KR-3 DE 66

66. Der „Neue Mensch“ auf dem Hintergrund unserer Zeit.

Der vorliegende Text ist zwei Quellen entnommen, dem „Maibrief 1948“ (in: Sie kam, sie sah, sie siegte [ed. Heinrich Hug, 1997], S. 54 – 60) und dem „Afrika- Bericht 48“ (in: Anfänge Schönstatts in Südafrika [ed. Heinrich Hug, 1999] S.145-146).
Für unser Lesebuch ist entscheidend, dass sich die Definition Pater Kentenichs vom „Neuen Menschen“ findet. Nun müssen Definitionen, zumal wenn sie sehr kompakt sind, auch entschlüsselt werden, damit man vom Inhalt mehr versteht. Dies kann geschehen über eine sorgfältige Textexegese oder über die Aufschließung vom „Sitz im Leben“ einer solchen Definition. Letzteres wird in unserer Textauswahl angeboten.
Beide Texte stammen aus dem Jahre 1948, also aus der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg und Pater Kentenichs Haft im Konzentrationslager Dachau. Sie sind auch schon beeinflusst von den Weltreisen, die Pater Kentenich nach KZ, Krieg und Zusammenbruch des Nationalsozialismus unternahm. Die Entwicklung und Ausreifung Schönstatts von der Vorgründungsurkunde bis zur „Dritten Gründungsurkunde“, die rasante Entwicklung von Technik und Wirtschaft mit den entsprechenden Umbrüchen im Weltgeschehen, die sich schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts abzeichneten, ließen ihn zugespitzt erkennen, dass die Hauptgefahr für den Menschen und seine Religiosität und für gesunde Lebensvollzüge in einer Gesellschaft sowohl im Kollektivismus aller Schattierungen als auch in der Säkularisierung des öffentlichen Lebens besteht. Als Gegengewicht und zur Überwindung der damit gegebenen Auflösungserscheinungen erstrebt Pater Kentenichs mit seiner Gründung die Bildung eines „Neuen Menschen“, für den er dann im Jahr 1948 die hier wiedergegebene Definition findet.


Seit 1942 und 1944 lebt in unseren Reihen die originelle konkrete Prägung der großen Zukunftsvision des Katholizismus in überwältigender Lebendigkeit und Sieghaftigkeit.

Unzweideutig klar und lichtvoll ist sie bereits in der Vorgründungsurkunde aufgefangen.

Alle folgenden Etappen enthüllen sie in größerer Deutlichkeit, bis sie in den Dachaugebeten, will heißen, in der gebeteten dritten Gründungsurkunde, sich in allen Dimensionen voll entschleiert und eine beglückende Sieghaftigkeit atmet und weckt. Wer diese Vision nicht kennt und nicht in liebender Hingabe an sie und aus ihr lebt, kann mit den aphoristischen Gebetstexten nichts oder nicht viel anfangen. Mit ihrer bewusst bildlosen Formgebung und beabsichtigt nackten, unmittelbaren und ergriffenen Zusammenschau widersprechen sie dem Geschmack der Heutigen und reizen den bloß Gestrigen zum Widerspruch. Sie sprechen nur aus denen und zu denen, deren Blick sich zwar an Vergangenheit und Gegenwart geschult hat, die aber gleichzeitig in der Zukunft leben und ihre Aufgabe darin erblicken, das gestaltlose kommende Chaos zu einem neuen, christlichen Kosmos zu formen.

Wie groß dieses Chaos heute bereits ist, wie weit die Umwertung aller Werte vorgeschritten, weiß nur, wer die Welt mit wachen Augen durchreist. Die geistige Revolution ist jetzt schon so universell und radikal geworden, dass kaum ein Lebensgebilde davon verschont geblieben ist.

Die moderne Technik bringt die Menschen einander so nahe, dass ihre Schicksalsverwobenheit in einer Weise in Erscheinung tritt wie noch nie in der Weltgeschichte. Alles drängt zu unerhörter Einerleiheit und Vermassung und bringt in Brauch und Denkweise, in Lebensauffassung und -gewohnheit den Neger in seiner entlegenen Hütte und den verwöhnten Kulturmenschen fast über Nacht auf dieselbe Ebene. Wir gehen in rasendem Tempo einer Einheitszivilisation und -kultur entgegen. Ein ganz neues Welt- und Menschenbild ist am Werden. Die große Frage, die alle Wissenden und Verantwortlichen nicht zur Ruhe kommen lässt, ist immer dieselbe: Wird dieses Bild von dämonischen oder göttlichen Kräften geprägt?

Der Kollektivismus tritt in den verschiedensten Formen auf den Plan und meldet sich zu Wort. Er hebt an zum Sprung in die ganze Welt. Europa liegt ihm bereits weitgehend zu Füßen, in anderen Erdteilen sucht er trotz aller Verbote und Gegenmaßnahmen siegreich vorzustoßen. Auch er lebt aus einer großen Zukunftsvision. Das ist sein Geheimnis, das von diabolischem Einfluss und satanischen Kräften augenscheinlich ständig gespeist wird. Wir behandeln ihn vielfach wie ein System und raten und taten deshalb an seinem Kern vorbei. Wir weisen ihm Irrtümer nach, er lächelt und geht siegesgewiss zur Tagesordnung über.

Mit ganzer Seele hängt er an seinem neuen Welt- und Gesellschaftsbild, das er in seiner Ganzheit schaut und mit heißer Liebe und bewundernswerter Opferkraft umfängt, das durch Nachweis von Irrtum und Fehlgriff nicht in Erschütterung gerät. Er sieht, fördert und fordert eine neue soziologische Schichtung von Welt und Menschheit.

Unter seinem Einfluss ballen sich die modernen Probleme, die im Gefolge der rasenden geistigen und wirtschaftlichen Entwicklung kreisen um das erschütterte Verhältnis
zwischen Persönlichkeit und Gemeinschaft,
zwischen Persönlichkeit und Wirtschaft,
zwischen Persönlichkeit und Technik,
zwischen Persönlichkeit und sozialem Aufstieg

zu einer ungeheuren Wucht und niederschmetternden Dichtigkeit zusammen.

Seine Vision schaltet den persönlichen Gott aus, dafür vergötzt sie sich selber.

Das hindert uns jedoch nicht, in ihr Züge der göttlichen Offenbarung zu entdecken, so sehr sie auch das ganze Christentum ablehnt…

Vision kann nur durch Vision überwunden werden. Alle anderen Versuche führen nicht zum Ziele, am wenigsten rationale Beweisführungen. Das zeigt die Geschichte des Christentums, vornehmlich in der Frühzeit.

Die Gottesmutter hat im Magnificat die christliche große visionäre Zukunftsschau in das denkwürdige Wort gekleidet: Et exaltavit humiles… Die Niedrigen erhöht er. (173)

Die Apokalypse nimmt in ihrer Art das Thema erneut auf und führt es in glänzenden Bildern zu Ende.

Bewusst oder unbewusst lebt diese Vision, wenn auch verzerrt und als kleiner unansehnlicher Strahl, im Welt- und Menschenbild kollektivistischer Strömungen aller Richtungen, die für die Enterbten, für die 4. Klasse, um einen Platz an der Sonne ringen und ihnen den ungeahnten modernen Fortschritt in Wirtschaft und Technik zugute kommen lassen wollen.

Wie der Mond am schnellsten aus dem Blickfeld gerückt wird durch die aufsteigende Sonne, so wird auch die Vision des Kollektivismus mit ihrem spärlichen Wahrheitsgehalt überwunden, wenn wir die Sonne der christlichen Zukunftsvision in ihrer vollen Pracht und Herrlichkeit aufgehen lassen, so wie die Hl. Schrift sie uns zeigt.

Das christliche Abendland verdankt dieser Vision Gestalt und Form und damit Glück und Fortschritt auf allen Gebieten.

[Heutige Aufgabe im Rahmen der christlichen Gegenvision]

Jetzt gilt es, sie von zeitbedingten Formen zu lösen, in ihren Wesenselementen zu erfassen, mit Wärme zu künden und ihre ganze Dynamik in den neuen Verhältnissen sich schöpferisch auswirken zu lassen.

Oft mag es uns bedrücken, wenn wir sehen, wie der Kollektivismus mit seinem dünnen und schmalen Lichtschein eine unwiderstehliche Formkraft entfaltet und das Weltgeschehen bestimmt, während wir, die wir das volle, strahlende Licht der Sonne unser eigen nennen, mut- und hilflos vor den Zeitproblemen stehen, fast nur den Blick nach rückwärts richten, die Schau in die Zukunft scheuen oder mit drückendem Pessimismus beantworten.

Manresa (174) hat sich von Anfang an sorgfältig bemüht, die gesamte christliche Zukunftsvision sich anzueignen und durch sein „Geheimnis“ (175) in originell wirksame Form zu kleiden. Es will mit einem Seitenblick auf den Kollektivismus und zum Unterschied und im Gegensatz zu ihm in seiner inneren und äusseren Struktur aufgefasst werden als

a. eine universelle Vision, die Zeit und Ewigkeit, Diesseits und Jenseits, wirtschaftliche, gesellschaftliche, politische, sittliche und religiöse Nöte aller Menschen, auch der Enterbten, der Millionen-Massen umfasst.

b. Es beruft sich aus dem Geiste des Glaubens, vor allem aus dem praktischen Vorsehungsglauben heraus, auf eine erworbene Vision, macht deshalb keinen Anspruch auf aussergewöhnlich eingegossenes Licht, oder – etwa wie bei Don Bosco – auf göttliche Träume.

c. Es hat, wie die Kirche selber, deren Glied es ist und deren Blüte es sich zu werden bemüht, ausgesprochenen messianischen Charakter, das heißt, es will die Welt erlösen helfen – nicht nur von irdischen Nöten, sondern auch von Sünde und Gottesferne, indem es das Verhältnis von Persönlichkeit und Gemeinschaft, Persönlichkeit und Wirtschaft, Persönlichkeit und Technik, Persönlichkeit und sozialem Aufstieg aus den Urprinzipien des Christentums in der Schule der MTA und unter ihrer Leitung neu zu lösen sucht.

d. Es schreitet mit großer, geheimnisvoller Sieghaftigkeit in die neue Zeit:
– nicht etwa wie der Kollektivismus gestützt auf materialistisch gefärbte und entwicklungsgeschichtlich bedingte Überzeugungen, die in Ablösung der alten Ordnung durch das neue Paradies ein selbstverständlich und absolut wirkendes Naturgesetz erblicken und sich deshalb durch keinen Rückschlag irre machen lassen,

– sondern lediglich auf den Einbruch göttlicher Kräfte, wie wir sie vorsehungsgläubig seit 1914 in der Familie wahrnehmen, inzwischen ungezählt viele Male erfahren haben und seit Januar 1942 und der darauf folgenden 3. Gründungsurkunde in ungeahnter Fülle erleben dürfen.

Wer sich in den Geist von „Himmelwärts“ eingelebt hat, erkennt darin unschwer auf allen Seiten die Grundzüge dieser universellen, erworbenen, messianischen und geheimnisumwebten sieghaften Zukunftsvision.

Das Gottes- und Menschenbild, das Geschichts- und Gesellschafts- und Kirchenbild, wie es dort umrissen ist, alles weist nachdrücklich darauf hin, bietet reichlich Stoff für Betrachtung und Studium und kann eine wirksame Schulung für Verstand, Wille und Herz des Menschen werden, der in chaotischem Zustand einen klaren Kopf und eine sichere Hand bewahren will.

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Alle modernen Strömungen, die einen Anspruch auf Weltgeltung erheben, ringen gegenwärtig nicht nur um Umformung der Verhältnisse, sondern auch und in hervorragender Weise um ein neues Menschen- und Gemeinschaftsbild. Sie sehen in diesem neuen Menschen den Garant für neue Verhältnisse und eine allseitig entspannte gesicherte Weltlage. Gottes Güte und Weisheit hat uns dieselben Wege geführt.

Wir konnten zwar bisher nicht ohne weiteres eine geschliffene Definition vom neuen Menschen geben; das können wir jetzt erst, nachdem wir drei Monate lang durch ernstes Prüfen und besinnliches Beten Bausteine zusammengetragen.

Wir suchten während dieser reich gesegneten Zeit sein Wesen bloßzulegen, seinen Wert und seine Bedeutung zu verstehen und die Aussichten auf seine Verwirklichung kennen zu lernen.

Große Freude machte uns die Wahrnehmung, dass schon die Vorgründungsurkunde seine wesentlichen Elemente in voller Klarheit enthält, und dass jede neue Etappe unserer Familiengeschichte ihn von einer andern Seite zeigt.

Abschluss und Krönung unserer Untersuchungen bildete der tiefere Einblick in Sinn und Zweck, in Wert und Bedeutung der Constitutio Apostolica Provida Mater Ecclesia (176). Jetzt sehen wir und verehren wir bewusst in unserer Nova Creatura

den Menschen, der, gestützt auf das vollkommene Liebesbündnis mit der Mta, fähig und gewillt ist, ohne viele und starke pflichtmäßige äussere Bindungen und ohne umfassenden äusseren gesicherten Schutz sich und seine Lebenskraft großmütig und dauernd dem Dreifaltigen Gott und seiner Lieblingsschöpfung, dem Manresa-Werke, zu weihen.
[…..]

(2.22 Kurze Definition des neuen Menschenbildes)

Hier und heute genügt es, uns bewusst zu werden, dass es sich immer um den Menschen handelte:

der ohne viele und starke pflichtmäßige äussere Bindungen und ohne umfassenden gesicherten äusseren Schutz durch unzerreißbare Bindungen an das Ideal das Leben meistert und sich aus tiefem, innerem Verantwortungsbewusstsein für den Mitmenschen zu Gemeinschaften zusammenschließt.


Schönstatt-Lexikon ONLINE: Neuer Mensch
(173) Lk 1,52
(174) Manresa ist der Ort in Spanien, an dem der heilige Ignatius von Loyola seine Spiritualität entwickelte. Das Wort diente als Deckname für Schönstatt in der Verfolgungszeit des Nationalsozialismus und findet sich deshalb auch noch im Schrifttum der Jahre unmittelbar danach.
(175) Verweis auf das „Schönstatt-Geheimnis“, auf die gläubige Überzeugung vom übernatürlichen Ursprung des Werkes. Siehe Text 18.
(176) Am 2.2.1947 veröffentlichte Pius XII. die Apostolische Konstitution „Provida Mater Ecclesia“, wodurch die Säkularinstitute in der Kirche ihren rechtlichen Ort fanden. In der Bündniswoche 1947 formulierte P.Kentenich seine Sicht der Constitutio Apostolica: „In dieser Konstitution sehe ich die offizielle Legitimierung des Menschentyps und des Typs der menschlichen Gesellschaft, wie beides von Anfang an in positiver Prägung uns vor Augen schwebte!“

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