KR-3 DE 70

70. Die Sendung von Augustinus, Thomas und Schönstatt

Es gibt kaum einen anderen Text, in dem das Sendungsbewusstsein unseres Gründers und seine Vision von der Bedeutung Schönstatts und der Sendung der Gottesmutter für unsere heutige Zeit so deutlich zum Ausdruck kommt als wie in dem Vergleich mit der „einzigartig spezifischen“ Sendung des heiligen Augustinus und des heiligen Thomas von Aquin. Der Vergleich unterteilt die 2000 Jahre alte Kirchengeschichte in drei Abschnitte epochaler Veränderungen. Alle drei stellen eine besondere Herausforderung für die Beziehung zu Gott, eine besondere Krise und die Möglichkeit eines besonderen Wachstumssprungs in eben dieser Gottbeziehung dar.
In der heutigen Herausforderung kommt nach der Überzeugung unseres Gründers der Gottesmutter wie sie sich in Schönstatts „offenbart“ eine besondere Aufgabe zu.
Der Vergleich mit Augustinus und Thomas steht in einem inneren Zusammenhang mit der Vision unseres Gründers von Schönstatt als dem „Herz der Kirche“ (Siehe Text 71.). Der Text ist entnommen der Weihnachtstagung 1967, 4.Vortrag, in: Propheta locutus est, XII, 98-108.


Ich darf einen kleinen Abstecher machen und wiederhole noch einmal: Das Problem unserer Zeit ist das Gottesproblem! Im Hintergrund steigen mehr und mehr zwei klar sich unterscheidende Lager auf: auf der einen Seite ausgesprochene Theisten, auf der andern Seite ausgesprochene Atheisten. Wenn wir also in der heutigen Zeit alle religiösen Probleme auf die letzte Wurzel zurückführen wollen, dann müssen wir uns sagen lassen: es geht in alleweg darum, Gott zu retten! Atheismus und Theismus stehen in ständigem furchtbarem Ringen miteinander. Viele Dekrete und Wandlungen in der Denkweise und Handlungsweise des Konzils können nur verstanden werden von dieser klaren Führung aus.

Wir schauen einmal zurück in die Kirchengeschichte. Da finden wir zwei Männer, die eine tiefgreifende Bedeutung für die Kirche gehabt haben: der heilige Augustinus und der heilige Thomas. Der eine kommt von Plato, der andere kommt von Aristoteles. Und beide haben in ihrer Art eine einzigartig spezifische Sendung.

Es war die Sendung des heiligen Augustinus als Neuplatoniker die Existenz Gottes zu retten von der platonischen Philosophie her! Was das Konzil uns nun nach der Richtung geben wollte und gegeben hat durch die liturgische Konstitution bleibt im Wesentlichen stehen bei der Sendung des heiligen Augustinus.

Nebenbei gesagt, wenn Sie Augustinus etwa mit Dante vergleichen, dann werden Sie finden: Augustinus hat den genialen Wurf gewagt, die ganze Heilsgeschichte darzustellen unter dem Gesichtspunkte „De civitate Dei[1]: Stadt und Reich Gottes. Und Sie werden verstehen, dass er in besonderer Weise die Tätigkeit Gottes dabei hervorhebt.

Das liegt in seiner Seinsstruktur, liegt auch in seiner Sendung.
Von Dante sagen die Kenner, Dante sei der letzte mittelalterliche und der erste neuzeitliche Mensch gewesen. „De civitate Dei“ (203), dafür hat er in seiner Art das überaus bekannte Wort von der „Göttlichen Komödie“ geprägt, ein Wort, das wir schon öfter miteinander besprochen haben. (204) Dabei geht es um etwas überaus Göttliches, das aber mit dem Menschlichen verbunden ist; etwas Göttliches, aber mit der Zweitursache verbunden, der Augustinus verhältnismäßig wenig Rechnung trägt.

Die Zeit entwickelte sich weiter. Von Afrika kommt, vermittelt durch die Mohammedaner, die Philosophie des Aristoteles nach Europa und damit die Frage nach der Eigengesetzlichkeit der Zweitursache.

Die genialste Leistung des heiligen Thomas war, dass er sofort die Gefahr erkannte, die für das abendländische Christentum heraufbeschworen worden ist durch das Eindringen der aristotelischen Denkweise über die Zweitursache: die Trennung der Zweitursachen getrennt von der Erstursache, so wie anfangs die Erstursache nicht genügend gesichert worden ist durch die Verbindung mit den Zweitursachen. Seine geniale Leistung: Er hat nun versucht, die Zweitursachen, also das Geschöpfliche, im christlichen Sinne mit der Erstursache zu verbinden. Verstehen wir, was das heißt? Der Gottesgedanke musste gerettet werden! Deswegen das große Gesetz: Deus operatur per causas (secundas) liberas! (205)

Ohne jetzt viele Beweise anzuführen, lassen Sie mich feststellen: Die heutige Sendung der Kirche besteht darin, die Doppelsendung – des Augustinus aber auch des heiligen Thomas – fortzusetzen. In allem und vor allem geht es darum, die Schöpfung in Verbindung mit Gott zu bringen, die Schöpfung, die sich inzwischen so breit legt zwischen dem ewigen Gott und uns persönlich. Wenn diese Schöpfung nun nicht erneut und tief durchsichtig und anziehend gemacht wird, wenn nicht immer wieder das göttliche Band, das von der Welt ausgeht, uns mit Gott verknüpft, dann sind wir morgen, übermorgen alle schlimmer als Heiden, dann verlieren wir das Bild Gottes, den Gottesbegriff, die Gotteshingabe. Deswegen auf der einen Seite Fortsetzung dieser doppelten genialen Leistung, auf der anderen Seite Anwendung auf unsere Zeit und Welt. Natürlich wäre es jetzt am Platze zu fragen: Wie steht es denn im katholischen Lager mit der Durchschau dieser Zusammenhänge? Das wäre eine Frage, die jetzt historisch zu beantworten wäre. Dabei werden Sie merken, wie Sie auf alles eine klare Antwort finden in dem, was der liebe Gott antizipierend unserer Familie geschenkt hat. Darum immer wieder: Hinein in die Schule unserer Familiengeschichte!

Aber damit ist die Sendung noch nicht erledigt. Nicht nur Rettung und Weiterführung dieser doppelten Aufgabe, sondern auch in eigenartiger Weise eine neue Art der Sendung der beiden großen Männer. Wenn uns der heilige Augustinus die Erstursache für religiös-philosophisch denkende Menschen gerettet und wenn der heilige Thomas uns die Philosophie und auch die Theologie der Zweitursachen mehr und mehr erschlossen hat, dann, so meine ich sagen zu dürfen, liegt das Neue der Sendung der heutigen Kirche in der Psychologie der Erst- und Zweitursachen und in ihrem gegenseitigen Verhältnisse. Grund: Heute sind ja, wie bekannt, alle normalen Lebensbänder in der menschlichen Natur zerrissen oder auf dem Wege, zerrissen zu werden.

Psychologie des Grundverhältnisses zwischen Erst- und Zweitursache. Anders ausgedrückt: die Psychologie des Weltregierungs-, des Weltordnungs- und des Weltvervollkommnungsgesetzes. – Ich weiß nicht, ob ich es wagen darf, wenigstens skizzenhaft davon das eine oder andere zu sagen.

Psychologie also des Weltregierungsgesetzes. Psychologisch will das Gesetz, das der heilige Thomas aufgestellt hat – Deus operatur per causas liberas -, so gedeutet werden: Der liebe Gott arbeitet an Zweitursachen und durch Zweitursachen nach dem Gesetze der organischen Übertragung und der organischen Weiterleitung. Kurz sei es präzisiert, ausführen kann ich das jetzt nicht.

Dann zweitens: das Weltordungsgesetz. Psychologisch ausgedeutet heißt das so: Die niedere Ordnung – ich meine ganz allgemein die natürliche Ordnung, alles was Kreatur ist -, ist für die übernatürliche Ordnung erstens sinngerechter Ausdruck, zweitens Schutz und drittens Mittel.

Sie ahnen vielleicht gar nicht, welche Zusammenhänge sich uns hier eröffnen. Und es mag noch etwas dauern, bis die kirchliche Öffentlichkeit diese Zusammenhänge wittert, erkennt und berücksichtigt; berücksichtigt in der Lehre, berücksichtigt im Leben, berücksichtigt in der Erziehung der individuellen Person wie auch der Gesellschaft

Drittens: Weltvervollkommnungsgesetz. Der liebe Gott vervollkommnet die Welt, seine Schöpfung stufenweise. Eine Stufe macht der andern Platz. Und an der Spitze dieses Weltvervollkommnungsgesetzes steht die Person der lieben Gottesmutter. Was von ihr gilt in ihrem Verhältnisse zu Gott und vom Verhältnis Gottes zu ihr, das ist alles nach dem Gesetze der ausgezeichneten Fälle zu sehen, zu sichten und zu deuten, passt aber in gewisser Weise auf jede Zweitursache.

So verstehen Sie die Folgerung: Im Bilde der lieben Gottesmutter sehen wir per eminentiam (206) anschaulich verkörpert das eigene persönliche Ideal. An allem, was der liebe Gott der Gottesmutter per eminentiam geschenkt hat nach dem Vervollkommnungsgesetz, lässt er auch uns im gewissen Sinne teilnehmen.

Jetzt habe ich so gesprochen, dass viele von Ihnen sagen: Kann nit verstan (207) (Lachen). Auf das Kannitverstan wird dann einmal folgen: kann bald verstehen und kann bald tief verstehen. Aber wir müssen erst den Mut haben, beim Alten zu bleiben, in der Familiengeschichte zu bleiben, uns hier zu schulen und zu immunisieren. Dann können wir später auch gefahrlos uns in all die modernen Erträgnisse des Suchens und der Unsicherheit hineinwagen.


Schönstatt-Lexikon ONLINE: Weltgesetze
CAUSA SECUNDA – Textbuch zur Zweitursachenlehre P. Josef Kentenichs
(203) „Vom Gottesstaat”, Hauptwerk des hl. Augustinus

(204) „Göttliche Komödie“, Epos des italienischen Dichters Dante Alighieri, 1265 – 1321
(205) Gott wirkt durch freie Zweitursachen
(206) In herausragender Weise
(207) Niederländisch: Kann nicht verstehen

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