KR-3 DE 73

73. Dilexit Ecclesiam.

In der schwierigsten Zeit seines von der Kirche verfügten Exils in Milwaukee äußerte Pater Kentenich zum ersten Mal: wenn er stirbt – selbst wenn er hier in der Verbannung stürbe – solle man auf seinen Grabstein schreiben: DILEXIT ECCLESIAM – Er liebte die Kirche.
Bei mehreren Anlässen, vor allem nach dem Exil, wiederholte P. Kentenich diese Aussage. Ausführungen machten dann deutlich, wie sehr er sich mit dieser Grabinschrift von Kardinal Mermillod identifizierte und in welcher Dimension er sie im Blick auf sein eigenes Leben sah. Die drei Texte, die hier zitiert sind, geben davon Zeugnis.
Als P. Kentenich dann am fünfzehnten September 1965 starb, war es selbstverständlich, dass sein Grab diese Aufschrift tragen würde.
Mit dem persönlichen Zeugnis P. Kentenichs über seine Grabinschrift schließen wir die Textsammlung des Kentenich Readers ab. Die Inschrift weist über seinen Tod hinaus und soll unser Erbe und Auftrag sein, aus dem heraus wir unseren Gründer studieren, mit ihm verbunden bleiben und ihn im Dienst an seinem Werk für die Kirche in die kommende Zeit hineintragen.

Der Text ist aus drei Vorträgen zusammengestellt, die P. Kentenich am Ende der Verbannungsjahre kurz nach seiner Rückkehr von Rom nach Schönstatt gehalten hat: am Silvestertag 31.12.1965 für die gesamte Schönstattfamilie (Propheta locutus est, Band II, S. 255f und 268) und am 3.1.1966 für Schönstattpriester der Diözese Münster (Propheta locutus est, Band III, S. 98-101).


Dass wir insgesamt vor einer neuen Etappe der Familiengeschichte stehen, ist außer Zweifel. Was wollen wir denn nun tun in der gesamten folgenden Etappe?
Ich möchte am liebsten an die Tore der folgenden Jahre und Jahrzehnte das Wort schreiben, das ich seinerzeit einmal für das Heilige Offizium geschrieben habe: „Dilexit Ecclesiam“. (215)

Das Wort sollte besagen: Ich möchte einmal auf meinem Grabstein das Wort einmeißeln lassen und dorten eingemeißelt sehen und für folgende Zeiten festgehalten wissen: „Dilexit Ecclesiam“. Und wie sieht diese Liebe zur Kirche aus?

Ich habe Ihnen in diesen Tagen sagen dürfen, was ich dem Heiligen Vater bei Gelegenheit der unerwarteten Audienz (216) habe versprechen dürfen: Wir als Gesamtfamilie – will also heißen, als Gesamtfamilie, die vom Kreuze abgenommen ist – wollen uns in der Folge bemühen, mit allen Mitteln dem Papste mitzuhelfen an der Verwirklichung der postkonziliaren Sendung der Kirche. So soll das Wort „Dilexit Ecclesiam“ eine ausgeprägte, eine tiefgreifende Ausdeutung bekommen: „Dilexit Ecclesiam“, Schönstatt dilexit ecclesiam – Schönstatt hat die Kirche geliebt. Die Liebe zur Kirche treibt uns an, die postkonziliare Sendung der Kirche möglichst vollkommen und nach allen Richtungen zu unterstützen.

Wahrhaftig, „Dilexit Ecclesiam“! Die Liebe zur Kirche hat uns gedrängt, das Schönstatt-Werk ins Leben zu rufen, oder besser gesagt, sie hat den lieben Gott bestimmt, uns diese Sendung zum Wohle der Kirche zu geben. „Dilexit Ecclesiam“, die Liebe zur Kirche hat uns gedrängt, uns das Kreuz des Herrn, die Kreuzigung, von der Kirche selber gefallen zu lassen und diesen Kreuzweg des Herrn uns von der Kirche selber auferlegen zu lassen; (217). „Dilexit Ecclesiam“.

„Dilexit Ecclesiam“, die Liebe zur Kirche drängt uns auch jetzt, diese Kirche, die uns verfolgt hat, mit endloser Wärme zu lieben, alles Vergangene zu vergessen und mit der ganzen Kraft uns nunmehr einzusetzen, dass unsere Familie die große Sendung erfüllt, und der Kirche zu helfen, siegreich vorzustoßen an das Ufer der neuesten Welt; also das Ideal der Kirche am neuesten Ufer zu verwirklichen.
[….]

Wenn wir nun zurückschauen auf Vergangenes, dann meine ich sagen zu dürfen, wir dürften ein Wort wiederholen, das Kardinal Mermillod seinerzeit auf seinen Grabstein hat schreiben lassen: Dilexit ecclesiam! (218) Dass wir die Kirche von Anfang an warm und heiß und tatkräftig, opferkräftig und opferfreudig geliebt haben, das wissen wir. Die Liebe zur Kirche hat uns angetrieben, das Schönstattwerk ins Leben zu rufen. Die Liebe zur Kirche hat uns angetrieben, uns auch von der Kirche ans Kreuz schlagen zu lassen. Die Liebe zur Kirche quittieren wir dadurch, dass wir der Kirche – jetzt in unserm Fall speziell in der Person von Exzellenz Tenhumberg – dafür dankbar sind, dass in ihm die Kirche uns vom Kreuze wieder abgenommen hat.
[….]

Dilexit ecclesiam – was das Wort besagt? Ich war eben daran, Ihnen ein wenig zu erzählen von der Audienz beim Heiligen Vater. Er ist es gewesen, der die so heiß ersehnte Schönstattvision für den Papst erhalten hat, der mich rehabilitiert und während seiner Regierungszeit Schönstatt gesegnet und gekrönt hat. Ich habe damals dem Heiligen Vater aus Dankbarkeit versprochen, ihm zu helfen, die nachkonziliare Sendung der Kirche im Vollsinn zu verwirklichen.
Dann fiel das wichtige Wort – es ist das ein Wort, das Exzellenz Tenhumberg in seinem Wappen trägt: Sub tutela matris. Also unter dem Schutze der lieben Gottesmutter wollen wir dafür sorgen, dass die nachkonziliare Sendung der Kirche verwirklicht wird. Und weil die ganze Audienz sehr familiär verlaufen ist, griff hier der Heilige Vater ein und hat dann offenbar einen Lieblingsgedanken betont. Er hat gemeint, ich würde meinen: sub ecclesia matre (219) . „Nein“, sagte ich, sondern „Sub tutela matris!“ „Ja“, sagte er, „es ist richtig.“ – Ich habe dann in dem dritten Gedanken, den ich ihm gesagt, während ich ihm den Kelch überreichte, hinzugefügt: „Der Kelch soll bestimmt sein für die neue, geplante Kirche unter dem Titel: Matri ecclesiae (220)!“ Aber dann habe ich beigefügt: „in ecclesia, ab ecclesia, pro ecclesia; a matre ecclesia, in matre ecclesia, pro matre ecclesia (221).“

Jetzt könnten wir vom dogmatischen Standpunkte aus Kreis und Kreise ziehen um die inneren Zusammenhänge zwischen Mater ecclesia und Mater ecclesiae (222) aufzuzeigen. Das liegt im Blut der katholischen Kirche: in der Gottesmutter hat sie ihr Modell. Darum darf die Kirche nicht, schon allein um ihrer Eigenexistenz willen das Bild der Gottesmutter verzeichnen. Wenn sie es verzeichnen ließe, würde sie ihr eigenes Bild verzeichnen. Von hier aus mögen wir auch verstehen, weshalb der Protestantismus mit dem Bilde der Gottesmutter nicht zurechtkommt. Instinktiv identifiziert auch der Protestantismus mit dem Bilde der Gottesmutter das eigene Bild. Und weil das eigene Bild mit den Zügen der Gottesmutter, wie wir sie sehen, sich absolut nicht vereinigen lässt, deswegen darf der Protestantismus unsere Marienliebe in der reinrassigen Weise nicht anerkennen. Wenn wir also helfen wollen, die nachkonziliare Sendung der Kirche zu verwirklichen, dann wollen wir nie übersehen: sub tutela matris! Wir wollen auch den Mut haben – und heute gehört Mut dazu, auch in eigenen Priesterkreisen -, ein herzhaftes Ja zur Stellung der Gottesmutter, zumal unter dem Titel „Mater ecclesiae“ zu sagen.

Wenn ich so zurückschaue, was war das eine Zeit, als das Marianische nach dem ersten Weltkriege so stark Gegenstand der Auseinandersetzung war! Was waren das für Schlachten, die wir damals geschlagen haben zu Ehren der Gottesmutter! Und wenn sie sich verherrlicht hat in unserer Familie als einem Teil der Kirche, dann wird das immer unsere Aufgabe bleiben, dafür zu sorgen, dass die Gottesmutter in der Kirche anerkannt wird; ja, dass sie nicht nur anerkannt wird, sondern dass sie für die neue Zeit die große Christusträgerin, Christusdienerin und Christusgebärerin ist!


Schönstatt-Lexikon ONLINE: Kirche
(215) Vgl. Brief an Kardinal Ottaviani, 15.8.1965, in: Fürchte dich nicht – rede nur – schweige nicht. Briefe von Pater Joseph Kentenich im weiteren Umkreis des 31. Mai 1949, Band 5, S. 1622f.
(216) Audienz bei Papst Paul VI. am 22.12.1965.
(217) Während der Verbannung 1951-65.
(218) Gaspard Mermillod (1824-1892), Bischof von Lausanne-Genf-Fribourg; zuletzt Kurienkardinal; in der San Lorenzo Kirche in Rom begraben.
(219) Unter der Mutter Kirche
(220) Der Mutter der Kirche
(221) In der Kirche, von der Kirche, für die Kirche. Von der Mutter Kirche, in der Mutter Kirche, für die Mutter Kirche
(222) Mutter Kirche und Mutter der Kirche.

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