KR-3 DE 48

48 Typische Unterschiede von Mann und Frau

An sich sollte es unbestreitbar sein, dass unser Geschlecht unsere individuelle Art stark prägt. Die Diskussion der letzten Jahrzehnte bis zum heutigen Tag macht hinter eine solche Aussage mehr und mehr Fragezeichen; bis hin zur Weltkonferenz über „Gender“, die zu der Auffassung kam, dass die Unterscheidung der Geschlechter rein gesellschaftlich bedingt ist und der Mensch deshalb beliebig sich in anderen Rollen zwischenmenschlicher Beziehung verwirklichen kann. Die traditionelle Auffassung der vergangenen Jahrhunderte ist in der öffentlichen Diskussion so sehr infrage gestellt, dass sich viele, auch christliche Vertreter, verunsichert fühlen; wenigstens in dem Sinne, dass sie zu dieser Frage keine klare Stellung nehmen.
Pater Kentenich ist dieser Frage der Originalität der Geschlechter und ihrer Beziehung zueinander Zeit seines Lebens nachgegangen und hat dazu deutlich Stellung bezogen. Dabei ging er weniger von der traditionellen Lehre aus; vielmehr von seiner jahrzehntelangen Beobachtung des konkreten Lebens. Das Ergebnis und seine Lehre sind deutlich, aber auch sehr ausgewogen: Mann und Frau sind gleichwertig, aber nicht gleichartig. Die Unterscheidungen zwischen den Geschlechtern schaffen klare Kategorien, die der Selbst- und Fremderkenntnis helfen, die aber nicht die einzelne Person auf ein uniformes Schema festlegen. Jeder Einzelne ist immer eine originelle Mischung zwischen beiden Arten. Die Unterschiede zwischen männlicher und fraulicher Art sind typisch, auch deutlich erkennbar, bestimmen aber die einzelne Person aufgrund der verschiedenen Mischung ganz individuell und originell, wobei im Schnitt natürlich bei Frauen die frauliche Art und bei Männern die männliche Art vorherrscht. Beide Arten sind auf Ergänzung angewiesen.
Der Text ist dem so genannten „Milwaukee-Terziat“ von 1962/63 entnommen (Bd. VIII, S. 213 – 234; Bd. IX, S. 13 – 31). Es handelt sich dabei um eine dreimonatige Schulung von sieben Theologen, die bereit waren, bei der Gründung der neuen „Pars motrix et centralis“, den jetzigen Schönstattpatres, mitzuwirken.
Bei der Lektüre des Textes sollte man sich zwei Dinge vergegenwärtigen. Einmal handelt es sich um junge Männer, die das Priestertum und deshalb den Zölibat anstrebten. Deshalb die entsprechenden Akzente im vorliegenden Text, die anders ausfallen würden, wenn Pater Kentenich zu einer Gruppe von Ehepaaren gesprochen hätte.
Zum anderen handelt es sich um eine kleine Gruppe in einer geschlossenen Schulungszeit, die eine größere Familiarität und Vertrautheit erlaubte.
Die Vorträge des Milwaukee-Terziats sind deshalb sehr originell, so dass sie geradezu ein eigenes literarisches Genus bilden, das man charakterisieren könnte als „Vorträge im Plauderton“. Die Gedankenführung ist viel weniger streng, die Sprechweise etwas salopper, Aufbau und Satzbau sind sprunghafter.
Für die Herausgeber stellt deswegen die Bearbeitung dieses Textes eine besondere Herausforderung dar. Auf der einen Seite war es notwendig, die Darlegungen zu straffen, die Gedankengänge etwas mehr zu ordnen, Wortwahl und Grammatik deutlicher zu korrigieren als bei anderen Texten. Die wertvollen Gedanken sollen sich ja für den Leser in einem angenehmen Fluss darstellen.
Auf der anderen Seite bestand die Herausforderung darin, die Originalität dieses literarischen Genus zu erhalten und Originalität und Plauderton Pater Kentenichs immer noch durchscheinen zu lassen.
Die Wirkung dieser Vortragsweise war übrigens für die Teilnehmer einmalig. Im Plauderton und manchmal recht unterhaltsam sind tiefe Wahrheiten eingesunken, ohne dass man sich dessen recht bewusst wurde. Es war ein „Landregen“, wie Pater Kentenich selbst sagt, der das Erdreich der Seele langsam tränkte ohne etwas wegzuschwemmen. Es ist ein Text, um den Gründer zu studieren, aber ebenso, um ihm zu begegnen.


Wir möchten sehend werden. Was wollen wir sehen? Zutiefst uns selbst, so wie wir sind und wie wir gerne sein möchten. Und wenn ich mich nicht täusche, ist unsere Selbsterkenntnis nach allen Richtungen hin gewachsen. Darum war es ja auch so gut, dass all das, was wir miteinander überlegt haben, einem Landregen zu vergleichen ist. Tiefenschau muss immer still geschehen, sonst gibt es zu viel Verwirrung.
Lass uns sehend werden! Was wollen wir jetzt vor allem sehen? Das große Ideal der Immaculata-Atmosphäre, der priesterlichen Reinheit und Unberührtheit. Wir haben tiefer hineinschauen dürfen in die Krisen, die unsere Liebeskraft durchmachen kann, gemessen einerseits an Zeiteinschnitten in unserm Leben, andererseits aber auch gemessen an Personen, genauer: am andern Geschlecht.

Wir möchten nun wissen: Wie sieht denn an sich weibliche Werthaftigkeit aus? Wenn wir uns nicht bemühen, die Werthaftigkeit der Frau möglichst früh zu erleben, dann wird die Frau einmal für uns zu einer schweren Krise.
Wie sieht denn die Werthaftigkeit der Frau aus? Wir wollten zwei Gruppen von Antworten geben:
Erstens eine mehr grundsätzliche. Ich sage absichtlich: mehr grundsätzlich. Wenn ich auch in allem immer zum Grundsatz emporsteige, halte ich es doch für selbstverständlich, dass die Grundsätze auch immer in der Inkarnation vor uns hintreten, verknüpft mit dem Leben.
Zweitens mehr anschaulich. Sie müssen jetzt das mehr beachten. Es handelt sich also um eine Akzentverschiebung. Wo der Anschauungsunterricht beginnt, stehen im Hintergrunde immer die Prinzipien. Gut.

[Eine mehr grundsätzliche Antwort]

Also erst etwas Grundsätzliches. Von drei Formulierungen aus wollen wir das Wesen der Frau und das Wesen des Mannes einander gegenüberstellen. Dinge beleuchten einander durch Gegenüberstellung.

Nun dürfen sie natürlich nicht meinen, sie würden eine Frau oder einen Mann so reinrassig vorfinden, wie es hier dargestellt ist. Gestern sprachen wir schon von der Materia quantitate signata (26). Die Seele als solche ist geschlechtlich indifferent. Sie wird zu einer männlichen oder weiblichen Seele durch den männlichen oder weiblichen Körper spezifiziert.

Die Physiologen und Ärzte kennen inzwischen den Extremfall der Zwitterwesen, bei denen der Körper nicht eindeutig sagt, ob es sich um ein Mädchen oder einen Jungen handelt.

In einer gewissen Weise sind wir alle mehr oder weniger ein Zwitterwesen. Es gibt also ungezählt viele Mischformen.

In der Hauptsache will ich jetzt die Eigenschaften der Frau darstellen und nur in der Gegenüberstellung das eine oder andere Licht auf die Art des Mannes fallen lassen.

Was ich eben vom Zwitterwesen sagte, das finden sie schon bei Adam und Eva. Der Herrgott hat das so ausgeführt, dass sich alles in irgendeiner Weise gegenseitig ergänzt.

Nun gibt es allerdings eine Zwitterhaftgkeit, die einer Seinsrevolution nahe kommt. Tätigkeitsrevolutionen erleben wir alle. Wenn aber die Tätigkeitsrevolution die Differenzierung der Geschlechter zu sehr aufhebt, dann nähern wir uns einer Seinsrevolution. Natürlich lässt sich unser Sein nicht ganz revolutionieren, aber schon allein die Tendenz ist das gefährlichste, was man sich denken kann, weil es unser Sein zerstören würde. Heute besteht die Gefahr, dass wir weder Jungen noch Mädchen haben, sondern – den Ausdruck kennt man ja schon seit Jahrzehnten – verbubelte Mädchen und vermädelte Buben. Das ist eine große Tragik. Wenn wir uns als Männer nicht bemühen, das Ideal des Mannes darzustellen, und wenn die Frauen nicht ein Gleiches tun mit dem Ideal der Frau, dann fehlt psychologisch das Element, das die beiden Geschlechter füreinander anziehend macht. Es ist kein Spannungsverhältnis mehr da. Und das führt zu allerlei seelischen Erkrankungen.

Gut also, wir wollen in einer ersten Antwort die Geschlechter einmal gegenüberstellen. Ich greife zurück auf die Heilige Schrift. Da ist also Adam. Gott hat ihn erschaffen. Und dann haben sie oben (27) miteinander überlegt: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. Lasst uns ihm eine Gehilfin schaffen, die ihm gleich ist.“ (28)

Hier haben sie an sich die Manifestation einer Seinsordnung: Es ist nicht gut, dass der Mensch/Mann allein sei. Wie wollen ihm eine Gehilfin – nicht einen Gehilfen – machen; nicht gleichartig, aber gleichwertig. Gott hat Engel erschaffen, die Erde, die Luft, ich weiß nicht was alles. Die Gehilfin soll aber Adam gleich sein.

Wenn wir von hier aus jetzt ganz übernatürlich und metaphysisch denken, dann bezieht sich diese Aussage letztlich auf Jesus und Maria. Nach Paulus ist in der objektiven Ordnung Christus das Primäre der ganzen Weltschöpfung und Weltregierung. Er ist vor jeglicher Schöpfung. (29)

Und auch für Christus gilt: Es ist nicht gut, dass er allein sei. Wir wollen ihm eine Gehilfin schaffen. Das ist die Gottesmutter.

Daraus folgt dann, dass Adam und Eva nach diesem Bild geformt sind; nicht umgekehrt. Diese metaphysische Umstellung entspricht durchaus der objektiven Heilsordnung und ist in der Heiligen Schrift begründet. (30)

Wir möchten alle die Gedanken, die wir miteinander überlegen, sofort hinein tauchen in das Leben. Als Adam seine Augen aufmachte, nachdem Gott ihn erschaffen, was sah er? Er sah die ganze Schöpfung um sich herum. Er mag sehr verwundert seine Äuglein aufgeschlagen haben. Was hat er alles Mögliche gesehen!

Und nachdem nun Eva ins Leben gerufen wurde, was sah die wohl zuerst? Ihr Blick fiel zuerst auf Adam, also auf eine Person. Daraus mögen wir schlussfolgern, dass kraft der Art der Schöpfung die Frau von Hause aus stärker als der Mann, personal gebunden ist. Nicht so, als wenn das nicht auch im Manne steckte. Aber Adam – eine Frau war ja noch nicht da – hat sich erst satt gesehen an der Schöpfung. Dann hat er schließlich neben sich ein Weiblein entdeckt, wenn auch sekundär. Damit haben wir schon ein ganz starkes Stück männlicher und weiblicher Art charakterisiert.

Plato hat uns eine alte Legende übermittelt, in der wertvolle Wahrheiten stecken. Nach dieser Legende war das erste Menschenpaar eine Zweieinheit in einem Fleisch, also nicht zwei Menschen. Als dieser Mensch eine Sünde beging, hat Gott ihn zur Strafe auseinander gerissen. Und deswegen streben die beiden Teile immer aufeinander zu. Damit will ausgedrückt sein, dass Mann und Frau ihrer Seinsart und ihrer Sendung nach darauf angewiesen sind, sich gegenseitig zu ergänzen.

Das ist ja der Sinn der Ehe, seinsmäßig ineinander zu wachsen und lebensmäßig sich zu ergänzen. Der liebe Gott hat die ganze Fülle des Menschseins nicht in einen Typ hinein geschaffen; wohl keimhaft in jeden Typ die Fülle. In der Entfaltung dieser Fülle sind aber beide aufeinander angewiesen.

Da wir nun auf eine seinsgerechte Entfaltung durch eine Frau verzichten, wächst uns die Aufgabe zu, in uns selber die Ergänzung zu finden. Wer von uns ist denn ausschließlich männlich eingestellt? Eine Mischung ist immer vorhanden. Wenn wir eine Vatergemeinschaft werden sollen, müsste es unser Ideal sein, dass unsere Väterlichkeit durch Mütterlichkeit in uns selbst ergänzt und vollendet wird.
Außerdem sind die beiden Geschlechter ja immer durch magnetische Felder zueinander hingezogen. Nehmen wir an, Sie haben einen Freund gern und haben ein Mädchen gern – und das dürfen wir ja auch; wir haben ja nicht das Versprechen gemacht, keine Frau gern zu haben – und wenn Sie beide gradmäßig in derselben Weise gern haben, dann nimmt die Liebe zur Frau, vor allem empfindungsmäßig, doch andere Formen an als die Liebe zu einem Freund. Es ist das natürlichste von der Welt, dass es magnetische Fäden gibt, die hüben und drüben zueinander ziehen, bald stärker, bald schwächer. So verstehen wir uns selber wieder besser.
Wir wollen ja von der Frau ausgehen. Wenn wir mehr auf Einzelheiten eingehen, sind vier Momente besonders hervorzuheben. Im konkreten Fall müssen wir dann immer bei der Frau wie beim Mann an das Mischungsverhältnis denken, was nicht immer leicht auszumachen ist.

Erster Unterschied: intuitives und diskursives Denken

Wie sieht der Verstand der Frau, ihr Wille und ihr Herz aus? Und umgekehrt: wie sieht der Verstand, der Wille und das Herz des Mannes aus? Halten sie dabei immer vor Augen, dass dies typisiert ist. Es kann sehr wohl ein Mann ein stärker ausgeprägtes frauliches Denken haben als alle Frauen, die ich kenne.

Die Frau hat normalerweise ein intuitives Denken, der Mann ein diskursives. Die Fachausdrücke mögen anderswo anders sein. In einer lebendigen Sprache muss man immer zuerst hören, welchen Sinn der Ausdruck hat. Andere sagen dafür: die Frau hat mehr Intelligenz, der Mann mehr Geistigkeit. Intelligenz bei der Frau will so zu deuten sein, wie das Wort es besagt: intus legere, im Innern lesen.

Wir halten uns an die beiden andern Ausdrücke, weil sie geläufiger und auch besser verständlich sind. Intuitives Denken ist ein zusammenschauendes, ein bildhaftes Denken. Typisch frauliches Denken ist ein Kreisdenken. Männliches Denken ist ein Klötzchendenken: ein diskursives Denken.

Der Mann holt ein Klötzchen, denkt einen Gedanken durch, holt noch ein Klötzchen und dann wieder eines – dann haben wir am Schluss eine Pyramide. Und dann fällt es dem Mann immer noch schwer, die Pyramide zu einem Kreis zu machen. Die Frau sieht instinktiv ein Bild, und daneben sofort die anderen.

Sie dürfen nie übersehen, dass das typisiert ist, sonst kommen sie damit nicht zurecht. Es gibt kaum jemals den klassisch ausgeprägten Fall.

Der Frau fällt deshalb das organische Denken leichter als dem Mann, da es ihrer Anlage entspricht. Nehmen Sie zum Beispiel die großen Schwierigkeiten bei der Visitation, weil der Ausdruck „Vater“ gleichzeitig den himmlischen und den irdischen Vater meint. Wenn Sie Frauenseelen kennen und deren spontane Gebete lesen, dann ist das von dem Moment ab, wo sie fraulich denken, eine Selbstverständlichkeit: wenn sie im Gebet den irdischen Vater nennen, ist der himmlische immer dabei mit gemeint. Das kann beim Mann eine Zeit dauern, bis die Klötzchen zu einem Kreis geformt sind und neben dem Kreis ein zweiter und dritter dazu kommt. Da ich jahrzehntelang mit Frauen zu tun hatte, ist dies für mich die Schule gewesen, nicht die Bücher. Deshalb wird auch eine Frau, wenn sie volkstümlich betet, sich immer an die Gottesmutter wenden. Sie dürfen sicher sein: das gesunde Volk hat die frauliche Art des Denkens stark in sich. Vom Volk kann man diesbezüglich viel lernen, nicht? Mehr als von den Gelehrten, bei denen die Dinge oft sehr verschroben und verschoben sind. Ein einfaches Mütterchen kann vor dem Bild der Gottesmutter knien und zu ihr beten. Es klingt aber dann die ganze übernatürliche Welt mit; selbstverständlich nicht reflexiv. Natur und Übernatur sind bei der Frau, wenn sie einigermaßen religiös erzogen ist, stark aufeinander bezogen – eine organische Einheit.

Jetzt müssen Sie einmal überlegen: Wie ist das nun bei mir? Habe ich ein ausgesprochenes männliches Denken oder ein ausgesprochen frauliches Denken? Bin ich also mehr intuitiv oder mehr diskursiv veranlagt? Oder eignet mir beides in einer entsprechenden Mischung?

Dem extrem diskursiven Typ ist es schwer, jemand herzlich gern zu haben. Solche Menschen haben jemand gern mit dem Willen. Wenn das Herz mit dabei ist, kommt die Not, das Herz könnte den Gedanken stören. Können Sie sich das vorstellen, was das heißt? Wenn ich jemand gern habe, ist die Gefahr groß, dass mein Denken nicht mehr nüchtern genug, nicht diskursiv genug ist.

Auf der andern Seite: Intuitiv veranlagte Menschen haben durchweg ein warmes Herz; deren Herz ist stark entfaltet. Bei Menschen mit extrem männlichem Denken werden Sie immer merken: bei denen fehlt irgendetwas im Herzen.

Eine praktische Folgerung dürfen Sie nicht übersehen: Im Maße ich weibliches Denken besitze, bin ich stark angewiesen auf die Reinheit meines Herzens, weil Kopf und Herz viel stärker zusammenhängen, als man das gerne wahrhaben möchte. Intuitives Denken weckt im Willen mehr das agere a natura als das agere a proposito (31).

Bei der Erziehung der fraulichen Art – bei Frauen oder bei uns selbst – müssen wir viel Gewicht legen auf die Reinigung des Empfindungslebens, weil alles von Emotionen geradezu triebhaft bestimmt ist, eben nicht vom Vorsatz. Dies ist wichtig im Interesse von Wahrheitsschau, ganz abgesehen von anderen Dingen.

Bei den Schwestern hatte ich im Terziat vorgesehen, dass sie Kurse in Philosophie haben sollten. Nicht um ihr Denken zu ändern, sondern um als Ergänzung das Klötzchendenken zu üben.

Vor allem beim zölibatären Menschen ist es mein Ideal gewesen, möglichst einen ganzen Menschen zu bilden, der in sich einen Ausgleich findet.

Hier sehen Sie zum Beispiel die Bedeutung des Vaterprinzips in einer Frauengemeinchaft; wobei das bei einer großen Gemeinschaft zur Ergänzung allein nicht reicht. Auch jede einzelne muss erzogen werden im Klötzchendenken.

Nun sollten Sie sich aber auch ganz konkret schulen, indem Sie gemeinsam oder allein eine ihnen bekannte ideale Frau – oder auch einen Mitbruder vornehmen und überlegen: bei ihr scheint das Denken so oder so zu sein.

Eine solche Schulung hilft Ihnen auch, sich selbst besser zu verstehen, um dann ein passendes Partikularexamen zu finden zur Veredelung meiner Art. Und zwar meiner Art. Nicht sich einfach etwas x-beliebiges vornehmen, mal das und mal jenes. Sonst bestimmt mich ja die Masse. Das Partikularexamen muss schon etwas Individuelles sein.

Ich soll mich also fragen, wie das bei mir aussieht. Bin ich stärker durch das agere a natura oder stärker durch das agere a proposito qualifiziert? Wenn stärker durch das agere a natura, dann brauche ich Zeiten in meinem Leben, wo ich das agere a proposito extrem exerziere. Wer von Hause aus auf das agere a proposito eingestellt ist, soll sich dazu erziehen, dass er sich leichter von etwas dispensiert; sonst wird er ledern, krampfhaft. In einer Gemeinschaft ist es immer ein Segen, wenn eine Mischung da ist, wenn der eine so, der andere so veranlagt ist. Es ist dann allerdings gut, wenn der Leiter einer Gemeinschaft ein Organ für diese Dinge hat und weiß, wie man bei einem Sechsspänner, also einem Wagen mit 6 Pferden, die Zügel führt.

Denken Sie etwa an Josef Engling und wie er seine Geistliche Tagesordnung mit agere a proposito geführt hat. Wer von uns brächte das fertig, im normalen Alltagsleben eine solche Fülle von Punkten jeden Tag reflexiv und vorsatzmäßig festzuhalten? Welche Frau brächte das fertig? Deshalb müssen wir achtgeben: eines schickt sich nicht für alle. Auf der anderen Seite war er in seinem Denken sehr intuitiv veranlagt und war von einer ungeheuer großen Liebe getragen. Das war sein agere a natura. Vorsatzmäßiges und spontanes Handeln hängen vielfach sehr innig zusammen.

Werfen wir einen Seitenblick auf die Vorgesetzten und ihre Regierungsweise. Ist es ein Spiritual oder ein Oberer? Wen hätten Sie denn nun am liebsten? Als Geistlichen Begleiter wahrscheinlich jemand, der auf das agere a natura eingestellt ist: der passt sich sehr an und lässt Freiheit, er kann warten. Wenn derselbe aber mein Vorgesetzter wäre, ist die Gefahr sehr groß, dass er vieles laufen und schwimmen lässt, weil es für einen solchen Typ schwer ist, selbst Disziplin und Ordnung zu halten, also auch schwer, Ordnung in einer Gemeinschaft zu halten.

Im Allgemeinen hat man in einer Männergemeinschaft viel lieber jemanden als Vorgesetzten, der Zucht und Disziplin in der Gemeinschaft halten kann. Weshalb? Weil der Mann von Natur aus nicht so sehr personal eingestellt ist. Der beugt sich viel lieber einer objektiven Ordnung, die unerschütterlich festgehalten wird. Darum sagt man ja auch vielfach: männliche Disziplin wie beim Militär. Natürlich ist das jetzt alles überspitzt gesagt. Immerhin, der Mann beugt sich viel lieber einer objektiv normierten Ordnung als einer Person. Natürlich ist das Ideal immer die Verbindung von beidem, nicht?

[Zweiter Unterschied: Wille und Führungsstil – lenken und leiten]

Der zweite Unterschied stellt jetzt den Willen in den Mittelpunkt. Wenn ich jetzt – vielleicht etwas hilflos – einmal einen sprachlichen Unterschied machen darf zwischen leiten und lenken, dann eignet dem Mann stärker das Leiten und der Frau das Lenken.

Mit Leiten – wiederum überspitzt gesagt – ist dann gemeint, wenn ich diktiere: So und nicht anders! Schluss damit! Biegen oder brechen, sonst wird dir der Kragen umgedreht!

Lenken ist dagegen ein inneres Führen. Ich lenke das Herz und den Verstand.

Nun sind diejenigen, die von Hause aus die Fähigkeit haben zu lenken, außerordentlich stark als Seelenführer. Sie vermögen eine Seele langsam zu lenken, ohne sie zu vergewaltigen.

Vielleicht fühlen sie sich angeregt, an Vater und Mutter zuhause zu denken. Oder nehmen wir einmal den Hans (32). Eignet er sich besser zum Lenken oder zum Leiten? Oder besitzt seine Natur eine gute Mischung?

Hier fängt an sich die Selbsterziehung an. Wenn ich mich nur hemmungslos entfalten würde, dann könnte wohl auch etwas Anständiges herauskommen. Schließlich ist der Herrgott ja auch noch da und der kann auf krummen Linien gerade schreiben.

Wir müssen aber selber sehen, dass wir uns in der Hand haben, müssen prüfen: wo ist meine Stärke, wo meine Schwäche? Und wenn wir ehrlich uns selber kennen, werden wir nicht so leicht einen Stein auf jemand anderen werfen. Bei dem ist diese Mischung vorhanden, bei mir eine andere.
Wenn Sie später einmal Posten zu verteilen haben, dann ist es von großer Bedeutung zu prüfen: eignet sich die Fähigkeit des Mitbruders dafür oder besser für etwas anderes? Wenn nun ich jemand einen Posten gebe, wofür er absolut unfähig ist, kann ich ihm zwar sagen: der liebe Gott hat es so gefügt. Prost die Mahlzeit! Aber als Vorgesetzter habe ich auch die Pflicht, mit dem lieben Gott mitzudenken. Und weil der liebe Gott einem Mitbruder entsprechende Anlagen gegeben hat, muss ich ihn nach Möglichkeit auch entsprechend seinen Anlagen einsetzen.
Das ist wiederum ideal gedacht. Wo finden wir den Mann, der genau für den entsprechenden Posten geeignet ist? Aber ich darf halt nicht in das andere Extrem fallen und nur fragen: wo ist ein Loch? Wo steht gerade ein Mann zur Verfügung? Rein in das Loch! Wenigstens muss ich überlegen! Wenn ich niemand finde, der vollwertig für den Posten geschaffen ist, dann soll ich den nehmen, der nach Maßgabe der Verhältnisse immer noch relativ der Beste ist. Solche Prinzipien muss sich vor allem eine Leitung merken. Es hängt eben doch viel davon ab.
Denken Sie an das bekannte Axiom: Nichts ohne dich, aber auch nichts ohne uns. Sicher, Gott steht dahinter. Aber wir müssen auch das Unsere tun. Und wenn die Weisheit von Lenkung und Leitung eine übernatürliche Weisheit ist, dann wird der liebe Gott sich auch an unserer Armseligkeit und unsere Fähigkeiten anpassen. Gott ist – im Bild gesprochen – der Wagenlenker, der den Wagen der Weltgeschichte lenkt. Der irdische Vater sollte in seiner Führungstätigkeit Abglanz des lenkenden Vatergottes sein. Wenn er das richtig tut, dann weckt er Ehrfurcht vor dem Willen des ewigen Vaters.
Wir haben schon über auctoritas externa und interna gesprochen. Richtige Autorität verbindet beides miteinander: auctoritas externa – Regierungsmacht, auctoritas interna – Leitungsmacht. Ich muss „Auktor“, Former, Gestalter des Lebens sein, aber auch gleichzeitig leiten, führen, dirigieren. Bitte überlegen Sie: Was steckt in mir als Hauptanlage? Was muss ich deshalb tun, wie muss ich handeln?
Wenn Sie an eine Frau denken, die Sie innerlich verehren: woher kommt ihr Einfluss? Sehen Sie, Frauen haben oft viel mehr Einfluss auf einen Mann als ein Mann. Weshalb? Der Mann lässt sich gerne lenken durch das Sein, durch das Dienen.
Wo es sich nun um die Erziehung der Jugend handelt, kann man ein für und wider sehen. Bei getrennt geschlechtlicher Erziehung ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass der Junge mehr Junge wird, wenn auch flegelhaft, und das Mädchen mehr Mädchen. Durch das größere Spannungsverhältnis scheint mir die Ehe mehr gesichert.

Natürlich kann man dann wieder hervorheben, dass durch gemischte Erziehung nicht so viel Ängstlichkeit und Krampf in das gegenseitige Verhältnis kommt.

Man muss beides sehen und dann versuchen, das Gute von beidem zu nehmen und das weniger Gute auszuschalten.

Alles in allem: Mich dünkt, damit haben wir zur Genüge wenigstens zwei Gegenüberstellungen in uns aufgenommen.

[Dritter Unterschied: introvertiert – extrovertiert]

Eine dritte Gegenüberstellung. Sie betrifft Verstand, Wille und Herz. Wenn ich frage: Wie sieht – wiederum typisierend gesagt – die Struktur des Mannes und der Frau aus, dann müsste ich so sagen: der Mann ist stärker extrovertiert und die Frauennatur stärker introvertiert.
Ich muss erklären, was ich meine. Extrovertiert ist der Mann, weil er gerne nach außen tätig ist. Wenn ich die Eigenart von Mann und Frau studieren will, muss ich von der Eigenart des Körpers ausgehen. Weshalb? Weil die Differenziertheit durch den Körper bestimmt wird. Dann muss ich also die Organe des Mannes und der Frau als Symbol auffassen. Dann werden Sie finden: Weil beim Mann das Geschlechtsorgan nach außen ist, ahnen wir schon, dass es stimmt, dass der Mann von Hause aus stärker extrovertiert, nach außen eingestellt ist. Wenn ich als ausgeprägter Mann extrovertiert bin in der heutigen Zeit, dann muss ich damit rechnen, dass ich einerseits von einer gewissen Oberflächlichkeit geprägt bin und andererseits von einem starken Ehrgeiz. Das sind wohl die Eigenschaften, die die Mannesart heute stärker zur Schau trägt als zu anderen Zeiten.

Die Frau ist von Hause aus introvertiert eingestellt. Das heißt, dass sie stärker auf Innenschau hin veranlagt ist. Darf ich jetzt wieder die physiologische Grundlage in Erinnerung bringen: die spezifischen Frauenorgane liegen alle nach innen. Beim Mann liegen sie alle nach außen.
Seit Menschengedenken sagt man: die Frau ist von Natur aus religiöser eingestellt. Man könnte zunächst sagen: das stimmt nicht. Man könnte darauf erwidern: der Mann ist auch religiös eingestellt. Das ist selbstverständlich. Wir haben ja von vorneherein gesagt: die Veranlagungen sind nicht exklusiv, sondern miteinander gemischt. Man könnte dagegen einwenden: die religiöse Einstellung ist eben verschieden beim Mann und bei der Frau. Wenn das aber wahr ist, dass die Frauennatur stärker introvertiert ist, dann dürfte auch wahr sein, dass die Frau im Allgemeinen religiöser eingestellt ist.

Es gibt ein altes Wort, das die Kulturphilosophen wiederholen: Wenn einmal die Religion in einem Volke bei der Frau verschwunden ist, dann geht das Volk dem Untergang zu. Das will also heißen: Wenn ein Volk anfängt, das religiöse Joch abzuwerfen, dann findet das Religiöse zunächst noch lange Zeit einen Schlupfwinkel bei der Frau. Wenn die Frau aber die Religion auch abwirft, dann geht es rasend abwärts, weil man dann kein Volk mehr hat, das von innen heraus noch tief genug religiös veranlagt ist.

Das besagt natürlich, dass auch bei Mannesnaturen, die nach der Richtung mehr fraulich veranlagt sind, die also erstens nicht nur ein diskursives, sondern auch ein intuitives Denken ihr eigen nennen, die zweitens stärker auf Lenkung als auf Führung oder Herrschen eingestellt sind, man von vorneherein erwarten darf, dass bei denen auch der religiöse Sinn tiefer und stärker ausgeprägt ist. Wenn Sie diese Zusammenhänge vor sich haben, werden Sie verstehen: Im Ausmaße wir eingehen auf die Art der Frau, leisten wir nicht nur dem Frauengeschlecht einen großen Dienst, sondern durch die Frau auch dem Mann. Beide müssen sich ja gegenseitig ergänzen.

Also alles in allem: Mir kommt es jetzt nur darauf an, den Blick zu öffnen für unsere eigene Art auf der einen Seite, auf der anderen Seite aber auch zu verstehen, dass die Frau auch vom lieben Gott einen großen Wert geschenkt bekommen hat.

Wenn wir nun in verflossene Jahrhunderte zurückschauen, stellen wir fest, wie stark sind sogar Männer wie der heilige Thomas der Auffassung der Zeit verhaftet gewesen! Sie haben den Mann schlechthin als Ideal hingestellt und danach das Ideal die Frau gemessen! Die Wirkung musste sein: dann ist die Frau eine Abart des Menschen, weil sie eine Abart des Mannes ist.

Hören wir noch einmal: Als Mann und Frau hat der liebe Gott beide erschaffen. Der hat nicht nur den Mann erschaffen, auch die Frau – wenn auch die Frau aus einer Rippe des Mannes gebildet ist. Also hat der Mann eine gewisse Präzedenz. Paulus geht ja auch von demselben Gedanken aus, wenn er seine Philosophie der Frau und des Mannes darstellt.

Ich meine, jetzt müsste ich noch einen letzten Gedanken hervorheben, der noch tiefer in das Herz des Mannes und in das Herz der Frau hineingreift. Sehen Sie, wenn der Mann verschenkt, dann verschenkt er etwas. Bis der Mann sich einmal selbst verschenkt – das kommt an sich verzweifelt selten vor. Wenn die Frau schenkt, dann verschenkt sie sich. Ein ungeheuer starker Unterschied.

Wenn Sie Gelegenheit hatten, edle Frauen kennenzulernen, dann können sie verstehen: das kann für eine Frau ein sehr großes Opfer sein, nicht zu heiraten. Überlegen Sie einmal, was das heißt: wenn eine Frau sich mir verschenkt! Jetzt dürfen Sie natürlich nicht gleich an den Geschlechtsverkehr denken. Der gehört auch mit dazu, ist aber nur Ausdruck der Ganzhingabe. Die Frau verschenkt sich. Wenn sie etwas verschenkt, dann ist das immer ein Symbol für sie selber. Sie hat den Drang, sich selber und sich ganz zu verschenken. Überlegen Sie einmal, was das für ein Wert für einen Mann sein kann, der mitten im Kampfe des Lebens steht: er kommt nun nach Hause und hat ein Wesen, das sich ihm ganz verschenkt, sich ihm ganz ausgeliefert hat.

Sie werden natürlich jetzt sagen: Wo gibt es noch solche Frauen? Das ist eine Frage für sich. Es kommt jetzt ja nur darauf an, wie die Anlage ist. Für uns heißt die Frage: Wie haben wir uns nach der Richtung zu formen und zu erziehen? Populäre Literatur charakterisiert den Unterschied – etwa vor der Heirat – so: Das Mädchen sagt sich – wenn es in etwa eine ideale Frau ist -: Ich will doch einmal sehen, ob ich ihn glücklich machen kann. Der Mann ist geneigt zu fragen: Ich will doch einmal sehen, ob ich mit dem Mädchen glücklich werde. Die Differenz ist zweifellos da.

Umgekehrt müssen Sie auch wiederum sagen: Wenn ich die frauliche Anlage auch in mir habe – und wie viele von Ihnen haben sie mehr oder weniger stark! – dann werden Sie ahnen können, dass diese frauliche Art von Natur aus viel stärker zur Treue neigt, zu einer unerschütterlichen Treue. Der Mann entwirft den Plan. Wer ihn aber durchführt? Die Frau. Natürlich ist das alles cum grano salis zu verstehen (33).

Als wir Frauen in die Bewegung aufnahmen, hat damals ein Jesuit gemeint: „Das ist eine große Tragik. Sie werden sehen, die Frauen sind der Tod für die Familie.“ Tja, ich glaube nicht, dass sie der Tod geworden sind. Sicher, die Eva und das Diabolische sind in der Anlage auch immer drin. Aber die Frauen haben an allen Ideen treu festgehalten. Nicht um der Idee willen, sondern der persönlichen Gebundenheit wegen; wegen des persönlichen Verschenktseins.

Der große Irrtum besteht natürlich darin, dass man alles nach der Richtung sexuell auffasst. Geschlechtlich ist aber doch nicht identisch mit sexuell. Auch das Hingegebensein wird zunächst immer als geschlechtliche Vereinigung aufgefasst. Sicher, die geschlechtliche Vereinigung ist symbolhafter Ausdruck für das ganzheitliche Verschenktsein. Und zumal bei der Frau – im Vergleich zum Mann – ist das Seelische primär; und zwar bei allen Liebesäußerungen. Beim Mann ist die Gefahr viel größer, dass schnell alles sinnlich wird, nach unten zieht, ins Sexuelle hinab gleitet.
Womit das zusammenhängt? Der Mann trennt schneller oben von unten. Er ist stark intellektuell, und dann geht der ganze Mensch nicht mit. Es ist eine große Aufgabe unserer ganzen Erziehung, dass wir den ganzen Menschen erfassen und formen, auch das Gemüt.

Der große Irrtum steckt ja auch seit Jahrhunderten vielfach in der Kirche, in ihren Amtsstellen: nur ja keine Fühlung nach der oder jener Richtung! Aber da bleibt man ja einseitig. Wenn der Mann bleibt, wie er ist, hat er ja keine Ergänzung. Und das ist immer ein schweres Opfer, auf die seinsgemäße Ergänzung zu verzichten.
Nehmen Sie einmal an, Sie haben ein schönes und ideales Verhältnis zu Ihrer Schwester. Natürlich ist das häufig anders, aber der Zug ist wenigstens da. Nun machen Sie sich einmal bewusst, was das etwas ungemein Schönes ist, ein Menschenkind vor sich zu haben, das sein ganzes Wesen verschenkt. Sie müssen aber jetzt nicht immer denken: aha, das ist das Sexuelle. Wenn ich natürlich den Teufel an die Wand male, dann kommt er auch. Ich brauche ja nur ein bisschen das Weiße abzuschaben, da sollen Sie mal sehen, wie viel Teufel dahinter sitzen! So dürfen wir das aber nicht machen. Wir müssen so denken, wie der liebe Gott gedacht hat. Selbst wenn ich mir sagen müsste: Ja, wie der liebe Gott gedacht hat, so finde ich selten eine Frau. Das weiß ich auch. Aber ich weiß dann, wie der liebe Gott darüber gedacht hat und genauso denke ich auch. Überlegen Sie einmal, wie viele Schwierigkeiten ich dann überwinde! Sie sind illusorisch gemacht.
Wenn Sie Frauen erziehen wollen – und natürlich auch das fraulicher Element in uns selbst – dann besteht das Meisterstück, mit einem einzigen Wort gesagt, darin, nach allen Richtungen selbstlose, von sich gelöste Menschen zu formen. Angewandt auf die Frau scheint das Ergebnis allerdings zunächst umgekehrt zu sein. Weil sie so stark aufs Leben eingestellt ist, wird sie auch furchtbar stark hängen. Aber das ist ja der Sinn der Erziehung. Worauf muss ich hinarbeiten? Dass die ichsüchtige Liebe zu einer selbstlosen Liebe wird. Wenn das einmal gelingt, dass die Frau sich dem Du ganz hingibt – jetzt kommt das Geheimnis der Liebe -, gewinnt sie sich selbst. Das entspricht dem, was Jesus selbst gesagt hat: „Wer sich selbst besitzen will, der verliert sich. Wer sich selbst verschenkt, der gewinnt sich.“ (34) Das ist so etwas Einfaches, Tiefes und Großes!

Sie als Mann müssen sich jetzt nicht sagen: das ist eine Schande, eine fraulicher Anlage zu haben. Ich möchte Mann sein! Aber zum echten, vollen Mann gehört ja auch das Frauliche. Wenn ich verheiratet bin, dann suche ich mir die weibliche Ergänzung durch meine Frau. Wenn ich nicht verheiratet bin, muss ich viel mehr darauf achten, dass das Frauliche in mir mit entwickelt wird. Wir als Männer sollen zwar Kinder einer einzigen großen Idee – das ist das primäre -, aber auch Kinder einer einzigen großen Liebe werden. Beides muss miteinander verbunden sein. Der Mann, der von der Idee ausgeht, muss sorgen, dass er auch eine große personale Liebe bekommt. Und die Frau, die von der personalen Liebe ausgeht, muss dafür sorgen, dass die Liebe sich einer Idee ein- und unterordnet.

Weil die Frau auf das Verschenken ihrer selbst naturgemäß eingestellt ist, müssen Sie damit rechnen, dass die Liebe der Frau über weite Strecken eifersüchtig ist. Das dürfen sie nicht tragisch nehmen. Das ist die Schwäche der Frau. Eifersucht gehört einfach mit zu ihrer Natur. Ob sie verstehen, warum Frauenliebe mit Eifersucht verknüpft ist? Weil die Frau auf Ganzheit eingestellt ist. Ich will mein Gegenüber ganz haben. Wenn jetzt jemand anderer das Gegenüber auch haben will, dann muss ich ja teilen.

Wenn ich das als Mann oder als Erzieher nicht weiß, werde ich übermorgen unglücklich. Dann sage ich: es ist doch besser, ich lasse mir die ganze Gesellschaft vom Hals.

Aber das Herz der Frau muss doch irgendwo hin verschenkt sein! Das ist ja die Tragik für viele Frauen heute: Sie können niemand ihr Herz schenken, niemand nimmt es an. Oder wenn das Herz angenommen wird, dann wird die Annahme sofort versexualisiert. Eine Frau richtig annehmen – hier ist die Väterlichkeit gefordert – ist oft viel schwerer als Liebe zu verschenken. Das will gelernt sein.
Und nun die Kehrseite der Medaille. „Lasset uns den Menschen machen nach unserem Bild und Gleichnis. Und er schuf beide: Mann und Frau(35). „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. Wir wollen ihm eine Gehilfin schaffen, die ihm gleich sei als.“ (36) Mit „gleich sei“ ist zunächst einmal die Gleichheit in der Seinsstruktur gemeint. Gemeint ist auch, dass die Frau eine Gehilfin sei im Blick auf die Seinsvollendung. Deshalb muss die Frau sehen, dass ihr Sein vollendet wird, sonst kann sie den Mann nicht mit vollenden helfen.

Natürlich muss die Frau auch Gehilfin des Mannes in der Tätigkeitsordnung sein. Das Primäre ist aber die Seinsvollendung. Das ist zutiefst der Sinn der Ehe. Selbstverständlich dient die Ehe der procreatio prolis (37); auch der sedatio concupiscentiae (38). Aber nicht vergessen die Seinsvollendung! Adiutorium simile sibi (39); sie sollen sich gegenseitig im Sein ergänzen.

Es gibt viele edle Frauen, auch heute noch, bei allen Schwächen. Wenn wir deshalb so beieinandersitzen, ist es nicht gut – wie das vielfach Brauch ist – dass man sagt: da haben wir’s wieder. Das ist so recht typisch Frau! Man kann das sagen aus Gutmütigkeit oder humorvoll. Dahinter muss aber eine tiefe Ehrfurcht stecken, die das Wertvolle der Frau erkennt und anerkennt.

Wenn nun der Mann kein Mann und die Frau keine Frau ist, dann haben wir, soweit es überhaupt möglich ist, eine Seinsrevolution. Und wo mag diese Seinsrevolution hinführen? Die Gefahr ist, dass die beiden Typen sich nicht mehr ergänzen, weil sie nicht mehr ihre typische Eigenart genügend pflegen und bejahen.

Vielleicht gehe ich hier zunächst von der Mannesart aus und mache einen Vergleich zu Amerika, wo die Dinge schon weiter fortgeschritten sind. Da versteht man unter Wissenschaft immer nur experimentelle Wissenschaft. Einen Doktor in Philosophie zu machen, auf letztes Sein zurückzugreifen, also metaphysisch zu denken, ist anrüchig, gilt nicht mehr als Wissenschaft. Wenn das um sich greift, kann der Mann, der in seinem Denken diskursiv eingestellt ist, seine Originalität nicht mehr genügend verwirklichen. Was wird die Wirkung sein? Die Rache des Ungeborenen. Weil der Verstand sich nicht genügend entfalten kann, nicht genügend anerkannt wird, wird beim Mann wegen dieses Mangels ein starker niederer Vitalismus wach, Triebleben im übelsten Sinne des Wortes.

Wenn ich jetzt tiefer in die menschliche Kultur und Gesellschaft hinein schaue – woher kommt so viel Revolution heute in der Welt?

Wenn ich jetzt an eine Frau denke, die als Frau im Kern ein edles, personalgebundenes Triebleben hat, dann ist das wieder ein Ausgleich für den Mann. Das Hinabgleiten ins Niedrigste ist aufgehalten durch die entfaltete Seinsstruktur des weiblichen Du.
Wie schon dargestellt, ist der Mann von Natur aus auf das Herrschen und das Führen eingestellt. Wenn er nun in einer kollektivistischen Gesellschaft lebt, dann gerät seine Natur in Erschütterung. Er gerät in die Gefahr, selbst Massenmensch zu werden und büßt dadurch seine Fähigkeit ein, zu führen. Und wenn ich mich dann über die Masse erhebe, dann werde ich ein Diktator. Beides sind Fehlgeburten. Wenn nun also der Mann seine Wesensart zum Teil einbüßt, dann kann er die Frau nicht mehr ergänzen. Ergänzung ist ja gegenseitig. Auch der Mann soll die Frau ergänzen. Die Frau ist ja in ihrer Natur auch in Erschütterung geraten. Die Fähigkeit zu lenken, sich in das Gegenüber einzufühlen wird selbstsüchtig. Es ist deshalb eine große Tragik, wenn der Mann die Frau nicht ergänzt.

Die Kehrseite sieht genauso aus. Je mehr der Mann – er verschenkt ja nur etwas von sich – seine Seinsart eingebüßt hat, umso selbstsüchtiger wird auch er. Das ist immer so: wenn nicht eine organische Ausgeglichenheit in der Natur erstrebt wird, dann überwiegt das Kreisen um sich selbst alles, was sonst Edles in der Natur steckt.

Wir stehen vor der großen Kalamität einer Art Seinsrevolution.

Die Situation, wie wir sie heute erleben, zeigt uns die gewaltige Gefahr, dass die beiden Typen einander nicht mehr ergänzen, weil sie sich selber nicht mehr genügend bejahen und besitzen. Wo die Werthaftigkeit der Frau verloren geht, wird der Mann in seiner Veranlagung extrem und in seiner Natur angekränkelt. Dasselbe gilt umgekehrt auch von der Frau.

Ich habe erst die Arten dargestellt durch Gegenüberstellung, dann zweitens hervorgehoben: wenn die Arten nicht ausgeprägt sind, können sie sich nicht mehr ergänzen. Dann verderben sie sich gegenseitig und ziehen sich mehr und mehr in den Abgrund.

[Mann und Frau in Lebenskrisen]

Nun ein weiterer Gedanke. Wie bewähren sich Mann und Frau in Lebenskrisen? Es ist dies ein moderneres Kriterium. Wie hält das stand, was ich mir angeeignet habe, wenn Krisen kommen?
Um darauf eine Antwort zu geben, wollen wir kurz das Leben Jesu betrachten und prüfen, wie Frauen und Männer sich dem Schicksal Jesu gegenüber verhalten haben.

Nach dem, was die Heilige Schrift darstellt, müssten wir wohl sagen: da kommt die Frau besser weg als der Mann. Während der Leidenszeit Jesu, wo er menschlich zusammenbricht, versagen die Männer durchweg.
Zunächst Pilatus. Warum versagt er? Weil er zu stark extrovertiert eingestellt ist. Er möchte seinen Posten behalten, beim Volk angesehen sein; er hat eine ideenmäßige, extrovertierte Werteskala.Um gleich das Gegenbild zu zeigen: wer tritt während der Leidenszeit für Jesus ein? Die Frau des Pilatus. Sie hat natürlich nicht an Jesus als Gott geglaubt. Das Motiv für ihr Eingreifen lag aber in ihrem Instinkt, in ihrer Ausrichtung auf das Leben: Hier handelt es sich offensichtlich um einen Propheten, um einen, der vom Jenseits aus eine Sendung hat. – Wer hat Jesus noch verteidigt, wenn auch nur durch ihr Sein? Die Frauen unter dem Kreuz.
Noch einmal: wo sind die anderen Männer? Die Apostel haben Fersengeld gezahlt, obwohl sie vorher Stein und Bein geschworen haben. Petrus, der Säbelrassler! Vorher hat er noch geschworen: dann sterbe ich mit dir! Das ist später auch wahr geworden, aber es hat seine Zeit gedauert, bis seine Mannesnatur durchgegoren war, bis sie fähig war, sich selbst in die Waagschale zu werfen.
Natürlich war da der heilige Johannes. Diejenigen, die gerne dem Mann die Leviten lesen wollen, sagen dann allerdings: der ist nur unter dem Kreuz geblieben aus Ritterlichkeit der Mutter Jesu gegenüber. Aber da kann man ja so oder so denken.

Wenn Sie die Dinge aber auf sich wirken lassen, müssten sie schon gestehen: die frauliche Art besteht Lebenskrisen eher und die Mannesart bricht schneller zusammen. Warum? Weil der Mann in der Ganzheit seines Trieblebens, seines Liebeslebens, seiner personalen Gebundenheit zu wenig ergriffen wird.
Auch die Geschichte Schönstatts ist ein Ruhmesblatt für unsere Frauen. Da kann die ganze Öffentlichkeit gegen sie stehen. Sie haben sich durchgesetzt. Wer mit dem Herzen hängt, wird mit dem Verstand nicht leicht in Erschütterung gebracht. Im Gegenteil, das alles kann Ursache sein für umso größere unentwegte Treue.
Gerne würde ich hier noch so lange stehen bleiben, bis diese Dinge in unser Gemütsleben eingegangen sind, damit wir besser verstehen, auf welch hohen Wert wir verzichten, wenn wir nicht heiraten. Freilich stellt sich dann die Frage, auf welche andere Weise wir uns diese fraulichen Werte aneignen können, ohne dass dabei ein Schatten auf unseren Zölibat fällt.

[Andere Ausdrücke, die die frauliche Art charakterisieren]
Noch zwei Ausdrücke darf ich hier anfügen, mit denen ich unseren Schwestern häufig ihre eigene Natur erklärt habe: 1. Ganz Seele, ganz Hingabe, ganz Reinheit.
2. Stilles, starkes, eingegottetes Magdtum.
Weniger verständlich dürfte der Ausdruck „eingegottet“ sein. Er stammt von Scheeben. Der Hintergrund ist die dogmatische Frage, wie denn der begnadete Mensch zu verstehen sei.

Freilich bleibt uns noch die Aufgabe, das alles am Bild der lieben Gottesmutter zu veranschaulichen.


Schönstatt-Lexikon ONLINE: Geschlechtlichkeit, Frau, Mann

(26) Die Materie wird bestimmt durch Menge und Ausdehnung.
(27) Eine typische Redeweise Pater Kentenichs im Plauderton: „oben, hüben, drüben …“, wobei aus dem Zusammenhang zu erschließen ist, was gemeint ist. In diesem Fall: der Dreifaltige Gott – „oben“ – hat überlegt.
(28) Gen 2,18
(29) Vgl. Kol 1,16f: Denn in ihm wurde alles erschaffen im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare, Throne und Herrschaften, Mächte und Gewalten; alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen. Er ist vor aller Schöpfung, in ihm hat alles Bestand.
(30) In anderen Darlegungen bezieht sich Pater Kentenich in diesem Zusammenhang häufig auf ein altes Axiom der Theologie: Primum in intentione est ultimum in executione – das erste in der Intention ist (häufig) das letzte in der Ausführung.
(31) Handeln entsprechend (den Neigungen) der Natur – Handeln nach Vorsatz
(32) Es handelt sich um den verstorbenen P. Hans Kulgemeyer, der damals Rektor der Terziatsgemeinschaft war. Die „Mischung“ dürfte wohl auf ihn zugetroffen haben.
(33) Wörtlich: mit einem Salzkorn – in Deutsch: mit einem Körnchen Wahrheit
(34) Mt 10,39; 16,35
(35) Gen 1,26f.
(36) Gen. 2,18
(37) Erzeugung von Nachwuchs
(38) Befriedigung der Begierde
(39) Eine Gehilfin, die ihm ähnlich ist.

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