbände.

6.5       Schönstatt – Apostolischer Verantwortungsraum in dreifacher Dimension

Die Schönstattbewegung als eine föderativ aufgebaute Laienbewegung richtet sich in ihren Zielsetzungen an alle Glieder der Kirche: Laien, Ordensleute und Priester.[234] Durch die Zielsetzungen wird besonders den Laien ein innerkirchlicher Raum geschaffen, in dem sie eigenständig Verantwortung tragen können.[235]

Dieser Raum drückt sich nach Czarkowski[236] auf drei Ebenen aus: (1) Strukturell, durch den föderativen Aufbau der Schönstattbewegungen ergibt sich für den Laien die Möglichkeit der Vernetzung mit anderen Gemeinschaften, sowohl innerhalb Schönstatts, als auch mit anderen kirchlichen Organisationen. (2) Spirituell und pädagogisch, was bei Kentenich in einer Einheit zu denken ist. Durch die Konzeption des neuen Menschen in neuer Gemeinschaft ist jedes Mitglied eigenverantwortlich für sein geistliches Leben. Durch die Spiritualität Schönstatts bekommt jede und jeder aber auch Hilfen angeboten. (3) Gesellschaftlich, die Reaktivierung der Sendung des christlichen Abendlandes bezieht sich unmittelbar auf den Weltauftrag aller Christen, es handelt sich dabei um eine „seinsgerechte und gottbezogene“[237] Gestaltung der Gesellschaft.

[1] Vgl. Monnerjahn: Pater Joseph Kentenich

[2] Monnerjahn, Engelbert: Häftling Nr. 29392. Vallendar-Schönstatt (31975).

[3] Vgl. Schatz: Kirchengeschichte der Neuzeit II, S.147-153.

[4] Vgl. Schatz: Kirchengeschichte der Neuzeit II, S.121

[5] Schatz: Kirchengeschichte der Neuzeit II, S.130.

[6] Schatz: Kirchengeschichte der Neuzeit II, S.156.; vgl. auch Maas: Cooperatores Christi, S. 134-136.

[7] Vgl. Schatz: Kirchengeschichte der Neuzeit II, S.156.

[8] Vgl. Kapitel 4.2

[9] Vgl. Schmiedl, Joachim: Art. Konzil, Zweites Vatikanisches. Brantzen, Hubertus (Hg.): Schönstatt-Lexikon: Fakten – Ideen – Leben. Vallendar-Schönstatt (22002), S. 203-204; hier: S.204 (abgekürzt: Schönstatt-Lexikon).

[10] Kentenich, Joseph. Zitiert nach: Schlickmann, Dorothea M.: Die verborgenen Jahre. Pater Josef Kentenich. Kindheit und Jugend (1885-1910). Vallendar-Schönstatt (22007), S. 220.

[11] Die Terminologie ist dahingehend nicht einheitlich, dass nicht scharf zwischen den Begriffen ‚Schönstattbewegung’, ‚Schönstattwerk’ und ‚Apostolischer Bewegung von Schönstatt’ unterschieden wird. Die Termini überlappen sich allerdings weitgehend, weshalb ich die Begriffe im Folgenden synonym verwenden werde.

[12] Kentenich, Joseph: Vorgründungsurkunde. Das Programm des neuen Spirituals. In: Kastner, Ferdinand (Hrsg.): Unter dem Schutze Mariens. Paderborn (1939), S. 21-27; auch zu finden in: Kentenich, Joseph: Schönstatt – Die Gründungsurkunden. Vallendar-Schönstatt (71995), S. 9-20.

[13] Kentenich hat den Vortrag vor Schülern gehalten, die sich auf das besondere Priestertum vorbereiteten. Wenn er in späteren Vorträgen diesen Punkt anspricht, gerade wenn die Zuhörerschaft nicht aus (angehenden) Klerikern besteht, lässt Kentenich den Zusatz „priesterlich“ außen vor.

[14] Vgl. Monnerjahn: Pater Joseph Kentenich, S. 65.

[15] Schon hier zeigt sich die die spätere Zielgestalt des ‚neuen Menschen in neuer Gemeinschaft’ (Vgl. Kapitel 6.3)

[16] Schlickmann, Dorothea M.: Herbststürme 1912. Vallendar-Schönstatt (2012), S. 57.

[17] Schlickmann: Herbststürme 1912, S. 57.

[18] Schlickmann: Herbststürme 1912, S. 58.

[19] Kentenich hat die Schüler von Anfang an als Subjekte in dem Erziehungsprogramm verstanden. In einem späteren Vortrag zu seiner freiheitlichen Erziehungsmethode sagt er: „Da habe ich zunächst dargestellt, wie ich alle Schüler als Mitarbeiter aufgefasst; nicht nur als Baustein, sondern auch als Baumeister und Architekten. Verstehen Sie die psychologische Bedeutung, die Grundeinstellung? Eine ungemein starke Ehrfurcht vor meiner Gefolgschaft als Mitarbeiter.“ (Kentenich, Joseph: Vortrag vom 27.2.1952. In: Brasilien-Terziat. Terziat der Pallottinerpatres in Santa Maria/Brasilien vom 16.2. – 5.3. 1952. Schönstatt (1975), Band 3, S. 29).

[20] Vgl. Monnerjahn: Pater Joseph Kentenich, S. 66.

[21] Vgl. Kentenich, Joseph: Gründungsurkunde vom 18. Oktober 1914. In: Kastner, Ferdinand (Hg.): Unter dem Schutze Mariens. Paderborn (1939), S. 289-293; auch zu finden in: Kentenich: Schönstatt – Die Gründungsurkunden, S. 21-27.

[22] Vgl. Penners, Lothar: Art. Liebesbündnis. In: Schönstatt-Lexikon, S. 229-233; hier S. 230.

[23] Monnerjahn: Pater Joseph Kentenich, S. 81.

[24] Siehe hierzu besonders Kapitel 7.1.2

[25] Kentenich, Joseph: Brief an Josef Fischer vom 22. Mai 1916. In: Kastner, Ferdinand (Hrsg.): Unter dem Schutze Mariens, Paderborn 1939, S.334-338; hier: S. 336.

[26] Vgl. Monnerjahn: Pater Joseph Kentenich, S. 96f.

[27] Zur damaligen Zeit wurden so Mitglieder der Marianischen Kongregation genannt, unter der die Schüler bisher organisiert waren.

[28] Diözesanrat des Schönstattwerkes im Erzbistum Paderborn (Hg.): Hörder Dokumente. Zum fünfzigjährigen Jubiläum der Hörder Tagung. Paderborn (1969), S. 87.

[29] Schmiedl, Joachim: Art. Marianische Kongregation. In: Schönstatt-Lexikon, S. 246

[30]Zeppenfeld, Alois: Abteilungsbrief mit den Statuten der Hörder Tagung. In: Diözesanrat des Schönstattwerkes im Erzbistum Paderborn (Hg.): Hörder Dokumente. Zum fünfzigjährigen Jubiläum der Hörder Tagung. Paderborn (1969), S.87-89; hier: S. 87.

[31]Zeppenfeld: Abteilungsbrief mit den Statuten der Hörder Tagung, S. 87.

[32]Kostka, Alicija: Der „Geist von Hörde“ – damals und heute. In: Regnum 44 (2010), S.42-48; hier: S. 46.

[33] Kentenich, Joseph: Texte zum Verständnis der Apostolischen Liga. Herausgegeben von Pater Heinrich Hug. Vallendar-Schönstatt (1982), S.28.

Die Bezeichnung der neuen Organisation lässt deutlich die sprachliche und inhaltliche Nähe zu Vinzenz Pallotti erkennen (Vgl. Maas: Cooperatores Christi, S. 145.).

[34] Vgl. Diözesanrat: Hörder Dokumente, S. 128-130.

[35] Vgl. Monnerjahn: Pater Joseph Kentenich, S. 107.

[36] Vgl. Houx, Liesel: Art. Schönstatt-Frauenbund. In: Schönstatt-Lexikon, S. 354-355.

[37] Vgl. Buesge, Pia M.: Art. Säkularinstitut der Schönstätter Marienschwestern. In: Schönstatt-Lexikon, S. 335-338.

[38] Maas: Cooperatores, S. 146.

[39] Von besonderem Interesse ist dabei der Kurs „Marianische Erziehung“ aus dem Jahr 1934. In diesem Kurs stellt Kentenich die Frage: „Wie können wir Deutschland wieder Christus geben?“ Die gegnerische Seite und deren Strategie die Massen hinter sich zu versammeln hatte Kentenich im Blick: „Das werden und müssen sie der Gegenströmung lassen: Meisterhaft versteht sie die Volkspsychologie zu handhaben.“ (Kentenich, Joseph: Marianische Erziehung. Pädagogische Tagung 1934. Vallendar-Schönstatt (1971), S. 61.) Kentenich gab eine Antwort, wie dieser Bewegung der Entchristlichung entgegengetreten werden kann. Eine „erleuchtete Marienverehrung“ ist nach Kentenich das Mittel der Wahl, um eine „umfassende katholische Glaubensbewegung“ in Gang zu bringen. (Kentenich: Marianische Erziehung, S.28.)

[40] Vgl. Monnerjahn: Pater Joseph Kentenich, S. 136.

[41] Vgl. Maas: Cooperatores, S. 146.

[42] Vgl. Monnerjahn: Pater Joseph Kentenich, S. 187-200.

[43] Vgl. Monnerjahn: Pater Joseph Kentenich, S. 200-225.

[44] Vgl. Kuller, Dietger M: Art. Schönstatt-Institut Marienbrüder. In: Schönstatt-Lexikon, S. 356-357.

[45] Vgl. Gerwing, Manfred: Art. Schönstatt-Familienbund. In: Schösntatt-Lexikon, S. 353-354. Eine ausführliche geschichtliche Darstellung, wie es zur Gründung des Instituts kam, ist zu finden in: Meyer, Horst: Das Institut der Schönstattfamilien. Ein Säkularinstitut für Eheleute?, In: Regnum 23 (1989), S.183-190; besonders: S. 183-185.

[46] Vgl. Monnerjahn: Pater Joseph Kentenich, S. 228-242.

[47] Vgl. Monnerjahn: Pater Joseph Kentenich, S. 264-288.

[48] Zitiert nach: Schönstatt im Raum der Kirche. In: Linge, Rudolf (Hg.): Aus Liebe zur Kirche. Beiträge zur Spiritualität der Schönstattfamilie. Vallendar-Schönstatt (1984), S. 15.

[49] Vgl. Monnerjahn: Pater Joseph Kentenich, S. 289-296.

[50] Vgl. Monnerjahn: Pater Joseph Kentenich, S. 329-331.

[51] Kentenich: Propheta locutus est, Band 20, S. 20.

[52] Vgl. Schmiedl, Joachim: Art. Meilensteine. In: Schönstatt-Lexikon, S. 254-256.

[53] Kentenich sah sich als ‚Verbindungsoffizier’, der die Dogmatik in das Leben, in konkrete Lebensgebiete, von ihm Lebensvorgänge genannt, hineinübersetzen wollte. Die Orientierung Kentenichs am Leben ist letztlich Ausdruck seines großen Respekts vor dem Sein des Menschen, das im Leben zum Ausdruck gebracht wird. Er versucht mit großer Achtung „Stimmen des Lebens“ zu hören und sie als „Stimmen des Gott des Lebens“ zu deuten (Vgl. King, Herbert: Art. Leben. In: Schönstatt-Lexikon, S. 212-217; hier: S. 212; S. 217.).

[54] In diesem Zusammenhang sprach Kentenich von Zeit-, Sein- und Seelenstimmen, die es wahrzunehmen gilt. (Vgl. hierzu vor allem zu den Zeitenstimmen: Zimmerer, Georg: Wer Ohren hat, der höre! Neu Lernen, Gottes Stimme in der Zeit zu vernehmen durch Impulse von Josef Kentenich und Niklas Luhmann. Zulassungsarbeit zur Theologischen Hauptprüfung 2011/12. URL: http://www.josef-kentenich-institut.de/diplomarbeiten_jki-preis/diplom_zimmerer/index.html [abgerufen am 6. Juli 2016].

[55] Kentenich: Möhlerbrief 1956, S.61-62.

[56] Die Terminologie ist dahingehend nicht einheitlich, dass nicht scharf zwischen den Begriffen ‚Schönstattbewegung’, ‚Schönstattwerk’ und ‚Apostolischer Bewegung von Schönstatt’ unterschieden wird. Die Termini überlappen sich allerdings weitgehend, weshalb ich die Begriffe im Folgenden synonym verwenden werde.

[57] King, Herbert: Joseph Kentenich –  ein Durchblick in Texten. Vallendar-Schönstatt (1998), Band 1, S. 27.

[58] Kentenich, Joseph: Brief an Joseph Schmitz. In: Kentenich, Joseph: Das Lebensgeheimnis Schönstatts. Vallendar-Schönstatt (1971), Band 1, S. 38.

[59] Vgl. Penners, Lothar: Pädagogik des Katholischen. Studien zur Denkform P. Joseph Kentenichs. (Schönstatt-Studien 5) Vallendar-Schönstatt (1983), S. 144.

[60] Bausenhart, Guido: „Der neue Mensch“ – Perspektiven Joseph Kentenichs. In: Schönemann, Hubertus; Söder, Joachim (Hg.): Wohin ist Gott? Gott erfahren im säkularen Zeitalter. (Theologie im Dialog 10) Freiburg (2013), S.86-120; hier: S. 88.

[61] Vgl. Bausenhart: „Der neue Mensch“, S. 89.

[62] Kentenichs pädagogisches System ist orientiert sich an den so genannten fünf Leitsternen der Schönstatt-Pädagogik: Bindungspädagogik, Bewegungspädagogik, Bündnispädagogik, Idealpädagogik und Vertrauenspädagogik. (Vgl. Frömbgen, Erika: Art. Pädagogik. In: Schönstatt-Lexikon, S. 293-297).

[63] Im Jahr 1955 schreibt Kentenich in einem Brief, welche zentrale Bedeutung die Idee des ‚Neuen Menschen’ in seinen Gründungen hatte: „Leitende Idee war und ist der neue Mensch in der neuen Gemeinschaft mit universellem apostolischen Gepräge.“ (Kentenich, Joseph: Brief an P. Alexander Menningen vom 31.5.1955. In: Kentenich, Joseph: Schönstatt-Pallotti. Briefe 1947 bis 1955. Vallendar-Schönstatt (2009), S. 418.)

[64] Vgl. Bausenhart: „Der neue Mensch“, S.87-88.

[65] Dieser Punkt ist bereits in der Vorgründungsurkunde, aus dem Jahre 1912. Die programmatische Überschrift lautete damals: „Wir wollen lernen, unter dem Schutz Mariens uns selbst zu erziehen zu freien, starken, priesterlichen Charakteren“ (vgl. Kentenich: Vorgründungsurkunde, S. 23.) Zu diesem Zeitpunkt stand Kentenich nach eigener Aussage die Idee des neuen Menschentyps aber schon vor Augen, ohne dass er dabei auf ein bereits vorhandenes pädagogisches System zurückgreifen konnte.

[66] Zitiert nach: Boll, Günther M: Prophetischer Menschenbildner. In: Regnum 4 (1969), S. 26-34; hier: S. 29.

[67] Vgl. King: Durchblick in Texten, Band 1, S. 27.

[68] Kentenich, Joseph: Philosophie der Erziehung. Prinzipien zur Formung eines neuen Menschen- und Geminschaftstyps. Bearbeitet von Herta Schlosser. Vallendar-Schönstatt (31993), S. 46.

[69] Die Spannungseinheit zwischen Gemeinschaft und Individuum, die Kentenich bei seiner Konzeption mitdenkt kommt in folgendem Zitat besonders zum Ausdruck: „Die neue Gemeinschaft charakterisiert es so: Vollkommene Gemeinschaft auf Grund vollkommener Persönlichkeit(en); beide getragen von der elementaren Grundkraft der Liebe.
Der neue Mensch ist die eigenständige, die beseelte, die entscheidungsfreudige und -willige, die selbstverantwortliche und innerlich freie Persönlichkeit, die sich gleicherweise fernhält von starker Formversklavung und bindungsloser Willkür. Sie kennt also keine absolute Autonomie. Weil sie sich am Ideal des dreifaltigen Gottes orientiert, lebt sie in allen Entwicklungsstufen nach den Seinsgesetzen desselben dreifaltigen Gottes. Sie verbindet also Autonomie und Heteronomie.“ (Kentenich: Philosophie der Erziehung, S. 49).

[70] Kentenich, Joseph: Texte zum Verständnis Schönstatts. Herausgegeben von Pater Günther M. Boll. Vallendar-Schönstatt (1974), S. 149.

[71] Schlosser, Herta: Der neue Mensch – die neue Gesellschaftsordnung. Vallendar-Schönstatt (1971), S. 68-69.

[72] Kentenich hat schon früh einen Wandel der Kirche in der westlichen Welt vor Augen. Er möchte der Kirche mit seinen Gemeinschaften und der Entfaltung „der Laienaszese und der Laiensoziologie […] inmitten einer heidnischen Welt diasporafähige Menschen und Gemeinschaften schenken.“ (Kentenich, Joseph: Sie kam – Sie sah – Sie siegte. Lehrbriefe 1949. Berg Sion (1997), S.329)

[73] Bausenhart: „Der neue Mensch“, S. 90.

Die damals vorherrschende Pädagogik gleicht nach Bausenhart in dem hierarchischen Modell dem Verhältnis von Laie und Kleriker, wie in der kirchlichen Ekklesiologie gegeben war.

[74] Penners: Pädagogik des Katholischen, S. 164.

Bei aller Bindung an ein Ideal ist Kentenich aber die Freiheit ein wichtiges Moment der Persönlichkeit: In Anlehnung an Immanuel Kant (1724-1804) sieht Kentenich Freiheit als wesentliche Voraussetzung für Persönlichkeit, die nicht nur vernunftbedingt, sondern auch als gottgegeben sieht. (Vgl. Schlickmann, Dorothea M.: „Die Idee von der wahren Freiheit“: eine Studie zur Pädagogik Pater Josef Kentenichs. Vallendar-Schönstatt (22001), S. 89-91.) Die menschliche Vernunft allein ist nicht ausreichend, um sittliche Wertvorstellungen zu erziehen und in einen Lebensvollzug zu bringen. Kentenich möchte den Menschen dazu anleiten, aufgrund eines ganzheitlichen Lebensvollzugs, sich in der Liebe Gottes beheimatet zu wissen und aus diesem Bewusstsein heraus das Leben zu gestalten. Vorbild für den Neuen Menschen ist dabei Maria, die sich bewusst auf Gott einlässt, ihm in ihrem Leben einen Platz gibt und voller Hoffnung auf ihn das Leben gestaltet. (Vgl. Vgl. Vautier, Paul: Art. Maria. In: Schönstatt-Lexikon, S. 242-246; hier: S.243-244.)

[75] Vgl. Schlosser: Der neue Mensch, S. 134.

[76] Vgl. Kentenich: Texte zum Verständnis Schönstatts, S. 150.

[77] Kentenich sah in Franz von Sales eine Art von ‚Geistesverwandten’. So schreibt er zur Würdigung des Kirchenlehrers: „Sein religionspädagogisches Genie war notwendig, um in einer Zeit, wo die öffentliche Meinung fast nur eine ausgesprochene Ordensaszese kannte, mit mutigem Griff die Frömmigkeit von der üblichen Ordensform zu lösen, um sie auf das überzeitlich Wesentliche, auf die vollkommene Liebe, zurückzuführen und sorgfältig persönlicher Individualität und origineller Lebensstellung anzupassen. Deshalb gilt er in der Geistesgeschichte der des Abendlandes als Pionier der Werktagsheiligkeit für alle Stände, als Kirchenlehrer und Lehrmeister einer ausgesprochenen Laienaszese, als Vorkämpfer für die geistige Art der instituta saecularia und aller verwandten Strömungen.“ (Kentenich: Texte zum Verständnis Schönstatts, S. 151.)

[78] Sales, Franz von: Philothea. Anleitung zum religiösen Leben. Fribourg (2000).

Kentenich kam schon während seiner Ausbildungszeit mit der Spiritualität des Franz von Sales in Kontakt. Mit den Gedankengängen einer weltfernen Ordensaszese konnte er schon damals weniger anfangen. (Vgl. Schlickmann: Die verborgenen Jahre. Pater Josef Kentenich, S. 177.)

[79] Vgl. Sales, Franz von: Philothea. Anleitung zum religiösen Leben. Fribourg (2000).

[80] Brantzen, Hubertus: Art. Werktagsheiligkeit. In: Schönstatt-Lexikon, S. 428-431.

[81] Vgl. Bausenhart: „Der neue Mensch“, S. 120.

[82] Vgl. Penners, Lothar: Art. Heilsgschichtliche Sendung des Abendlandes. In: Schönstatt-Lexikon, S. 149-153.

[83]Vgl. Spengler, Oswald: Untergang des Abendlandes: Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte. Düsseldorf (2007).

[84] Vgl. Penners: Pädagogik des Katholischen, S. 158-159.

[85] Kentenich: Propheta locutus est, Band 15, S. 223.

[86] Kentenich: Propheta locutus est, Band 15, S. 225.

[87] Vgl. Vautier, Paul: Art. Natur und Gnade. In: Schönstatt-Lexikon, S. 269-272.

[88] Gott wirkt durch freie Zweitursachen (Zitiert nach Kentenich: Propheta locutus est, Band 15, S. 226).

[89] Vgl. Maas: Cooperatores Christi, S. 153, Anmerkung 608.

[90] Kentenich: Brief an Josef Fischer vom 22. Mai 1915, S. 334-336.

[91] Kentenich: Brief an P. Alexander Menningen vom 31.5.1955, S. 427.

[92] „Beide Wesenselemente [Schönstatt und Pallotti, M.G.] existieren nunmehr, wie sie in den göttlichen Plänen seit Ewigkeit ruhten. Beide sind wesenhaft aufeinander angewiesen. Bleiben sie nicht in unzertrennlicher Zweieinheit miteinander verbunden, so verlieren beide gleichzeitig ihre Vollendung und bestimmen dadurch eine katastrophale Entwicklung des ganzen Werkes, besser, seinen teilweisen oder ganzen Zusammenbruch.“ (Kentenich: Möhlerbrief 1956, S.122.)

[93] Auf dem Generalkapitel der Pallottiner im Jahr 1947 wurde die Schönstattbewegung als zeitgemäße Form des katholischen Apostolats betrachtet. Bei den Pallottinern waren viele auf Schönstatt ausgerichtete Mitglieder, die, so auch das Selbstverständnis des Schönstattwerks, in der Zielsetzung des apostolischen Weltverbands, einen Neuansatz der pallottinischen Idee sahen. Die Oberen der Gesellschaft der Pallottiner sahen im apostolischen Weltverband eine nicht durchführbare Utopie, die als konkrete Zielsetzung abzulehnen ist. (Vgl. Vautier, Paul: Art. Weltapostolatsverband. In: Schönstatt-Lexikon, S. 422-426.) Diese Spannungen waren unter anderem Grund dafür, dass 1964/65 zur Trennung des Schönstattwerks von den Pallottinern kam. Als pars centralis et motrix des Schönstattwerks wurde am 18. Juli 1965 das Säkularinstitut der Schönstattpatres gegründet. Die ersten Mitglieder dieser ebenfalls gelübdelosen Priestergemeinschaft waren weitestgehend Pallottiner, die Schönstatt besonders verbunden waren und daher in diese Gemeinschaft übergetreten sind.

[94] Die eine Säule ist Schönstatt, das historisch gewordene Schönstatt, die andere Säule sind alle Gemeinschaften im Raume der Kirche, die Apostolat zur Aufgabe haben. Diese zwei Säulen müssen sich nun eigengesetzlich entwickeln. Unsere Säule ist zunächst das Tragende. Sie müssen jetzt unsere Säule, das historisch gewordene Schönstatt, wie es heute existiert auffassen als – ja wie soll ich das sagen? – als ein gewisses Modell (Vgl. Kentenich, Joseph: Kentenich: Propheta locutus est, Band 5, S.267.).

[95] „Das dadurch grundgelegte Spannungsverhältnis entspricht der Struktur der Gesamtfamilie, ist überall bewusst als Regulativ und immanente Triebkraft eingebaut und bewahrt in diesem Falle beide Teile vor Selbstherrlichkeit und Selbstgenügsamkeit und ist fähig, einen edlen Wettstreit zu entfalten und in der Schwebe zu halten.“ (Kentenich: Propheta locutus est, Band 18, S. 266.)

[96] Die Priestergemeinschaften besitzen grundsätzlich keine Jurisdiktionsgewalt gegenüber den Laiengemeinschaften. Eine Ortsbestimmung zwischen Priestern und Laien wird über die jeweiligen Statuten und Satzungen des Instituts geregelt. Maß wird immer an der jeweiligen spezifischen Sendung der Gemeinschaft genommen und ist davon abhängig. (Vgl. Czarkowski, Hans: Schönstatt als Laienbewegung. In: Regnum 21 (1987), S.99-107; hier: S. 103.)

[97] Vgl. Czarkowski: Schönstatt als Laienbewegung, S. 99.

[98] Vgl. Czarkowski: Schönstatt als Laienbewegung, S. 99-100.

[99] Czarkowski: Schönstatt als Laienbewegung, S. 100.