KR-3 DE 52

52. Marianische Erziehung nach dem Gesetz von Übertragung und Weiterleitung.

Vor uns liegt ein ganz zentraler Text der Spiritualität P. Kentenichs. Zunächst führt er konkret aus, wie sich die Verbindung und Harmonie von Natur und Gnade aszetisch und pädagogisch vollzieht: durch Übertragung und Weiterleitung. Dabei stößt die Darstellung auf die Grundgesetze des Organismus und die Baugesetze der Schöpfung in ihrer göttlichen Intention.
Dann führt der Text aus, welche zentrale Bedeutung die Gottesmutter bei diesem aszetischen und pädagogischen Vollzug hat – und das besonders in der heutigen Zeit.
Es dürfte dies das erste geschichtliche Dokument sein, in dem P. Kentenich die Gesetze des Organismus ausfaltet, deren Umsetzung er als eine zentrale Sendung betrachtet, die ihn zum „Kreuzzug des organischen Denkens“ gegen ein mechanistisches Denken, zur Auseinandersetzung mit der Kirche und ins Exil führen wird.
Die Entstehung des Nationalsozialismus im damaligen Deutschland leuchtet als Hintergrund auf bei der Darlegung mechanischer Übertragung. Die konkrete Führungspraxis Hitlers lässt keinen Platz für eine Weiterleitung; sie führt zu einem Gottersatz, aber nicht zur wahren Stellvertretung Gottes.

Der Text ist entnommen der Tagung P. Kentenichs über „Marianische Erziehung“, 1934, S. 154 – 174.


Nun stehen wir vor dem Kernstück der marianischen Erziehung. Vom dogmatischen Standpunkt ist das Wertvollste die marianische Haltung, vom psychologischen und pädagogischen Standpunkt aus die marianische Gebundenheit: sie ist das Kernstück der marianischen Erziehung. Wer es darum in der marianischen Erziehung nicht zu dieser Gebundenheit bringt, hat seine Aufgabe nicht gelöst. Wer durch die marianische Volkserziehung eine wirklich tiefgreifende und umfassende katholische Glaubensbewegung vorbereiten oder vertiefen helfen will, muss auch in der Volkserziehung viel Gewicht legen auf die Schaffung dieser marianischen Gebundenheit. Es wird also der Mühe wert sein, dass wir uns ausführlich damit auseinandersetzen. Ich will zwei Punkte herausstellen: das Wesen und die Bedeutung dieser Gebundenheit.

1. Das Wesen der Gebundenheit.

Wir wollen die einzelnen Ausdrücke ein wenig analysieren, und bleiben zunächst stehen bei dem Wort selbst: marianische Gebundenheit. Das ist die innerste Gebundenheit an die Gottesmutter. Wie will sie aufgefasst werden?

1.1 Ich sehe zunächst die allgemeinen Gesetze der personalen Gebundenheit – füge aber sogleich hinzu: der organisch-personalen Gebundenheit -, um dann die Gesetze auf die marianische Gebundenheit zu übertragen. Ich darf Sie bitten, als Kernstück den Organismusgedanken mit nach Hause zu nehmen.

Sie fühlen heraus: Was wir hier sagen von der personalen Gebundenheit, trifft den Kern des modernen Führerproblems. Wenn der heutige Mensch wieder ringt nach der Beseelung der Urtriebe, und wenn die Persönlichkeit eine Urkraft darstellt, so ist auch alles, was ich sage, ein wesentlicher Beitrag zur Persönlichkeitspädagogik. In dieser organischen Personalgebundenheit liegt ein ganzes System einer Pädagogik eingebettet. Ich darf Ihnen darum im Einzelnen auseinandersetzen, dass diese personale, organische Gebundenheit nach zwei großen Gesetzmäßigkeiten vor sich geht: erstens nach dem Gesetz der organischen Übertragung, zweitens nach dem Gesetz der organischen Erweiterung oder Weiterleitung.

1.1.1 Das Gesetz der organischen Übertragung hat eine doppelte Wurzel, eine metaphysische und eine psychologische.

1.1.1.1 Die metaphysische Wurzel ist das große Gesetz der Weltregierung und Welterlösung: Deus operatur per causas secundas liberas – Gott handelt durch freitätige Zweitursachen. Das Gesetz der organischen Übertragung heißt also: Gott überträgt auf Zweitursachen seine Macht, seine Vollkommenheit, sein Recht.

Nehmen Sie einmal unsere Eltern. Wir sollen an die Eltern gebunden sein. Nach welchen Gesetzen geht das vor sich? Nach dem Gesetz der organischen Übertragung: Gott überträgt seine Vollkommenheiten und Rechte auf die Eltern. Aber das ist das Gesetz der organischen, nicht der mechanischen Übertragung! Was will der liebe Gott? Er will auch selbst in den Eltern gesehen werden, will nicht getrennt werden von den Eltern. Die Eltern stehen vor uns nach Gottes Absicht als seine Stellvertreter. So ist das auch bei jeder Persönlichkeit, an die ich erzieherisch gebunden werde. Ich darf nicht die Person allein sehen, sondern Gott, der hinter der Person steht. Die metaphysische Wurzel ist also: Gott überträgt seine Rechte und Vollkommenheiten auf diese Person, möchte aber nicht getrennt von dieser Person gesehen werden.

Mechanische Übertragung kann in einem doppelten Sinn gesehen werden: erstens so, dass ich nur an die Person gebunden bin, nicht an die Person als Stellvertreter Gottes; zweitens aber auch so, dass ich in der Person eine Vergötterung sehe. Sie verstehen, was ich sagen will. Ich kann an eine Person gebunden sein wie an einen Stellvertreter Gottes und wie an einen Gottersatz. Ein Führer darf niemals dastehen und erstreben, Gottersatz zu sein im engsten Sinne des Wortes (49). Gott kennt nur das Gesetz der organischen Übertragung. Das ist die metaphysische Wurzel.

1.1.1.2 Zweitens die psychologische Wurzel. Was übertrage ich? Ich müsste alles, was in mir steckt, letztlich dem dreifaltigen Gott schenken: mein Hingabevermögen, meine Liebe und meine Fähigkeiten; ich müsste ihm schenken mein Geborgenheitsbedürfnis, meinen Willen. Gott will aber, da er durch Zweitursachen arbeitet, normalerweise diese Haltung übertragen auf Menschen, die an seiner Stelle stehen. Das Gesetz der organischen Übertragung heißt dann: Ich schenke und hänge mein Hingabevermögen, meine Liebe, schenke und hänge mein Geborgenheitsbedürfnis zwar wiederum an Gott, indem ich es in einem berechtigten Sinn an einen „Ersatzgott“ hänge, aber an keinen Gottersatz!

Sehen Sie unsere Kinder: Das Kind kennt nicht die wissenschaftlichen Gesetze, aber deswegen hängt es doch an den Eltern. Es hat das Empfinden: Wenn ich an den Eltern hänge, hänge ich auch an Gott. Das ist eine Analyse dessen, was im gesunden Menschen angelegt ist, aber heute weitgehend abhanden gekommen ist. Wir müssen den Gesetzen nachspüren, damit wir sie sinngemäß auf das praktische Leben anwenden können.

1.1.1.3 Es ist wohl der Mühe wert, hier stehen zu bleiben und uns zu fragen: Welche Wirkung hat denn dieses Gesetz der Übertragung? Welche Wirkung hat die organische, personale Gebundenheit? Antwort: eine einzigartig schöpferische Wirkung. Es ist das schöpferischste Prinzip in der Natur. Sie mögen alle diejenigen fragen, die es zum ersten Male erlebt haben. Wenn sie einmal tief innerlich in gottgewollter Weise an eine Person gebunden sind, wird eine ganze Welt, ein Rhythmus des Lebens wach, und das in ganz kurzer Zeit. Vielleicht hätte man Jahrzehnte gebraucht, bis dass diese schöpferische Kraft der Gebundenheit auf einem anderen Wege ihre Wirkung erreicht hätte.

Wir wollen die Persönlichkeit als Erziehungsprinzip sehen. Dafür dürfen wir sagen: Die schöpferische Kraft der Gebundenheit besteht in einer tiefgehenden, einzigartigen Lebensübertragung, Lebensmitteilung. Ich will Ihnen das schnell mit ein paar Strichen wissenschaftlich darstellen und möchte die Antwort geben im Sinne der alten Philosophie, der modernen Philosophie und des schlichten Denkens und Empfindens.

Im Sinne der alten Philosophie. Ich habe darauf hinweisen dürfen, dass die Gebundenheit – ein anderes Wort dafür ist die Liebe, das schlichte Gernhaben -, dass die Liebe ein doppelte Kraft hat: eine vereinigende und eine verähnlichende Kraft. Es sind nur andere Ausdrücke für Lebensübertragung. Am besten studieren Sie die Dinge am praktischen Leben. Hier ist nur wissenschaftlich ausgedrückt, was als Urphänomen im Leben liegt.

Zur vereinigenden Kraft werde ich hinzufügen: eine organisch, nicht mechanisch vereinigende Kraft. Denn das ist die Häresie der heutigen Zeit und auch die Häresie derer, die sich in Menschen vernarren und nicht zu Gott gezogen werden. Wie tief ist diese vereinigende Kraft beim Menschen! Es ist ein starkes Ineinander, kein Gegeneinander: Ich in dir und du in mir und wir beide ineinander (50). So zeigt uns das Leben die Akte der Liebe. So stark ist dieses Ineinander, dass wir von einem Identitätsbewusstsein sprechen dürfen: Ich in dir und du in mir und wir beide ineinander. Wenn Sie das auf Gott anwenden, werden Sie sehr viel von der Dogmatik besser verstehen. Was sollen und dürfen wir jetzt schon, vor allem aber in der visio beata (51)? Wir dürfen am Leben Gottes teilnehmen. Ich in dir und du in mir! Und was Sie in der Dogmatik sehen, geht alles nach den psychologischen Gesetzen der Liebe vor sich. Darum die Dinge im praktischen Alltagsleben sehen!

Aber da ist nicht nur die vereinigende, sondern auch die verähnlichende Kraft: idem velle et idem nolle (52), Gleichklang der Herzen, der Neigungen. Das haben schon die alten Philosophen gesehen. Das geht so weit, dass man in der äußersten Form, ohne es zu wollen, der geliebten Person bis in die Tiefe ähnlich wird. Das ist Lebensmitteilung.

Was bedeutet das für uns, wenn in der heutigen Zeit diese Urphänomene der organisch-personalen Gebundenheit wieder stärker wirksam werden? Wenn wir wirklich Erzieher sind, müssen wir die uns Anvertrauten an uns binden, weil wir wissen: Der tiefe, gottgewollte Sinn dieser Gebundenheit an uns ist Lebensmitteilung. Zunächst müssen wir unser eigenes Leben mitteilen. Der andere bekommt mein Leben, ob er will oder nicht. Das ist Psychologie der Gebundenheit, das ist schöpferisches Prinzip.

Wollen Sie denselben Gedanken im Sinne der modernen Philosophie haben? Wenn wir modern psychologisch ausdrücken, was schon die Alten gesagt haben, kommen wir besser zum Ziel. Die Neuen meinen ja wunders, was sie entdecken; und doch haben das schon die Alten gewusst. Nach den Modernen ist die Wirkung der Liebe, der Gebundenheit eine doppelte: Erstens, mein Geborgenheitsbedürfnis ist befriedigt – dafür haben die Alten gesagt: die vereinigende Wirkung -; zweitens, durch diese Gebundenheit nehme ich nicht nur gedankenmäßig, sondern auch triebmäßig die Haltung der geliebten Person an. Hier darf ich besonderes Gewicht legen auf den Ausdruck „triebmäßig“: das Denken der geliebten Person wird nicht nur gedankenmäßig, sondern auch triebmäßig angenommen. Das ist heute das Wichtigste in einer Zeit, in der wir den Weg suchen vom Essentiellen zum Existentiellen. Das ist das Große der Zeit, dass wir nicht beim Kopf stehen bleiben, sondern dass das Herz, die Triebe befriedigt werden sollen. Und das ist besonders dann von großer Bedeutung, wenn ich als Erzieher eine Persönlichkeit bin. Der normale Weg, um zu diesem Ziel zu gelangen, sind ja vor allem heiligmäßige Eltern, Lehrer und Priester. Und wenn wir die zweitletzten Mittel nicht mehr benutzen dürfen (53) – Vereinsleben und so weiter -, dann dürfen wir nicht jammern; wohl aber dürfen wir kämpfen, solange wir kämpfen können; aber wir müssen auch Gewicht darauf legen, dass wir an unserer Person ersetzen, was wir als zweitletztes Mittel preisgeben mussten. Die Persönlichkeit ist das Urprinzip der ganzen Erziehung.

[im schlichten Denken und Empfinden]

Wollen wir denselben Gedanken noch einmal hören? Wie sagt das schlichte Volk dafür? Wodurch waren unsere Eltern wirksam? Durch die Macht des guten Beispiels. Da wundern wir uns, wie alles so einfach ist, und wundern uns darüber, wie wir es gelehrt ausdrücken können. Verstehen Sie, was ich fassen möchte unter dem Ausdruck „das Gesetz der organischen Übertragung“?

1.1.1.2 Es ist aber noch ein zweites Gesetz, das wirksam ist bei der organischen Gebundenheit. Das ist das Gesetz der organischen Erweiterung und Weiterleitung. Hören Sie immer wieder: organisch. Sehen Sie den großen Heilsplan Gottes! Gott will uns für sich haben, daran dürfen wir nicht rütteln. Er will uns absolut, mit allen Fäserchen unseres Seins, und zwar jeden Trieb: den Kindestrieb, den väterlichen, mütterlichen, schwesterlichen, brüderlichen, bräutlichen Trieb; Gott mein Alles! Gott will alle Liebestriebe bis in die letzten Verzweigungen an sich gebunden wissen. Und was bedeutet hier das Gesetz der Weiterleitung? Ich darf die Menschen nicht bei mir stehen lassen; ich muss sehen, dass sie über mich hinaus weiter wachsen hinein in das Herz Gottes. Deswegen ist es so wichtig zu unterscheiden zwischen Gottersatz und Ersatzgott. Der Führer darf nicht ein Gottersatz sein; Stellvertreter Gottes, Ersatzgott darf er sein. Ich darf die Menschen nicht bei mir stehen bleiben lassen.

Darf ich das wieder schlichter ausdrücken? Gott ist ein weiser Psychologe und hat den ganzen Organismus der Welt gebaut. Und nun lässt er ein Band herunter. Er möchte uns mit menschlichen Banden binden. Gott ist, obwohl ein Geist, doch sehr menschlich-vernünftig. Mit menschlichen Banden möchte er den Menschen an sich ziehen (54). Deswegen sorgt er dafür, dass wir uns durch Kindesliebe, Elternliebe, bräutliche Liebe binden lassen dürfen. Aber er zieht das Band nach oben und hat keine Ruhe, bis alles an ihn gebunden ist. Das Kernstück ist immer: organisch. Das Gesetz der Weiterleitung und Erweiterung ist immer ein Gesetz der organischen Erweiterung und Weiterleitung. Sie dürfen aber nicht sagen: Wir machen das so: Jetzt habe ich acht Monate und sechs Tage jemand gern gehabt, jetzt muss das Gesetz der Weiterleitung funktionieren. Auf Wiedersehen!

Hier liegt wirklich ein schwacher Punkt unserer heutigen katholischen Aszese. Denn wir sind zu sehr und zu leicht geneigt – und die Strebsamsten am allerleichtesten -, gar zu schnell die Menschen sagen zu lassen: Mein Gott und mein Alles! Da wird alles in der Welt mit Füßen und Fäusten behandelt; alle Freuden und alle anderen Bindungen weg! Mein Gott und mein Alles! Die Tragik ist: So viel Gesundes wird dadurch in unserer Natur zerstört! Denn die gottgewollten Bindungen sind da, und ich soll sie mit in Gott hineinnehmen.

Alle diese Kernfragen drücke ich mit ein paar Worten aus. Wer aber das Leben kennt, weiß, wie viele von uns gar zu sehr Gefahr laufen, zu mechanisch „Mein Gott und mein Alles“ sagen zu lassen. Ich meine zumal die Novizenmeister – auch wenn es gefährlich ist, dies zu sagen, sollte einer von ihnen hier sein. Die Welt und alles Menschliche bekommen immer wieder Tritte. Wissen Sie, was die Wirkung ist? Je schneller wir zu Gott wollen, Geister sein wollen, desto schneller schlägt das Triebleben auf einer bestimmten Höhenlage um und wir versinken im niederen Sexualismus.

Das sind ernste Dinge, die wir hier berühren. Sie wollen alle gesehen werden unter dem Gesetz der organischen Weiterleitung. Alles, was in gesunder Weise gottgewollte Bindung ist, darf ich mitmachen; organisch soll es mitgenommen werden. Und im dreifaltigen Gott klingen alle Bindungen mit, auch in der Ewigkeit. So müssen wir uns die Ewigkeit vorstellen. So dürfen Sie das Gesetz der organischen Weiterleitung und Übertragung sehen. Das sind die beiden Gesetze, auf denen die personale, organische Gebundenheit als schöpferisches Erziehungsprinzip basiert.

1.2 Was ich Ihnen in allgemeinen Umrissen gesagt habe, darf ich anwenden auf die marianische Gebundenheit. Ich glaube, wir kommen sehr schnell zum Ziel. Ich muss nur die Gedankengänge über die organische Übertragung auf die Gottesmutter anwenden. Ich bin ja an sie gebunden.

1.2.1 Zunächst das Gesetz der organischen Übertragung.

1.2.1.1 Wo haben wir die metaphysische Wurzel von Gott aus? Gott überträgt auf die Gottesmutter seine Vollkommenheiten. Wir dürfen sagen: Als Gott die Gottesmutter schuf, hat er in ekstasischer Schau gearbeitet und geschaffen (55). Wissen Sie, was ein Künstler hervorbringt, wenn er in Ekstase schafft? Wenn Gott in Ekstase ist, was mag er da für ein Meisterwerk fertig bringen! Und Gott hat in Ekstase an Maria gearbeitet, an einem Kunstwerk ersten Ranges. Gott hat seine Vollkommenheiten in einzigartiger Weise in diese Person hineingeschaffen. Gesetz der organischen Übertragung, metaphysische Wurzel.

1.2.1.2 Nun die psychologische Wurzel. Ich übertrage auf die Gottesmutter mein Liebes- und Geborgenheitsbedürfnis. Ist das nicht etwas Urselbstverständliches? Das ist genau dieselbe Psychologie, wie wenn ich an meinen Eltern oder an sonst jemand hänge. Aber bitte, das ist das Gesetz der organischen, nicht der mechanischen Übertragung; denn jedes katholische Kind weiß, dass es, wenn es an der Gottesmutter hängt, auch an Gott hängt. Das Gesetz der mechanischen Übertragung – wenn ich an der Gottesmutter hänge nicht Gottes wegen, sondern ihretwegen – wäre Abgötterei.

Ich darf aber sagen: Viele von uns übertragen ihre eigene krankhafte Entwicklung auf andere, machen sich ein falsches Gottesbild und schimpfen auf die Marienverehrung. Sie sehen nur ihre eigene Entwicklung, aber nicht die Entwicklung des katholischen Volkes; denn wenn dieses „Maria“ sagt, sagt es „Gott“. Ich muss nur sehen, dass das Gesetz der organischen Weiterleitung besser funktioniert. Nicht ein „selbst-geschnitztes Bild“, das nicht existiert, zerstören wollen, sondern dafür sorgen, dass das Gesetz der organischen Weiterleitung funktioniert!

Ich soll nicht an der Gottesmutter hängen bleiben, sondern durch ihre Person weitergeleitet werden. So, wie die schöpferischen Kräfte jeder persönlichen Gebundenheit eine Lebensübertragung bedeuten, so auch bei der Gottesmutter. Wenn ich in schlichter Weise an sie gebunden bin, wo liegt da die schöpferische, die vereinigende und verähnlichende Kraft? Du in mir und ich in dir!

So können Sie das Wort verstehen, das so hart abgelehnt wird: nicht nur Wandel mit der Gottesmutter, sondern auch in ihr. Wir müssen nur den Mut haben, diese Selbstverständlichkeit des Lebens anzuwenden auf die Übernatur. Wenn ich einen Menschen wirklich gern habe, ist mein Wandel nicht nur mit ihm, sondern auch in ihm. Und wenn mein Wandel mit der Gottesmutter innig ist, dann ist er auch in ihr. Ich will nur die Gesundheit einer solchen Haltung zeigen.

1.2.2 Marianische Gebundenheit bedeutet aber nicht nur eine vereinigende, sondern auch eine verähnlichende Kraft; und deswegen ist sie das klassische Mittel für eine marianische Haltung. Wenn ich also erreiche, dass die Kinder an die Gottesmutter gebunden sind, haben sie marianische Haltung. Das ist das Gesetz der Weiterleitung. Das liegt in der Psychologie der organischen Gebundenheit und Übertragung: Wenn ich an einen Menschen gebunden bin, ist das Gesetz der Weiterleitung schon dadurch gesichert. Und es ist organisch, nicht mechanisch.

Dazu kommt, dass die Gottesmutter diese Aufgabe mehr als jeder andere Erzieher hat. Jeder echte Erzieher wird dafür sorgen, dass die Menschen, die an ihn gebunden sind, weitergeleitet werden an Gott. Dasselbe ist auch bei der Gottesmutter der Fall; denn sie ist ja von Amts wegen Christusträgerin: Sie soll die Menschen formen und gestalten nach Christi Bild, soll in den Menschen noch einmal Christus gebären. Überlegen Sie, wie von der Gebundenheit an die Gottesmutter eine wirkliche Weiterleitung erfolgt.

Ich darf Ihnen noch einen anderen Gedanken nahe bringen. Man hat schon gemeint, das Mittelalter wäre zum Hexenwahn gekommen, weil es so einseitig stark marianisch eingestellt gewesen wäre. Und man meint heute in psychologischen Kreisen, eine starke Marienverehrung würde mit der Zeit sexuell gefärbt werden. Solche Ansichten übersehen das Gesetz der Weiterleitung. Wenn ich natürlich mechanisch meine ganze Liebe der Gottesmutter schenken würde, könnte Hexenwahn kommen oder Sexualismus entstehen. Das sagt nur ein Gelehrter, der im Laboratorium arbeitet. Wer dagegen im Leben steht, der sieht: Das gesunde katholische Volk erlebt das Gesetz der Weiterleitung. Das könnte vielleicht tiefer sein. Wir aber dürfen uns nicht so leicht mit derartigen Mätzchen identifizieren. Es muss eine organische, nicht mechanische Weiterleitung sein.

Schauen Sie, was daraus folgt, wenn in unseren strebsamen katholischen Kreisen derartige Gesetzmäßigkeiten übersehen werden: Es war in Süddeutschland, wo ich zum ersten Mal darüber sprach. Eine Ordensschwester meinte: Als Mädchen war ich in der Kongregation. Als ich in den Orden eintrat, sagte ich mir: Jetzt hört die Marienverehrung auf; jetzt muss die Christusliebe anfangen. Genau dasselbe gestand ein hochgelehrter Studienrat: Als junger Mann war ich begeisterter Marienverehrer; jetzt als Priester kommt der Heiland für mich in Betracht.

Dies ist eine Analyse der heutigen Krankheit: mechanisches Denken und Leben. Das ist wirklich die Krankheit. Die Gesundung heißt: Organische Weiterleitung. So lange habe ich die Gottesmutter gehabt, und jetzt kommt der Heiland! Und wer kommt dann? Heiliger Geist, jetzt wirst du heruntergeholt! Und dann kommt der Himmelsvater, und all die anderen werden beiseite geschoben. Wer bleibt dann noch übrig? Soll es der Vater oder der Sohn oder der Geist sein?

Vielleicht werden Sie sagen: Aber das ist nicht möglich: ich soll die Gottesmutter gern haben und den Heiland? Wer das aber sagt, versteht den Organismus nicht. Das ist eine einzige Liebe, Marienliebe und Heilandsliebe, Christus- und Dreifaltigkeitsliebe. Es ist auch verkehrt, in einem ganz gelehrten Artikel zu schreiben: Wenn Grignion von Montfort zu einer ganz anderen Zeit gelebt hätte, etwa zur Zeit der Herz-Jesu-Verehrung, dann würde er sicher diese Andacht vorgezogen haben. Da wird das Gesetz des Organismus übersehen, wird alles immer mechanisch gesehen. Wenn Sie alles vergessen, aber das Gesetz des Organismus sehen, dann können wir sicher sein. Vor allem ist dann wichtig: Wir lassen dem armen Volk seine Marienverehrung und vergewaltigen unsere Zöglinge nicht. Leben ist immer gesunder Organismus, und in diesem Gesetz müssen wir denken.

Nach dieser Richtung haben Sie ein ganz klassisches Beispiel am heiligen Paulus. Wenn wir jetzt die Heilige Schrift lesen, verstehen wir sie besser. Es sind dieselben Prinzipien. Paulus war ein Heiliger und hatte den Mut zu sagen: Ich bin die Form der Herde (56). Das ist die psychologische und personale Gebundenheit. Paulus hat nicht gesagt: Um Himmels willen, ihr hängt ja an mir? Schnell abgeschnitten! Mein Gott und mein Alles! Sondern er sieht, wie die Urprinzipien und Urphänomene der Erziehung sind, und ist ganz erschüttert: Ich bin eure Form, ihr habt es zu machen wie ich. Die schöpferische Kraft der Gebundenheit muss zwischen uns herrschen. Ihr seid an mich gebunden und seid deswegen meine Nachahmer. Aber Paulus, wessen Nachfolger ist er? Christi (57).

Wir als Erzieher müssen das Antlitz Gottes in einzigartiger Weise ausprägen. Übersehen Sie nicht: Das ist ein wertvolleres Mittel der Erziehung, als wenn ich nur Ideen weitergebe. Das ist doppelt und dreifach wichtig in einer Zeit, die die Persönlichkeit in den Mittelpunkt rücken will. Allerdings dürfen wir nicht übersehen: Übermorgen ist die Gefahr groß, dass es Personenkult gibt! Wenn ich als Erzieher weiß: Menschen sind an mich gebunden, dann muss ich voll Ehrfurcht gegen sie sein (58). Und wenn die Sehnsucht nach Gottgebundenheit nicht in mir steckt, dann sollen Sie sehen, wie ich der Tyrann meiner Umgebung werde und mit mir alles in den Schmutz ziehe. Ob man nach Heiligkeit strebt oder nicht, das wirkt sich gegenüber der Umgebung verschieden aus. Diese Verschiedenheiten müssen wir immer bedenken, wenn wir zu den heutigen Zeitströmungen in reifer Weise Stellung nehmen.

Ich denke an Newman. Er hat eine eigenartige Entwicklung gehabt. Bedenken Sie die Strömung, die gegen ihn war. Aber ein gesunder Mensch muss den Organismus des göttlichen Lebens mitgemacht haben. Newman ist nicht von den Menschen zu Gott emporgestiegen, sondern von Gott zu den Menschen; denn es gibt auch für die Gebundenheit an den Geist Gottes das Gesetz der Übertragung und Weiterleitung. Ganz einseitig geht ja niemand diesen Weg, das ist psychologisch undenkbar. Aber es gibt Menschen, die finden zuerst den lieben Gott. Wenn diese Menschen nun in der Gottgebundenheit nicht das Gesetz der organischen Übertragung und Weiterleitung kennen würden, wären es armselige Geschöpfe: Sie müssen von Gott zu den Menschen kommen. Das Gesetz der organischen Weiterleitung von unten nach oben oder von oben nach unten.

Das müssen wir besonders bei der Ordens- und Institutserziehung beachten, damit wir strebsame Menschen erziehen und nicht Gebilde, die dem Leben nicht gewachsen sind. Wenn ich zu einseitig gottgebundene Seelen erziehe, ohne das Gesetz der Weiterleitung, dann ist die Gefahr groß, dass sie zum niederen Sexualismus kommen. Ich halte das für wichtig in einer Zeit, die wieder so stark um eine Renaissance der Natur ringt. Wenn wir das Naturhafte so stark vernachlässigen, kommt der Teufel und verkehrt alles wieder.

Ich darf annehmen, dass ich damit zur Genüge erklärt habe, was marianische Gebundenheit heißt.

2. Die Bedeutung der Gebundenheit

Zweitens ein paar Worte über die Bedeutung der Gebundenheit. Hier haben wir die Kernfrage der marianischen Erziehung. Es geht um drei Behauptungen.

2.1. Zunächst um die Wechselseitigkeit von naturpsychologisch und gnadenpsychologisch.
Ich kann die marianische Gebundenheit naturpsychologisch betrachten. Ich muss den Mut haben, das, was ich von der natürlichen Gebundenheit erkenne, sinngemäß und in der Totalität und Ganzheit auch auf die Übernatur anzuwenden.

Organisch-marianische Gebundenheit ist die Wurzel einer Triebkraft, die Wurzel eines ganzen Heiligkeitssystems. Ich sage Ihnen das mit ganz großer Freude. Sie haben da aus modernen Forschungen heraus eine Bestätigung der alten Auffassung der Marianischen Kongregationen. Was haben die durchweg getan? Die Heiligkeit haben sie betrachtet als Lebensbaum, zwar nicht als paradiesischen Lebensbaum, aber als Lebensbaum. Man kann ihn aber auch als paradiesischen Lebensbaum darstellen. Die Wurzel ist die Marienverehrung, der Stamm die Selbstheiligung, die Frucht das Apostolat. Das steht zwar logisch da, aber Sie müssen es psychologisch sehen. Ist marianische Gebundenheit wirklich die Wurzel eines ganzen Heiligkeitssystems? Man muss nur das Gesetz der Weiterleitung beachten. Ich bin an die Gottesmutter gebunden, nicht nur gesinnungs-, sondern auch triebmäßig; und ihre Heiligkeit ist ihre Haltung sich selbst, Gott und dem Leben gegenüber.

Sie müssen daher sehen, dass Sie ernsthaft ringen um die Heiligkeit, besonders wenn Sie eine junge Mannschaft zu erziehen haben. Sie sollten jedoch auch für die ganze Pfarrei die marianische Gebundenheit als Damm aufrichten gegen die modernen Zeitübel zur Erreichung einer ausgeprägten Marienverehrung. Denn ich möchte den gern sehen, der marianische Erziehung erreichte, wenn er nicht eine solche Gebundenheit erreicht.

2.2. Von der rein natürlichen Psychologie aus gesehen gibt die marianische Gebundenheit eine einzigartige natürliche Wertempfänglichkeit. Und damit sind wir aus unserer großen, modernen Hilflosigkeit heraus. Wir wissen so viel von den Wertschemen, wir wissen, wie und nach welchen Gesetzen wir Haltung schaffen können, aber wir schaffen nicht die Wertempfänglichkeit! Die marianische Gebundenheit schafft uns aber in einzigartiger Weise eine Wertempfänglichkeit, auch für die Aufnahme des Christusgeheimnisses. Wenn meine Hingabe an die Gottesmutter entsprechend tief ist, und ich sehe das Heilandsbild, bleibt das nicht im Verstand; und so wird die Gebundenheit an die Gottesmutter zur Heilandsgebundenheit. „Und das Wort ist Fleisch geworden.“ (59) Die Gottesmutter hat ihr Fiat gesprochen. Das ist in der Heilsgeschichte, in der Pädagogik und Seelsorge immer so gewesen, auch wenn man die Gesetze nicht so reflexiv sehen konnte. So bekommen auch all die Worte, die ich auf religiösem Gebiet höre, sofort Leben, wenn ich eine starke Mariengebundenheit habe: die Wahrheit, das abstrakte Wort wird Leben.

Wenn Sie sprechen merken Sie, welche Wertempfänglichkeit der Zuhörerkreis hat. Wenn Sie deswegen anfangen, marianisch zu erziehen, heißt es vor allem: stetig bleiben, nicht heute das und morgen das! Wenn wir es in Deutschland tun, und wir hören, in Holland wird es anders gemacht, dann selbstverständlich auch wir; in Amerika wird etwas Neues gemacht, selbstverständlich machen wir es auch so! Das dürfen wir aber nicht, wenn wir Seinsgesetze erkennen. Das wenige, was wir tun, konsequent durchführen! Aber auch das muss ich wiederholen: Sie dürfen das Marianische nicht mechanisch sehen, sondern organisch. Was heißt das? Maria ist ja nur triebkräftiges Mittel, um Christusleben zu vermitteln, zu Christus zu führen; die Gottesmutter ist nur der organische Weg.

2.3. Dritter Punkt: naturpsychologische Bedeutung. Die marianische Gebundenheit gibt uns eine einzigartige, tiefe katholische Instinktsicherheit. Das ist heute nicht zu übersehen. Wir müssen heute eine katholische Instinktsicherheit schaffen. So hat die Masse eine viel stärkere Sicherheit, als wenn es nur intellektuell wäre. Wollen wir Gott nicht bitten, er möge uns erleuchten, dass wir diese großen Zusammenhänge einsehen, nicht immer an uns herumkratzen und unsere eigene krankhafte Einstellung auf das Volk übertragen? Wenn wir erziehen, müssen wir reife Männer sein und nicht immer den eigenen Entwicklungsgang auf die Masse übertragen.

2.4 Die Bedeutung der marianischen Gebundenheit vom gnadenpsychologischen Standpunkt aus. Sie kennen das Gesetz der organischen Verbindung von Natur und Gnade. Ich spreche nicht von der Gnade – dafür gibt es einen eigenen Kurs für Priester, der die Dogmatik und Aszese darstellt (60). Es ist aber wertvoll, dieses Gesetz auch von der Seite der Natur zu sehen.

Wer Maria sagt, sagt Gnade; Marienbegegnungen sind immer Gnadenbegegnungen und Gottesbegegnungen. Wenn ich an die Gottesmutter gebunden bin, ist nicht nur die Natur wirksam, sondern auch die Gnade. Die Gottesmutter lässt Gnade um Gnade niederträufeln auf alle, die ihr Gott zugewiesen hat. Denn „der Weg über die Gottesmutter ist der leichteste und sicherste, alle mit Christus zu vereinigen und durch ihn die vollkommene Kindschaft zu erlangen (61)„. Der Weg ist ein organischer Weg. Ich meine, ich müsste immer häufiger das Wort „organisch“ sagen, damit es sitzt; denn die heutige Kultur hört die Worte nur zu mechanisch, und dann kommen die Abwehrgefühle. Ich habe ja gesagt: Es gibt verschiedene Arten, wie ich Christus sehen kann. Und Christus mit den Augen seiner Mutter zu sehen ist ein Weg, aber ein überaus wirksamer Weg.

3. Damit habe ich Ihnen Wesen und Bedeutung der marianischen Gebundenheit darstellen dürfen. Weil wir aber vor ganz wichtigen Konsequenzen stehen, müssen Sie mir gestatten, von da aus schnell ein paar Linien ins praktische Leben zu ziehen.

Sie werden sagen: Ob das alles stimmt? Es scheint zu stimmen; ich kann jetzt nichts dagegen sagen – aber morgen!

Einmal angenommen, dass alles stimmt, was folgt daraus? Dann ist Heiligkeit verflixt leicht. Da haben Sie schon recht. Aber auch so ist es noch schwer, jedoch nicht so schwer, wie wir es uns vorstellen.

3.1 Heiligkeit ist nichts anderes als ein höherer Grad der Kindlichkeit. Aber die ganze Geschichte mit dem Heiligkeitssystem? System ist keine Heiligkeit. Es kann ein Mittel sein für uns als Führer des Volkes, damit wir klarer sehen, was wir im Einzelfall zu tun haben. An sich ist Heiligkeit nichts weiter als vollendete Kindlichkeit Gott gegenüber. Und damit wir das lernen, hat Gott uns seine Mutter gegeben. Aber organische, nicht mechanische Kindlichkeit!

3.2 Sie werden sagen: Wenn das alles stimmt, wissen wir, was wir zu tun haben. Was werden wir unseren Kindern mitgeben? Eine überaus schlichte Marienverehrung, Marienliebe. Sie wissen nicht – oder wissen vielleicht wohl -, was alles noch kommen mag. Wie wollen Sie da Ihre Kinder schützen? Wollen Sie gelehrte Ausführungen machen, Gründe anführen, soviel Sie wollen oder können? Wir wollen alles gebrauchen. Aber das Schönste und Wichtigste, das ich den Kindern mitgeben kann, ist eine ganz kindliche Marienverehrung. Das ist der Ariadnefaden, an dem sich unsere Jugend durchringt durch das Labyrinth der heutigen Zeit.

3.3 Auch für das Volk, das ich zu erziehen habe, ist das gut. Ich muss auch ihnen den Ariadnefaden geben. Das heutige Leben ist verwirrt und wird noch immer mehr verwirrt, so dass wir nicht mehr ein noch aus wissen.

3.4 Aber was soll ich mit der liturgischen Erziehung? Die wollen wir auch. Das habe ich Ihnen ja dargestellt. Wenn wir dem Volk die schlichte Marienverehrung geben, dann geben wir ihm auch den liturgischen Sinn. Doch merken Sie sich wieder: nicht mechanisch! Wenn Sie eine Antwort geben müssen, dann sagen Sie nur: organisch. Es ist kein Gegensatz: Wir wollen das Liturgische, und unsere Verbände und Vereine wollen dasselbe. Das Marianische gibt uns das Werthafte des Liturgischen und ist Anschauungsunterricht, Popularisierung für das Liturgische.

3.5 Oder Sie werden sagen: Ich gebe der Jugend ein System mit – ein System wollen an sich nur wir als Führer haben – oder gute Gewohnheiten. Das wollen wir alles tun. Aber wie sichern wir diese Gewohnheiten? Ich gebe meinem Volk seine Mutter wieder, dann habe ich meine Aufgabe gelöst.

3.6 Sie können auch sagen: Aber um Himmels willen, weg mit dieser Kindlichkeit! Kraft, Selbständigkeit! Da haben wir es wieder: Wir haben keine klaren Begriffe. Ist Kindlichkeit nicht vollendete Kraft? Soll ich Ihnen das wieder wissenschaftlich beweisen? Wir müssten wieder so viel reflektieren und analysieren, damit wir Klarheit bekommen. Kindlichkeit ist vollendete Gebundenheit an die Gottesmutter. Und das ist ihre Haltung: nicht nur die der reinen Jungfrau, sondern auch der Schmerzensmutter: Kraft! Kindliches Gebundensein ist kraftvolles Sichgeben.

3.7 Wenn ich mich an die Gottesmutter kindlich binde, und wenn ich geborgen bin, kann ich meine ganze Kraft für die Aufgabe hergeben. In anderem Zusammenhang: Kindliche Mariengebundenheit bedeutet einen ganz hochgradigen Glaubensgeist. Und das ist wichtig: Ich kann nicht an die Gottesmutter gebunden sein, ohne Glaubensgeist zu haben; und das bedeutet Kraftentfaltung. Und erhöhter Glaubensgeist bedeutet Verbindung des Ich mit dem Gottmenschen.


(49) Konkret angesprochen ist hier der damals gerade in Deutschland wachsende Führerkult um Adolf Hitler.
(50) Vgl. M. Müller, Frohe Gottesliebe, Das religiös-sittliche Ideal des heiligen Franz von Sales, Freiburg 1933, 145.
(51) Beseligende (Gottes-)Schau.
(52) Dasselbe wollen und dasselbe nicht wollen.
(53) Sehr bald nach der Machtergreifung hat der Nationalsozialismus alle Organisationen verboten, die nicht die ihren waren.
(54) Vgl. Hos 11,4.
(55) Dieses Wort wird dem hl. Bernhard zugeschrieben.
(56) 1 Petr 5,3; vgl. Phil 3,17; 2 Thess 3,9.
(57) 1 Kor 11,1; vgl. 1 Kor 4,16; 1 Thess 1,6.
(58) Gemeint ist wohl, dass der Erzieher in Ehrfurcht die richtige Distanz bewahren und den anderen zur Selbständigkeit führen soll.
(59) Jo 1,14
(60) Vgl. die Weihnachtstagung 1925 „Natur und Gnade“.
(61) Pius X., Enzyklika „Ad diem illum“ vom 2. 2. 1904 (ASS 36, 449-462), deutsch bei R. Graber, Die marianischen Weltrundschreiben der Päpste in den letzten hundert Jahren, Würzburg 1954, Nr. 139.

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