KR-3 DE 55

55 Option für das Religiös-Sittliche

Bewegungen gibt es in allen Schattierungen, im weltlichen und im kirchlichen Bereich: Arbeiterbewegung, Frauenbewegung, ökologische Bewegung, Option für die Armen, liturgische Bewegung usw. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie zunächst „von unten“ und mit starker Beteiligung der Laien entstehen und dass sie eine Erneuerung oder Verbesserung bestehender Zustände erstreben.
Schönstatt ist eine solche Bewegung, wohl die älteste unter den noch wirksamen Bewegungen des vergangenen Jahrhunderts.
Wenn man sich frägt, was für eine Art von Bewegung Schönstatt ist und was sie anzielt, dann wird einem zunächst einfallen: marianische Bewegung, pädagogische Bewegung; zweifellos richtige Charakterisierungen. Nimmt man noch die besondere Sendung für den Bindungsorganismus hinzu, dann müsste man hinzufügen: Schönstatt ist eine organische Bewegung. Sie möchte möglichst vollkommen Natur und Gnade, Schöpfungsordnung und Erlösungsordnung miteinander verbinden. Alles Gute und Edle, alle Anliegen anderer Bewegungen müssten deshalb in Schönstatt auch Raum haben.
In dieser Breite und Offenheit liegt auch eine Gefahr, die der Gründer in den fünfziger Jahren als „verflixten Universalismus“ gekennzeichnet hat.
Die Gefahr ist umso größer, wenn wir in einem sozialen Umfeld leben, in dessen öffentliche Atmosphäre die übernatürliche Dimension praktisch ganz verschwunden oder am verschwinden ist. Alle guten und edlen Bestrebungen sind deshalb der Gefahr ausgesetzt, Selbstläufer zu werden und, obwohl gut gemeint, zur Zerfaserung des Menschen beizutragen.
Eine solche Einschätzung der gegenwärtigen Lage führt Pater Kentenich dazu, trotz aller organischen Ganzheitlichkeit eine „organische Einseitigkeit“ zu betonen: die „religiös sittliche Erneuerung“ als Grundlage dafür, dass alle anderen berechtigten Strömungen wieder zur Zentrierung des Menschen und zur Verbindung des Menschen mit Gott führen.
Der folgende Text ist deshalb im Konzert der Texte über Anthropologie und Pädagogik als wesentliche Ergänzung zu verstehen.

Er ist entnommen dem Oktoberbrief 1949, (Schönstatt-Verlag 1970), S. 61-64, 91-93, also einem Dokument genau aus der Zeit, in der es Pater Kentenich besonders um das organische Denken, Leben und Lieben ging.


Eine Erneuerungsbewegung, die eine ausgesprochene Zeitsendung hat, darf nicht auf halbem Wege stehen bleiben. Sie muss Lehre und Leben auf letzte Prinzipien zurückführen und unentwegt eine allseitige, möglichst vollkommene Reform erstreben. Mit Bedacht sprechen wir von einer vollkommenen, an die Wurzel gehenden Reform. Es liegt nahe und ist für den Augenblick jedenfalls einfacher – um ein Beispiel zu nennen -, etwa dem vitalistischen oder ökonomischen, will heißen, dem Trieb- oder Wirtschaftsmenschen, das Ideal des ästhetischen Kulturgenießers oder Kulturschöpfers nahe zu bringen. Man bleibt auf derselben natürlichen, diesseitigen Ebene und braucht nicht in die übernatürliche Welt vorzustoßen. Es ist selbstverständlich, dass Strömungen dieser Art wenigstens im Übergang in kirchlichen Kreisen stärkeren Anklang finden, als sie an sich verdienen. Es ist leichter, die schöpferischen Kräfte im Zeitalter des Säkularismus auf ein solch greifbares Ziel als auf ein religiöses Ideal zu richten. Man lasse sich jedoch durch vorübergehenden Erfolg nicht täuschen. Bald wird man mit leeren Händen dastehen.

Weil unsere Zeit wurzelkrank geworden ist, weil sie auf allen Gebieten eine bis ins Letzte gehende Seinsrevolution heraufbeschworen hat, weil sie von Gottes Idee und Plan vollkommen abgefallen ist, geht sie einem vielfältigen Zerfall entgegen: dem Zerfall der seelischen Harmonie und der Gesellschaft, dem Zerfall des Heimatbewusstseins und der Herrschaft über Natur und Teufel. Darum muss überall um eine vollkommene Neuschöpfung aus letzten metaphysischen Prinzipien gerungen werden. Der vollkommenen Seinsrevolution muss eine vollkommene Seinstreue gegenüber gestellt werden. Das alte Gesetz „Ordo essendi est ordo agendi“ (75) will sorgfältigst studiert und in allen Einzelheiten anerkannt und angewandt werden – so wie Schönstatt es in seinen Gliederungen und Einrichtungen zu tun sich bemüht. Deswegen überall der Vorrang des religiös-sittlichen Standpunktes, mag es sich dabei um das Menschen- oder Gemeinschaftsbild handeln…

Wir nennen diese Haltung organisch-einseitig religiös-sittlich, das heißt, wir ordnen der religiös-sittlichen Naturvollendung die ästhetische und intellektuelle, die vitale, hedonische (76) und ökonomische organisch ein und unter.

Früher oder später ergibt sich folgendes Bild: Während das Individuum organisch einseitig religiös-sittlich ist, hat die Gesamtheit – soweit die Anlagen dazu vorhanden – ein allseitiges Gepräge. Das heißt: Obwohl alle insgesamt im religiös-sittlichen Element wie im tragenden Fundament übereinstimmen, herrscht doch reiche Abwechslung wie in der Natur mit der Mannigfaltigkeit ihrer Pflanzen und Tiere und Sternenwelt.

Originell schon wirkt sich in Individuum und Gemeinschaft die religiös-sittliche Einstellung aus. Buntfarbiger entfaltet sich aus diesem Grunde die ästhetische oder intellektuelle, die ökonomische oder hedonische oder vitale Anlage. Das alles geschieht gefahrlos, weil die vielfältigen Anlagen im Menschen Halt und Maß bekommen durch die religiös-sittliche Grundeinstellung: Gottes Plan und Idee ist vollkommen erfasst, wenn es auch schwer fällt, beides praktisch zu verwirklichen. Mit ruhigem Geist und festem Schritt können wir trotz vielfachen Abweichens vom Ideal, trotz aller Menschlichkeiten die aufgewühlte Zeit durchschreiten.
[.…]

Eine Erneuerungsbewegung dieser Art kommt nicht daran vorbei, sich in einer bis ins Mark erschütterten und angekränkelten Zeit weiteste Strecken ihres Weges bewusst in Gegensatz zu setzen zu ihrer Umgebung. Wohl oder übel muss sie sich als fliegende Insel oder als fliegende Einsiedelei fühlen und geben und bei allem Geöffnetsein der kirchlichen Autorität gegenüber sich sorgfältig abriegeln gegen fremden und feindlichen Einfluss. Äußere Mauern – sie mögen noch so hoch und dicht sein – reichen zu diesem Zweck nicht aus. Ohne tiefe geistige Immunisierung von Gemeinschaft und Individuum ist das Ziel schlechthin unerreichbar. Mehr noch, jede Verbindung mit Zeitströmungen, die nicht in gleicher Weise den Geist der Ganzheit erstreben, ist von Übel, ist unnötige Zeit- und Kraftverschwendung und trägt den Keim des Unterganges oder der Verwilderung in sich.
[….]

In der Übergangszeit schauen wir voller Hoffnung auf das Idealbild, das sich übermorgen langsam zu verwirklichen anfängt. Wir leben aus dem Glauben, den das Buch der Weisheit in die Worte kleidet: „Deus sanabiles fecit nationes orbis terrarum (77).“ Gleichzeitig bemühen wir uns ehrlich um seine Verwirklichung. Es ist das Ideal des neuen Menschen in der neuen Gemeinschaft, wie es uns seit 1912 vor Augen schwebt, dem seither unsere ganze Liebe und Tatkraft gehört.

Unsere Situation ist ähnlich wie zur Zeit des Urchristentums. Das Urchristentum musste einen Riesenkampf kämpfen mit der diesseits orientierten Welt. Um nicht zu erlahmen, verzichtete es freiwillig auf viele edle, natürliche Güter – auf ökonomische, hedonische und ästhetische Werte – um sich ganz ungeteilt und ungebrochen auf das religiös-sittliche Ideal konzentrieren zu können. Dem Zeugnis des Lebens und des Blutes wich letzten Endes der Widerstand des Heidentums.

Damit ist unser Weg gekennzeichnet. Wir hoffen nicht so sehr durch Worte, sondern mehr durch unser Leben und Sterben eine ins Irdische gesunkene Welt aufhorchen zu lassen und wenigstens in ihr die Sehnsucht zu wecken nach Aufriegelung der verschlossenen Tore ins Übernatürliche, ins Göttliche, ins Unendliche.

Darum verzichten wir bewusst und freiwillig auf viele natürliche Werte. Wir müssen es tun, wenn wir die Kräfte, die Gott uns zur Verfügung gestellt hat, nicht im Irdischen versinken lassen wollen. Das Ideal des organisch einseitig religiös-sittlichen Menschen darf niemals durch den Zauber des Irdischen, auch nicht durch den Glanz des Ästhetischen verdunkelt werden. Das Ästhetische mag, soweit Anlagen dafür vorhanden sind, Ausdruck der religiös-sittlichen Höhenlage, niemals aber Ersatz oder Hindernis dafür werden. Versteht man unter dem Ästhetischen sittliches Feingefühl, so darf uns niemand darin übertreffen. Alles Große und Schöne, was die verflossenen vier Jahrhunderte an verborgenen Herrlichkeiten der göttlichen Idee vom Menschen entschleiert haben, wollen wir sorgfältig auffangen und in unserem Streben lebendig werden lassen.


(75) Die Ordnung des Seins ist (bestimmt) die Ordnung des Handelns.
(76) Eine moderne Übersetzung für hedonisch wäre Spaßgesellschaft.
(77) Gott heilte die Geschöpfe (Nationen) des Erdkreises. Oder in anderer Übersetzung: Gott machte die Geschöpfe der Welt so, dass sie heilbringend sind. Vgl. Weish 1,14.

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