KR-3 DE 45

45 Immaculata – das Idealbild des Menschen

Die besondere Sendung der Gottesmutter hat ihre letzte Begründung im Heilsplan Gottes, der ihr eine besondere Stellung und Rolle im Werk der Erlösung als Dauergehilfin und Gefährtin Christie zuweist. Dies macht die Gottesmutter zur Braut und Mutter Christi.
Das ist aber noch nicht alles. In der besonderen Begnadung der Unbefleckten Empfängnis und der – daraus folgenden – Sündenlosigkeit scheint in der Gottesmutter auch das Idealbild des Menschen auf. Wie Gott sich den Menschen gedacht und ihn im Paradies geschaffen hat, so scheint er in der Gottesmutter auf.
Pater Kentenich sieht die Bedeutung der Immaculata im großen geistesgeschichtlichen Kontext eines Wandels von einem theozentrischen zu einem anthropozentrisches Weltbild. Bis ins 16. Jahrhundert stellten sich Philosophen, Theologen und Künstler die Frage: wer ist Gott? Im Mittelpunkt des Denkens stand die Gottesfrage. Das ändert sich mit Beginn der Neuzeit: mit der Reformation, der Aufklärung und der Entwicklung der Naturwissenschaften. Martin Luther ringt mit dem existenziellen Problem: „Wie finde ich einen gerechten Gott?“ Die Naturwissenschaften entdecken die Macht der menschlichen Vernunft und Technik. So ist heute die vorherrschende Frage: Wie versteht sich der Mensch selbst? Welche Rolle spielt er in der Geschichte? Welche Verantwortung kommt ihm gegenüber der Schöpfung zu? Wo liegt seine Größe und Grenze? Wie bezieht er sich auf Gott – sofern es überhaupt noch einen Gottesglauben gibt?
Auf die Frage nach dem Menschenbild und seiner Rolle im Weltgeschehen gibt Gott keine theoretische Antwort, sondern er offenbart sie in der Person der Gottesmutter. Die Spezifizierung des Gottesbundes auf ein Liebesbündnis mit der Gottesmutter hat eine besondere Bedeutung im Blick auf die Fragen und Entwicklungen unserer Zeit. Pater Kentenich versteht sich in ganz besonderer Weise als Künder dieses Marienbildes und als Erzieher eines marianischen Menschen.
Der vorliegende Text illustriert dies. Theologische Darlegung verbindet sich mit Begeiste­rung und Wärme des Herzens zu einem besonderen Zeugnis der Sendung unseres Gründers und zu einem besonderen Anruf an uns.
Die Lehre von der Immaculata wird im Vortrag im Zusammenhang von Glaubensüber­zeugungen gesehen, die (noch) nicht dogmatisiert sind. Pater Kentenich benützt im Vortrag dafür wiederholt und ausschließlich die lateinischen Fachausdrücke. Sie bleiben im Text stehen, sollen aber hier zu Beginn der Lektüre übersetzt und eventuell erklärt werden:
Mediatrix = Vermittlerin; gemeint ist die Glaubensüberzeugung von der Gottesmutter als der „Mittlerin aller Gnaden“.
Sponsa = Braut.
Consors = Gefährtin.
Der Text spielt auch mit Begriffen aus der Schöpfungsgeschichte:
Fiat = Es werde; gleichzeitig die Antwort der Gottesmutter in der Verkündigung: Mir geschehe.
Factum est = Es ward.
Descendat = Es steige herab (der Hl. Geist)

Der Text ist entnommen dem letzten Vortrag der „Dankeswoche“ 1945 aus H. Hug (Hg.), Hier war Gott: Chronik 1939-45 (Berg Sion 1999), S.375-396.


Einmal wurde das Wort gesprochen, wundersam wirksam: „Fiat Maria! Et facta est Maria!“ Heute soll es erneut gesprochen werden. Was erwarten wir? Eine Vollendung des Marienwunders, und zwar nach der Richtung des Vollmenschen, des Vollerlösten, nach der Richtung des Vollheiligen!

Da stehen wir inmitten des heißen Gewoges der heutigen Zeit. Der Kampf der heutigen Zeit geht um das Menschenbild. Der Kampf ist alt. War das zufällig, dass die Kirche der Gottesmutter eine doppelte Krone in den letzten Jahren aufs Haupt gesetzt hat? In der Krone der Immakulata entschleiert sich die Gottesmutter als Braut Christi. Und nun ist die Kirche daran, der Gottesmutter die Krone der Mediatrix auf das Haupt zu setzen. Da entschleiert sich erneut die Herrlichkeit der Gottesmutter in vollendeter Weise als consors Christi. Mediatrix, die allgemeine Gnadenvermittlerin! „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; lasst uns ihm eine Gehilfin machen, die ihm gleich sei!“ (1) Vollendung dieser Gleichheit sehen wir in der Immakulata. Der Vollmensch, der Vollchrist, der vollerlöste Mensch wird uns so im Bilde der Gottesmutter unserer Zeit vor Augen gestellt. Das Sonnenbild menschlich erreichbarer Würde und menschlich erreichbaren Adels steht vor uns im Bilde der Gottesmutter, der Immakulata und der Mediatrix. Wir wissen das auch, meine liebe Schönstattfamilie, dass Dogmen nicht bloß Klärung für den Verstand sind, sondern auch richtunggebend für unser persönliches Streben und Ringen, dass Dogmen auch immer eine Antwort darstellen auf die Not der Zeit. Fiat – descendat! – Die Gottesmutter soll das Marienwunder erneut in uns wirken. Nach welcher Richtung? Wir wollen tiefer hineinwachsen in das Ideal des Menschen, in den Vollmenschen, so wie er in der Gottesmutter dargestellt ist, in den Vollchristen, in den Vollheiligen, in den vollerlösten Menschen.

Das Menschenbild soll gerettet werden! Das Menschenbild, das heute so stark gefährdet ist. Den Hohlraum, der entstanden ist durch die Entfernung Gottes, sucht man auszufüllen, indem man neue Götter schafft. Bald war es die Wissenschaft, bald das Gefühl, bald war es die Materie, bald war es der Magen, bald war es die Maschine. Der Mensch war müde, in sich selber Gott zu entdecken. Er hat ihn außer sich gesucht. Der Mensch galt als ein Glied, ein Stück einer Maschine und die menschliche Gesellschaft selber als eine Maschine.

So tief ist der Mensch herabgesunken. 1854 haben derartige Strömungen wohl schon einen gewissen Höhepunkt erreicht. Die Kirche mit ihrem Exponenten, dem damaligen Papst, spürt, wie alle in den Abgrund gehen. Eine Entwertung des Menschen! Das geistige Niveau, das geistliche Niveau, das übernatürliche Niveau war am Sinken. Die Übernatur wurde weggewischt. Es gibt keine Gnade, es gibt keinen Dreifaltigen Gott. Weiteste Kreise der Kirche waren in diesen Ruin hineingezogen. Nun dieser ungeheure Mut des Papstes! In dieser Situation stellt der Papst der Welt schlechthin das Ideal des Menschen vor Augen, das Vollbild des Menschen, den Vollerlösten, die Immakulata. Wir wollen uns daran erinnern lassen, dass wir wohl in der Dogmatisierung der Unbefleckten Empfängnis – wenn ich das recht sehe – den ersten Fall haben, wo die Kirche zur Dogmatisierung vorgeschritten ist, ohne dass irgendwelche häretische Strömungen dazu drängten. Sonst dogmatisiert die Kirche nur eine Wahrheit, wenn sie von häretischen Anwandlungen angefressen wird. Hier nichts von Häresien, sondern offenbar die Bestrebung, einer furchtbaren Lebensnot ein Dogma ent­gegen­zustellen. Ein ungeheurer Mut, der darin steckt, da, wo das Menschenbild entstellt ist, das Idealbild des Menschen der heutigen Zeit vor Augen zu führen.

Große Erwartungen hat Pius IX. auf dieses Dogma gesetzt. Pius X. greift 1904 in der Jubi­läumsenzyklika zurück auf diese Worte und registriert: Diese Erwartungen, die die Kirche auf die Dogmatisierung gesetzt hat, sind nur zum Teil erfüllt. In unserer Sprache: Das Marienbild hat noch nicht genügend das Menschenbild gerettet. Das Wandlungswort, das Wunderwort: „Fiat et facta est Maria consors et sponsa Christi“ (2) ist noch nicht vollste Wirklichkeit geworden.

Derselbe Gedanke findet sich wieder bei Leonardo a Porto Mauritio. Am Anfang des 18. Jahrhunderts ist er gestorben. Auf seinem Sarkophag in Rom ist Abschrift oder Original eines seinerzeit von ihm selber geschriebenen Briefes, darauf das Bekenntnis: Wenn die Immakulata als Dogma, als Glaubenssatz erklärt wird und ihre Wirkung ausstrahlt, wird die Welt den Frieden bekommen. – O, ich verstehe den Zusammenhang überaus gut. Was die Welt heute auseinandergerissen hat, ist das verkehrte Menschenbild. Mensch und Gott bedingen einander. Der Mensch wirkt in der Geschichte mit. Im Miittelpunkt der heutigen Revolution steht die Revolution des Menschenbildes. Heil kann deswegen dem deutschen Volk und Vaterland, ja, der gesamten Welt nur werden, wenn das Bild der Immakulata, das Bild des Vollmenschen, des Vollheiligen, des Vollerlösten überall wieder gesehen, überall nachgeahmt wird, wenn also in vollendetem Maße Maria consors et sponsa Christi in allen Menschen und in der ganzen Welt Wirklichkeit wird.

Verstehen Sie, bitte, die große Sendung unserer Familie. Wir sind Maria, wir sind Marien geworden im Laufe der Jahre seit 1914, Jahr für Jahr mehr und mehr. Heute erwarten wir als Pfingstwunder das Marienwunder in vollendeter Weise. Was will das heißen? Eine tiefere Erkenntnis und eine vollendete Verwirklichung des Idealbildes des Menschen.

Ob es der Mühe wert ist, etwas innezuhalten und sehnsüchtig das Bild der Immakulata zu sehen? Das Sonnenbild menschlicher Würde und Größe strahlt uns entgegen.

Wollen wir den Blick nicht hinwenden auf die Mediatrix? Auch hier Rettung des Men­schenbildes. Das Sonnenbild des menschlichen Adels strahlt uns hier entgegen. Wenn wir diese doppelte Krone uns heute wiederum erneut auf das Haupt setzen lassen dürfen, die Krone gottgeprägter Würde und Größe, die Krone gottgeprägten Adels, dann dürfen wir sagen: Dann ist das Pfingstwunder als Marienwunder in uns vollendet worden. Wir wollen nun diesen Flehruf in diesem Sinne nach oben senden: „Descendat Maria consors et sponsa Christi, ut fiat Germania sancta mariana!“ (3)

Spüren Sie auch den tiefen Inhalt, den wir in das Wort hineinlegen? Unsere stille Betrachtung mag sie dann immer wieder hinweisen auf die Immakulata, auf die Mediatrix. Je mehr wir den Schleier lüften vom gottgewollten Menschenbild, je mehr wir das Ideal des gottgeprägten Menschenbildes vor uns sehen, desto stärker wird unsere Sehnsucht, desto wehmütiger schauen wir hinein in die heutige Zeit und Welt, desto mehr Tatkraft möchten wir uns vom Himmel herunterholen.

1. Maßstab: Das Sonnenbild menschlicher Würde und Große, wie es uns in der Immakulata ent­schleiert ist, ist uns das Sonnenbild der Makellosigkeit und Reinheit, das Sonnenbild der ungebrochenen natürlich-übernatürlichen Lebensfülle, das Sonnenbild der sieghaften Kraft und einer unermesslichen Liebesvereinigung. Ernste Worte, schwerwiegende Worte, richtunggebend für unser Ringen und Streben, Gegenstand unserer Sehnsucht, aber auch Gegenstand unserer Hoffnung. So nur wollen wir unsern Pfingstsaal verlassen, in der Hoff­nung, dass der Dreifaltige Gott auf unsern Flehruf hin nach dem „fiat“ das „Facta est“ auch sagt und erwidert. Ist das Bild der Gottesmutter, das Bild der Immakulata nicht auch das Bild der Makellosiskeit und der Reinheit? Unbefleckt, nicht befleckt vom Makel der Erbsünde, nicht befleckt von der Sünde, nicht einmal befleckt von dem inneren Wirrwarr, von dem äußeren Zwiespalt, von dem rebellischen Triebleben, vor allem nicht befleckt von dem urgewaltigen Trieb der sexuellen Verwirrung und Verwilderung. Idealbild!

Schauen Sie einmal hinein in die Welt, in der diese Wahrheit dogmatisiert wurde, in die Welt, die das Dogma proklamierte! Überall das Gegenstück! Ja, wahrhaftig, wenn ich die heutige Zeit vergleiche mit dem Idealbild, das uns vor Augen gestellt wird, dann weiß ich es: die Unbefleckte Empfängnis hat noch lange nicht die volle Wirkkraft ausgestrahlt. Ungezählt viele Menschen sehen ja in der „blonden Bestie“ (4) das Ideal; das Triebleben, das sexuelle Triebleben feiert ja überall seine Orgien. Und die Gottesmutter? Wie steht die Gottesmutter vor uns? Unbefleckt, unberührt, frei von der Rebellion des Trieblebens. „Fiat Maria!“ Mutter, wäre ich doch wie Du. Das reicht nicht, Mutter wäre ich doch Du! – Ist das nicht ein Stück Paradiesessehnsucht, die im Bilde der Gottesmutter, in der Herausstellung der Immakulata wach geworden ist: die tiefe Sehnsucht nach innerer Gelöstheit, nach innerer Reinheit, zumal nach Freiheit von der Macht des Sexuellen? – Wunderbar ist der liebe Gott in seinen Maßnahmen. Er hat nicht nur abstrakte Ideen der Welt gegeben, er kennt die menschliche Natur, deswegen gab er uns diesen bestrickend schönen Anschauungsunterricht im Bilde der Immakulata.

Wenn wir tiefer greifen fühlen wir, dass wir das Gliedergesetz (5), dass wir die Rebellion in uns stecken haben. Paulus hat es uns ja in das klassische Wort gegossen: „Das Gute, das ich will, das tue ich nicht, und das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“ (6) Fast möchten wir den Schöpfer des Alls anklagen, ihm kopfschüttelnd die Frage stellen: Was hast Du doch ein furcht­bares Wagnis unternommen! Im Menschen hast Du die entgegengesetztesten Seins­schichten zu einer Einheit geführt und den Menschen die Aufgabe gestellt, sie zu einer har­mo­nischen Einheit zu verknüpfen. Auf der einen Seite Materie, auf der anderen Seite Geist. Welch entgegengesetzte Strömungen haben wir in uns! Ein Wagnis, den Menschen zu schaffen! Und dieses Wagnis – wir müssen es gestehen – ist dem lieben Gott in ungezählt vielen Fällen missglückt, missglückt in der Wurzel in Adam und Eva, und seit der Zeit überall „missglückte Arbeit“ des ewigen Gottes.

Nur einmal ist dieses Wagnis bei einem bloßen Menschen in der vollendetsten Weise geglückt: in der Immakulata! Da steht sie, die Gottesmutter, den Mond unter den Füßen – als Symbol alles Wechselbaren nicht nur in der Welt, im Geschehen der Welt, sondern auch im eigenen Leben -, ganz und gar unter den Füßen. „Mutter, wäre ich doch Du!“

Denken Sie, bitte, daran: Hier haben Sie nicht nur eine Korrektur unseres Denkens, nicht nur eine allgemeine Sehnsucht der Menschheit in konkreter Form uns nahegebracht, nicht nur eine konkrete Darstellung eines großen Ideals, nein, nein, auch hier die starke, tiefgreifende Anknüpfung an das elementare Streben nach oben in unserer Natur. Gott sei Dank, dass in uns nicht nur der Trieb nach unten steckt, auch der Trieb nach oben. So steckt auch das starke Drängen in uns, empor zu steigen. Woher kommt es denn, dass der gestirnte Himmel uns so erfreut? Woher kommt es denn, wenn wir glänzende Naturschilderungen hören, wie wir sie vorgestern gehört und erlebt im Spiel vom Ver sacrum, als wir im Geist mit auf die Berge emporstiegen, wie ist da wach geworden in uns eine tiefe, fast schluchzende Sehnsucht, auch empor zu steigen! Der jungfräuliche Frühling oder das Weiß des Schnees, oder ein reines Kindesauge – wie weckt das doch alles Große in unserem Innern. „Zwei Seelen“ – so hat uns Goethe gesagt – „wohnen, ach, in meiner Brust…“ Zwei Seelen, die eine zielt elementar nach unten, die andere elementar nach oben. Nehmen Sie all die Herrlichkeiten der Welt und stellen Sie da hinein das Bild der Immakulata. Wie sieht das Bild der Immakulata aus, gemessen an diesen symbolhaften Herrlichkeiten? Das Bild der Gottesmutter überstrahlt alle diese Herrlichkeiten. Wer deswegen hineinschaut in dieses Idealbild, wie muss dann wach werden der Zug nach der Höhe, die Sehnsucht nach der Ganzheit, nach Vollendung, die Sehnsucht nach der ungebrochenen Natur, nach der Überwindung alles Krankhaften in unserer armen schwachen Natur.

Wir leben heute in einer eigenartigen Zeit…. Was kann der Nichtkatholik den Menschen geben? Nur einen sittlichen Wert, eine abstrakte Ideologie in bezug auf das Sittliche. Stellen sie, bitte, das Bild der Gottesmutter in dieser sittlichen Hochwertigkeit und Ungebrochenheit dem Volke und uns selber vor Augen, so ganz Wirklichkeit. Es ist die Immakulata in ihrer ganzen Ungebrochenheit, die uns Katholiken vor Augen schwebt. Das Marienwunder soll heute mehr Wirklichkeit in uns werden. Wir wissen, wem die Gottesmutter dieses Freisein von der Makel verdankt: Christus! Weil sie sponsa Christi, weil sie consors Christi ist, deswegen diese fleckenlose Reinheit, diese fleckenlose Unberührtheit. „Fiat Maria sponsa et consors Christi!“ Wir rufen und rufen erneut, und wenn die Gottesmutter das Wort auf ihre Lippen nimmt, und wenn der liebe Gott das Wandlungswort spricht, wie er das am Pfingsttag gesprochen hat, dann heißt es auf einmal: „Et facta est“, und das bedeutet für uns ein starkes Wachstum hinein in die Bändigung des Trieblebens, in die Unberührtheit unseres ganzen Wesens, in die Ungebrochenheit unserer ganzen Natur. So sieht der neue Mensch aus!

„…Dass neue Menschen werden,
die frei und stark auf Erden
in Freuden und Beschwerden
wie Christus sich gebärden.“ (7)

Makellosigkeit ist nur etwas Negatives. Immakulata schließt etwas Positives in sich. Das ist die Lebensfülle, das ist die natürlich-übernatürliche Lebensfülle. Lebensfülle übernatürlicher Prägung, das ist die Gnadenfülle. Gott ist die Liebe, – o, wenn wir doch davon so ganz tief erfüllt und erfasst wären! Gott kann nicht anders, er muss lieben, er hat einen unermesslichen Liebeswillen in sich. Wenn der Mensch es nur verstände, die Hemmmisse für diesen Liebeswillen, für diesen Mitteilungswillen Gottes zu entfernen! Das einzige Hemmmis für diesen göttlichen Mitteilungswillen ist die Sünde, die Ichhaftigkeit, die Ichbezogenheit! Die Gottesmutter kannte dieses Hemmnis nicht.

Damit haben Sie den 1. Maßstab für die Gnadenfülle, die das Gefäß der Gebenedeiten unter den Frauen enthält.

2. Maßstab, das ist der starke Anreiz einer großen Aufgabe, einer großen Sendung. Hemmnisse waren in ihrem Wesen entfernt. Sie war ja unbefleckt, unberührt, makellos, von der Ichhaftigkeit gar nicht berührt. Auf der anderen Seite war der Anreiz einer göttlich geprägten Sendung. Ihre Sendung bestand ja darin, consors et sponsa Christi und damit Mater Christi zu sein. Hier haben Sie die beiden Maßstäbe für die Gnadenfülle.

Angewandt auf mich, auf uns: Meine liebe Schönstattfamilie, ob Sie wohl ahnen, wie stark der liebe Gott uns berührt hat, wie stark er durch unsere Reihen hindurchgegangen ist, als wir die Inscriptio getätigt haben? Durch die Inscriptio haben wir wenigstens grundsätzlich den wesentlichsten Widerstand gegen den Mitteilungswillen Gottes in uns entfernt. Was ist das? Das ist das kranke Ich, die eigene Ichanbetung! Darum dürfen Sie gläubig annehmen: seit dem Augenblick, wo wir uns enticht haben, wenigstens grundsätzlich uns gelöst haben von uns selber, von dem Augenblick an strömt in endloser Weise der Liebesstrom Gottes durch unsere Reihen. Ist es Einbildung, wenn ich meine: seit der Inscriptio ist auch der Gnadenstrom, der aus dem Heiligtum fließt, ein gewaltiger geworden? Wenn wir ihn vergleichen vorher mit den Wassermassen eines Flusses, so müssen wir nunmehr vom Strom reden. Ob dieser Strom nicht bald zum Meere wird? Wenn wir von Gemeinschaftsgnade sprechen, die der Gemeinschaft zur Verfügung gestellt wird, mögen wir messen: Wieviel Gnade wurde uns anfangs zur Verfügung gestellt, Anfang 1914, wieviel Gnade 1939, und wieviel, seitdem wir die Inscriptio getätigt haben? Bildlich gesprochen: Wer heute der Familie sich schenkt, darf bedeutend mehr Gnade erwarten als der, der etwa vor zehn Jahren der Familie sich vermählt hat. Weshalb das alles? Bild der Gottesmutter: Widerstand gegen den göttlichen Mitteilungswillen war entfernt, und auf der anderen Seite der starke Anreiz im Leben der Gottesmutter: ihre Aufgabe! Sie sollte ja als consors et sponsa Christi Mater Christi werden. Deswegen wissen uns die Heiligen und die Gottesgelehrten zu sagen: die Lebensfülle, die übernatürliche Lebensfülle hat in ihr ein solches Maß erlangt wie es über­haupt bei einem Geschöpf nur möglich ist. Von hier aus verstehen Sie das Wort des heiligen Bernhard: „Eine größere Welt konnte Gott schaffen, eine größere Gottesmutter konnte er aber nicht schaffen.“

Sie dürfen nicht stehen bleiben bei dieser übernatürlichen Lebensfülle, nein, nein: Das Bild der Gottesmutter in der Ungebrochenheit repräsentiert uns auch das Bild der natürlichen Lebensfülle. Sie spüren das: heute schreit alles nach Leben, Leben, Dynamik, Dynamik! Um des Lebens willen verkauft man die Wahrheit für ein Linsenmus. Wo ist die Fülle des Lebens? Ach, Mutter, wäre ich doch Du! Fiat, fiat, fiat! Wollen wir heute immer wieder den Flehruf nach oben rufen, aber mit der Gottesmutter! Wenn der lebendige Gott dasselbe Wort auf die Lippen nimmt, dann wird es zum Wandlungswort und dann heißt es: „Facta est Maria!“ Das Vollbild des Menschen, der Vollheilige, der vollerlöste Mensch wird dann mehr und mehr in uns Wirklichkeit. Der übernatürliche Lebensstrom wächst in uns, aber auch gleichzeitig der natürliche Lebensstrom. Halten wir das nicht für selbstverständlich, dass ein geschaffenes Wesen, ein Wesen wie die Gottesmutter den höchsten Grad erdenklicher natürlicher Existenzwirklichkeit in sich enthalten und entfaltet hat.

Spüren Sie, was das Wort sagen will?
Von welch einer Klarheit muss der Verstand gewesen sein, es war ja alles ungebrochen! Die Erbsünde hat ja den Verstand in uns verdunkelt. Und die Gottesmutter? Eine Probe von der Klarheit des Verstandes haben Sie im Magnifikat. Ein Kompendium der ganzen Hl. Schrift, zusammenfassend all das, was sie in der Hl. Schrift wiederfinden.

Von welch elementarer ungebrochener Kraft muss ihr Wille gewesen sein! Alles zuströmend einem Ideal, ihrem großen Ideal, dem gottgeprägten Ideal: Ecce ancilla Domini! – So steht sie da, hineingemauert in Gott. Da steht sie, hingerissen von Gott, hingeordnet auf Gott, und alles, was wir in der Hl. Schrift von ihr wahrnehmen, alles flutet elementar zu dem einen großen Ziel.

Und die Glut und die Wärme ihres Gefühls! Achten Sie auf das, was ich bei anderer Gelegenheit so häufig sagen durfte: das echte Menschenbild, das echte Bild der Gottesmutter.

So steht sie vor uns als das hohe Ideal der natürlichen und übernatürlichen Lebensfülle.

3. Maßstab. Das Sonnenbild menschlicher Würde und Größe kennt einen dritten Strahl. Das ist der Strahl der sieghaften Kraft. Die heutige Zeit erbebt ja vor lauter Kraftproben. Aber was sind das für Kraftproben? Sind das nicht die Kraftproben eines Elefanten? Das sind die Kraftproben eines wild gewordenen Tigers, des blutdürstigen Tigers. Wir als Katholiken, zumal unsere Jungmänner, müssen sich vor Verirrungen des Kraftbegriffes in acht nehmen. Das Bild der Gottesmutter sehen wir vielfach so ganz verkehrt als das Bild des Sentimen­talen, des Weiblichen als des Weichlichen. Das Bild der Gottesmutter reinigt den Kraft­begriff. Worin besteht die echte Kraft und die wahre Stärke? Die echte, wahre Stärke und Kraft ist die sittliche Stärke, und die echte Kraft ist der übernatürliche Sieg der Gnade über das Naturhaft-Natürliche, ist der Sieg der Gnade auch über den Teufel. Der Sieg der Gnade ist der große Strahl, der von der Immmakulata ausgeht, um das wahre, echte Menschenbild zu entschleiern. Wollen Sie das stufenweise einzeln im Bild der Gottesmutter nachprüfen: Der Sieg der Gnade über das rein Naturhafte kommt in vollkommener und glänzender Weise zum Durchbruch in der Immakulata. Unberührt von jeder Macht des Teufels, so steht sie da! Sie ist ja gekennzeichnet worden im Protoevangelium als die große Heilsbringerin. Sie soll mit dem Heiland dem Teufel das Haupt zertreten. Damit ist der ganze Sinn des Weltgeschenens dargestellt schon am Anfang. Das ist ihre große Aufgabe; deswegen ist sie immer siegreich gewesen über die Macht des Teufels. Deswegen ist das große Gnadenwunder, das an ihr geschehen, niemals durchbrochen. So steht sie da, sieghaft über die Triebe, sieghaft über die Natur, sieghaft in der Gnade. So steht sie da, sieghaft auch über den Teufel und über des Teufels Einfluss.

Nicht selten mag uns in diesem Zusammenhang die Frage beschäftigen: Wie mag es denn kommen: Hat der Herrgott sich nicht letzten Endes blamiert? Alles, was er erschaffen hat, war gut, auch der Mensch war gut, – und wie sieht der heutige Mensch aus? Ein grosses Fiasko des ewigen Gottes in der Form und Gestaltung des Menschen. So scheint es! Die letzte Antwort ist immer das Bild der Gottesmutter. In der Gottesmutter erlebt der Herrgott kein Fiasko. Es ist das wohl auch der Grund, weshalb wir so innig am Bild der Gottesmutter hängen. Da sehen wir das urgewaltige Menschenbild Form und Gestalt annehmen, wie es der liebe Gott von Ewigkeit sich gedacht und geplant hat, und alle unsere Sehnsucht wird wach und immer wieder wach, wenn wir das Bild vor Augen haben. Verstehen Sie, bitte, das Bekenntnis, das seinerzeit ein Dogmatikprofessor gemacht hat: Er würde an der Menschheit verzweifeln, wenn er den Menschen sähe. Wir brauchen dazu nicht einmal ins KZ zu gehen, wir brauchen nur auf der Straße, in der Bahn zu sein, wir mögen gehen oder stehen, wo wir wollen: wieviel Verwirrungen, wieviel Bruch in der menschlichen Natur! Man versteht es, wie viele lieber den Hund haben als den Menschen, dem Hund mehr Sorge und Liebe widmen als dem Werden und Wachsen der Menschen. Das Bild des Idealmenschen, wie ist das heruntergesetzt! Schon um des Menschen willen muss das Dogma der Immakulata gekündet werden. Wer an die Immakulata glaubt, das Bild der Immakulata vor Augen hält, der glaubt wieder an die Größe und Würde des Menschen.

Deswegen: Mutter, wäre ich doch wie Du! – Eine Ehre für uns. Wehe demjenigen, der das Bild der Immakulata verzeichnet, der die Gottesmutter ablehnt, der der Gottesmutter nicht den vollen Raum einräumt in seinem Gedankenkreis! – Mutter, wäre ich doch wie Du! – Und Sie dürfen nicht meinen, dass der gewaltige und große Sieg, den die Gnade in der Gottes­mutter über Natur und Teufel davongetragen hat, letzten Endes ihr allein gegolten hat, – nein, nein, hier haben Sie den Beweis, dass letzten Endes die Gnade einmal in der ganzen Welt und in der ganzen Menschheit siegen wird. Die Gottesmutter gibt nur die Gewähr, dass die Gnade überall Siegerin ist, letzten Endes auch über den Teufel das letzte Wort zu sprechen hat.

Ich kann das Bild der Gottesmutter nicht häufig und innig genug anschauen. Alles in mir drängt, immer und immer wieder das Bild anzusehen, um mich vollzutrinken, um mich anzufüllen von der Gottesmutter, von der Sieghaftigkeit, von der sieghaften Gestaltung des gottgeprägten Menschenbildes.

Weiter, – Sie dürfen aber nicht denken, dass dieser Sieg der Gnade über die Natur, der voll­endete Sieg über Natur und Teufel im Leben der Gottesmutter ihr keinen Kampf gekostet! Freilich, das ist nicht der Kampf, den wir zu kämpfen haben, der Kampf nach unten. Da haben Sie wieder einen Beweis, wie oberflächlich der heutige Mensch geworden ist. Wenn er von Kampf spricht, dann denkt er meistens an den Kampf nach unten. Es gibt auch einen Kampf nach oben, der uns hineinwachsen lässt in den Wunsch Gottes. Ob wir eine Ahnung haben, wie unermesslich groß der Kampf der Gottesmutter geworden ist? Das ist der Kampf zwischen der edlen naturhaften und natürlichen Mutterliebe und der Liebe zur ganzen Welt, der Liebe zur erlösten Menschheit. Sie geben mir sicher recht, wenn ich sage: Wohl kaum wird es ein geschaffenes Wesen geben, das eine solche tiefe Gottesliebe und Gotteserkenntnis hatte wie die Gottesmutter. Und wenn wir sehen, wie der Heiland zusammenbricht ob der Last der Sünden, wie schwer wird die Gottesmutter die Last der Sünden der ganzen Welt empfunden haben! Deswegen auch der Drang, die Sündenlast zu tilgen, dem lieben Gott wieder die Ehre zu erweisen, den Schuldbrief zu zerreißen; Auf der anderen Seite dieses tiefe Verstehen, das innere Erschüttertsein ob der Not des gebrochenen Menschenlebens, der sündigen Menschheit!

Überlegen wir ferner: Ob es wohl irgendein Wesen gibt, das so stark und so innig geliebt hat wie die Gottesmutter? Mit welch einer unermesslichen Liebe muss die Gottesmutter am Heiland gehangen haben! Wir Männer haben kein Organ dafür. Deswegen verstehen wir auch nicht die ganze Stärke und Kraft der Gottesmutter. Ahnen Sie von hier aus die sittliche Kraft der Gottesmutter unter dem Kreuze? Sie opfert freigewählt und freigewollt das Liebste, das ist der Heiland. Er ist ihr ja viel mehr als das eigene Ich! Seelenstärke!

Bitte, meine liebe Schönstattfamilie, haben wir nicht in der Inscripto auch den Gipfelpunkt unserer Seelenstärke erstiegen? Hier opfern wir ja gerade das, was uns das Liebste ist. Es gibt gar nichts, was wir nicht auf den Opferaltar legen. Spüren Sie: wer das Bild der Immakulata schaut, welch eine Korrektur des Siegesbegriffes, des Kraftbegriffes und des Stärkebegriffes hat er vor Augen! Sie können sich in den Schulen Moralunterricht geben lassen. Bleibt alles bloß im Verstande hängen, aber das Gemüt wird nicht erfasst. In der Gottesmutter strahlt uns das Bild des Vollmenschen entgegen. Fiat! So möchte ich heute wieder und wieder hinausrufen: „Descendat Maria consors et sponsa Christi, ut fiat Germania sancta mariana!“

Die sponsa Christi ist deswegen so adelig, weil sie auch die consors Christi ist. Sie ist auch das Vollbild der Consors Christi, weil sie die sponsa Christi ist. Deswegen: Fiat Maria! Christus angeeint, aus der gnadenhaften Verbindung mit Christus muss das Idealbild, das die Gottesmutter darstellt, mehr und mehr in meinem Leben nachgezeichnet und nachgeformt werden.

4. Maßstab. Das Sonnenbild menschlicher Würde und Größe entschleiert uns aber auch den Strahl der ungebrochenen tiefen Liebesvereinigung. Spüren Sie, welch tiefe, unermessliche Liebe im ewigen Gott lebendig gewesen sein muss schon damals, als er das Bild der Gottesmutter sich ausmalte. Die ewige Weisheit hat den Plan entworfen, die ewige Weisheit hat die Auserwählung getätigt, und die unermessliche Barmherzigkeit hat dieses Idealbild in das Leben hineingestellt. Die Gottesmutter ist in ihren Herrlichkeiten der klassische Anschauungsunterricht der ewigen Liebe Gottes zu den Menschen!

Wir müssen hineinschauen, wie die Kreatur geschaffen wurde. Wir mögen nachtasten den Fügungen und Führungen in der Geschichte, im persönlichen Leben. Alles Erweise der göttlichen Liebe! Welch eine unermessliche Liebesvereinigung! Von welch einer zarten, innigen Liebe muss die Gottesmutter erfüllt gewesen sein Gott gegenüber, dem Himmelsvater, dem Heiland, dem Heiligen Geiste gegenüber! Wir suchen ja gern nach Maßstäben für den Grad der Liebe. Raffen Sie ein paar zusammen. Nehmen Sie schnell ein paar Maßstäbe für die Liebe.

Je weniger Hindernisse, desto größer die Liebe. Die Gottesmutter kannte keine Hindernisse. Alle krankhafte Ichbezogenheit war weg, deswegen: Wie groß muss die Liebe zu Gott gewesen sein!

Je größer das Maß der Gnade, desto größer das Maß der Liebe! Wir hören das: Gott hat sie geliebt, alle Hindernisse entfernt. Ist das Wesen, das ganze Wesen der Gottesmutter nicht incarnierte Gottesgabe, incarniertes Gottesgeschenk? Denken Sie an all das, was wir wissen von der Ausstattung: Braut, Jungfrau der Jungfrauen, Mutter Gottes! Stellen Sie sich das einmal vor! Das ist eine unermessliche Berufung, ein unermessliches Gnadenmeer!

Messen Sie, bitte, bei uns! Wie groß muss die Liebe der Gottesmutter gewesen sein dem Heiland gegenüber! Deswegen: Fiat Maria! Das Fiat einmal gesprochen! Et facta est Maria! (8) Pfingstwunder, neues Marienwunder erwarten wir heute! Und wenn es gesprochen ist: „Et facta est Maria“ O, dann müssen wir spüren, wie stark das Wachstum der Gottinnigkeit, der Christusinnigkeit und Christusergriffenheit wohl ist.

Ich meine nach der Dankesfeier wohl sagen zu dürfen: jetzt spricht der lebendige Gott das „Fiat“ – es werde Maria, es werde in uns und durch uns Maria sponsa et consors Christi, der Vollmensch, der Vollheilige, der Vollchrist, der Vollerlöste. Können wir nun auch schon heute sagen: „Et facta est Maria?“ Und es wurde Maria – nach zehn, nach zwanzig Jahren? Spüren Sie es: unsere Aufgaben wachsen! Wir wollen ja wie die Gottesmutter nicht nur sponsa, sondern auch consors Christi sein. Das war ja das Reizmittel, das den lebendigen Gott angeregt hat, in so endlosem Maß ihr die Liebe und Gnade zu erweisen. Auch wir werden immer mehr consors Christi mit der Gottesmutter, in der Gottesmutter. Deswegen: hinaus, immer!

Ob das Gnadenmeer gewachsen ist? Wir haben ja bei der Jahrhundertwende ein Jahrhundert der Heiligen ausgerufen – wenigstens in einigen Kreisen der Familie. Die Gottesmutter muss eine Gebärerin der Heiligen werden. Lesen Sie im Führergebet nach. Wir, die wir mitten in der Welt stehen, sind auf kanonisierte Heilige angewiesen. Deswegen muss unsere Familie eine Familie der Heiligen werde. Das Vollbild des Menschen, wie es in der Gottesmutter dargestellt ist, die altera Maria, das kleine Marienwunder soll Wirklichkeit werden. Wann wird es Wirklichkeit? Nicht nur, wenn wir danach ringen und streben. Wir spüren, wie müde unsere Seele ist, wir können nicht weiter – es muss das Wunderwort, das Wandlungswort gespro­chen werden: „Fiat!“ Nicht bloß die Gottesmutter muss das Wort sprechen, nicht bloß wir müssen die Hände danach ausstrecken, der Dreifaltige Gott muss es sprechen. Das Wandlungswort ist ein Allmachtswort, und das ist das große Ereignis, das große Geschenk, das wir von dieser Woche erwarten, das wir erbetteln, und wir glauben und hoffen – und hoffen zuversichtlich und sieghaft, dass der lebendige Gott das Wandlungswort gesprochen hat.

Drum habe ich Ihnen absichtlich das Bild der Gottesmutter gezeichnet als das Bild mensch­licher Würde und Größe, wie es uns entgegenleuchtet in der Maria sponsa und der Spitzen­leistung in der Immakulata. Die Gottesmutter steht auch vor uns als die grosse consors. „Fiat, descendat Maria cnnsors Christi!“ Das Sonnenbild der consors leuchtet uns entgegen in der Spitzenleistung der Mediatrix. Der Adel des Menschen liegt in der Freiheit, die sich freigewählt und freigewollt immer den leisesten Wünschen der Ewigen Liebe schenkt und die bewusste freigewählte und freigewollte Mitarbeit am Erlösungswerk der ewigen Liebe anbietet. Eine Welt für sich! Sie spüren jedoch, dass es nicht eine Kinderei und Spielerei ist, wenn wir Maria werden wollen. Das, was die Familie will, ist nicht aus den Fingern gesogen. Es ist ein ehrfürchtiges Nachtasten der großen Heilspläne der Ewigen Weis­heit. Sie spüren, dass das Jahresprogramm nicht bloß Jahresprogramm, sondern Jahr­hundertprogramm ist. Alles was wir bisher gesagt haben, angefangen von der Grün­dungs­urkunde bis jetzt, was wir bisher gewollt haben, ist eine gewisse Zusammenfassung und Spitzenleistung in dem Jahrhundertprogramm. Alles klingt mit: ein Anfang, ein Ende, – ein Ende und ein Anfang all dessen, was wir bisher gesagt haben.


(1) Gen 2,18
(2) Es werde und wurde Maria, die Gefährtin und Braut Christi
(3) Maria steige herab als Gefährtin und Braut Christi, damit ein heiliges marianisches Deutschland werde.
(4) Anspielung auf das rassische – blond und blauäugig – und ideologische – triebenthemmt dem Führer folgen – Ideal des Nationalsozialismus.
(5) Der Ausdruck bezieht sich auf Paulus Röm 7,23: „Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das mit dem Gesetz meiner Vernunft im Streit liegt und mich gefangen hält im Gesetz der Sünde, von dem meine Glieder beherrscht werden.“
(6) Rom. 7,19
(7) Himmelwärts, Dankeslied, 6. Str., S.165
(8) Es werde Maria – und Maria wurde

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