KR-3 DE 61

61. Unser Typ von Aszese

Der vorliegende Text verdient es sicher, mehrmals gelesen und betrachtet zu werden. Dem Thema nach handelt er von unserer typischen Aszese im Unterschied und in Abhebung von der herben Aszese der Ordenstradition. In der Darlegung scheint aber deutlich der größere Horizont auf, aus dem heraus P. Kentenich zu seinen Schlussfolgerungen für die schönstättische Aszese kommt.
Da scheint zunächst einmal das Bild des Neuen Menschen auf, der alles besonders beseelt tun soll und der sich von dem Ziel der „Schilderhebung der Innerlichkeit“ leiten lässt, ein Wort, das P. Kentenich schon 1919 geprägt hat (siehe Text 15).
Da wird deutlich – auch wenn der Vortrag für Priester gehalten ist -, dass unsere schönstättische Spiritualität eine Laienaszese enthält, geprägt von der Werktagsheiligkeit, die zunächst danach strebt, „das Gewöhnliche außergewöhnlich gut“ zu tun, die darauf ausgerichtet ist, alle geschaffenen Dinge richtig zu werten, sie zu benützen, sich dann aber auch von ihnen unabhängig zu machen.
Schließlich ist das vorliegende Verständnis von Aszese in eine Zeit hinein gesagt, in der die gewöhnlichen Vollzüge des Alltags immer belastender und schwieriger werden: Der Beruf fordert immer mehr, setzt immer mehr unter Druck. Der Organismus der Familie ist viel mehr belastet und sogar von Auflösung bedroht. Die Persönlichkeit differenziert sich immer mehr aus, ist immer größeren Möglichkeiten und Belastungen ausgesetzt, wird viel empfindsamer und empfindlicher als in früheren Zeiten und tut sich folgerichtig deshalb immer schwerer, sich selbst zu finden, zu sich zu stehen und auszureifen. Das alles ist gemeint mit dem Berufskreuz, Familienkreuz und Persönlichkeitskreuz – wahrhaftig eine große aszetische Herausforderung in der heutigen und kommenden Zeit.
Die Gefahren, die in der Bejahung des Natürlichen, in der größeren Freiheit der Möglichkeiten und der Freiheit eigener Entscheidungen liegen, sind deutlich aufgezeigt. Immer geht es um das für den einzelnen und die Gemeinschaft richtige Wechselspiel von Bindung und Lösung, von Übertragung und Weiterleitung. Das ist unsere typische Aszese!

Der vorliegende Text ist der ganze letzte Vortrag einer Priestertagung von 20. – 22. Januar 1941 zum Thema: Wachstum im höheren Gebetsleben. Unter diesem Titel ist die Tagung veröffentlicht, Vallendar – Schönstatt 1977. Der 10. und letzte Vortrag findet sich auf S. 137ff.


[1. Der Grad unseres Innenlebens]

1.1. Wenn wir an die Vorbereitung für die Gnade der mystischen Beschauung denken und uns an den Gesichtspunkt der „Übung des aktiven Wandels mit Gott“ erinnern, vielleicht versuchen wir dann den lieben Gott nicht nur in seinen Wirkungen häufig anzuschauen, sondern auch gläubig zu betrachten, dass er in uns geheimnisvoll lebendig ist. Wo einmal das beschauende, dieses beseligende und verzehrende Licht, einbricht, da zeigt dieses Licht uns gern den dreifaltigen Gott in uns. Daraus folgt: Auf dem Weg der gewöhnlichen Übung dürfen wir uns darauf vorbereiten, was uns der liebe Gott vielleicht einmal in tiefgreifendem Maße schenkt. Deswegen sollen wir uns besinnlich daran erinnern, was die „Werktagsheiligkeit“ sagt: Wir sind ein Dreifaltigkeitskirchlein; wir sind nicht nur der Dreifaltigkeit geweiht, sondern auch von ihr bewohnt. Ich bin ein Tempel Gottes, des Dreifaltigen. (137)

1.2. Forderungen stellen an mich und an die mir Anvertrauten! Ich sollte mir die ganze Wucht und den ganzen Ernst der gesunden alten Aszese aneignen. Ich sollte mir ernst vornehmen, Forderungen an mich zu stellen. Ehe der liebe Gott uns die Gnade der Beschauung gibt, verlangt er von uns ernstlich, dass wir mit den gewöhnlichen Gnaden sehr ernst, aber nicht krampfhaft, mitwirken. Das Gesetz der Schwere lässt uns zu leicht innerlich auf ein Faulbett sinken, und wir begründen das schnell mit dem Satz: organische Verbindung von Natur und Gnade. Naturhafte Primitivität verwechseln wir mit natürlich und erleuchtet, sobald wir uns im Essen und Trinken damit begnügen, eine primitive Gesellschaft zu sein. Diese primitive Gemeinschaft führt uns nicht weiter, sie führt nicht über uns hinaus. Eine gesunde Familie von Männern, die etwas will, kennt auch eine herbe Gemeinschaft.

Wir haben vor ein paar Jahren die herben Ausdrücke geprägt: Der Familientisch will kein Sauftisch, kein Rauchtisch, kein Genusstisch sein. Maßvoll dürfen wir diese Dinge genießen. Wir dürfen uns ausruhen. Aber dann geht es wieder vorwärts. Familientisch ist Opfertisch, er dient der Veredlung des Temperamentes. Diese Dinge sind der Familie etwas entschwunden. Maßvoll sollten wir dahin zurückkehren. Durchsittlichung des Menschen ist notwendig. Es schadet nicht, wenn wir zu den Gegenständen, die uns in der Jugend begeistert haben, zurückkehren. Natürlich und naturhaft dürfen wir dabei nicht verwechseln. Nur der gesunde, durchgeistigte Mensch kann tief durchgöttlicht werden. Der tief durchgöttlichte Mensch wird auch tief durchgeistigt. Wenn wir bisweilen nicht auch eine gewisse Herbheit durchbrechen lassen, halten wir es nicht aus. Ohne herbes, ernstes Leben kommen wir einfach nicht vorwärts. Augustinus sagt sinngemäß: Tue, was du kannst; und was du nicht kannst, das erbettle dir! Aus meinen Fehlern schlage ich Kapital, indem ich mich in Gott gründe. Wie schön ist es, ein ganz und gar durchgöttlichter Mensch zu sein in einer Zeit, die von Gott nichts wissen will.

1.3. Wenn wir die Gottesmutter gekrönt haben, dann soll sie zunächst die Königin des eigenen Herzens sein. Wir krönen sie für unsere Gemeinde, aber selten krönen wir sie mit der entsprechenden Innigkeit im eigenen, inneren Reich. Die Gottesmutter soll Königin meines eigenen Herzens werden: o meine Gebieterin, o meine Mutter!

Ich könnte mir denken, dass da und dort das Empfinden wach geworden ist: Ist das nicht zu viel, was man von uns verlangt? Widerspricht das nicht unserer Natur? Wir wollen doch naturvollendete Menschen sein. Meine Antwort darauf: Naturvollendet sein heißt aber nicht primitiv.

[2. Die Art unseres Innenlebens]

Wir haben gefragt nach dem Grad unseres Innenlebens, nun müssten wir auch fragen nach der Art unseres Innenlebens und unseres Alltagslebens. Welche Schwierigkeiten meine ich denn? Verlangt nicht unser System von der harmonischen Verbindung von Natur und Gnade, dass wir möglichst viel Spielraum lassen, wenig Herbheit pflegen, zwar möglichst kraftvoll geschlossen sind, aber es uns doch möglichst gemütlich machen? Karl Adam (138) hat den Artikel geschrieben: „Bleibe der Erde treu!“ Wenn wir der Erde treu bleiben wollen, wie bringen wir das in Harmonie damit, auch dem Himmel treu zu bleiben?

Wie sieht denn nun unsere Art der Entgiftung, Durchsittlichung und Durchgöttlichung aus?

2.1. Für die Gemeinschaft verlangen wir nicht größere äußere Strenge.
Unsere Art möchte nicht eine größere äußere Weltabkehr. Wir könnten mit der Geste äußerer Strenge ungemein viele Menschen anziehen. Auf dieses Propagandamittel verzichten wir. Unsere Größe ist zugleich auch unsere Schwäche. Vor äußerer Herbheit und Kraft, vor massivem physischem Wehetun beugt sich der moderne Mensch.

Als ich von meinem Besuch bei den Trappisten in Mariawald zurückkam – welchen Eindruck hatte ich da? Zunächst imponierte mir diese Herbheit und diese Treue. Bei den Trappisten finden wir offenbar in der äußeren Lebensform das Gegenteil von dem, was wir in Schönstatt als Ideal auffassen. Diese überaus herbe äußere Strenge. Ein alter Pater, 71 Jahre alt, erzählte mir: Wenn sie einen Fehler begangen haben, selbst einen kleinen, ist vom Abt als Buße auferlegt worden: vor dem Essen vor jedem sich niederknien und den Fuß küssen. An bestimmten Tagen ist Karzer (139) vorgesehen, auch Geißelung. Außer mit dem Vorgesetzten darf nicht gesprochen werden. Tag und Nacht geht man im Habit, im Habit muss man auch schlafen.

Was sagen wir zu dieser Art Herbheit? „Das Himmelreich leidet Gewalt.“ (140) Das ist zweifellos wahr. Wir in der Familie haben diese Art der Herbheit nicht, wir lehnen dies für die Gemeinschaft ab. Als Gemeinschaft wollen wir ja auch keine Gelübde haben; für sich kann das jeder tun.

Nun die ernste Gewissensfrage: Können wir denn heilig werden ohne Opfer, ohne Herbheit? Nein. Wenn wir mit wachem Sinn das Leben mittelalterlicher Orden, die bis in unsere Zeit hineinreichen, beobachten und überprüfen dann wollen wir das Auge nicht vor Werten verschließen. Wenn mir das auch zunächst imponiert, so wollen wir uns aber trotzdem nicht zu dieser Lebensart bekennen. Umso ernster aber ist die Frage: Wo liegt bei uns die Herbheit?

Ich habe seinerzeit drei Antworten gefunden. Ich wiederhole sie und suche sie für uns nutzbar zu machen.

2.2. Unsere Herbheit besteht im Tragen des dreifachen Kreuzes, um das wir auf der ganzen Linie uns bemühen müssen, sonst leben wir von Selbstrausch und Selbsttäuschung. In cruce salus! (141) Crux stat, dum volvitur orbis! (142) Die drei Formen des Kreuzes sind:
das Berufskreuz,
das Familienkreuz,
das Persönlichkeitskreuz.

2.3 Vorbemerkungen:
Durch Zeitnot, Zeitaufgaben und Zeitlage bestimmt Gott den Typ einer Gemeinschaft.
Wie sind seinerzeit die Trappisten entstanden? Sie sind ein benediktinischer Zweig. Bei den Benediktinern hatte eine starke Entartung Platz gegriffen, besonders bei den Cluniazensern. Darum ist ein Gegengewicht entstanden. Man sagte: wir müssen herb sein.

Die benediktinische Art ist im Kerne unsere Art: Verbindung von Natur und Gnade. Unsere Art hat die Gefahr der Verweichlichung und Verweltlichung. Die herbe Art hat ihre Gefahr in der Seelenlosigkeit, im Mechanismus. Aus der damaligen Zeit heraus ist dieser Typ der Trappisten entstanden. Diese Form hatte Lebenskraft, denn sie besteht heute noch.

Wie sieht heute die Zeitnot aus?

Unsere Zeit ist
Erstens gottlos,
zweitens entfamiliarisiert,
drittens entpersönlicht.
Von hier aus verstehen wir den Grundton unserer Familie. Entfamiliarisiert, entwurzelt, das drängt zu Familienhaftigkeit. Gesunde Familienhaftigkeit dürfen wir aber nicht verwechseln mit primitiver Familienhaftigkeit. Es muss eine erleuchtete, kraftvolle, herbe Familienhaftigkeit sein. Nicht das ständige Zusammensitzen macht die Familie aus. Es darf wohl hie und da eine gelockerte Gemeinschaft sein, aber das kann nicht wesentlich die Aufgabe einer Gemeinschaft von Männern sein, die die Welt erobern wollen.

Riesig viel Gewicht müssen wir legen auf ausgeprägte Verpersönlichung.

Ich könnte mir nun die Frage denken: Aber haben die Trappisten nicht auch diese Kreuze und müssen sie neben diesen drei Kreuzen noch das schwere Kreuz der äußeren Bußübungen tragen? Ja, das stimmt im Großen und Ganzen. Das Berufs- und Persönlichkeitskreuz ist auch ihr Kreuz. Das Familienkreuz ist bei ihnen wohl noch viel stärker, weil hier eine vita communis perfectissima (143) vorhanden ist.

Aber die menschliche Kraft ist begrenzt. Nachdem wir unsere Kräfte nicht stärker einsetzen auf dem Boden der äußeren Herbheit, müssen wir unsere Kräfte umso mehr einsetzen, damit wir diese drei Kreuze heroisch tragen; sonst kommt doch wieder etwas Weichliches heraus.

[2.4 Wie die drei Kreuze im einzelnen aussehen]

2.4.1. Das Berufskreuz
Wir sind eine ausgesprochene apostolische Familie. Meine ganze Lebenskraft gehört meinem Apostolat, ob Lust oder nicht, ob Erfolg oder nicht, ob meine Natur müde ist oder nicht. Wenn ich als Schönstattpriester heilig werden will, muss ich per eminentiam (144) ein apostolischer Priester sein. Da darf nicht die Bequemlichkeit das Zepter führen.

In meinen persönlichen Bedürfnissen muss alles total auf das Apostolat eingestellt sein. Wie stark hat der heilige Ignatius uns das vorgelebt! Zu seinen Studenten sagte er: Studiert fleißig, das ist euer Opfer! Wenn ich merke, das Studium dient dem Apostolat, dann muss ich herb sein und mich zum Studieren hinsetzen. Geißeln kann leichter sein als fleißig zu studieren. Ich kann freilich auch sagen: Ich geißle mich, damit ich Kraft bekomme, um fleißig zu studieren. Eine tiefe Herbheit muss hineinkommen. Ohne Herbheit kein Erfolg. Der Novizenmeister der Trappisten sagte zu mir: bei den Trappisten kommen verhältnismäßig genauso viele Seelen zu einem tiefergehenden Innenleben wie bei den andern draußen. So spricht das praktische Leben. Also die Lebensweise an sich macht es nicht. Die Liebe, verbunden mit Strenge, macht es. Aber die Strenge braucht nicht gerade die Strenge der Trappisten zu sein, sonst müssten bei den Trappisten viel mehr Heilige sein. Meine ganze Kraft gehört dem Apostolat!

Bei Schwierigkeiten im Apostolat: Wenn ich einsehe, dass der liebe Gott das durch die Verhältnisse verlangt, dann tue ich das einfach.

Unser Berufskreuz liegt aber auch im Zusammenarbeiten im Apostolat mit unseren Mitbrüdern. Dieses Kreuz muss ich tragen. Wenn ich das nicht trage, mich aber dafür geißele, so ist das verkehrt. Ich muss am Kreuze meines Berufes hängen.

Oder meine Beziehung zu meiner Haushälterin ist entweder zu intim oder das Gegenteil. Ich will es ja schwer haben. Ich will den Weg nach oben mit Dornen bestreut sehen. Darin liegt die Herbheit, die wir bejahen müssen.

2.4.2. Das Familienkreuz.
Worin besteht unser Familienkreuz? Wenn wir uns als Familie sehen, besteht das Familienkreuz in unserer Abhängigkeit von den Führern unserer Familie. Das ist ein Kreuz, wie es immer bei Abhängigkeit von Vorgesetzten gegeben ist. Ferner das gegenseitige brüderliche Verhältnis: Die Gemeinschaft bietet mir nicht immer etwas; ich möchte darum wegbleiben. Nein, ich trage das Kreuz! Oder denken wir an den ganzen Kontrollapparat (145). Das ist unser Familienkreuz.

2.4.3. Ferner das Persönlichkeitskreuz:
Wir wollen ja ausgeprägte Persönlichkeiten schaffen helfen. Das ist heute unsere dringendste Aufgabe.

2.4.3.1. Das Organismuskreuz:
Der Organismusgedanke hört sich leicht an, aber wie schwer ist es, den Organismusgedanken richtig anzuwenden! Es gibt keine Naturvollendung ohne Naturopferung. Soll ich nun ringen um Naturvollendung oder um Naturopferung? Ich bin auf mich selber angewiesen – welche Art der Abtötung soll ich anwenden? Für manche ist dieses Kreuz so schwer, dass ich sagen kann: nur wenige sehen den Organismusgedanken theoretisch richtig, viel weniger praktisch.

2.4.3.2. das Entscheidungskreuz:
Unsere Familie ist so aufgebaut, dass sie in ungezählt vielen Dingen uns freie Entscheidung lässt. Vor wie viele Entscheidungen werden wir gestellt! Das ist ein Kreuz. Wir müssen dafür sorgen, dass die Entscheidung ein Freisein von etwas und ein Freisein für etwas bedeutet. Die Erziehung zur gesunden Entscheidungsfähigkeit und Entscheidungswilligkeit – nicht nur Durchsetzungswille -, wie Gott sie durch die Verhältnisse verlangt, das ist ein Kreuz.

2.4.3.3. Das Ohnmachtskreuz:
Wie tief erleben wir es! Wir sollen unsere Schwäche ertragen und bejahen und uns trotzdem emporranken zum Herzen Gottes.

2.4.3.4. Das Einsamkeitskreuz:
Wir müssten hier länger stehen bleiben. Eine gewisse Einsamkeit liegt im Wesen des Priesterberufes. So viele aus unseren Reihen fallen vom Ideal des Priestertums ab, weil sie nicht in gesunder, herber Einsamkeit leben. Wir können nicht zölibatär leben, wenn nicht eine gewisse herbe Einsamkeit unser eigen ist.

Wie sieht diese Einsamkeit aus? Das soll keine Vereinsamung sein. Der Mensch, der in Gott hineinwächst, ist auf Erden immer einsam. Der einsame Mensch ist immer der fruchtbarste Mensch. Er ist in eine andere Welt hineingewachsen, er kommt vom Jenseits. Einsamkeit ist nicht Vereinsamung. Der vereinsamte Mensch ist ein Krüppel. Der einsame Mensch ist der mit Gott zweisame Mensch, die starke Persönlichkeit, die nach oben zieht. Wie schwer kann das Einsamkeitskreuz werden, um heroisch an diesem Kreuz zu hängen!

3. Wir suchen Weltabkehr mit Weltaufgeschlossenheit zu verbinden.

3.1. Lassen wir noch einmal Trappistenart auf uns wirken: Herbheit und starke Weltabgekehrtheit. Zum Beispiel die Musik muss bei den Trappisten möglichst wenig Neumen (146) haben. Der Mönch darf nicht durch das Angenehme der Musik von Gott weggezogen werden. Der Kirchenraum und alles muss einfach sein; abgesehen davon, dass sie über die Mauern nicht hinauskommen. Auf der einen Seite ist das etwas Imponierendes, auf der anderen Seite ist die Gefahr gegeben, dass diese Weltabkehr mit der Zeit etwas Seelenloses werden, innerlich stumpf, hohl, brutal machen kann, besonders bei den Brüdern. Niemals sprechen dürfen!

Wir betonen nicht nur Weltabkehr, sondern auch Weltaufgeschlossenheit. Der liebe Gott hat die Dinge geschaffen. Er hat die Dinge wie ein Seil heruntergelassen. Nach dem Gesetz der organischen Übertragung und Weiterleitung dürfen wir uns an die Dinge und Geschöpfe binden. Wir dürfen und sollen sie genießen. Aber wir müssen uns bewusst sein: unsere Weltaufgeschlossenheit kann zur Weltversklavung, und unsere Menschenaufgeschlossenheit kann zur Menschenversklavung werden.

3.2. Was müssen wir nun bewusst tun, um gegenüber der Herbheit der Weltabkehr unsere Art zu verwirklichen?

3.2.1. Dafür sorgen, dass unsere Gebundenheit – Werk- und Menschengebundenheit – in tiefgreifender Weise sich auswirkt als prophetische Werk- und Menschengebundenheit. Die prophetische Sprache der Dinge müssen wir hören und beantworten. Das ist zwar theoretisch richtig, aber nicht leicht in der Praxis.

3.2.2. Deswegen ein Zweites: Auf die Dauer lässt sich die prophetische Werk- und Menschengebundenheit nur richtig anwenden, wenn wir auch die Dingentbundenheit pflegen. Wenn wir nicht zuweilen verzichten lernen, pflichtmäßig, aber auch auf solche Dinge, die wir uns gestatten dürfen, dann wird Werk- und Menschengebundenheit für uns kein sursum corda (147).

4. Gesamtbeurteilung unserer Art.

4.1. Erstens: Wir müssen uns bewusst werden, dass wir einen geschlossenen Lebensstil haben, der urkatholisch ist, weil er nicht nur der Liebe, sondern auch der Herbheit das Wort spricht. Wir dürfen uns für diesen Lebensstil erwärmen und begeistern.

4.2. Zweitens: Soll ich vor dieser Begeisterung warnen? Das ist nicht nötig. Vor etwas soll ich warnen: vor einer zu starken Primitivität im Wollen und Tun. Manche von uns wären viel tiefer in Gott hineingewachsen und würden viel fruchtbarer arbeiten, wenn sie ihre primitive Art der Gemütlichkeit grundsätzlich als Schwäche empfinden würden.

Sollen wir nicht gemütlich beisammen sein? Das gehört auch dazu. Aber darüber hinaus dürfen wir nicht übersehen: Das Primitive, das Naturhafte muss zum Natürlichen werden, das Natürliche muss vergeistigt werden. Sehen wir in der „Werktagsheiligkeit“ nach unter dem Begriff der primitiven, naturhaften Liebe usw. (148)


Schönstatt-Lexikon ONLINE: Natur und Gnade
(137) M.A.Nailis, Werktagsheiligkeit, Limburg 1964, S. 29
(138) Karl Adam, 1876 – 1966, war Professor für katholische Dogmatik in Tübingen von 1919-49. In diesen Jahren war er einer der prominentesten Theologen mit Weltruf, vor allem wegen seiner Christusbücher und seinem Neuansatz einer Theologie der Kirche.
(139) Gefängnis
(140) Vgl. Mt 11,12
(141) Im Kreuz ist das Heil
(142) Wörtlich: Das Kreuz steht, auch wenn der Erdkreis sich dreht. Gemeint ist: Fest steht das Kreuz im Wirbel der Zeiten.
(143) Ein absolut vollkommenes Gemeinschaftsleben
(144) In ausgeprägter Weise
(145) Gedacht ist an die schriftliche Kontrolle der Geistlichen Tagesordnung, an die Rechenschaft an den Obern, den Beichtvater oder den Gruppenführer.
(146) Neumen sind Schriftzeichen oder Handzeichen aus einer Zeit, in der noch keine Noten geschrieben wurden; so auch im Gregorianischen Choral. Wenn das Stundengebet, das die Mönche singen, wenig Neumen hat, dann sind die Melodien ganz einfach.
(147) Erhebet die Herzen! (Aufruf des Priesters vor der Präfation)
(148) Werktagsheiligkeit a.a.O S. 193ff

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