KR-3 DE 53

53. Organisches und mechanistisches Denken

Pater Kentenich konnte die Aufgabe und Sendung Schönstatts umschreiben als „Kreuzzug des organischen Denkens, Lebens und Liebens“. Dieser Kreuzzug hatte die positive Zielrichtung, organische Denkweisen, Lebensprozess und soziale Gebilde zu schaffen. Er hatte auch die Zielrichtung, den Verlust oder die Leugnung des Organischen zu bekämpfen und zu überwinden. Der „Feind“ hieß „Mechanistisches Denken“.
Die Auseinandersetzung mit einer mechanistischen Denkweise – im deutschen Raum an sich all die Jahre immer schon gegeben – trat in den Vordergrund im Zusammenhang mit der bischöflichen Visitation Schönstatts im Februar 1949. Pater Kentenich sah sich veranlasst, seine organische Denkweise und seine darauf aufbauende Gründung darzulegen und sie zu verteidigen gegen eine Kritik, die aus mechanistischem Denken kam; auch zu warnen vor einer solchen mechanistischen Denkweise, in der er die große Gefahr für Religion und Gesellschaft sah. Den ersten Teil dieser Verteidigungsschrift, der „Epistola perlonga“, legte er am 31. Mai 1949 auf den Altar des gerade eine Woche früher eingeweihten Heiligtums in Bellavista, Chile, um der Gottesmutter seine und des Werkes Zukunft in besonderer Weise anzuvertrauen. Fürchtete er doch harte Auseinandersetzungen mit dieser Denkweise und mit den Autoritäten der Kirche, die dann ja auch eintraten, das Werk bis an den Rand eines kirchlichen Verbots brachten und ihn in eine vierzehnjährige Verbannung schickten.
Vor dieser Auseinandersetzung und seiner Verbannung war es Pater Kentenich noch möglich, im Jahre 1950 und 1951 zwei große pädagogische Tagungen zu halten, in denen er vom pädagogischen Gesichtspunkt her seine Organismuslehre und die ihr zu Grunde liegende christliche Anthropologie darlegte und deutlich gegen das mechanistische Denken warnte. Letzteres vor allem in der pädagogischen Tagung 1951, die er, obwohl das Dekret seiner Trennung von Schönstatt schon ausgestellt war, noch vom 2. – 5. Oktober in Schönstatt halten konnte.
Die pädagogische Tagung 1951 ist veröffentlicht unter dem Titel „Dass neue Menschen werden“, Schönstatt – Verlag 1971. Der vorliegende Text gibt wieder die Ausführungen über organisches und mechanistisches Denken aus dem 4. und 5. Vortrag, S. 71 – 84. Auf der 1. Seite sind zwei Abschnitte eingefügt aus einer anderen unveröffentlichten Mitschrift der Tagung um das Gesamtkonzept Pater Kentenichs von mechanistischem Denken deutlicher zu machen.


Lassen wir die verschiedenen Spielarten der Zerstückelung beiseite und wenden wir uns einem Menschen zu, bei dem der Verstand extrem ausgebildet ist, dessen Denkweise charakterisiert ist durch das separatistische, mechanistische (62) Denken.
Hier wollen wir nun stehen bleiben. Eine Spielart der seelischen Zerstückelung des menschlichen Verstandes, des menschlichen Erkenntnisvermögens! Zwei Fragen wollen herausgehoben und mitten in das moderne, sprudelnde Leben hineingestellt werden:

1. Was verstehen wir unter diesem separatistischen, mechanistischen Denken?

2. Wie ist es zu beurteilen im Rahmen der gärenden Strömungen der heutigen Geistesschlachten, die wir alle mitkämpfen sollen und müssen?

Erste Frage: Was ist mechanistisches Denken?

Es ist nicht organisch, ist ungesund, weil es die menschliche Natur zerstückelt. Es trennt Verstand, Wille und Gemüt voneinander. Gesundes Denken ist organisch, symbolhaft, zentriert, ganzheitlich. Wollen Sie sich bitte diese vier Worte einmal merken, schon allein, um nachzuprüfen, ob unser eigenes Denken gesund geblieben ist. Hören Sie noch einmal: Urgesundes, urwüchsiges menschliches Denken ist organisch, symbolhaft, ganzheitlich und zentriert. Hätten wir Zeit, könnten wir von diesem Standort aus weiter und tiefer blicken in das moderne Seelenleben. In etwa fällt in der Folge Licht auf den einen oder anderen Lebensvorgang.

AlIes mechanistische Denken ist ein krankhaftes, ein ungesundes Denken. Wenn Sie tiefer graben wollen, müssen Sie dieses mechanistische, separatistische Denken vom Standpunkt des Subjekts und vom Standpunkt des Objekts aus sehen.

Im Hinblick auf den Träger des Denkvermögens, auf das Subjekt, spreche ich vom separatistischen Denken, wenn der Verstand gelöst wird vom Willen und vom Gemüt. Nicht wahr, das wissen wir Älteren: Als wir noch jung waren, wurde überall der intellektualistische Mensch gebildet. Die Gemüts-und Willensbildung wurde sehr vernachlässigt. Doch mag uns das im Augenblick weniger interessieren. Langsam ansteigend wollen wir uns vielmehr der Problematik zuwenden, die im mechanistischen Denken liegt.

Wie wirkt sich das mechanistische Denken dem Objekt gegenüber aus? Es trennt die Idee vom Leben, die Erstursache von der Zweitursache, die Lebensvorgänge untereinander.

Es trennt Idee und Leben voneinander. Es trennt zum Beispiel die Idee Gottes vom Leben Gottes. Es sieht in Gott Ideen, aber nicht das Leben in Gott.

* * *
[Von anderer Mitschrift eingefügt:]

Separatistisches Denken trennt zweitens Erstursache von der Zweitursache. Erstursache ist Gott, Zweitursache ist das Geschöpf, mag es sich dabei handeln um Heilige, um die Gottesmutter, oder mag es sich drehen um uns, um Geschöpfe untergeordneter Art der Gottesmutter gegenüber. Sehen Sie, diese beiden Objekte, Erst- und Zweitursache, werden im organischen Denken niemals voneinander getrennt. Haben Sie das Thema von heute Morgen noch vor sich: kleine heilige Theresia – wie gesund organisch war dieses Denken! Der leibliche Vater war immer das Symbol für den himmlischen Vater. Wenn sie an den irdischen Vater dachte, lebte in ihr immer das Bild des himmlischen Vaters und umgekehrt, der Himmelsvater weckte den Gedanken an den irdischen Vater. Mechanistisches Denken reißt auseinander, was nach Gottes Absicht eine Ganzheit darstellen sollte.

Mechanistisches Denken trennt auch im Leben, ob es sich um die natürliche oder übernatürliche Ordnung handelt, wesenhafte Lebensvorgänge total auseinander. Ich meine, wir sollten uns die Zeit nehmen hier ein wenig stehen zu bleiben, damit wir nicht zu stark in abstrakten metaphysischen Höhen uns bewegen. Pädagogische Kurse wollen das Leben verstehen lernen und erlernen, wollen aber auch das Leben meistern lernen und lehren.
* * *

Ob wir uns wohl bewußt sind, wie stark in intellektuellen germanischen Kreisen das religiöse Denken ein intellektualistisches, ein separatistisches, ein mehanistisches Denken ist? Hören Sie einmal das Wort eines Fachmannes, der sich als Laie bemüht, das moderne religiöse Seelenleben zu klären, zu analysieren:

„Es gibt unter den Gebildeten einen Frömmigkeitstyp, der nur dort mitzutun bereit ist, wo man das Gesetz des Handelns irgendwie mit dem Verstand begreifen kann, wo man sich als Miturheber zu fühlen vermag. Sie merken nicht, dass ihre Freude mehr eine Freude am Gedanklichen ist als an den wirklichen Gegenständen selbst. Sie glauben mehr an ihren Glauben als an die Wirklichkeit, die ihr Glaube vorstellt. Sie brauchen keine Motive, weil der Glaube hinter dem Ästhetischen zurücktritt.“

Es sind halt die religiösen Genießer, die religiösen Intellektualisten, die hier gekennzeichnet sind. Sie trennen Idee und Leben und fragen: Ist Gott für mich eine Idee? Ist die Gottesmutter für mich eine Idee? Ist mein Mitmensch für mich eine Idee? Wenn sie nicht mehr sind als Idee, werden sie uns innerlich nicht wecken. Unser religiöses Leben ist krankhaft, weil unser Denken separatistisch geworden ist. Wenn wir heute immer wieder neu fragen: Wie kommt es denn, dass unsere Erziehung, auch unsere Frömmigkeitserziehung, oft so wenig schöpferisch ist, so lautet die Antwort: weil sie zu stark intellektualistisch ist. Was wir in Predigt und Unterweisung vortragen, ist ein Produkt des Verstandes, und was wir ansprechen, ist wiederum der Verstand. Bei der männlichen Erziehung müssen wir zwar stärker das Erkenntnisvermögen berücksichtigen, aber Wissen allein ist tot, macht tot und läßt tot. Der Erziehungsvorgang ist ein Zeugungsakt. Jede Erzeugung setzt wahres Leben voraus. Nur wahres Leben kann wirkliche Erziehung bewirken.

Ist nicht unsere gesamte Erziehung, auch unsere Frömmigkeitserziehung, zu stark verintellektualisiert? Ist sie nicht geprägt durch die Trennung von Idee und Leben? Wir leiden an einer Verintellektualisierung des Glaubenslebens, an einer Begrifflichkeit, die den lebendigen Glauben tötet. Von welcher Bedeutung ist beispielsweise die Erziehung im Gesellenverein. Wie gesund ist das, was uns Kolping (63) gegeben hat, wo es sich um Erziehungsvorgänge und Erziehungsweisheit handelt. Er war ein praktischer Erzieher. Für ihn war das eine Selbstverständlichkeit: Nur lebendige Persönlichkeiten können lebendige Menschen erziehen und formen.

Hier haben wir ein Zentralproblem der heutigen Erziehungsweise vor uns. Von welcher Bedeutung ist daher für die Überwindung des mechanistischen Denkens eine gesunde Marienverehrung! Intellektualistisches, mechanistisches Denken macht auf die Dauer eine gesunde Marienverehrung unmöglich.

Kolping verlangt nicht nur Präsides, sondern Väter, die aus der Kraft ihres eigenen Lebens und Strebens zeugen. Da spüren Sie den echten Volkserzieher. Wollen wir das intellektualistische, mechanistische Denken überwinden, die Trennung zwischen Idee und Leben, müssen wir wieder in unserer Art eine echte Paternitas, eine echte Maternitas in unser Leben einbauen.

Diese ewige Reflexion, dieses ständige Intellektualisieren schafft kein Leben. Jedenfalls darf gesagt werden: Der Bedarf an theoretischen Pädagogen ist besser gedeckt als an lebendigen Volksbildnern. Kolping sagt: „Wer Menschen gewinnen will, muss sein Herz zum Pfand setzen.“ Er will als Erzieher nicht nur Seelsorger, sondern echte Väter haben; denn nur der Vater kann Leben erzeugen. Deswegen ist in der Kolpingsfamilie der Vatergedanke so überaus klar.

Ob wir ahnen, von welcher Bedeutung für das religiöse Leben die Marienverehrung ist? Sie gibt eine vitalis Christi notitia, nicht also nur eine geistige, sondern eine lebensmäßige Erkenntnis des ewigen, lebendigen Gottes.

Mechanistisches Denken trennt Erst- und Zweitursache voneinander.

Ein paar Beispiele sollen das veranschaulichen.

Irgendwo hört ein tief religiöses Mädchen, das durch eine katholische Jugendorganisation gegangen ist, das Lied: „Wunderschön prächtige … Gut, Blut und Leben will ich dir geben …“ (64) Sie meinte ein solches Lied nie mitsingen zu können. Nur Gott könne sie sich ausliefern, nicht Menschen, deswegen auch nicht der Gottesmutter. Die echte Hingabe an die Gottesmutter kennt dieses mechanistische Denken nicht. Sie trennt nicht die Gottesmutter als Zweitursache von der Erstursache, von Gott. Selbstverständlich kann ein Geschöpf, getrennt von Gott, nicht meine ganze Hingabe wecken. Wenn ich mich der Gottesmutter oder auch sonst einem Geschöpf schenke, kann ich das nur tun mit Rücksicht auf ihre/seine Gottbezogenheit.

In diesem Zusammenhang erinnere ich an die kleine heilige Theresia. Sie war „verrückt“ auf ihren Vater, weil sie im Vaterbild entrückt das Gottesbild sah. In der Hingabe an den leiblichen Vater hat sie sich eben in organischer Ganzheit dem Vatergott hingegeben.

Das oben erwähnte Mädchen klagte weiter: „Das Gebet ‚O meine Gebieterin, kann ich nicht beten; ich kann mich nur Gott ganz hingeben.“ Diese Einstellung ist wiederum eine Frucht des mechanistischen Denkens. Wer die untergeordneten Regionen der Zweitursachen übersieht und schnell hinüberfliegen will zum Letzten, verletzt nicht nur den Organismus des gesunden Lebens, sondern entbehrt auf die Dauer der großen Sicherung für die übergeordnete Ordnung. Wenn ich mich dem geistigen Gott allein und unmittelbar schenke, muss ich fürchten, dass früher oder später der Gottesgedanke sich so verflüchtigt, dass letzten Endes sogar eine gewisse Gottlosigkeit erstrebt wird. Wenn der Gottesgedanke nicht lebendig ist, dann schafft er auch kein Leben. Wenn der liebe Gott die untergeordneten Regionen den übergeordneten vorgebaut hat, haben wir ein herzhaftes Ja zu sagen zu den Wünschen, zu den Anordnungen Gottes.

Ein anderes Beispiel. Irgendwo wird bei einer Mission von der Kanzel gegen bestimmte Kreise in der Pfarrei gewettert. Man gesteht zu, dass es Elitekreise sind. Wegen ihrer marianischen Einstellung heißt es von der Kanzel: „Wie lange sind die schon marianisch! Wann kommen die einmal weiter?!“ Das ist separatistisches Denken: das Religiöse wird mechanisiert gesehen. Die Hingabe an die Gottesmutter ist doch in hervorragender Weise gleichzeitig auch Hingabe an Christus, an den dreifaltigen Gott.

Irgendwo hat ein Pfarrer die Frage: Soll ich meine Gemeinde der Gottesmutter weihen, ja sogar die Diözese der Gottesmutter unmittelbar schenken? Das darf ich wohl nicht … Vor Jahren habe ich den Weiheakt vorgenommen und ihn adressiert an das Herz Jesu. Jahre sind vorüber und die Wirkung der Weihe ist gleich Null. Wenn ich nun hingehe und die Gemeinde der Gottesmutter schenke, dann dokumentiere ich dadurch, dass ich meine, die Gottesmutter könne mehr als der Heiland. Spüren Sie das separatistische, mechanistische Denken? Organisches Denken sieht immer beide ineinander und miteinander: die Erst- und Zweitursache, Gott und die Gottesmutter.

In einer Pfarrei hat ein modern eingestellter Pfarrer seine Kirche modern ausgestaltet: selbstverständlich den Altar in der Mitte, das Marienbild aber ziemlich weit entfernt in einer Ecke, damit nur ja Christus im Mittelpunkt steht. Seine ganze Pastoration ist nach dieser Richtung eingestellt. Bei Gelegenheit sieht er einige Frauen vor dem Marienbild knien. Unwirsch ruft er aus: „Da seht doch einmal die alten Frauen, knien sie vor der Figur und nicht vor dem Tabernakel!“ Soweit kann separatistisches Denken, Leben und Handeln gehen!

Sind das nicht Verbrechen an unserem Volk?! Wir reißen alles auseinander und wundern uns, wenn keine religiöse Lebenswelle mehr möglich ist. Die untergeordneten Regionen sind nicht nur eine gewisse Vorbereitung, sondern auch ein Dauerschutz für die übergeordneten.

In einer Zuschrift heißt es: „Wir bekamen in meiner Heimatgemeinde einen neuen Pfarrer. Ich kannte ihn als einen radikalen Anti-Schönstätter, der sich aber ganz opferte für seine Pfarrei. Nach kurzer Zeit wurde er den Schönstättern gegenüber wohlwollend, da er die Erfahrung machte, dass er sich auf sie verlassen konnte. Die Schönstattjugend lud den H. H. Pfarrer ein. Später erzählten mir die Mädchen, lange hätten sie überlegt, welches Lied sie denn singen sollten, damit er keinen Anstoß nehmen könnte. Sie entschieden sich für das Lied: ‚Wir bauen auf heiliger Erde …‘ und sangen alle Strophen. Nach der letzten Strophe sagte der Pfarrer: ‚Ihr Schönstätter seid nicht konsequent. In der ersten Strophe singt ihr von ‚Gottes heiligem Reich‘ und in der letzten Strophe ‚der Königin heiliges Reich‘ (65). Entweder könnt ihr das eine oder das andere, aber nicht beides..“

Die Dinge sind ernst zu nehmen! Wir zerreißen das Leben und klagen nachher: Unser Volk ist nicht mehr religiös empfänglich. Wir sind religiöse Intellektualisten geworden und können das mechanistische Denken nicht überwinden. Das Volk hat die Schwierigkeit nicht, aber wir haben sie und wir machen sie. Wir mißbrauchen unsere Autorität, um das gesunde Denken des Volkes krank zu machen. Wir verplempern Zeit, um Leben zu erdrosseln. Ist es nicht Zeit, zurückzufinden zum organischen Denken, zu ganzheitlichem Denken und Leben und Lieben?!

Wir haben uns verhältnismäßig lange auseinandergesetzt mit der Trennung von der Erst- und Zweitursache. Das mechanistische Denken kennt auch eine Trennung von Lebensgebilden.

[Fünfter Vortrag]

Wer einen Kranken heilen will, muss erst die Diagnose stellen. Der moderne Mensch ist krank geworden. Deswegen müssen wir erst die Krankheit im Einzelnen kennenlernen. Wir sehen sein Seelenleben einerseits vielgestaltig verkümmert und andererseits zerstückelt. Mit dieser Zerstückelung unter dem Gesichtspunkt des mechanistischen Denkens versuchen wir uns ein wenig auseinanderzusetzen. Die erste Frage lautet: Was ist unter diesem mechanistischen Denken zu verstehen? Nachdem wir die Begriffsbestimmung gegeben, durften wir sie auf das praktische Leben anwenden.

Drei Sachgebiete stehen und standen uns vor Augen:
Trennung von Idee und Leben
Trennung von Erst- und Zweitursache
mechanistische Trennung in den einzelnen Lebensbereichen

Es gibt Lebensvorgänge in der natürlichen und übernatürlichen Ordnung. Wir bleiben mit besonderer Sorgfalt bei der natürlichen Lebensordnung stehen. Ihre Keimzelle ist die Familie. Eine gesunde natürliche Familie sollte nach der Absicht Gottes eine organische Ganzheit darstellen, sollte ein seelisches Ineinander kennen zwischen Mann und Frau, zwischen Vater und Mutter, zwischen Eltern und Kindern.

Sie sollte eine organische Lebenseinheit darstellen, kein seelisches Nebeneinander noch ein Gegeneinander. Heute ist diese Lebenseinheit weitgehend gestört. Nicht so, als wüssten wir nicht, dass seit Menschengedenken eine Unsumme von Schwierigkeiten im Wege stehen für die Formung und Gestaltung dieser Lebenseinheit. Darum dreht es sich hier nicht. Es fragt sich nur: Wo liegen die QuelIen für den Mangel an Einheit?

Eine der wichtigsten ist das separatistische, mechanistische Denken und Handeln. Man rühmt sich heute sogar, dass man die Familie auseinandergerissen hat. Man löst den Vater von der Mutter, die Eltern von den Kindern (66).

Wie sieht die Frau aus, die kraft des mechanistishen Denkens und Handelns aus dem Organismus der gottgeprägten Familie herausgerissen ist? Wie sieht das Kind aus, das keine Heimat mehr in einer natürlichen Familie hat? Im Interesse des Themas der Tagung wollen wir von diesen beiden Sachgebieten Abstand nehmen und den Vater der Familie stärker ins Blickfeld rücken. Der Grund für die Heimatlosigkeit der heutigen Welt liegt nämlich in der Tatsache, dass sie vaterlos geworden ist. (….)

Metaphysish gesehen, ist das Letzte in der Familie der Vater. Er hat die Urgewalt, weil er teilnimmt an der zeugenden Tätigkeit Gottes. Im Schoße der allerheiligsten Dreifaltigkeit ist der Vater das Letzte, weil er der Zeugende ist. Der Vater zeugt den Sohn, Vater und Sohn bedingen den Heiligen Geist (67). Mütterliche Autorität ist nur eine ergänzende, anlehnende.

Es hängt so ungemein viel davon ab, dass der Vater nicht aus dem Organismus des Familienlebens herausgerissen wird. Heilung der Welt setzt voraus Heilung der Familie, und Heilung der Familie schließt im wesentlichen in sich eine Reform des Vatergedankens, des Vaterbewußtseins, der Väterlichkeit. (….)

Wir stehen in einer vaterlosen Zeit. Sie ist vaterlos, weil die Familie vaterlos geworden ist. Wir stellen zunächst die Tatsache als solche heraus, suchen nach ihren Gründen und zeigen die Bedeutung väterlicher Autorität auf.

Erstens: die Tatsache

Der Vater ist heute vielfach aus dem Gesamtgefüge der Familie herausgelöst. Das wird sogar bewußt erstrebt und hat Aufspaltung, Trennung, Auseinanderreißung des ganzen Familienlebens zur Folge. Ein gesundes Lebensgebilde, die Familie, wird dadurch zerstört. Das separatistische Denken versucht mit großem Erfolg nicht nur eine Trennung von Idee und Leben herbeizuführen, sondern auch eine Trennung der Lebensvorgänge voneinander. Da haben wir die Tragik des mechanistischen Denkens.

Weil der Vater heute aus dem Gesamtgefüge der Familie herausgelöst ist, ringt man heute um sogenannte Mutterfamilien, also um vaterlose Familien. So wurde vor Jahren von einer Abgeordneten der Vorschlag gemacht, wegen des Mangels an Männern sollte man nicht nur die Vielweiberei, sondern auch die Lösung der Ehe auf eigenen Wunsch ohne gesetzliche Regelung gestatten, mit der Begründung, viele Frauen könnten ja doch keinen Mann finden (68). Eine zweite Begründung meinte, der Mann habe heute eine größere Aufgabe in der Öffentlichkeit, er müsse in der Politik, in der Wirtschaft tätig sein; deshalb solle man ihn herauslösen aus der Familie. Hinter diesen Auffassungen steckt nicht etwa ein Zugeständnis an menschliche Schwäche im praktischen Leben, sondern ein grundsätzlich irregeführtes, irregeleitetes Denken, ein mechanistisches Denken. Es wird auch von modernen Einstellungen her die Trennung von Geschlechtlichkeit und Liebe angestrebt. So wirkt sich die furchtbare Tragik des Separatismus, des mechanistischen Denkens, aus.


Schönstatt-Lexikon ONLINE: Organisches DenkenMechanistisches Denken

(62) Pater Kentenich gebrauchte zur näheren Kennzeichnung des separatistischen Denkens sowohl die Termini mechanisches, mechanisiertes als auch mechanistisches Denken. Da er schon in den Jahren zuvor und auch später die letzte Formulierung als festen Begriff für diese Denkart und ihren Umkreis verwandte, schien es gegeben, sie für die synonym gebrauchten Termini einzusetzen.
(63) Adolph Kolping (1813 – 1865) war Priester der Erzdiözese Köln. Unter seiner Führung entstand aus dem Kölner Gesellenverein das internationale Kolpingwerk, früher Kolpingsfamilie genannt. Im „Kolping“, so die Kurzformel, sammelten sich in lokalen Gruppen vor allem junge Männer, die aus beruflichen
Gründen nicht mehr zu Hause wohnten, um dort eine Heimat zu finden und ihr religiöses Leben zu pflegen, bis sie selbst eine Familie gründeten.
(64) Der Liedtext lautet: „Wunderschön prächtige, hohe und mächtige, liebreich holdselige, himmlische Frau, der ich mich ewiglich weihe herzinniglich, Leib dir und Seele zu eigen vertrau. Gut. Blut und Leben will ich dir geben. Alles, was immer ich hab, was ich bin, geb ich mit Freuden, Maria, dir hin…“
(65) Der Liedtext lautet: „Wir bauen auf heiliger Erde und einem Dome gleich mit jungen, starken Händen an Gottes heiligem Reich. / Uns rief eine himmlische Botschaft aus drangvoll stürmischer Zeit. Wir sollen Bauleute werden dem Bauherrn der Ewigkeit. / Er rührte an unsere Seelen mit seiner Gnade Ruf, der uns am Morgen des Lebens zu seinen Werkleuten schuf. / Nun bau’n wir mit eigenen Händen und einem Dome gleich auf Schönstatts heiliger Erde der Königin heiliges Reich.“
(66) In kommunistischen Erziehungssystemen z.B.
(67) Vgl. Joh. 14,29; 2 Kor. 15,24ff
(68) So die Situation in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg, in dem Millionen von jungen Männern auf den Schlachtfeldern geblieben sind.

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