KR-3 DE 64

64. Das Wachstum des Liebesbündnisses.

Die Gründungsgeschichte Schönstatts stellt einen faszinierenden Organismus dar. Der Gründer hat aus der Überzeugung gelebt, seine Gründung genau der göttlichen Vorsehung abgelesen zu haben. Die Geschichte enthält also die Gesetzmäßigkeiten, mit denen Gott selbst uns geführt hat. Im Rückblick auf diese Geschichte konnte der Gründer deshalb sagen: „Unsere Schönstattgeschichte ist gleichsam unsere Heilige Schrift“ (siehe Text 21).
Diese „Schrift“ kann unter verschiedenen Gesichtspunkten gelesen werden. Dabei treten dann immer jeweils verschiedene Daten und Höhepunkte in den Vordergrund.
Unter dem Gesichtspunkt der Integration des Heiligen Vinzenz Pallotti und seiner Sendung erscheinen die Jahre 1916, 1918 (Hörde), 1942 (Abrundung der Entscheidung vom 20. Januar am 22.), 1964 (rechtliche Trennung von der Gesellschaft der Pallottiner).
Unter dem Gesichtspunkt der Ausfaltung des Werkes in Gliederungen werden wichtig die Daten 1918/19 (Bund und Liga), 1926, 1942, 1946, 1965 (Gründung der Verbände).
Unter dem Gesichtspunkt der Ausfaltung des Heiligtums in seiner Bedeutung und seinen Dimensionen erscheinen die Daten 1929 („im Schatten des Heiligtums“), 1944f (Filialheiligtümer), 1948 und 1962 (Hausheiligtum), von 1965 an Herzensheiligtum und „Baustelle Heiligtum“.
Unter dem Gesichtspunkt der Entfaltung der schönstättischen Pädagogik ist unsere Geschichte geprägt von der Vorgründungsurkunde (1912) und dem – damals so genannten – Seelenführerkursen und Pädagogischen Tagungen der dreißiger Jahre.
Eine besondere Rolle in dieser Entfaltungsgeschichte spielen die Meilensteine: 1914, 1942, 1949, 1965. Nach Erlebnis und Lehre des Gründers sind sie geprägt von weit tragenden Entscheidungen, begleitet von besonderer göttlicher Initiative. Sie sind die Marksteine, durch die die ganze Entwicklung geprägt und normiert wurde und durch die die Bedeutung des Gründers immer mehr in den Vordergrund trat.
In etwa parallel zu den Meilensteinen, wenn auch nicht ganz kongruent, vollzog sich die aszetische Ausfaltung des Liebesbündnisses, der Gesichtspunkt unserer Textauswahl:
– 1914: Einschaltung in den Gründungsakt durch Bündnisschluss und Beiträge zum Gnadenkapital
– 1939: Blankovollmacht und Krönung der Gottesmutter
– 1942: Inscriptio
– 1952: Joseph Engling Weihe.
Es findet sich bei Pater Kentenich kein gedrängter Text, in dem diese Ausfaltung des Liebesbündnisses der Reihe nach dargestellt wird. Um aber in unserem Lesebuch deutlich zu machen, dass unsere ganze Selbsterziehung und Aszese sich auf das Liebesbündnis und dessen Entfaltung in unserem Leben konzentriert, seien hier zwei kurze Texte angeboten.
Der erste Text – Brief an Pater Menningen vom 9. Dezember 1953 (H.Hug (Hg.), Mach heimisch in ihr Führerfähigkeiten, 30-32) – betont vor allem die Bedeutung der Geschichte und ihres Nachvollzugs, enthält auch einen kleinen Hinweis auf Joseph Engling und die Joseph-Engling-Weihe. Er ist geschrieben zur Vorbereitung auf das Jahr 1954, in dem P. Kentenich eine „Neugründung“ des ganzen Werkes anstrebte.
Der zweite Text – Chileterziat, 2. Februar bis 1. März 1951, Seite 129-131 – betont vor allem den Entscheidungscharakter einer solchen Weihe und stellt den Unterschied und die Innere Bezogenheit zwischen Blankovollmacht und Inscriptio dar. Für eine nähere Ausfaltung der Blankovollmacht – eigentlich der zentrale Akt im Liebesbündnis – sei auf die Zweite Gründungsurkunde verwiesen.


Die jetzige Generation hat es insofern leichter, als sie darin ihre Aufgabe erblicken darf, mit großer Sorgfalt in die Schule unserer Familiengeschichte zu gehen. Dort leuchtet nicht nur das eine oder andere Sternlein, sondern – so dürfen wir in einem begrenzten Sinn des Wortes sagen – dort ist der ganze Himmel sternenbesät, ja, fast möchten wir von einer Milchstraße sprechen, die den Blick wieder und wieder auf sich zieht.
Ohne Bild gesprochen, will das besagen: Wir wollen und dürfen uns darauf einstellen, die bisherige 40-jährige Familiengeschichte mit der originellen Entfaltung tiefergehender und umfassender geistiger Strömungen bis in alle Einzelheiten zu wiederholen.
Deine Führerschaft hat es deswegen insofern leichter, als sie sich nur jeweils an gewissen Höhepunkten unserer Familiengeschichte zu orientieren braucht. Gott hat ihr dadurch den Weg gewiesen, hat ihr Ziele gesteckt, hat ihr Höhepunkte gezeigt, zu denen sie ihre Gefolgschaft mit ruhiger, aber stetiger und zäher Konsequenz hinführen darf und soll.

(Erleichterung und Anforderung an nachfolgende Führungskräfte)

Die so gewährte Erleichterung verlangt auf der anderen Seite wieder eine stärkere ehrfürchtige Bindung an die in der Familie lebende Tradition und an die bewährten Entwicklungs- und Formungsgesetze, sowie an die Entwicklungsstadien. Sie entbindet jedoch nicht von den angewandten Methoden, die sich bisher bewährt haben und die göttliche Planung jeweils entweder deutlich oder dunkel entschleiert haben.

Ist im Großen und Ganzen auch der Weg, den die kommenden Generationen zu beschreiten haben, vorgezeichnet, so sind einzelne Wegweisungen beileibe nicht überflüssig. Wenn es früher unsere Aufgabe war, Pfadfinder im eigentlichen Sinn des Wortes zu sein, so heißt es nunmehr, genauer zu horchen, wann der liebe Gott die Einbiegung der Gefolgschaft als Ganzer oder der einzelnen Gefolgsmänner zu dem oder jenem bewährten Ziel hin wünscht und verlangt.

Genauer gesagt, müssen wir uns künftig einstellen
auf eine Wiederholung der bisherigen Entwicklungsstadien unserer Familiengeschichte,
auf eine Wiederholung der angewandten Methoden und
auf eine Wiederholung oder Verlebendigung unserer urwüchsigen gottgewollten Zielsetzungen (164).

[Wiederholung der bisherigen Entwicklungsstadien unserer Familiengeschichte]

Unter den Entwicklungsstadien verstehe ich die Stadien des Liebesbündnisses, das die Gottesmutter mit Schönstatt als Ort und Familie geschlossen hat.
Was Josef Engling in seiner tiefen religiösen Bewegtheit mit einer eigenartigen Genialität sofort als eine Ganzheit erfasst, erlebt und gelebt, durfte die Familie als Ganze in langsamer organischer Entwicklung nur jeweils stückhaft sehen und erobern.
Äußerlich sichtbar sind die Stadien in Erscheinung getreten – wie das ja allgemein bekannt ist – 1939 (Blankovollmacht und Krönung), 1942 (Inscriptio) und 1952 (Engling-Weihe).
Es ist selbstverständlich, dass erst ein Saatkorn in die Erde gesenkt werden will, wenn es sich entwickeln soll. Das heißt in unserem Fall: möglichst von Anfang an will unsere Familienerziehung auf dieses Liebesbündnis eingestellt sein. Von Anfang an verlangt es eine sorgfältige Pflege. Im einzelnen besagt das, die Familie als Ganze und die einzelnen Glieder sollen nicht nur geistig, sondern auch lebensmäßig und liebesmäßig in das Bündnis eingeführt werden. So war es von Anfang an.

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Unser Terziat ist in einem Entscheidungsstadium, das niemand so vorausgesehen oder bewusst so geplant hat. Es drängt uns zu Entscheidungen. Wir wollen dabei den sicheren Weg gehen und uns nicht leichtfertig entscheiden. In welche Richtung gehen unsere Entscheidungen? In die Richtung dessen, was wir „Schönstattgeheimnis“ oder „Schönstatt als Gotteswerk“ genannt haben. Wollen wir hineingezogen werden in das Liebesbündnis, das die Gottesmutter 1914 mit Schönstatt geschlossen hat, dann ist dazu eine Entscheidung notwendig. Unsere Weihe ist eine Weihe im Sinne Schönstatts, im Sinne des Gründungskontraktes; das ist der originelle Inhalt der Weihe. Damit habe ich mich im Geiste in die Reihe derer begeben, die seit 1914 in Schönstatt standen und von der Gottesmutter berufen wurden. Die Entscheidung geht tief. Damit würden wir praktisch ja sagen zu dem, was wir Schönstattgeheimnis genannt haben.

Das Liebesbündnis kennt verschiedene Grade. In welchem Grade wollen wir uns der Gottesmutter ausliefern? Historisch genommen kennen wir drei Grade:
1. allgemein: ich stelle mich zur Verfügung,
2. im Sinne der Blankovollmacht,
3. im Sinne der Inscriptio (165).

Wir sollten eine solche Entscheidung wohl überlegen, denn diese Dinge greifen tief hinein in das Einzelleben, wie auch in das Gemeinschaftsleben der (Pallottiner-) Provinz. Was wir gegenwärtig miteinander besprechen, drängt ja tatsächlich zur Entscheidung. Das alles ist nicht nur für den Körper gesagt. Es wird in der Seele die Frage wach: Was soll ich denn jetzt tun? Wir sehen ja nicht nur logisch, dass das Werk sich mit Pallotti vereinen lässt. Die Frage ist: Will ich mich von dem Gnadenstrom tragen lassen, will ich mich entscheiden? Soll der Einbruch des Göttlichen einen Aufbruch in unserem Innern bedeuten, damit die Gnade hemmungslos in uns einfließen kann?
Kehren wir zurück zum Liebesbündnis. Wir hatten seinen Ansatzpunkt beim 18.10.1914 gesehen und seine Weiterentwicklung bis zur Blankovollmacht verfolgt. Danach kreist alles um den 20. Januar 1942. Es hat 25 Jahre gedauert, bis die ganze Familie verstanden hat, dass wir uns der Gottesmutter ganz hingeben müssen. Später kamen größere Gefahren und wir sagten uns: Wir müssen noch mehr tun: Inscriptio.
Es kommt der 20. Januar 1942. Ich hatte Gelegenheit mich vom KZ zu befreien, ich sagte mir aber: Wenn der Herrgott das vorgesehen hat, dass ich frei werde, dann nur um den einen Preis, dass die ganze Bewegung Inscriptio macht.
Vielleicht wäre es jetzt der Mühe wert, den logischen Gedankengang zu durchbrechen und Fragen zu beantworten, die da und dort wach werden.

Nach meiner Auffassung liegt die höchste Heiligkeit in der vollkommenen Hingabe an den Willen Gottes. Sehen wir den Menschen, wie er wirklich ist, dann müssen wir doch gestehen: Es steckt in unserer Natur eine negative Voreinstellung zu Kreuz und Leid. Das ist nun das größte Hindernis, JA zu sagen zu dem, was Gott will. Weil die Natur unterbewusst schreit und das unterbewusste Seelenleben zu stark auch den Verstand blendet, müssen Sie ehrlich sein: wie häufig ist mein Gefühl daran interessiert, zum Leid NEIN zu sagen. Um nun dieses Hindernis gegen das Jasagen zum göttlichen Willen zu entfernen, müssen wir dafür sorgen, dass die negative Voreinstellung zu einer positiven wird. Das geht nicht ohne viel Gnade. Diese innere Wandlung kann ich wohl ein wenig durch Übung vorbereiten, aber letzten Endes muss der Heilige Geist mir das als Geschenk geben.

Was tun Sie durch Inscriptio? Die negative Voreinstellung umbiegen in eine positive. Wenn ich schieße, muss ich zunächst höher zielen. Das wirkliche Ziel der Heiligkeit ist Ausgeliefertsein an Gott. Inscriptio ist die Entfernung des größten Hindernisses für die Blankovollmacht. Ich sage: Lieber Gott, wenn Dir das Freude macht, sage ich nicht nur ja, sondern ich bitte darum so innig, wie ich kann. Wenn ich weiß, dass der liebe Gott meinen Tod im KZ will, dann bitte ich: Lass mich sterben. Inscriptio ist bloß ein psychologisches Mittel, Hindernisse zu entfernen. Es ist nicht Leid um jeden Preis. Einen solchen Akt kann aber nur setzen, wer den richtigen Vaterbegriff hat, wer weiß: Gott ist Vater, Gott ist gut! Es kann uns schwerer fallen, irgendetwas hinzugeben, als auf sich selbst zu verzichten. Damals am 20.Januar 1942 wäre es mir allerdings nicht sonderlich schwer geworden, mich selbst hinzugeben, viel schwerer fiel es mir, das Werk zugrunde gehen zu lassen (166).

Wir stehen am Ende der Gründung unserer Gesellschaft. Es muss also ein Gründerbewusstsein sein, das uns bindet. Ich kann mich der Gottesmutter anbieten in dem oder jenem Sinn: im Sinne der Gründungs­urkunde oder im Sinne der Inscriptio. Nachdem ich persönlich diesen Akt in ganz greifbarer Weise und zwar stellvertretend für die Familie gesetzt habe, seit der Zeit lebt in mir ein Siegesbewusstsein. Der schlichte, einfache Grund ist: die Bedingung der Gründungsurkunde ist ganz gesetzt. Am 18.10.1944 hat die Gesamtfamilie in ihren Vertretern den Akt der Ganzhingabe im Sinne der Blankovollmacht und Inscriptio gesetzt. Damit war die Bedingung für meine Freiheit erfüllt, und bald darauf wurde ich frei.


Schönstatt-Lexion ONLINE:
LiebesbündnisBlankovollmachtInscriptioEngling-Weihe
(164) Unsere Textauswahl gibt nur die Einleitung zu den Ausführungen des ersten Punktes wieder, da es uns ja hier nur um die aszetische Ausfaltung des Liebesbündnisses geht. Die Gliederung der ganzen Abhandlung mag aber deutlich machen, in welchem Horizont Pater Kentenich den „Nachvollzug der Schönstattgeschichte“ versteht. “

(165) Der Text wurde im Jahre 1951 gesprochen. Erst ein Jahr später sollte sich die Josef-Engling-Weihe in der Schönstattgeschichte herausbilden und ins Bewusstsein kommen. Siehe obigen Text.
(166) Siehe Himmelwärts, 117.

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