KR-3 DE 49

49 Priesterliche Väterlichkeit

Aus dem Liebesbündnis als dem Zentralereignis unserer Geschichte und dem Kern unserer Spiritualität hat sich – fraglos durch die Personalstruktur und die persönliche Geschichte des Gründers wesentlich geprägt – ein ganzer Fächer von Einsichten in das Wesen Gottes und seiner Schöpfung und von geistlichen Akzenten entwickelt: der Vorsehungsglaube, das Werkzeugsbewusstsein, eine klar formulierte Sendung und Zielstellung, die mariaanische Modaliität der Heilsgeschichte, Einsichten in die Anthropologie mit Präzisierungen vom Wesen des (neuen) Menschen, von Mann und Frau, der Gemeinschaft und der Einzigartigkeit des Einzelnen (Persönliches Ideal), die Lehre des Bindungsorganismus.
Aus der Lehre des Bindungsorganismus, verbunden mit einer Analyse der heutigen Zeit, integrierte Pater Kentenich in seine Spiritualität eine Vielzahl psychologischer Gesetzmäßigkeiten und pädagogischer Konsequenzen; so zentral, dass er Schönstatt als eine Erzieher- und Erziehungsbewegung charakterisiert. Die Frage, die ihn Zeit seines Lebens beschäftigte, war also nicht nur, wie der Mensch nach göttlichem Plan geschaffen ist, sondern auch, wie er wächst und wie er erzogen werden muss. Zu diesem Thema hat Pater Kentenich in den zwanziger und dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts 10 Kurse über die Geistliche Begleitung, damals „Seelenführerkurse“ genannt, gehalten, die sich fortsetzten in einer Reihe von Pädagogischen Tagungen. Der 7. Seelenführerkurs im Jahre 1931, dem der vorliegende Text entnommen ist, war ausgeschrieben als „Allgemeine Prinzipienlehre einer modernen Jugendaszese“. Der Kurs wurde gehalten einmal für Lehrerinnen und einmal für Lehrer und Priester (und insofern passt der Kurs auch in die Kategorie der Pädagogischen Tagungen). Unter dem Titel „Ethos und Ideal in der Erziehung“ wurde der Kurs für Lehrerinnen, also die weibliche Variante, veröffentlicht. In einer ausgelassenen Stelle des vorliegenden Textes führt Pater Kentenich selbst aus:
„Was im Wesentlichen vom männlichen Führer gilt, gilt auch vom weiblichen Führertum. Nur müssten hier andere Wortprägungen gefunden und da und dort Verschiebungen in der Haltung gesucht werden.“
Wir haben uns deshalb die Freiheit genommen, die Ausführungen in der veröffentlichten Tagung, die unter „priesterlicher Mütterlichkeit“ ausgeführt sind, umzuschreiben in „priesterliche Väterlichkeit“.
Beim Studium des Textes mag sich die Aufmerksamkeit vor allem auf zwei Gesichtspunkte richten:
1. Erziehung ist nicht primär Methode, sondern entspringt einer ethischen Grundhaltung, die sich zusammensetzt aus einem schöpferischen Spannungsverhältnis von Festigkeit und Güte, von Annahme von Bindungen und Weiterleitung: priesterliche Väterlichkeit, beziehungsweise Mütterlichkeit.
2. Für den jungen Menschen in unserer heutigen Gesellschaft ist dabei besonders wichtig, dass ihm erlaubt wird, sich personal an einen Erzieher zu binden und so Geborgenheit und Festigkeit zu erleben; was dann voraussetzt, dass der Erzieher personale und sogar intime Bindungen in der richtigen Haltung annehmen kann, Freiheit lassend und ohne davon abhängig zu sein.
Der Text ist besonders dazu angetan, einen Blick von der väterlichen Seele Pater Kentenichs zu erhaschen.

Unsere Bearbeitung des Textes entstammt „Ethos und Ideal in der Erziehung“ Vallendar 1972,105- 124.


Wenn wir nun in diesen Tagen um eine allgemeine Prinzipienlehre einer modernen Jugendaszese ringen, dann berühren wir eigentlich damit den Fragepunkt, der hier verlangt wird. Dabei wollen wir uns nicht anmaßen, ein System bis in die kleinsten Teile darbieten zu können. Jedenfalls aber wollen wir einen ernsten Beitrag liefern zu dieser ernsten alle interessierenden Frage.

Allgemeine Prinzipienlehre

Jetzt dürfen Sie nun zunächst nicht ein ständiges Eingehen auf einzelne Fälle erwarten. Das nützt uns heute auch nichts. Denn wenn ich Ihnen einzelne Fälle gelöst habe und wir sind nicht vorgedrungen zu den letzten Prinzipien, dann werden Sie nie die Gewandtheit haben, beim Wechseln der Fälle sicher zu greifen. Ferner erwarten Sie auch nicht eine ausführliche Darlegung von bestimmten pädagogischen Problemkreisen. Dafür müssen wir eine eigene Tagung festlegen. Es mag uns zum Beispiel die sexuelle Erziehung unserer Jugend interessieren oder die Erfassung der Jugend in den Berufsschulen. Das sind Teilfragen, die zwar auch in einer allgemeinen Prinzipienlehre Platz haben, aber nur soweit, als es sich um letzte Prinzipien dreht.

Wo sind die letzten Prinzipien grundgelegt?

Auf einer Erziehertagung in Berlin hat auch ein protestantischer Professor seine Gedankengänge über protestantische Jungmännererziehung vorgetragen. Das Lied, das er dort gesungen hat, klang immer aus in der Fragwürdigkeit – so war der Ausdruck – aller Erziehungsnormen. Fragwürdig, so stellt er dar, ist der erdgebundene Untergrund jeglicher biblischer Wahrheiten. Fragwürdig ist auch, was in der Bibel als solcher steht. Da haben Sie gekennzeichnet, was ich anfeinden möchte: Nicht immer nur fragwürdige Fragen darstellen! Ehrlich wollen wir sein. Aber letztlich muss es doch einmal eine Klarheit geben. Im Reich der Natur und der Gnade müssen wir also vordringen zu den letzten allgemeingültigen Prinzipien.
Das alles klingt mit in dem Ausdruck „allgemeine Prinzipienlehre“ oder in dem anderen Ausdruck „Grundfragen einer modernen Jugendaszese“.

Welche Kapitel müsste eine solche Prinzipienlehre wohl enthalten?
Als vor einiger Zeit der neue Chef des preußischen Zentrums sein Amt antrat und seine Einführungsrede hielt, griff er zurück auf seine beiden Vorgänger im Amt und hob hervor: Der eine hat sich als Politiker ausgezeichnet durch die klare große Linie, die er stets verfolgt hat, der andere durch eine unverwirrbare Taktik. Beide haben aber gleichzeitig gerungen um eiserne Konsequenz.
Sehen Sie: Das sind die drei Kapitel, die die allgemeine Prinzipienlehre einer modernen Jugendaszese berücksichtigen muss:
1. Linie
2. Taktik
3. Konsequenz.
Nun wollen wir im Einzelnen auf die hier genannten Gedanken- und Wertkomplexe eingehen. Weil es sich um eine allgemeine Prinzipienlehre handelt, müssen Sie zufrieden sein mit großen, flüchtig hingeworfenen Gedankenlinien und Gedankengängen. Ich muss mich daher auch bei den einzelnen Kapiteln möglichst kurz fassen, vielleicht zu kurz für diejenigen, die derartige Gedankengänge zum ersten Mal aufnehmen.
Also das erste Kapitel ist überschrieben mit dem Wort „Linie“.

1. Eine große Linie müssen wir einhalten in der gesamten Erziehung, vor allem aber in der pädagogischen Erfassung und Formung unserer Jugend. Es ist eine Doppellinie: die eine Linie betrifft den Erzieher, die andere den Zögling. Im Erzieher heißt die Linie Väterlichkeit. Im Zögling heißt die Linie Ideal. Damit haben Sie an sich „auf den Fingernagel geschrieben“ alles, was sich an erziehlicher Weisheit und Praxis zusammentragen lässt. Wo diese Doppellinie sinngemäß miteinander verknüpft und verbunden ist, Väterlichkeit und Ideal – sei es ein Gemeinschaftsideal oder das persönliche Ideal – haben wir Griffsicherheit, moderne Formungs- und Anpassungsfähigkeit, verbunden mit urkatholischen ewigen Prinzipien.

Nun wollen wir im Einzelnen einzugehen versuchen auf diese doppelte Linie. Bleiben wir heute bei der Linie im Erzieher stehen. Wir fühlen dann wohl heraus, wie stark wir in den Mittelpunkt unserer pädagogischen Tagung den Menschen stellen: den erziehenden Menschen und den Zögling.

Ich disponiere die große Fülle an Stoff, die uns hier in doppelter Weise zufließt. Ich möchte Ihnen darstellen:
1. die Väterlichkeit im Licht oder Streit der Zeit
2. die Väterlichkeit im Licht des Glaubens.

1. Väterlichkeit im Licht oder Streit der Zeit

Ich habe schon die zwei großen Tagungen in Marburg und Berlin namhaft gemacht. Auf beiden hat man Stellung genommen zum Wesen des echten Führertums. In Marburg hat man bewusst das katholische Priestertum ausgeschieden von der Möglichkeit, Führer des Volkes zu werden. So stellt es wenigstens der sozialistische Vertreter dar. Er nennt das katholische Priestertum nicht den Führer des Volkes, sondern den großen Verführer des Volkes. In Berlin sprach über denselben Gegenstand, über die Psychologie des Führertums, Professor Goldbeck. Er ist kein Katholik; und er legt die Errungenschaften aus Wissenschaft und Praxis eines langen Lebens vor in der Formulierung: Das Wesen des wahren Führertums liegt in der priesterlichen Väterlichkeit.

Nun nehmen wir die beiden Ausdrücke einmal „in die Hand“: priesterliche Väterlichkeit! Wie ist das Wort „priesterlich“ hier zu fassen? Nach der Meinung oder im Munde von Professor Goldbeck zweifellos nicht im Sinne des geweihten Priestertums. Denn darum hat es sich nicht gehandelt.
Jeglicher Führer, ob politischer Führer oder anti-katholischer Führer, muss in sich die Grundelemente des wahren Führertums verwirklichen, muss also auch als Mann eine priesterliche Väterlichkeit, als Frau eine priesterliche Mütterlichkeit sich als Grundhaltung angeeignet haben.
Professor Goldbeck will sagen: Der wahre, echte Führer muss aus einer jenseitigen, metaphysisch begründeten und gegründeten Welt herauskommen. Er muss auf Felsengrund stehen. Das muss zunächst nicht die Religion sein, aber letzte metaphysische Wahrheiten müssen es sein, in denen der wahre, echte Führer beheimatet ist.

Daraus können Sie sofort schließen: Jugendliche Führer werden den Begriff des Führertums nie im Vollsinn darstellen können, weil sie noch nicht genügend zu Hause sein können in dieser jenseitigen, metaphysischen Welt. Ihr ganzes Wesen kann noch nicht wie aus Fels gemeißelt sein. Aber das ist notwendig, damit der wahre, echte Führer seine Aufgabe lösen kann. Wir als Katholiken vermögen selbstverständlich den Gedanken sehr leicht in das religiöse Gebiet zu übertragen, zumal wenn es sich um religiöse Erziehung handelt.

Wo muss also der wahre, religiöse Führer zu Hause sein? Er muss aus einer jenseitigen, übernatürlichen Welt kommen, muss ganz zu Hause sein in der Glaubenswelt. Damit müssten alle Fäserchen seines Wesens verknüpft sein. Dadurch bekommt er die Kraft, dazustehen wie ein Fels im Meer. Und das ist sicher mit das Wesentliche der wahren Führernatur: dieses Menschsein aus Format, dieses Stehen auf Felsengrund in einer jenseitigen Welt.

Wenn wir nachher sprechen von der priesterlichen Väterlichkeit im Lichte des Glaubens, dann müsste ich Ihnen nachweisen, dass sogar jeder Christ an sich die Teilnahme am geweihten Priestertum sein eigen nennen darf, dass wir also alle seinsgemäß auch geweiht sind, eine Laienpriesterweihe empfangen haben, also auch den seinsgemäßen Untergrund haben für diese pädagogische Auswertung.

Wenn wir den ganzen Fragen- und Lebenskomplex, der hier in Frage kommt, auf letzte Gesetzmäßigkeiten zurückführen dürfen, dann finden wir: Es sind zwei Gesetze wirksam.
das Gesetz der Übertragung,
das Gesetz der Loslösung.

Wenn wir von diesen beiden Gesetzen sprechen, dann richten wir den Blick auf den Zögling, das Erziehungsobjekt. Da stehe ich hier als Führer mit meiner priesterlichen Väterlichkeit, und mir gegenüber steht der Zögling.
Wenn Sie überprüfen wollen, ob die Gesetze stimmen, dann bleiben Sie am besten bei den Erfahrungen in Ihrem eigenen Leben stehen. Wissen Sie, was letztlich den Zögling an den Erzieher bindet und was diese Bindung regulieren muss? Das sind diese beiden Gesetze.
Das Gesetz der Übertragung bindet; das Gesetz der Loslösung lockert diese Bindung im Interesse eines höheren Dritten, von unserem christlichen, religiösen Standpunkt aus: im Interesse Gottes. Das Gesetz der Loslösung lockert die inneren Bande an den Erzieher und verbindet das ganze Innere mehr und stärker mit dem letzten Pol unseres Seins, mit Gott.
Vielleicht greifen wir etwas tiefer in unsere eigene seelische Entwicklung hinein. Dann muss ich fragen: Haben Sie wirklich einmal einen Menschen gehabt, der für Sie priesterliche Väterlichkeit entfaltet hat? Wenn ja, dann preise ich Sie ungemein glücklich. Wer das nicht gehabt hat, der ist bis zu einem gewissen Grade ein seelischer Krüppel. Normalerweise muss der Mensch in seinem Leben einmal einen begnadeten Erzieher oder eine begnadete Erzieherin, eine geistliche Mutter oder einen geistlichen Vater gehabt haben.
Sie dürfen nun aber diese Ausdrücke nicht missdeuten. Wissen Sie, was zutiefst das Menschenkind – einerlei wessen Geschlechts – hindrängt zu einer derartigen Erzieherpersönlichkeit und an sie bindet? Das ist nicht Unterwürfigkeitstendenz. Durchaus nicht. Das wäre psychologisch verkehrt gesehen. Das ist Geborgenheitsbedürfnis. Das steckt halt einmal im Menschen, sowohl im Knaben als auch im Mädchen, ja sogar im reifen Menschen beiderlei Geschlechtes. In jedem Menschen steckt dieses überaus starke Geborgenheitsbedürfnis.

In der normalen Entwicklung wird dieses Geborgenheitsbedürfnis beim Einbruch der Reifenot bei den leiblichen Eltern nicht mehr in genügendem Ausmaße befriedigt. Beim Jungen ist das das Normale; beim Mädchen ist der Einbruch durch die Reife nach dieser Richtung nicht so stark. Heutigen Tages müssen wir wohl sagen: Es gibt ungezählt viele Jugendliche, in denen das Geborgenheitsbedürfnis niemals im normalen Familienleben befriedigt worden ist. Wir haben sonst wohl dafür die Formulierung gewählt: Es gibt heute eine Unzahl Jugendlicher, die niemals in ihrem Leben Kind im tiefsten und wahrsten Sinne des Wortes gewesen sind. Das heißt praktisch: Das Geborgenheitsbedürfnis ist niemals voll befriedigt worden.

Instinktiv ringt jede Seele nach einem festen Halt, nach einem Menschen, der dasteht wie aus Fels gehauen, der aber auch gleichzeitig gütig und anpassungsfähig ist. Nur da kann die Seele ihr Geborgenheitsbedürfnis anknüpfen, wo beides vorhanden ist: dieses priesterlich Kraftvolle, aus einer jenseitigen Welt kommend, und das gleichzeitige Bemühen, väterlich und mütterlich zu sein.

Das Gesetz der Übertragung.

Was wird also übertragen? Unser Geborgenheitsbedürfnis wird losgelöst von den natürlichen Eltern und übertragen auf geistliche Eltern, auf den geistlichen Vater oder die geistliche Mutter. Wo diese innere Bindung nicht vorhanden ist, wo nur eine äußere Bindung gegeben ist, da ist eine tiefgreifende Erziehung nicht möglich. Wo wir diese innere Bindung nicht erreichen, können wir auch nicht an wahre Erziehung denken. Auch wo es sich im Ordensleben um den Obern handelt. Ein Oberer muss nach der Richtung Führer sein, muss priesterliche Väterlichkeit entfalten. Tut er das nicht, dann kann er wohl äußere Autorität haben, aber eine innere Bindung kommt nicht zustande.

Das gilt überall, wo wir als Erzieher tätig sind. Wo diese innere Bindung nicht vorhanden ist, können wir einpacken mit unseren erzieherischen Erfolgen. Da können wir Mimik erzeugen, aber eine wahre Erziehung ist nicht möglich. Denn nur in dem Maße ist wahre Erziehung möglich, als diese innere Bindung zustande gekommen ist.

Hier dreht es sich nicht um Messbares; auch nicht um Gesetzesparagraphen. Ich kann es nicht einpauken. Es sind dies ganz geheimnisvolle Fäden, die miteinander verbinden und verknüpfen. Auch daraus mögen Sie schließen: Wenn ich wirklich dastehen will als Erzieher, wie muss ich dann als starke Persönlichkeit dastehen! Sonst kann der Geborgenheitstrieb sich nicht anklammern. Wenn ich selber ein Waschlappen, ein Hampelmann bin, dann mag ich meinetwegen nach außen die Peitsche knallen lassen, aber innerlich ist keine wahre Erziehung möglich.
Nun dürfen Sie allerdings nicht überhören: Es ist zu wenig gesagt, wenn wir nur diese kraftvolle metaphysische Geborgenheit und Sicherheit darstellen. Es muss gleichzeitig auch im einen Fall das Mütterliche, im anderen Fall das Väterliche vorhanden sein, aber auch die Kraft. Wo die Güte Waschlappigkeit wird, da können Sie tun, was Sie wollen, da gibt es niemals ein Geborgenheitsbewusstsein. Da wird auch niemals das Gesetz der Übertragung auf die Dauer wirken. Es lässt sich das psychologisch sehr fein darstellen. Freilich muss man das wirkliche Leben kennen.

Vielleicht sagen Sie: Wie furchtbar schwer ist es, Erzieher zu sein. Gewiss, das ist schwer. Erzieher sein heißt ja: sich selber in Zucht haben. Führer sein heißt: ständig an sich arbeiten. Während ich andere erziehe, muss ich Selbsterziehung betreiben. Tue ich das nicht, dann stehe ich vor einem Fiasko. Dann werde ich meine Aufgabe nie klar und sicher und dauerhaft lösen können.
Das ist also das Gesetz der Übertragung. Was wird übertragen? Das Geborgenheitsbedürfnis wird von den natürlichen Eltern auf die geistlichen Eltern übertragen.

Dann muss hinzukommen das Gesetz der Loslösung

Was heißt das? Wenn die feinsten Fäserchen der Seele mit einer Persönlichkeit verbunden sind, dann wird in der gesunden, normalen Entwicklung des Zöglings das Gesetz der Loslösung von selber Wirklichkeit werden, und zwar zugunsten eines Dritten, in unserem Fall zugunsten Gottes; zugunsten des persönlichen und des Gemeinschaftsideals muss dieses Gesetz der Loslösung langsam und organisch Wirklichkeit werden.
Nun dürfen Sie das nicht missverstehen. Die Dinge, die ich hier ideal zeichne, sind im wirklichen Leben so, dass wir uns doppelt und dreifach hüten wollen vor Missverständnissen. So wie heute die Erziehung vor sich geht, meint man: Nur ja von Anfang an mit dem Gesetz der Loslösung beginnen! Das ist aber grundverkehrt. Ich warne dringend davor, wenn man nicht ganz genau weiß, was zu tun ist.
Ich ließ mir kürzlich einmal von einem Ordensmann folgendes erzählen. Er kam ins Noviziat und suchte bei seinem Novizenmeister Anschluss. Der hat ihm in seiner brüsken Art gesagt: „Was fällt Ihnen ein? Sie sind doch nicht mit mir verheiratet!“ Als ein alter Mann erzählte er mir das, und jetzt noch kamen ihm dabei die Tränen. Damals ist sein ganzes Lebensschicksal verpfuscht worden.
Diese Dinge dürfen wir nie „mit groben Fingern anfassen“. Ich zeichne die Dinge, wie sie sein sollen. Leider Gottes sind sie selten so, und deswegen gibt es auch so viele kranke Seelen bei Laien wie bei Ordensleuten, weil diese Gesetze nicht klar gesehen und gelebt werden. Deswegen darf ich noch einmal dringend warnen vor diesem Losschälungsprozess. Wer diese Dinge nicht bis aufs Letzte kennt und weiß, soll sich nicht um diesen Losschälungsprozess kümmern.

Wissen Sie, weshalb man hier so vorsichtig sein muss? Dieses überaus feine Kindesverhältnis, denn das ist es ja letztlich, geistlichen Eltern gegenüber hat einen doppelten großen Vorteil, einen Vorteil, der durch nichts anderes zu ersetzen ist. Ich spreche hier zunächst rein als Psychologe und lasse einmal das Übernatürliche beiseite.

Erstens: Das Kind oder der Zögling, der wirklich einmal das Elternprinzip gekostet hat, nimmt durch die Persönlichkeit des Erziehers das gesamte Weltbild in sich auf.

Unterschätzen Sie das gar nicht! Ich garantiere Ihnen: Wo Sie als Erzieher wirklich geistlich Vater Ihrer Kinder geworden sind, bewahren Sie Ihre Kinder vor einer ganzen Unsumme von Glaubensschwierigkeiten und sittlichen Krisen, denn alle diese Schwierigkeiten sind im Kinde gelöst durch Ihre Persönlichkeit.

Sie dürfen nicht meinen, das wäre etwas Erotisches oder Sexuelles. Da ist kein Gedanke daran. Das ist das Gesündeste, was es nur geben kann. Und für eine Mädchennatur ist es das Element, in dem sie allein gesund wird oder gesund werden kann. Daraus mögen Sie schließen: Je weniger derartiges im Leben gekostet wird, desto weniger gesunde Naturen gibt es an sich.

Freilich dürfen Sie nicht übersehen: Ein derartiges Kindesverhältnis schließt eine ganze Unsumme von Leid in sich, zumal wenn es sich um religiöse Naturen handelt. Wenn da etwa das Verhältnis getrübt ist, dann meint man: Also hat der Himmelsvater mich nicht mehr gern! Also ist die Gottesmutter „nicht mehr gut mit mir“. Wer diese feinen Gesetzmäßigkeiten nicht sieht und erlebt hat, ahnt gar nicht, wie tiefgreifend der Lebensvorgang ist. Diese Überleitung von den geistlichen Eltern zum Übernatürlichen ist etwas so Großes, dass wir in der Erziehung darauf bedacht sein wollen, dass diese ganz feine, innere, geistige Verbundenheit einmal Wirklichkeit wird.

Wie oft ist dann die innere Not da: „Halt! Da ist etwas nicht in Ordnung. Da ist ein Fädchen nicht verbunden.“ Dann ist die Seele, zumal die Mädchenseele, tief unglücklich. Und das ist Zeichen einer überaus gesunden Seele. Freilich kommt dann leicht die Furcht auf: „ Jetzt kommt die Loslösung…“
Ich darf hier noch einmal sagen: Wenden Sie bitte selber das Gesetz der Loslösung nie an!
Der erste große Vorteil ist also: Der Zögling sieht durch den Erzieher die ganze Welt.
Zweitens: Der Zögling fühlt sich in dieser Erzieherpersönlichkeit immer geborgen; wenn ich Letztes sagen darf: Er fühlt sich das ganze Leben hindurch geborgen. Auch über den Tod hinaus fühlt sich der Zögling noch bei seinem Erzieher geborgen und sind alle Rätsel gelöst.
Rein psychologisch betrachtet und gewertet, kann ein Erzieher geistliche Mutter oder geistlicher Vater für eine Großzahl geistlicher Kinder sein. Es ist eine große Täuschung, wenn Sie meinen: Geistliche Kindschaft und Elternschaft verlangt riesig viel Zeit und viel Beisammensein. Das wäre verkehrt gesehen. Gewiss, es gibt Epochen, da muss das Zusammensein vorhanden sein, schon allein, damit diese feinsten seelischen Verbindungen geknüpft werden können. Aber es kommt für jeden dann auch einmal die Zeit, wo gar nicht das Bedürfnis nach diesem äußeren Zusammensein vorhanden ist. Dann fühle ich mich schon als Kind geborgen in dem Bewusstsein: Ich habe Eltern.

Es kann sein, dass man jahrelang keine Verbindung miteinander hat und trotzdem diese Wirkung der elterlichen Sorge und geistlichen Kindschaft in sich wahrnimmt, bis man im späteren Leben die abgerissenen Fäden mit den leiblichen Eltern wieder geknüpft hat und das Vater- und Muttererlebnis wieder bekommt. Wie viele gibt es, die ganz selten Verbindung mit ihren geistlichen Eltern gehabt und sich trotzdem geborgen gefühlt haben; auch in den leiblichen Eltern!

Schönstatt-Lexikon ONLINE: Vater, Väterlichkeit

Back