KR-3 DE 72

72. Das Kirchenbild des Konzils und seine Herausforderung.

Es war unübersehbar, wie sehr sich Pater Kentenich in seinen letzten Jahren während des Konzils und danach sich mit dem Wandel in der Kirche auseinander gesetzt hat. Dabei war zentrales Thema bei ihm wie auch im Konzil das Verständnis der Kirche von sich selbst. In Predigten und Vorträgen, vor allem für Priester, ist er immer wieder auf dieses Thema eingegangen.
Der vorausgehende Text ließ aufleuchten, wie sehr Pater Kentenich mit seiner Gründung sich von den Entwicklungen des Konzils bestätigt fühlte und wie er sah, dass beides das Wirken des einen Geistes ist, der auf einen Zusammenschluss drängt und der Schönstatt in einer solchen Kirche die besondere Sendung der Gottesmutter zuweist: Herz der Kirche.
Der folgende Text soll zu diesen Ausführungen eine Ergänzung bilden. Pater Kentenich richtet das Augenmerk weniger auf das Verhältnis Schönstatts zu dieser Kirche, sondern auf die Kirche selbst, wie sie sich aus dem Geist des Konzils versteht. Die Kirche setzt neue Akzente, sie geht auf Strömungen der Zeit ein, sie bewegt sich.
In den Darlegungen Pater Kentenichs mag ein doppeltes beachtet werden:
Zum einen ist bemerkenswert, mit welcher Vorsicht und Umsicht Pater Kentenich die neuen Akzente der Kirche zwar hervorhebt, sie aber in das Gesamt des Kirchenbildes einordnet. Zwischen den Zeilen wird deutlich, wie sehr Pater Kentenich in der damaligen Zeit die Gefahr sieht, dass die neuen Entwicklungen zu einem Pendelschlag werden, der die Kirche in ein Extrem treibt. Deshalb das Ringen darum, das neue Kirchenbild im organischen Zusammenhang mit der Tradition und einem älteren Kirchenbild zu sehen.
Zum anderen macht der Text deutlich, wie sehr das Selbstverständnis der neuen Kirche dem einzelnen Glied der Kirche Verantwortung zuschreibt und wie sehr jeder Gläubige – Priester eingeschlossen – zu einem wagemutigen und existenziellen Glauben herausgefordert werden. So ist auch der zweite Teil unserer Textauswahl weniger eine Darlegung über das neue Kirchenbild, sondern eine Herausforderung, aus einem lebendigen Vorsehungsglauben zu leben.
Es mag auch unseren Horizont erweitern, wenn hier noch erwähnt wird, dass Pater Kentenich die heutige Kirche in einem noch größeren Rahmen sieht als hier wiedergegeben. Die Gliederung des Exerzitienkurses, aus dem zitiert wird, führt noch die – nicht ausgeführten – Punkte an: Die Kirche in ihrem Weltbezug, eschatologischem Bezug und Entscheidungscharakter. Es entspricht deshalb auch dem Denken Pater Kentenichs ganz, dass eine solche Kirche auf ihrer Pilgerschaft durch die Zeit und auf das eschatologische Endziel einer völligen Einheit in Gott hin sich auch auf den Dialog mit anderen Religionen einlassen muss.

Der Text entstammt dem zweiten Vortrag der Exerzitien für die Priester des Verbandes in Würzburg, 24. November 1966


Meine lieben Mitbrüder!

Bei der Reaktion auf die Bestimmungen des Konzils haben wir eine fortschrittliche und eine traditionelle Richtung unterschieden. Wo es sich um die fortschrittliche Richtung handelt, dreht es sich einerseits um den Drang zum Neuen, andererseits um den Drang zum Erlebnismäßigen.

Das sind an sich zwei Ansatzpunkte, die in der heutigen Zeit klar vor uns liegen. Es fragt sich nun, wie diese beiden Momente unter der Sonne Satans zur Entwicklung drängen, und wie unter der Sonne Gottes.

Unter der Sonne Satans: Wir haben den Ansatz miteinander besprochen. Der Sinn für Neuerung wird zur Neuerungssucht, zur Ablehnung alles Traditionellen, und der Sinn für Erlebnis wird zur Erlebnissucht, wiederum getrennt vom Sinn für das Intellektuelle, das Rationale und das Übernatürliche.

Nun wäre noch die zweite Frage zu erörtern: Wie wirken sich diese beiden Momente unter der Sonne Gottes aus? Wenn wir das Gesagte noch einmal zusammenfassen wollten, dann könnten wir einen doppelten Weg beschreiten.

Erster Weg: wir reihen aneinander und führen auf einen Nenner zurück, was wir bei dem gegenseitigen Vergleich bereits hervorgehoben haben.

Zweiter Weg: wir könnten aber auch tieferen Einblick nehmen in die Bestimmungen des Konzils. Am besten wohl dadurch, dass wir die Selbstzeichnung der Kirche auf uns wirken lassen. Wir dürfen ja von vorneherein annehmen, dass hier alles verarbeitet ist, was Gottes Geist für uns erwartet und vorgesehen hat.

Wie sieht die Kirche von heute sich selber? Hier darf ich zunächst wieder darauf aufmerksam machen: wir dürfen jetzt nicht in Extremen denken. Wenn die Kirche sich heute anders als gestern und vorgestern zeichnet, dann werden wir darunter nur Akzentverschiebungen verstehen. Nicht Negation auf der einen Seite und Affirmation auf der anderen Seite.

Ich fasse zusammen, was sich sagen lässt über die Selbstauffassung der Kirche von sich.

Die Kirche sieht sich in ausgeprägter Weise als Volk Gottes und als pilgernde Kirche mit stark betontem Weltbezug, eschatologischer Einstellung und Entscheidungscharakter. Natürlich sind das Ausdrücke, von denen jeder eine Welt in sich schließt.

[1. Die Kirche als Volk Gottes]

Wenn ich die Ausdrücke erklärt habe, ist sofort verständlich, wie die Hintergründe aussehen. Hintergrund ist die frühere Auffassung der Kirche von sich selber. Wenn wir sagen, sie sieht sich heute primär als Volk Gottes, dann heißt das gegenüber der früheren Auffassung: damals hat sie sich gesehen als hierarchisch gegliedert in der Gegenüberstellung: hier die Führenden, dort die Geführten, hier die leitende Kirche und dort die geleitete Kirche. Das hat sich besonders stark ausgeprägt seit Konstantin dem Großen. Wir wissen natürlich, dass kraft göttlichen Rechtes die Kirche eine hierarchische Struktur hat, dass also ein Teil der Kirche Führungsaufgaben hat.

Durch Konstantin dem Großen ist dem Episkopat auch fürstliche, staatliche Macht zugewachsen. So haben wir also im Laufe der Jahrhunderte eine Hierarchie vor uns, die in einzigartiger Weise mit Macht ausgestattet war. Und heute hebt man nicht selten hervor, dass Macht oft eine größere Gefahr für eine Institution ist als selbst niedrigste Sexualität. Wir verstehen also, wie sehr die kirchliche Hierarchie der Gefahr des Missbrauchs der Macht ausgesetzt war.

Inzwischen haben wir in der ganzen Weltgeschichte einen stark demokratischen Zug. Man hebt ja hervor, dass sich dieser demokratische Zug durch die Französische Revolution durchgesetzt hat. Dem passt sich nun die Kirche in ihrer Selbstzeichnung an. Sie sucht einen Generalnenner, auf den beide Gliederungen zurückgeführt werden können: die Regierenden und die Regierten. Und der Generalnenner lautet: Volk Gottes!

Damit soll also nicht gesagt sein, die Kirche wolle auf ihre hierarchische Struktur verzichten. Sie hebt nur das Gemeinsame wieder stärker hervor: Hirt und Herde sind Volk Gottes. Gott steht über allen, und was alle miteinander verbindet, den Hirten und die Herde, das ist der Charakter des Volkes Gottes.

Was sonst noch auf dem Konzil als Leitlinie ausgegeben worden ist, unterstreicht immer wieder dieses Grundverständnis von der Kirche als Volk Gottes. Deswegen will auch die Gottesmutter, trotz ihrer Privilegien, in derselben Leitlinie gesehen und betrachtet werden: sie ist auch ein Glied des Volkes Gottes. Das ist dann so stark betont worden, dass sich da und dort eine Gefahr bemerkbar machte im Blick auf die besondere Stellung der Gottesmutter im Volke Gottes. Man hat zwar allgemein zugegeben: Innerhalb des Volkes Gottes steht die Gottesmutter an erster Stelle. Aber dass sie darüber hinaus auch eine Mittlerstellung zwischen Gott und Volk Gottes einnimmt, dass sie auch eine Welt für sich darstellt, dass sie darüber hinaus – um jetzt in der Terminologie des Konzils zu sprechen – nicht nur das vollendetste Glied der Kirche, der Mater Ecclesia, sondern auch Mater Ecclesiae (210) ist und immer bleibt, war sogar vorübergehend in Gefahr, nicht anerkannt zu werden.

Von diesem demokratischen Zug her, den die Kirche in ihrer Wesensart entdeckt und stärker betonen will, wird auch verständlich, dass der Ausdruck Partnerschaft eine besondere Bevorzugung gefunden hat. Ebenso der Gedanke der Bruderschaft, der Schwesternschaft, der Gliedschaft. Das alles liegt auf derselben Linie. Wir müssen nur festhalten, dass es hier um eine Akzentverschiebung, um eine stärkere Betonung geht, nicht um etwas vollkommen Neues, nie Dagewesenes. Und wenn der Akzent nunmehr stärker auf das Volk Gottes gelegt ist, heißt das nicht, all das andere, was die Kirche früher von sich selber gesagt hat, existiert nicht mehr.

Im Übrigen sollten wir uns wohl der heutigen Terminologie anpassen, aber nichts hineinlegen, was nicht darin liegt. Wenn also heute davon die Rede ist, dass das ganze Volk Gottes durch das Band der Partnerschaft und Brüderschaft miteinander verbunden ist, dann darf das nicht heißen, es gäbe keine Vaterschaft mehr.

Mich dünkt, man müsste eher umgekehrt sagen: in dem Ausmaß als Brüderschaft, Schwesternschaft, Partnerschaft betont wird, müsste auch die Vaterschaft betont werden. Wir sind ja gerade deswegen Brüder untereinander, Schwestern untereinander, Partner miteinander, weil wir denselben Vater haben. Ob es sich jetzt um Vaterschaft in der übernatürlichen oder auch um Vaterschaft in der natürlich-übernatürlichen Ordnung handelt.

Mir persönlich liegt immer viel daran, mich durch neue Ausdrücke wie Partnerschaft und Brüderlichkeit anregen zu lassen. Darin werden Akzentverschiebungen deutlich, die helfen, das Wesentliche meiner Auffassung jeweils neu zu befruchten. Ich lasse mich also anregen, wirklich Vater der Meinen zu sein. Wenn Sie das in Ihrer Seelsorgsarbeit ähnlich tun, dann werden Sie geistig nie müde. Körperlich können Sie müde werden, aber jeder Rat, den Sie geben, fördert das Leben: er ist ein Stück Lebensprinzip, das Sie vom anderen aufnehmen und ein Stück Lebensprinzip, das von Ihnen ausgeht.[….]

Jetzt habe ich nur den Ausdruck Volk Gottes erklärt. Sie verstehen, was der Geist Gottes will: das tiefe Gemeinschaftsbewusstsein sollten wir stärker in uns pflegen. Nicht immer Herr und „Geschärr“ (211), ich oben und du unten, sondern eine innige, aufrichtige Herzens-, Lebens- und Liebesgemeinschaft sollten wir pflegen: unbeschadet allerdings unserer rechtlichen Stellung.

[2. Die pilgernde Kirche – gegenüber einer seßhaften Kirche]

Dann zweitens: im Konzil ist die Rede von der pilgernden Kirche. Was ist das für eine Kirche? Gegensatz dazu ist die seßhafte Kirche, eine Kirche, die festsitzt, die traditional gebunden ist.
Die pilgernde Kirche ist ständig in Bewegung: weg von der Seßhaftigkeit, hinein in eine Lebensbewegung hin zu einem göttlichen Ziel, aber in einer unlöslichen Brudergemeinschaft, Lebens- und Liebesgemeinschaft mit Christus und den Christen.

Wiederum kommt es auf die Akzentverschiebung an, die nicht verneint, was hier nicht ausdrücklich gesagt ist. Das wäre sonst eine armselige Kirche, die so ständig in Pendelbewegung wäre.

Wir waren ja daran gewöhnt, die Kirche wie einen Felsen aufzufassen, der unerschütterlich feststeht. Das will die Kirche auch künftig bleiben. Wenn wir aber dem Pilgercharakter Rechnung tragen, dann müssen wir uns vorstellen, dass sich der Fels weiterbewegt. Die Pilgernde Kirche wartet also nicht, bis die Völker zu ihr kommen. Sie bewegt sich weiter wie ein Schiff über den Ozean des Lebens hin bis an seine Grenzen, bis hinein in die Ewigkeit. Dabei ist es ein elementar aufgewühlter Ozean, durch den die Kirche durchgeschleust wird und rechts und links alle aufnimmt, die berufen sind, in dieser Arche einen Platz einzunehmen.

[Pilgerschaft als Prozession]

Da die Kirche sich auf ein religiöses Ziel hinbewegt, könnten wir auch sagen: die Kirche ist in einer ewigen Prozession begriffen: von Altar zu Altar. Dort, wo ich mit meiner Gemeinde stehe, soll ein Altar errichtet werden. Auch die kommenden Generationen, die in der Kirche wach werden, wollen in ihrer Art aufgenommen werden. Die Kirche ist deswegen auch ständig in einer Wandlung begriffen. Das Meisterstück besteht ja darin, das unerschütterlich Feste mit dem Beweglichen in der Kirche zu verbinden.

Wir spüren also die Umakzentuierung im Kirchenbild: gegenüber der Betonung der Statik der Kirche liegt bei der pilgernden Kirche, der Akzent auf eine ungeheuer starken Dynamik.

Ich möchte jetzt vor allem Gewicht legen auf die pilgernde Kirche im Gegensatz zur seßhaften Kirche. Zumal die ältere Generation kommt ja aus einer seßhaften Kirche, die ihre besonderen charakteristischen Merkmale hat. Eine solche Kirche möchte sich juristisch bejahen und abgrenzen. In einer seßhaften Kirche darf nicht alles in Bewegung, allerdings auch nicht alles starr sein. Deshalb das Bedürfnis nach juristischer Abgrenzung; durchaus zurecht. Die Gefahr in der seßhaften Kirche besteht darin, dass wir uns zufrieden fühlen, wenn wir die Gesetze bejaht haben, so dass wir dem Pharisäertum eines innerlichen und äußerlichen Formalismus erliegen.

Wiederum: eine seßhafte Kirche möchte sich auch wirtschaftlich absichern; wiederum zurecht. Worin liegt die Gefahr? Dass wir uns nach allen Richtungen hin absichern. Seßhaftigkeit umfasst dann das ganze Sein des Katholiken, der in dieser seßhaften Kirche zu Hause ist, ja das gesamte Sein der Kirche selber.

[Die pilgernde Kirche mit einem wagemutigen Glauben]

Für das Allergefährlichste halte ich, dass in der seßhaften Kirche der Wagnischarakter des Glaubens nivelliert wird und zugrunde geht. Typisiert gesagt haben wir folgenden Lebensvorgang:
Es soll uns hier auf Erden in der seßhaften Kirche gut gehen. Aber weil die Kirche uns ja auch vorbereitet für das Glück in der anderen Welt, weil wir es auch im Himmel gut haben wollen und weil dafür der Glaube verlangt wird liegt die Konsequenz nahe: warum soll ich dann nicht den Glauben aufbringen? Der kostet mich ja nicht viel, es geht mir ja gut. Sehen Sie, deswegen bekommt der Glaube eine eigenartige Prägung: es wird ihm der Wagnischarakter genommen. Und das ist mit das Schlimmste.

Wenn es sich nun um eine Kirche handelt, die ständig in Bewegung ist, die auch in den Stürmen des Meeres sich wie ein Schiff hin- und her schleudern lässt, dann geht das nicht ohne Wagnis. Auf die Frage, woher es kommt, dass heute vielfach unser Glaube schwindsüchtig geworden ist, sei wenigstens als eine Antwort registriert: das ist die schicksalhafte Konsequenz des Glaubens in einer seßhaften Kirche. Dass der Glaube an sich einen Wagnischarakter verlangt, das lässt sich aus verschiedenen Quellen aufzeigen.

[Wagemutiger Glaube aus biblischer Sicht: Petrus springt aus dem Kahn]

Wenn wir die biblischen Quellen befragen, dann haben wir eines der klassischsten Beispiele des Wagnischarakters für den Glauben in der Handlungsweise des hl. Petrus: Petrus im Schiff. Plötzlich kommt der Herr, er wandelt auf dem Meer. Reaktion Petri: sofort stürzt er heraus aus dem Kahn, hinein ins Meer – aus lauter Liebe. Dabei hat er wohl vergessen, dass das Wasser keine Balken hat. Er wagt etwas überaus Großes, wundert sich aber offensichtlich sehr bald über sein Wagnis und fängt an zu zweifeln. Und nunmehr die schreiende Not: „Herr, hilf mir, denn ich gehe zugrunde!“

Was bedeutet das auf uns angewandt? Nehmen Sie einmal an, wir würden in unserer gewöhnlichen Art des Glaubens die Stelle Petri zu vertreten gehabt haben. Mich dünkt, wir hätten kaum den Mut gehabt, aus dem Kahn herauszuspringen. Wir wären immer überzeugt gewesen: das Wasser hat keine Balken. Und wer von uns hätte den Mut, sich dem Untergang auszuliefern? Und hätten wir es gewagt, mich dünkt, dann hätten wir, sobald wir das Wasser unter den Füßen gefühlt hätten, uns mit beiden Händen am Kahn angeklammert. Wagnischarakter!

Hören Sie: Der Glaube ist eben nicht nur ein Hingegebensein des Verstandes, sondern des ganzen Menschen, hier in diesem Falle, an den Gott der Liebe, der Offenbarung.

Mir kommt es jetzt darauf an, den Wagnischarakter des Glaubens verständlich zu machen. Wenn wir einmal hineinschauen in die Geschichte unserer Familie, und wenn wir hören, was der Hl. Geist von der heutigen Kirche verlangt, dann werden wir verstehen: er verlangt ja gerade den Wagnischarakter, den Todessprung für Verstand, Wille und Herz. Hinein in die Arme eines lebendigen Gottes, der sich vielfach im Dunkel vor uns verbirgt.

Wenn wir diese Dinge nicht im Zusammenhange sehen, stehen wir an sich der heutigen Situation zu hilflos gegenüber.

Nehmen sie einen anderen Gedankengang, der den Wagnischarakter mehr von der psychologischen Seite beleuchtet. „Mein Gerechter lebt ja aus dem Glauben“ (212). Das müsste ich auch von all denen sagen können, die aus meiner Schule hervorgegangen sind: meine Gefolgschaft lebt aus dem Glaubensgeist.

[Wagemutiger Glaube aus einer mehr psychologischen Sicht]

Was gibt uns der Glaubensgeist?

[Glaube als Sympathie für Gott]

Er schenkt mir eine geheime positive Voreingestelltheit für Gott. Er schenkt mir eine Sympathie für Gott. Bezüglich Sympathie darf ich das Wort des hl. Augustinus wiederholen: Das Herz ist eines der vorzüglichsten Erkenntnisorgane. Wenn ich Sympathie für jemand habe, dann bin ich eigentlich erst fähig, ihn zu verstehen. Wo Apathie vorhanden ist, wo Indifferenz oder Wurstigkeit vorherrschen, werde ich nie die Fähigkeit haben, jemand voll zu verstehen.

Dies will auch angewandt werden auf die Gottesmutter. Wenn ich für sie Sympathie habe, erst dann bin ich fähig, sie in ihrer Ganzheit zu verstehen.

In unserem Zusammenhang will das Wort auf Gott angewandt werden: Sympathie für Gott. Der eingegossene Glaubensgeist, der durch eine ständige Einübung angewachsen ist, schenkt mir Sympathie für Gott. Es fällt mir dann leicht, hinter allem Geschehen den lieben Gott zu entdecken und ihn zu bejahen. Merken Sie, wie innig das alles mit dem Vorsehungsglauben verbunden ist?

Als ich aus Dachau zurückkam konnte ich auf die Sorgen all derer, die im Gefängnis gesessen hatten und dann zu Exerzitien kamen, eine Antwort geben in dem populären Ausdruck, der aus dem schlichten Vorsehungsglauben und dem Weltgrundgesetz der Liebe erwachsen ist: der liebe Gott hat immer für mich die besten Windeln vorbereitet. Wenn ich unten im Bunker saß, waren das für mich die besten Windeln. Und wenn in diesen Windeln auch Disteln um Dornen drin stecken, die ständig verwunden: die besten Windeln! Das kann ich normalerweise nur sagen, wenn der Glaubensgeist mir diese tiefe Sympathie für den lebendigen Gott geschenkt hat. „Nichts von ungefähr, von Gottes Güt‘ kommt alles her.“ (213)

Wo sind die Kernpunkte für die nachkonziliare Lehre der Kirche und die Erziehung unseres Volkes? Alle ekklesiologischen Fragen, alle liturgischen Fragen sind heute sicher von Bedeutung. Aber die zentralste Frage ist heute die Frage nach Gott. Das dürfen Sie gar nicht übersehen.

Das heißt jetzt nicht, wir sollten nicht im Sinne des Konzils alles auch bejahen und tun, was dort gesagt wird. Aber das Zentralste ist Gott. Der Gottesgedanke ist nicht nur durch liturgische Erziehung gesichert; das reicht nicht. Von hier aus lernen Sie wieder viel besser verstehen, was wir mit dem Gesetze der geöffneten Tür und mit dem Gott des Lebens wollen. An der Stelle haben wir die zentralen Fragen der heutigen Zeit antizipiert. Das Zentrale ist und bleibt der Gottesgedanke!

Um was sollten wir uns bemühen? Der Geist des Glaubens schenkt mir Sympathie für Gott. Es ist natürlich schwer, einem Gegner nachzuweisen, dass das oder jenes Ereignis nur zu verstehen ist von Gott aus. Vieles kann ich auch ohne ihn verstehen und erklären: wenn ich aber Sympathie für den lieben Gott habe, dann werde ich ihn überall wittern.

[Glaube als göttlicher Witterungssinn]

Lassen Sie mich den anderen Ausdruck gebrauchen: Der Glaubensgeist schenkt mir einen außerordentlich sicheren göttlichen Instinkt. Das lässt sich natürlich nicht alles nachweisen wie: zwei mal zwei ist vier. Da ist so viel Unwägbares. Aber wenn es schon in der natürlichen Ordnung so viel Unverständliches gibt, warum nicht auch dort, wo der liebe Gott in Frage kommt?

[Glaube als Parteiergreifen für Gott]

Ich sage einen andern Ausdruck, der dasselbe besagt: Dieser göttliche Witterungssinn, dieser göttliche Instinkt, bedeutet für mich auch ein triebmäßiges Parteiergreifen für den lieben Gott. Ich kreise immer um die zentralsten Fragen. Deswegen ein instinktives Parteiergreifen für den lieben Gott und zwar für den Vatergott, ja noch mehr: für den erbarmungsreichen Vatergott. Der Vatergott ist es, der aus Erbarmen mich jetzt in diese Sackgasse hineingeführt hat. Die Erbarmung des Vatergottes ist es, die mir jetzt diese oder jene Enttäuschung bereitet hat. Die ganze Welt bekommt einfach ein neues Gesicht. Das ist diese übernatürliche Sicht, die der heutige Mensch, die auch wir als Priester durchweg verloren haben.

Hören wir nun, was die Gottesmutter uns vom Heiligtum aus als entsprechende Pilgergnade schenken will: die Gnade der seelischen Beheimatung, aber auch der seelischen Wandlung. Gewandelt wird der Verstand. Er bekommt ein neues Licht, er sieht im göttlichen Licht. Der Wille: alles wird gewandelt. Wohin gewandelt? „Mein Gerechter lebt aus dem Glauben.“ (214) Die Gottesmutter will dafür sorgen, dass wir auf der ganzen Linie eine Kolonie des Himmels darstellen.

Jenseitige Menschen sind hellsichtige, tiefsichtige, umsichtige Menschen. Sie sehen Dinge, die andere nicht sehen. Aber nicht nur hellsichtige, umsichtige, tiefsichtige, sondern auch wagemutige Menschen werden. Wagemut ist heute so bedeutungsvoll… Wer das nicht klar sieht und nicht die Hand danach ausstreckt, bleibt immer unten hängen. Der kann zwar geistreich reden, von ihm wird aber auf die Dauer keine Anziehungskraft ausgehen. Wer aber Gott als Partner bei sich hat – sagen wir besser als Vater bei sich hat -, der wird immer siegen, weil Gott eben Gott ist. Letzten Endes ist der jenseitige Mensch ein siegessicherer Mensch.

Wir spüren also, dass eine wandernde Kirche ungeheure Forderungen an den heutigen Menschen in der Kirche stellt. Darf ich das Lieblingswort des Bischofs von Mainz wiederholen: Das Konzil macht es dem heutigen Katholiken schwer, katholisch zu sein. Soll auch schwer machen!

Unter der Pilgerschaft der Kirche verstehen wir also eine ständige Bewegung der Kirche hin zu einem übernatürlichen Ziel, zur jenseitigen göttlichen Wirklichkeit hin: Heimwärts zum Vater geht der Weg.

Diese Pilgerschaft will in ständiger Lebensgemeinschaft mit Christus und mit den Christen vollzogen werden. Damit haben wir die Kirche als eine einzige große Familie Gottes.


Schönstatt-Lexikon ONLINE: Kirche
(210) dass Maria nicht nur das vollendetste Glied der „Mutter Kirche“, sondern auch „Mutter der Kirche“ ist.
(211) Ein früherer stehender Ausdruck aus dem Umfeld der Landwirtschaft. Angesprochen ist der Bauer als der Herr und das Geschirr für seine Zugtiere.
(212) Hebr. 10,38
(213) Eine populäre Redewendung in der damaligen Frömmigkeit.
(214) Hebr. 10,38

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